Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen im Nachhinein

Heute beschäftigen wir uns mal mit Großverbrechen, begangen in der Absicht, auf direkte oder indirekte Weise „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Laut UN-Konvention von 1948 ist solch ein Verbrechen ein Völkermord, ein Genozid. Nur Nazis, Geschichtsrevisionisten und verblendete Vollidioten werden bestreiten, dass der von Deutschen an den europäischen Juden begangene Holocaust der schwerstwiegende uns bekannte Völkermord in der Geschichte der Menschheit ist.
Aber da gibt’s ja noch mehr, weniger gravierend, aber schlimm genug.
Nachdem der Deutsche Bundestag vor einigen Jahren festgestellt hat, dass die Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 geplant und gezielt waren und somit nach der UN-Definition als Völkermord gelten, könnte das Hohe Haus ja nun auch andere, vergleichbare Taten als Völkermord definieren – beispielsweise die Blockade Leningrads durch die Nazi-Wehrmacht; dort war der Tod der Millionenbevölkerung durch Aushungern klar beabsichtigt. Oder die Niederschlagung des Warschauer Aufstands – auch hier ist die genozidale Absicht nicht zu leugnen. Und den Völkermord deutscher Kolonialtruppen an den südwestafrikanischen Völkern der Herero und Nama hat der Bundestag bislang auch noch nicht anerkannt. Das alles wäre ja eine schöne Aufgabe für unsere Volksvertreter*innen, wenn sie unbedingt einem Regime das Etikett „Völkermord“ an den Frack heften wollen. Warum machen sie das nicht? Ach so, das wird teuer: Derlei Beschlüsse ziehen Entschädigungsforderungen nach sich… Na gut – wie wär’s denn dann, die Kopfabhacker des IS des Völkermords zu beschuldigen? Diese Religionsfanatiker haben schließlich etwa zehntausend Jesiden ermordet. Oder das Militär in Myanmar? Die Überlebenden der von den Vereinten Nationen als „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ eingestuften Rohingya sind Zeugen für einen Völkermord… Und wenn’s denn unbedingt was Historisches sein soll: Warum werden nicht die Verbrechen der Europäer an den indigenen Völkern in ihren afrikanischen und amerikanischen Kolonialreichen thematisiert? Spanische Konquistadoren und portugiesische Eroberer taten sich mit monströsen Völkermorden hervor, Näheres kann man bei dem Jesuitenmissionar und Augenzeugen Las Casas nachlesen. Und auch die diversen Vernichtungskriege auf dem Gebiet der heutigen USA sind als Völkermorde zu definieren. Ein Beispiel von vielen: 1776 drohte der amerikanische Gründervater Thomas Jefferson den Irokesen mit vollständiger Auslöschung – er schrieb, falls sie die USA angreifen, „würden wir sie so lange mit einem Krieg verfolgen, so lange noch ein einziger von ihnen auf dem Angesicht der Erde weilt“. Und US-Oberbefehlshaber George Washington wies einen General an, „das Land soll nicht nur überrannt, sondern zerstört werden“. Die Soldaten ermordeten daraufhin gezielt indianische Zivilisten, und mit der Vernichtung aller Nahrungsvorräte, Nutztiere, Obstbaumplantagen, Gebrauchsgegenstände und Wohnhäuser verursachten der spätere US-Präsident sowie seine Offiziere die Auslöschung großer Teile des irokesischen Volkes – nach den Kriterien der UN-Genozidkonvention ein Völkermord. Der Deutsche Bundestag könnte also noch etliche Völkermord-Resolutionen beschließen, aber die Abgeordneten ergriffen Ende November 2022 die unsinnigste aller Möglichkeiten: Weil der ukrainische Präsident Selensky im Fernsehen regelmäßig und karlspreiswürdig eine Verurteilung Russlands wegen Völkermord verlangt, schmiedeten seine deutschen Follower in einer 45 Minuten – Hauruck-Debatte aus der Geschichte dringend benötigte Propaganda-Munition für den aktuellen Krieg: Das deutsche Parlament lieferte der Ukraine die Anerkennung der Hungersnot in der Ukraine von 1932 bis 1933 als Völkermord. In Stalins Sowjetunion gingen damals zwischen acht und neun Millionen Menschen am Hunger zugrunde – über 3,5 Millionen in der Ukraine, etwa drei Millionen in Russland, über 1,2 Millionen in Kasachstan. Der stalinistische Terror gegen „Kulaken und Volksfeinde“, der Millionen das Leben kostete, traf damals die Landbevölkerung auch in anderen Teilen der UdSSR, nicht nur in der Ukraine. Die Wortwahl „Holodomor“ für diese schreckliche Zeit ist beabsichtigt: Ehemalige ukrainische Nazikollaborateure, die sich nach 1945 trotz ihrer den Alliierten bekannten Nazivergangenheit über den Atlantik retten konnten, haben Ende der 1970er Jahre ihre Interpretation des „Holodomor“ entwickelt, als Antwort auf die US-Fernsehserie „Holocaust“. Damit wollten sie von Ihrer Verwicklung und Mitarbeit bei der Judenvernichtung in Osteuropa ablenken. Stepan Bandera, der heute in der Ukraine als Nationalheld verehrt wird, und seine faschistische OUN sind mitverantwortlich für die Ermordung von Juden, Polen und Russen. Die Dimension der Kollaboration belegt der Massenmord an den Kiewer Juden. Über Babyn Jar, einer Schlucht in der Nähe von Kiew, hing ein Transparent, auf dem in ukrainischer Sprache stand „Wir erfüllen den Willen des ukrainischen Volkes“. Dort erschossen 1941 zwei Bataillone ukrainischer Polizei, eine Militäreinheit der OUN sowie Einsatzgruppen des SD und der deutschen Wehrmacht 33.771 Menschen. Von den insgesamt 1500 Exekutoren waren 1200 Ukrainer und 300 Deutsche. Die Namensähnlichkeit Holodomor – Holocaust ist also kein Zufall. Man wollte durch die Unterstellung eines „sowjetischen Holocaust“ die Bedeutung des von Deutschland ins Werk gesetzten Völkermordes an den europäischen Juden relativieren, der „Holodomor“ wurde in die Welt gesetzt, um ukrainischen Kollaborateuren und Judenmördern Opferstatus zu verschaffen. Für die offizielle ukrainische Geschichtsschreibung stand von Anfang an fest, dass Stalin den Hunger bewusst eingesetzt hatte, um das ukrainische Volk auszurotten, was bei seriösen Historikern mittlerweile längst als widerlegt gilt, und sogar das Auswärtige Amt hatte noch 2019 davon abgeraten, den Hungerterror als Völkermord anzuerkennen. Aber nun, in der Petition von Ende November 2022, heißt es: „Aus heutiger Perspektive liegt eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe“. Der Bundestag tut so, als habe er die Kompetenz einer Historikerkommission. Hat er aber nicht. Es ist nur anmaßend, wenn die Volksvertreter*innen behaupten, Putins Überfall auf die Ukraine habe eine „heutige Perspektive“ geschaffen und so für sich in Anspruch nehmen, juristische und historische Genauigkeit seien nicht von Belang für sie…
Die deutschen Volksvertreter*innen sollten sich klar machen: Putin ist nicht Stalin, und Hitler ist er auch nicht. Der Historikerstreit wurde 1968/69 ausgefochten, die Thesen des reaktionären Historikers Ernst Nolte, die Nazi-Verbrechen als „Antwort auf bolschewistische Vernichtungsdrohungen“ darzustellen, sind dank Habermas gescheitert, und die Singularität des Holocaust steht fest. Die Bundestags-Resolution zum „Holodomor“ ist eine antisemitische Unverschämtheit. Aber offenbar ist so ziemlich alles erlaubt, was die antirussische Stimmung im Land anheizt. Nur ja keine Kriegsmüdigkeit aufkommen lassen! Es geht nicht darum, dass der Frieden gelingt, sondern darum, mit allen Mitteln den Krieg zu gewinnen. Dazu sagte Ex-Kanzlerin Merkel: ,,Das Grauen verschwindet mit den Zeitzeugen. Aber es verschwindet auch der Versöhnungsgeist.“ Den kennen die nachgeborenen Politiker*innen gar nicht – die kennen nur den Korpsgeist und vielleicht noch den Himbeergeist, sind aber ansonsten von allen guten Geistern verlassen…
Im vergangenen Oktober ist das deutsche Strafgesetzbuch um den Paragraphen 130b erweitert worden, der „das öffentliche Billigen, Leugnen oder gröbliche Verharmlosen von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen“ unter Strafe stellt. Sicherheitshalber möchte ich deshalb abschließend feststellen: Ja, Russland ist der Aggressor aus dem Reich des Bösen, und die Ukraine ist das Land der Helden. Und nein, Grenzverschiebungen mit Gewalt werden auch von mir nicht akzeptiert.

16. Dezember 22


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