Halt die Klappe, Biden

Würden der Bundespräsident der Schweiz oder der Regierungschef von Andorra dem russischen Präsidenten Kriegsverbrechen, Völkermord und Genozid vorwerfen, würde man ihnen das wohl kaum verübeln. Wenn aber der amerikanische Präsident das macht, stößt einem soviel Bigotterie und Selbstgefälligkeit übel auf. Dann hat man das Bedürfnis, diesem geschichtsvergessenen Patrioten mal die Verbrechens-Chronik seiner Vorgänger im Amt vorzulesen: Von der Ausrottung der indigenen Völker Nordamerikas bis zu den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, von Vietnam und My Lay bis Irak, als die Raketen punktgenau das Schlüsselloch der Bunkertore trafen, von den massiven Angriffen gegen den Libanon und den Bombardierungen der libyschen Städte Tripolis und Bengasi bis zur militärischen Unterstützung der Faschisten in Chile, Argentinien und Griechenland durch die CIA, von den Luftangriffen auf Belgrad und dem Afghanistan-Krieg bis zu den Mörder-Drohnen über Pakistan, vom Folter-Gefängnis Abu Ghraib bis zum menschenrechtswidrigen Kerker von Guantanamo und anderen Waterboarding-Hotspots:
Was von diesen und anderen US-amerikanischen Militäraktionen als Kriegsverbrechen, Völkermord oder als Genozid einzustufen ist, das sollte nach genauer und objektiver Untersuchung ein Gericht be- und verurteilen. Und für das Wüten russischer Truppen in der Ukraine gilt selbstverständlich genau das gleiche: Wessen sich die russische Armee dort schuldig macht, hat jedenfalls nicht der amerikanische Präsident zu entscheiden, sondern der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Aber genau dieses Gericht wird von den USA bis heute nicht anerkannt. Kein Wunder, wenn das Urteilsvermögen des amerikanischen Präsidenten kaum von Belang ist für historische Schuldzuweisungen …


(c) 2022 Henning Venske