Ultimative Dummheit

Nach der erbärmlichen Flucht der Natokrieger vor den Taliban wandten sich die Hauspapageien der Medien sofort dem nächsten Feind und der passenden toxischen Propaganda zu: Dramatische Appelle, pathetische Beschwörungen, apokalyptische Endzeitathmosphäre besetzten alle Kanäle, Angst steigerte die Einschaltquote. Peinliche Begräbnisrednerinnen beklagten mit ersterbender Stimme kommendes Unheil. Tief betroffene Anchormen&Women mixten als Stimmungsmache erbarmungslos Nachricht und Meinung durcheinander, und Gründe und Möglichkeiten, nach allen Seiten zu schauen und sich objektiv zu äußern, fanden kaum Berücksichtigung. Russia ante Portas! Heuchelei präsentierte sich als seriöse Friedfertigkeit, verzweifelt, aber von Widerstandsgeist beseelt… Der Lieblingssatz der ZDF-Nachrichten war wochenlang: „Die Lage an der ukrainisch-russischen Grenze spitzt sich weiterhin zu“. Die Damen und Herren überspitzten die westliche Propaganda zur hemmungslosen Kriegshetze. Schon seit 2014 tobt in der Ostukraine ein Krieg zwischen pro-ukrainischen Ukrainern und pro-russischen Ukrainern, und dIe deutschen Medien entwickelten in den vergangenen acht Jahren ein beachtliches Geschick, böse Russen von guten Ukrainern zu unterscheiden: Schon gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen zeigte das ZDF Kämpfer des Asow-Regiments, die für das Innenministerium der ukrainische Regierung in der Stadt Mariupol auf Russenjagd waren – unübersehbar und stolz trugen sie an Montur und Helm das schon vom ukrainischen Nationalhelden, dem Nazikollaborateur und Judenmörder Bandera hoch geschätzte Hakenkreuz sowie SS-Runen. Der Sprecher-Kommentar dazu lautete: „Freiwilligenbataillone aus nahezu jedem politischen Spektrum verstärken die Regierungsseite“. Ekelhaft, von was für Leuten die westliche Freiheit mittlerweile verteidigt wird… Das ist natürlich kein hinreichender Grund, den Verstand auszuschalten und den großen Knüppel zu schwingen. Doch bedauerlicherweise glaubte der russische Präsident Putin, tun zu müssen, was er tun zu müssen glaubte: Er handelte nicht rational, sondern genauso, wie kalte Krieger es erwarteten: Komplett irrational. Hätte er nach erfolgtem Manöver seine Soldaten in die Kasernen zurückbeordert, hätte er einen Riesenerfolg eingefahrenhätte er einen Riesenerfolg eingefahren und der Westen eine kolossale Blamage. „Was für ein kluger Politiker!“ – hätte man weltweit gesagt: Die Ostsee-Pipeline geht in Betrieb, Europa muss nicht dreckiges Fracking-Gas aus den USA kaufen, die Treibstoffpreise schießen nicht in die Höhe, und niemand ruft zu den Waffen. Ganz und gar unnötig wäre es gewesen, Putins Freund Schröder in eine Reihe mit dem GröFaZ zu stellen, indem man ihm die Ehrenbürgerwürde aberkennt, absurd, russische Künstler zu unzumutbaren Treueschwüren zu zwingen, anderenfalls man sie nicht singen oder dirigieren lässt, idiotisch, den weltweiten Boykott russischer Bücher und Verlage zu fordern und mir die Angst einzujagen, demnächst müsse ich meine Exemplare von Gorki und Majakowski zur öffentlichen Verbrennung abgeben, lächerlich, den Russischen Zupfkuchen nur noch „Zupfkuchen“ zu nennen, und absolut brutal und unmenschlich, Sportler von den Paralympics auszuschließen, nur weil es russische Krüppel sind… Diesen mehr oder weniger sinnlosen so genannten Sanktionen hätte der russische Präsident locker ausweichen können, doch statt Vernunft walten zu lassen, zeigte sich der russische Präsident so grenzenlos dumm, wie es nur Politiker sein können: Er fühlte sich zum Bruch des Völkerrechts berechtigt, zu Bombardierungen und Artilleriefeuer. Er trieb Menschen in tiefe Trauer um ihre Toten, er zerstörte ihr Land und ihre Wohnungen, er produzierte Mitleid für die Angegriffenen, Solidarität mit den Opfern, Hilfsbereitschaft für unglückliche Flüchtlinge und sogar Besorgnis vor einem Atomkrieg. Und nun? Unsere grüne Außenministerin will Russland „ruinieren“, unser sozialdemokratischer Kanzler nennt sein Aufrüstungsprogramm „eine Zeitenwende“. Was soll das denn heißen? Zeit meines Lebens wurden ständig Kriege geführt – von Korea über Vietnam, von Ungarn und Nicaragua über den Sudan und Jugoslawien bis Afghanistan. Statistiker zählten rund 15 Armee-Einsätze Russlands in fremden Ländern und über 40 Militäroperationen der USA, viele mit Hilfe der Nato und manche davon mit der Unterstützung von Uranmantelgeschossen… Die Milliarden Kriegskosten hätte die Menschheit sehr viel sinnvoller für die Bekämpfung des Hungers und eine Klimaverbesserung verwenden können. Immerhin, Deutschland hat sich nur an Kriegen im Ausland beteiligt und über 70 Jahre Frieden im eigenen Land hinter sich. Diese Art Frieden wurde jungen Leuten, die zum Beispiel gegen soziale Missstände demonstrierten, jahrzehntelang als Grund zur Dankbarkeit vorgehalten. Und letztlich wussten sie auch: Wir, in unserer heilen Welt, mit unserer westlichen Mentalität, haben ein ziemlich angenehmes Leben. Im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika, Südasien und Lateinamerika – bei den Unterentwickelten – ja, da gibt es bittere Armut, da herrschen Militärdiktaturen, sind Massenmorde normal, gehören Massaker zum Alltag, da machen schon Neugeborene ihre Kriegserfahrungen.  Und nun eine Zeitenwende? Also Not & Elend für alle? Schon möglich – wenn der russische Präsident wirklich, wie ihm der deutsche Kanzler unterstellt hat, die Uhren in die Zeit der Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts zurückdreht. Dafür muss er allerdings weiterhin dem Beispiel des preußischen Ministerpräsidenten Otto Eduard Leopold Graf von Bismarck-Schönhausen folgen. Der erklärte 1870: „Die ganze Erwerbung des Elsass und Lothringens geschah ja nicht aus Liebe der Einwohner zu uns und nationaler Gesinnung der deutschen Bewohner, sondern sie war für uns ein rein geographisches Bedürfnis, den Ausgangspunkt der französischen Angriffe weiter wegzurücken, dass man sich wenigstens ausrüsten kann, ehe sie bis Stuttgart vordringen“. Na gut, Bismarck war in diesem Punkt wenigstens ehrlich…  Wenn moderne deutsche Politiker zur Erklärung ihres Weltbildes die deutsche Geschichte bemühen, merkt man nicht selten, dass sie Opfer ihres hausgemachten Bildungssystems sind. Kevin, ein juveniler SPD-Funktionär, machte im Fernsehen deutlich, dass er sein Studium zu Recht abgebrochen hat. Er sagte: „Allein schon die deutsche Geschichte zeigt, dass es Situationen gibt, in denen die Logik des Militärischen als letzte Instanz genutzt werden muss. Deswegen bin ich kein Pazifist“. Das heißt auf Deutsch: Waffen liefern und Soldaten in Marsch setzen, Schützengräben besetzen, Raketen abfeuern, Kesselschlacht schlagen, den Feind niederwerfen, Endsieg! Jawoll! Hilfs-Landser Paul Ronzheimer, Hetzfachmann von der Bildzeitung, angetan mit Stahlhelm und schusssicherer Weste, liegt schon in einem sicheren Fernsehstudio im Hinterhalt, Kriegsreporterinnen in Lwiw (Nein! Lemberg!) versuchen sich im Eifer des Gefechts und mit flackerndem Blick an strategisch bedeutsamen Spekulationen – da hört man dann zum Beispiel so eine skurrile Meldung wie „Granaten haben vermutlich ein Blindenheim lahmgelegt“, und unangenehm knarrende Befehlsorgane deutscher Generale drohen wie in ruhmreichen Barbarossa- Zeiten martialisch mit „Draufhauen“. Da könnte einen die Ankündigung eines Experten, nun zeichne sich am Horizont endlich die Rache für Stalingrad ab, auch nicht mehr überraschen…
Wie man’s dreht und wendet: Auch für diesen Krieg sind nirgends stichhaltige Gründe zu erkennen. Deshalb wäre es ein Zeichen von Restintelligenz, ernsthaft Wege aus der Konfrontation zu suchen. Ich denke, ein erster Schritt könnte der Eintritt Russlands in die Europäische Union sein. Da gehört es nämlich hin, da ergibt sich für die Europäer eine Win-Win-Chance, und wir hätten endlich eine Werte-Union, die den Namen auch verdient. Wenn das nicht bald gelingt, erleben wir vielleicht die letzten Tage der Menschheit. Und dann, wie weiter?
Sicherheitshalber melde ich mich an zur Petrifizierung, und in etwa 50 Millionen Jahren werden postmoderne siebenbeinige Touristen neuester Bauart fossile Partikel von mir aus dem Anthropozän ausgraben, eingeschlossen in einer versteinerten Plastiktüte, was bei den umstehenden Weltraumreisenden hellglühende Begeisterung auslöst…


(c) 2022 Henning Venske