Kein Grund zur Nostalgie

100 Jahre ist es jetzt her, da tagte im Fernsehen „Die letzte Instanz“, ein nationaler deutscher Sachverständigenrat: Einige Magerquarkdenker der WDR-Meinungsmacherei palaverten mit Frau Kunze, einer schrill schnatternden Bauchrednerpuppe, ferner mit  Milski, einem offenkundig fehlerhaft geklonten Schlager-Replikanten, und mit dem Pfauengockel Gottschalk, der als Blackfacing-Spezialist das Gefühlsleben der Schwarzen angeblich gut nachempfinden kann. Das Thema war „Rassismus in der Sprache“. Die weißen Herrschaften, eitel und inkompetent, ignorierten alles, was zu diesem Thema schon x-mal in Talkshows ausdiskutiert worden war. Angesichts von so viel dummer Arroganz schämten sich zahlreiche Zuschauer, denn sie kapierten: Mit ihnen, den Weißen, ging es steil bergab. 

Sie hatten in ihrem Überlegenheitsdünkel im Lauf der Zeit zu viel falsch gemacht: Menschen nach ihrer Hautfarbe eingeteilt, das Deutschsein über das ‚Weißsein‘ definiert, und sie hatten geglaubt, sich zu ihrer Bequemlichkeit Menschen 2. Klasse halten zu können. Die Herrenrasse hatte es versäumt, statt biologischer Kategorien eine gerechte und menschenwürdige soziale Klassifizierung einzurichten. Deswegen steckte in fast allen Absagen für Bewerbungen auf Jobs und Wohnungen ein struktureller Rassismus. In der Verwaltung signalisierte der Staat den Menschen mit den „anderen Namen“, sie hätten als lästige Bittsteller hier nichts zu suchen. 40% der Kinder in den Klassenzimmern hatten einen Migrationshintergrund, wurden aber unterrichtet von einem Lehrkörper, der zu 90% aus Alteingesessenen bestand. Auf dem Arbeitsmarkt kam „erst Horst, dann vielleicht Amadou“. Menschen mit dunklem Teint, dunklen Augen und dunklem Haar waren im Niedriglohnsektor deutlich überrepräsentiert, aber keine 2 Prozent arbeiteten im Journalismus. Bösartiger Antiziganismus verjagte Sinti und Roma von deutschen Campingplätzen, Afrodeutsche wurden bei Racial-Profiling-Kontrollen von weißen Ordnungshütern genussvoll zusammengeschlagen, und Hetze, brutale körperliche Gewalt, brennende Unterkünfte und mörderische Attentate sorgten für die Gewissheit ständiger Bedrohung. Das Braune im Weißen war allgegenwärtig, und die Parteien stimmten darin überein: Konzepte des Empowerments und der Emanzipation lassen sich angesichts der politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland nicht durchsetzen, denn die Unantastbarkeit der Menschenwürde ist im deutschen Wirtschaftssystem eine kleinbürgerliche Illusion, weil die Gesellschaft nicht auf Moral zielt, sondern auf Profit. Der  Slogan „Ausländer bereichern die deutsche Wirtschaft“ sprach sich global als äußerst zweideutige Wahrheit herum, und weil mögliche Interessenten es extrem reizlos fanden, deutschen Aktionären die Taschen zu füllen und dafür dann als minderwertig angesehen zu werden, wollten sie mit der Einwanderung nach Deutschland lieber warten, bis die Eingeborenen verschwunden seien. 

Endlich, nur wenige Jahrzehnte nach jener Sitzung der „Letzten Instanz“, packten alle, die einst mit großen Hoffnungen gekommen waren, ihre Koffer und wanderten wieder aus. Viele kluge weiße Frauen, die das Diskriminierungsmuster nur zu gut kannten, warfen die Gleichberechtigungs-Quote resigniert in den Müll und schlossen sich ihnen an. Die Zurückgebliebenen, in erster Linie einsame weiße Männer, erinnerten sich an einen Satz des Philosophen Nietzsche: „Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen“.  

In einem letzten Ausbruch von so genanntem gesunden Menschenverstand, vulgo Schwarmintelligenz,  kamen sie zu der Einsicht, wertvoller könnten sie ja nun nicht mehr werden, und es sei wohl am deutschesten, sich auf dem Höhepunkt der Evolution vom Acker zu machen. Letztlich mussten sie einsehen:  Leben ist ein postnatales Problem, das zu meistern sie nicht in der Lage waren. Also beschlossen sie, auszusterben. Bis heute vermisst sie niemand…

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(c) 2021 Henning Venske