Hoffentlich ist bald November

In HH herrscht selbst für Hamburger Verhältnisse Schietwetter, der Jahreszeit angemessen. Das Erfreuliche hält sich in diesem Monat enorm zurück. 

Zunächst hatten wir ein zehnjähriges Jubiläum:  Am dritten Oktober 2013 sank vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa ein mit 545 Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea beladener, zwanzig Meter langer Kutter. 155 Menschen wurden gerettet, über 360 ertranken. Das Sterbenlassen ist mittlerweile politisch gewollt, es ist der Normalzustand. Menschenfreundliche Anstrengungen, die Fluchtursachen in den Heimatländern der Geflüchteten zu beseitigen, sind nicht festzustellen. Stattdessen: Mittelmeer-Blockaden, Illegale Pushbacks der Frontex, Marine-Einsätze, Warnschüsse, Grenzen dicht, bürokratische Ausreden, Obergrenzen-Geschwafel, „Schleuser“-Jagd. Aber: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von der Friedensnobelpreisträgerin EU steht in engem Kontakt mit der italienischen Ministerpräsidentin aus dem Mussolini-Nachlass, Giorgia Meloni, und der italienische Vizeregierungschef Matteo Salvini von der faschistischen Lega nennt die Flucht der Verzweifelten einen „Akt des Krieges“. Die „Notwendigkeit“ der Maßnahmen gegen die fliehenden Menschen wird damit gerechtfertigt, man wolle keine Anreize für noch nicht Geflohene bieten und keine „falschen Signale“ senden. Gewehrsalven und Wasserleichen sind dann wohl die richtigen Signale…

An eben diesem dritten Oktober 2013 wies beim Festakt zum Tag der deutschen Einheit der deutsche Bundespräsident in seiner Rede darauf hin: „Unser Land ist keine Insel.“ Was für eine Koinzidenz! Am 3. Oktober feiern wir auf Anregung von Helmut Kohl „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Erstrebenswert, ja. Einigkeit? In dem einen oder anderen Punkt können wir sicher Einigkeit erreichen. Zum Beispiel, was Recht und Freiheit angeht.  Auch für Geflüchtete? Besser, wir lassen das mit dem Freiheitsgerede – der Begriff ist zu vage. Freuen wir uns einfach, dass man Freiheit kaufen kann – in Gestalt von Autos und Zigaretten, aber auch in jedem Reisebüro. Mehr Freiheit muss ja nicht sein. Aber eins hätte ich gern gewusst: Wie hätte die DDR wohl reagiert, wenn Menschen massenhaft zu ihr rein gewollt hätten statt raus…? – Immer wieder das gleiche Thema: Geflüchtete…  

Ich bin aber durchaus dafür, den dritten Oktober als Feiertag zu erhalten – nicht zur Feier des Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik, sondern zur Erinnerung an den dritten Oktober 1889: Das ist der Tag, an dem Carl von Ossietzky in Hamburg geboren wurde. Carl von Ossietzky enthüllte Einzelheiten über die geheime Aufrüstung der Reichswehr, die gegen internationale Verträge und Abmachungen verstieß. Er wurde wegen „Landesverrats“ und des „Verrats militärischer Geheimnisse“ verurteilt und ins KZ gesperrt. Für seine Haltung erhielt er 1936 den Friedensnobelpreis. Ich schlage daher vor, den dritten Oktober zum Gedenken an Carl von Ossietzky als Tag des Verrats militärischer Geheimnisse zu begehen… da können wir dann Assange, Snowden und  Chelsea Manning gleich mit abfeiern…

Am 7. Oktober überfielen Terroristen der palästinensischen Hamas ein Musik-Festival und zwei Kibbuzim auf israelischem Boden. Sie verübten den größten Massenmord an Juden nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nahmen über 200 Geiseln. Israel schoss zurück. Der deutsche Bundeskanzler las seine Empörung vom Blatt ab. Er wollte nicht versehentlich zu pro-israelisch wirken. Alle westlichen Regierungschefs verurteilten den Hamas-Terrorakt. Antisemitische und pro-palästinensische Kundgebungen und Ausschreitungen sorgten für Empörung. ARD und ZDF zeigten in der Folge zahlreiche Palästinenser, die sich heftig beklagten, dass Familienmitglieder umgekommen seien und sie ihre Wohnung verloren hätten. Verbittert riefen sie in die Kameras: Wir haben doch nichts gemacht, wir waren doch nicht dabei! Das stimmt. Sie haben den Hamas-Terror im Kreis ihrer Familie gefeiert und ihren Kindern erklärt, Israel habe nunmal kein Existenzrecht, und die Raketenangriffe seien doch nur zu ihrem Besten. Fakt ist: Wenn die antisemitischen Krakeeler in Deutschland das Leid der palästinensischen Bevölkerung beklagen und deswegen ihre judenfeindlichen Parolen und Aktivitäten demonstrieren, ist das scheinheilig. Die Hamas wurde von den Palästinensern gewählt, die Bevölkerung ist die Basis dieser Organisation, und der Hamas ist wohl kaum vorzuwerfen, dass sie ein diktatorisches Gewaltregime ausübt: Sie agiert und regiert mit dem Einverständnis der palästinensischen Bevölkerung. Die Hamas rekrutiert sich aus der Bevölkerung, nutzt sie als Schutzschild und lässt sie für sich arbeiten. Über 10.000 Raketen werden nicht von den Hamas-Kämpfern in Heimarbeit hergestellt. 

Nun, gerade mal 14 Tage später ist alles wieder „normal“. Selenskyj hat die Welt aufgerufen, ihm weiterhin Geld und Waffen zu schicken und sich nicht von solchen Randereignissen wie dem Nah-Ost-Konflikt vom Spenden abhalten zu lassen. Andere Politiker mahnen, wenn Israel sich unbedingt wehren will, soll es gefälligst die Spielregeln einhalten und die Zivilbevölkerung schonen, alles andere sei  absolut unfair.

Ich denke: Wenn die palästinensische Bevölkerung unter dem israelischen Militär zu leiden hat, ist das eine traditionelle Folge aller  militärischen Einsätze. Auch die deutsche Bevölkerung, die ja bekanntlich zum größten Teil sogar aus Widerstandskämpfer*innen bestand, musste im zweiten Weltkrieg unter den alliierten Bombenangriffen leiden, und genauso könnte das Leid der ukrainischen Bevölkerung längst beendet sein, wenn West und Ost nicht immer weiter auf Sieg setzen und immer wieder die Unsinnigkeit von Verhandlungen betonen würden. Ich werde den Verdacht nicht los: Krieg entspringt ausschließlich Männer*innen-Phantasien. So lange die Völker dieser Welt nicht ihr Militär komplett abschaffen, müssen Menschen unter dem Militär leiden. Die Aussage, die Bellizisten immer wieder gern über ihre Armeen verbreiten, „Wir produzieren Frieden“, ist eine dreiste Lüge.

Am 8. Oktober schließlich wurde in jener Provinz, wo die normale deutsche Hirnwolle durch einen besonders zäh gewalkten Filz ersetzt wird, demokratisch gewählt: Bayern erbrachte mal wieder den Beweis, dass Kapitalismus am besten mit dem Volk, aber ohne Demokratie funktioniert, denn immer, wenn das Volk gefragt wird, ob es denn eine Demokratie will, antwortet das Volk: Nein, ich will CSU. Die CSU ist aber keine Partei, sondern ein Geisteszustand, der bewirkt: In Bayern regieren die Pfaffen, und die Bürgermeister achten auf die Einhaltung der Moral. Diese Tradition besiegeln der bayerische Bazi, also der Schlawiner mit seinem Bierzelt-  und seine Schlawinerin mit dem Rosenkranz-Gesicht, alljährlich auf dem  Oktoberfest. Alle wissen, einen Linksrutsch kann es nicht geben, weil die CSU einen Linksrutsch verhindert, und die Nazis befinden sich entweder  im Untergrund, im Knast oder im Landtag. Erstere putzen ihre Vorderlader, zweitere kleben Tüten, und die dritten machen Gesetze, zum Beispiel Gendern verbieten – damit Schüler*Innenklos umgebaut werden können zu Schüleraußenklos, und die Einführung von Schuluniformen, damit die Madln wieder im Dirndl die Küh melken und die Buam in Thor-Steinar-Kluft Metzger lernen. 

Und fast hätte ich das Positive vergessen: P O L E N macht diesen miesepetrigen Kaczynski unglücklich. Wer hätte das gedacht! Dem Himmel sei Dank!

20.Okt.23


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