MAL WAS GANZ ANDERES –

oder doch wieder das gleiche?

Gestern, am 25.11.20123, wurde auf der Südtribüne des Ostseestadions in Rostock zu Beginn eines Fußballspiels eine viele Quadratmeter große Überrollfahne gezeigt, also ein riesiger Bannerdruck, der den Zuschauern auf den anderen Tribünen den Anblick des Sonnenblumen-Hauses von Rostock-Lichtenhagen und anderer Plattenbauten präsentierte, mit schwarzen Rauchwolken angereichert. Das war eine treffende Bestätigung dafür, an welchem Ort man sich befand: Das Sonnenblumen-Haus in Rostock-Lichtenhagen erlangte durch rassistische Ausschreitungen im August 1992 eine ekelerregende Berühmtheit. Diese Art historischer Bezugnahme nennt man in der Sprache der Fußballstadien etwas hochgestochen „Choreografie“. Verantwortlich dafür sind die sogenannten Ultras, die den rustikalen „Support“-Maßnahmen für ihre Mannschaft einen künstlerischen Anstrich verleihen wollen.

Viele Ultra-Gruppen sind hierarchisch strukturiert, so auch die Rostocker – das belegt dieses unangenehm autoritäre und reaktionäre Schriftstück:

Das „Capopodest“ bedarf einer Erklärung: Das Capopodest ist der Arbeitsplatz des Capo. Ultras haben einen Anheizer, Capo genannt (von italienisch „il capo“ für Haupt oder Anführer), der mittels Megaphon die Fangesänge koordiniert. Wir kennen den Capo aus italo-amerikanischen Gangsterfilmen. Insofern mag die Assoziation „Vorsänger“ ja noch akzeptabel sein. Möglicherweise aber sind sich nicht alle Ultras der Tatsache bewusst: Capo oder auch Kapo, das war in den Konzentrationslagern der Nazis ein Gehilfe der Lagerleitung. Er hatte die Aufsicht über andere Häftlinge, musste für die SS die Arbeit der Häftlinge anleiten und war für die Ergebnisse verantwortlich. Der Capo erhielt für seine Dienste Vergünstigungen, zum Beispiel Alkohol, und gelegentlich durfte er auch das Lagerbordell aufsuchen.

Mich wundert immer wieder, was für seltsame Leute in unserem Land leben…

26.11.23


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