Überfüttert

Das ist das Schöne in dieser Jahreszeit: Die Sichtbarkeit der deutschen Innerlichkeit. Das Kachelofen-Feeling. Die Harmonie in der Familie. Wir haben unsere Freude an gierig leuchtenden Kinderaugen. Gemütlichkeit, ein urdeutsches Wort. Und Draußen:
Christus und der Einzelhandel, gemeinsam sind wir stark.
Immer, wenn ich an Weihnachten denke, weil mir nie weihnachtlicher zumute ist, als wenn es so richtig intensiv weihnachtet, also nicht nur an den Weihnachtstagen selbst, sondern quer durch die Vorweihnachtszeit während der ganzen Weihnachtszeit, in der sich die Weihnachtsfeiern überschlagen, und wo ich so einen Weihnachtsengel zu Hause habe, der den ganzen Tag Weihnachtsgedichte aufsagt und Weihnachtslieder singt und dabei aussieht wie eine fette Weihnachtsgans, die für mich als Weihnachtsüberraschung im Weihnachtszimmer ihre Weihnachtsglocken läutet und mich anflötet „Oh du lieber Weihnachtsmann – fröhliche Weihnachten“, was heißen soll, dass nur ein Weihnachts-Game- und Fun-Event ein echtes Power-Weihnachten ist, und es nun auch an der Zeit ist, die Weihnachtslichter auf dem Weihnachtsbaum mit dem Weihnachtsstern darauf anzuzünden und die in Weihnachtspapier gehüllten Weihnachtsgeschenke auszupacken, um zu überprüfen, ob sich die Weihnachtsvorbereitungen und die Weihnachtseinkäufe überhaupt gelohnt haben, damit sich zum Weihnachtsfest auch eine Weihnachtsfreude einstellt, die einem über den ganzen Weihnachtstrubel hinweghilft, obwohl sogar Weihnachtshasser, der Weihnachtstradition folgend, zugeben müssen, dass diese Weihnachtsbräuche viel Schönes haben, vor allem wegen des Weihnachtsgeldes, was ja ohne das Weihnachtsgeschäft überhaupt keinen Spaß machen würde, besonders den Herstellern von Weihnachtskarten, die man für die Weihnachtswünsche braucht, und den Verkäufern von Weihnachtsbraten oder Weihnachtsgebäck, die den Gläubigen, mal abgesehen von der Weihnachtsillumination in den Straßen, die Weihnachtsstimmung schenken, weil ohne festliches Weihnachtsessen die Weihnachtsgeschichte im Radio gar nicht stattfinden könnte, und auch das Weihnachtsmärchen wäre ohne Weihnachtskekse kein echtes Weihnachtsprogramm im Weihnachtsfernsehen, sondern anstrengend wie ein Weihnachtsoratorium, und man müsste dann ersatzweise den ganzen Weihnachtsabend Weihnachtstelefonate führen oder verspätete Weihnachtspäckchen packen oder einen Weihnachtsgottesdienst besuchen und während der Weihnachtsgebete goldene Weihnachtsnüsse knacken, vielleicht sogar eine Weihnachtsansprache anhören, was noch schlimmer ist, als im Weihnachtsverkehr steckenzubleiben, und das alles geschieht bei ganz miserablem Weihnachtswetter während der Weihnachtsferien, in denen Männer prinzipiell die Weihnachtsunterhosen und die Weihnachtskrawatte tragen, manche bei Gelegenheit sogar ein lamettageschmücktes Weihnachtskondom, sie strahlen Weihnachtsseligkeit aus, und sie benutzen das Weihnachtsklopapier, obwohl sie auf diese ganze Weihnachtsscheiße schimpfen und sie der Weihnachtsstress völlig fertig macht, vor allem, wenn ihnen bewusst wird, dass in dieser Zeit des Kirchenjahres in Deutschland etwa 200 Milliarden Weihnachts-Kalorien verzehrt werden, mit denen man in 2000 Einfamilienhäusern siebzehn Monate lang das Weihnachts-Badewasser heizen könnte – das beschert ihnen dann wirklich ein Gefühl wie Weihnachten.

20. Dezember 22


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