– Satire ist nur ein Affe im Hirn

Die Satire entwickelte sich vor 2500 Jahren und existiert bis heute, um das Bestehende zu zersetzen. Mit Satire bekämpften sich von Anfang an Glaubenssysteme, Weltanschauungen und soziale Klassen.

Satire ist Opposition, Satire ist Notwehr, Satire ist eine Waffe.

Satire widersetzt sich jedem Zwang, jeder Machtausübung, den Hierarchen und vor allem der Dummheit.

Nun gibt es ja Leute, die angesichts politischer Mandatsträger behaupten: „Die Wirklichkeit ist viel überraschender und aberwitziger als alles, was die Bühne zu bieten hat. Realsatire ist angesagt!“

Ja, das klingt griffig und überzeugend, ist aber Unfug, denn: Der Politiker erzeugt seine Komik ja nicht mit Absicht, er nimmt lediglich sein Grundrecht auf Blamage wahr. Wenn ein Politiker verbal in einen Hundehaufen latscht, dann unterläuft ihm das. Bei einem gestandenen Satiriker aber können Sie getrost Absicht unterstellen…

Satire ist eine Kunstform, und die Realität ist das nicht. Politik ist keine Satire, weder real noch irreal. Realsatire ist eine Contradictio, ein Widerspruch in sich – sowas wie Scheibletten-Genuss oder, schlimmer, Blockflöten-Musik. Realsatire gibt es nicht, denn: Schlechte Satire gibt es nicht. Schlechte Satire ist keine.

Und wenn ein deutscher Politiker behauptet „Die Wirklichkeit sieht anders aus als die Realität“ (Kohl), dann ist das keine Satire, sondern eine Synapsenversülzung.

Was darf Satire? Alles, was sie kann.
Was kann Satire? Alles, was sie will.
Was will Satire? Alles, was sie muss.
Was muss Satire? Nichts.

Wir Deutschen sind ein Volk von Satire-Experten. Jeder, der das Wort einigermaßen richtig schreiben kann, hat dazu auch eine meist völlig informationsfreie Meinung. Folglich endet die Diskussion über die Frage „Was darf Satire?“ fast immer im Geschwafel. Kenner wissen, Tucholsky beantwortete die Frage mit: „Alles!“

Aber im „dürfen“ steckt eine Einschränkung, denn „dürfen“ und „alles“ schließen sich aus. „Dürfen“ bedeutet: Irgendwo ist eine Grenze. Satire „darf“ sich nicht „alles“ gestatten – aber die Satiriker selbst müssen die Grenze ihrer Satire bestimmen, und niemand hat das Recht, der Satire Vorschriften zu machen.

Satire-Buch

Henning Venske, Satire ist nur ein Affe im Hirn. Frankfurt am Main 2015.

176 Seiten. Hardcover. 5 Euro.

[Leseprobe, PDF] [Verlagsseite]
[E-Book, 9,49 Euro] [Amazon] [Bücher.de] [Thalia.de]



Rezension:

Süddeutsche Zeitung, Oliver Hochkeppel:

Lesenswert. Ein Affe im Hirn

Gleich am Anfang des kleinen Büchleins steht ein authentischer Fall aus den Siebzigerjahren: Ein ARD-Intendant hatte einem Mitarbeiter wegen eines satirischen Textes Mikrofonverbot „in seinem Haus“ erteilt, mit der Begründung, jener habe „den Freiraum der Satire erheblich überschritten“ und „offensichtlich kein Verständnis für das echte Wesen der Satire“. Ohne dass er es schreibt, der Autor selbst war der Betroffene: Henning Venske, der als Theatermann, als Pardon-Chefredakteur und als Kabarettist später noch oft in Konflikt mit selbsternannten Satirekennern und amtlichen Satirewächtern geraten sollte. Nach so viel Praxis und mit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ als letztem Anlass kam Venske nun auf die Idee, einmal grundsätzlich nach Geschichte, Wesen und Wirkung dessen zu fragen, was man Satire nennt.

„Satire ist nur ein Affe im Hirn“ heißt das Ergebnis, ein kleines Brevier, das kaum größer als DIN-A6 wieder einmal beweist, dass es auf die inneren Werte ankommt. Kundig und kurzweilig verfolgt Venske die Geschichte der Satire, von Aristophanes und Lukan über die Hofnarren des Mittelalters bis zu Swift, Walter Mehring oder Margarethe Beutler. Luzide erklärt er die nie erreichten Ziele, erläutert die Inhalte und Methoden, vor allem aber die Gegner der Satire. Das Buch endet mit einem Thomas-Morus-Gebet – sehr satirisch für einen Agnostiker und Dogmenhasser wie Venske.


(c) 2021 Henning Venske