– Summa Summarum

Cover Summa Summarum

Henning Venske, Summa Summarum. Ultimative satirische Abrechnungen, gemein aber nicht unhöflich. Mit Zeichnungen von Ulf Krüger. Frankfurt am Main 2019.

480 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag. 25 Euro.

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Die ultimative Abrechnung mit den größten Gemeinheiten der letzten 50 Jahre.

Dreißig Prozent aller Deutschen haben Angst. Angst vor Venenthrombose in der Touristenklasse, Angst vor Turbanträgern, vor Schläfern, vor Gipspulver in Paketen, vor der Zuwanderung, vor Milzbrand. Sie haben Angst, beim Biertrinken in der Kneipe von Terroristen überrascht zu werden. Kann man diesen bedauernswerten Menschen helfen? Nein, kann man nicht. Denn die Medien sorgen für den täglichen Angstnachschub durch die Wiederholung der immer gleichen Meldungen. Und viele Menschen haben Angst vor der Angst, die meisten genießen sogar ihre Lust an der Angst.

Etwa siebzig Prozent aller Deutschen sind demnach zu dumm, um so etwas wie Angst zu empfinden. Das kann niemanden erstaunen, der weiß: Russischen Wissenschaftlern ist der Nachweis gelungen, dass es bereits seit der Erfindung des Monotheismus Mäuse mit Menschenhirnen gibt. Das wiederum heißt im Umkehrschluss: Auch Menschen mit Mäusegehirn sind weit verbreitet. Egal, zu welcher Spezies Sie gehören: Wenn Ihre Mutlosigkeit Sie zu überwältigen droht, flüchten Sie. Es gibt da mehrere Angebote:

Vor der Geschichte in den Optimismus, vor der Realität in die Nostalgie, vor der Empathie in den Alkohol, vor der Analyse in die Esoterik und – besonders naheliegend: vor der Eigenverantwortung unter die Autorität. Oder ab nach Phantasia, ins Reich des Okkulten, wo feiste Mythen schaurig-schöne Weisen singen, zum Beispiel Richtung Panem zu den Tributen oder nach Pandora im Alpha-Centauri-System, vielleicht auch zum Herrn der Ringe und seinen Hobbits: Da lässt sich am besten nach dem Sinn des Lebens forschen, und dort werden Sie herausfinden: Es ist der Sinn des gesunden Menschenverstandes, vor lauter Angst verrückt zu werden.



Rezensionen:

F.A.Z., 12.04.2019, Christoph Schütte:

Vielleicht ist es jetzt einfach Zeit. Nicht, dass Henning Venske zahm geworden wäre, nur noch Schach spielte und auf der Terrasse Kreuzworträtsel löste. Doch schon als er den Ehrenpreis zum Hessischen Kleinkunstpreis erhielt, verwahrte sich der Kabarettist dagegen, fürderhin als „großer alter Mann von irgendwas“zu gelten. Das ist mittlerweile gut und gerne 15 Jahre her, so manche Auszeichnung wie – gemeinsam mit Jochen Busse – der Ehrenpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis dazugekommen und Venske seit ein paar Tagen tatsächlich 80 Jahre alt.

Und hat nun die Kleinkunstbühne ein für alle Mal verlassen. „Alle Witze über Regierende und Regierte wurden gemacht und entsprechend belacht.“ Und deshalb, so Venske, sei jetzt Schluss. Das klingt verbittert und auch ein wenig resigniert. Indes, altersmilde, so sollte sich bei seiner Lesung in der Frankfurter Brotfabrik rasch zeigen, ist er offensichtlich nicht geworden.

„Summa Summarum“ (Westend Verlag), das ist, nach seiner Autobiographie vor fünf Jahren, eine Art „Best of“ der vergangenen 50 Jahre. Fünf Jahrzehnte, in denen er sich als Schauspieler ebenso einen Namen gemacht hat wie als Moderator, in der „Sesamstraße“, wie als Autor für „konkret“ und „Spiegel“, in der Lach- und Schießgesellschaft, wie als kabarettistischer Solist. Und in denen er gleich mehrfach hochkant aus diversen Rundfunkanstalten geflogen ist. Venske hat sich noch nie den Mund verbieten lassen, und entsprechend unerbittlich fällt sein Blick auf Nachkriegsdeutschland aus. „Es war eine scheußliche Zeit.“

Und heute, scheint es, ist es auch nicht besser. Von „Bärrrlin* nach München und zum Karneval nach Köln, von den „Clausnitzer Specknacken“ zu Schillers „Räubern“ und zur Deutschen Bank, Venskes „ultimative, satirische Abrechnungen“, wie es im Untertitel heißt, „gemein aber nicht unhöflich“, kennen kein Pardon. Und sind je pointierter, desto besser, gelegentlich ein wenig arg polemisch, stets aber erfrischend unversöhnlich. Die Bühne also hat er nun verlassen, und doch ist die letzte der Satiren, Kolumnen und Miszellen mit „Hoffnung“ überschrieben, denn: „Resignation kommt nicht in Frage.“ Und als Autor, Schauspieler und Regisseur wird er seinem Publikum wohl ohnehin erhalten bleiben.



Frankfurter Rundschau, 03. April 2019, Ilja Richter:

In 80 Jahren um die Welt

Dieser Mann hat mit seinen bissigen Bemerkungen über meine Stadt, die (Zitat) „von einem Damenfriseur und einem Herrenschneider, die in Berlin als Leuchttürme des Geistes durchgehen“, eines garantiert nicht: Einen Koffer in Bärrrlin; eher Atteste über noch ganz andere Städte, die erkrankt sind. Der Karneval in Köln zum Beispiel mache „einen Aufenthalt zu einer schweren Strafe“ wegen „nazinahem Stammtischgelaber bei sogenannten Prunksitzungen“. Und Mainz? Da könne man, schreibt Venske, dank des ZDF und der Liveübertagung der „Fassenacht“ mit ansehen, „was der Katholizismus aus ganz normalen Alkoholikern macht: Die totale Totalität schunkelt einen nieder“. Selbst der westfälische Karneval im Münsterland unterscheide sich „nur wenig von den Fronleichnamszügen“. Der Norden kommt etwas besser davon. „Die Kirche liefert in Hamburg keine Motivation in die Kirche einzutreten, in München aber tausend Gründe auszutreten.“ […]

Venskes Buch könnte aber auch als Schulbuch für Geschichte eingesetzt werden und lässt erahnen, was aus dem spröden Kabarettisten für ein beherzter Pädagoge hätte werden können. Wenn er, fern der alten Pauker, die Pauke der Albernheit bedient: „Friedrich Barbarossa hatte, um Kaiser zu werden, erst mal den eigentlichen Thronfolger ausgetrickst, danach gelangen ihm einige Strukturreformen, er führte Reichssteuern ein und schuf eine Berufsarmee, um überall auf der Welt schnell intervenieren zu können. Eines Tages war ihm heiß. Er badete in einem See und ertrank, vermutlich, weil er vergessen hatte, vor dem Baden seine Rüstung auszuziehen.“ Über diese Pointe hätte auch Heinz Erhardt gelacht. Der war ein Fan von Venskes Radioshows und schrieb ihm: „Bleiben Sie so, wie Sie sind, und ärgern Sie sich nicht darüber, dass man Ihnen, so wie mir, immer Kalauer vorwirft.“

Meine Lieblingspassage ist der tanzende Kanzler Kohl auf dem Bonner Presseball: „Auf platten Füßen schlurfte er rücksichtslos durch den Saal, immer wieder andere Paare anrempelnd, und führte dabei eine zierliche Asiatin im Genick. Slowfox. Das war also die Evolution, das war aus den germanischen Kriegstänzen geworden, so mussten Gavotte und Menuett enden, hier fanden Polka und Galopp ihre Endstation. Ein Tänzchen mit dem Kanzler kann monatelange intensive politische Bemühungen ruckzuck zunichtemachen.“

Als Geschichtslehrer hätte sich Venske sicher mit seinem Rektor angelegt, wenn er schreibt: „Die Geschichte ist ein eher zweifelhaftes Geschenk deutscher Philosophen an die Menschheit. Ich behaupte: Geschichte ist die Sinngebung des Sinnlosen im Nachhinein.“ Wenn Fantasie – laut Einstein – wichtiger als Wissen ist, bietet Venske ein fantasievolles Buch über grenzenloses Nichtwissen unseres Landes, das vom Adler nicht loskommt. „Ein Dackel oder ein ausgestopfter Wellensittich namens Hansi hätte es doch auch getan.“

Kohl verpasst er im Traum eine Bauchbinde: „Ich bin zwei Deutsche.“ „Und das in aller Ernsthaftigkeit“, wie es „der Architekt der Deutschen Einheit“ formulierte, wenn er mal wieder Mist gebaut hatte. Und ganz im Hier und Jetzt, bekennt Venske über die jungen angepassten Studenten, sie trotzdem zu mögen. „Ich mag sie, weil sie nicht so radikal rebellisch sind wie Rentner.“ Dieser 80-Jährige ist einfach zu wenig von gestern für diese Leute von heute.


(c) 2021 Henning Venske