tot! na und?

Sie war bestimmt nett und eine interessante alte Dame, auch vorbildlich selbstbestimmt: Sie hatte schon vor mehreren Jahrzehnten verfügt, wo ihre Hunde platziert werden sollten und wo ihr Lieblingspony zu stehen hatte, wenn sie eines Tages, in einem mit Blei ausgeschlagenen Eichensarg liegend, in einer Spezial-Limousine in ihre Familiengruft einfahren würde. Sie hieß Elisabeth und war eine adlige Ur-Oma, die in ihrem langen Leben hart gearbeitet hatte: Ständig musste sie neue Hüte aufprobieren, Millionen Hände musste sie schütteln und stets höflich lächeln, wenn ihr irgendwelche belanglosen Leute abgenudelte Floskeln und den Mundgeruch der niedrigen Geburt ins Gesicht bliesen.. „Arbeit adelt“ hatte ja schon Friedrich Engels behauptet, und die Umkehrung „Adel arbeitet“ ist eben auch richtig. Und so erwarb sich Elisabeth außerordentlichen Reichtum – sie besaß mehrere Schlösser, ausgedehnte Ländereien und auch einen Dudelsackspieler zur ihrer persönlichen Verfügung. Ihr Beruf war Queen, aber sie war eigentlich ein ganz normaler Mensch aus Sachsen-Coburg-Gotha, also eigentlich eine Deutsche aus den neuen Ländern. Und nun war sie entschlafen und wurde von ihren zahlreichen Verwandten und Bekannten in traditioneller Form, also viktorianisch, entsorgt.
An dieser Stelle möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, dass wir kein republikanisch-demokratisches Fernsehen haben, sondern ein durch und durch monarchistisch gesonnenes, das nach Kräften auf den feudalen Putz haut und jede Chance nutzt, in vollem Ernst die Nachgeburten des Absolutismus zu hofieren. Nicht, dass wir uns missverstehen:
Ich verehre jede blaublütige Personifizierung eines kreisrunden Stammbaums, die Angehörigen eines jeden Herrschergeschlechts und ihre Hofschranzen, Edelmänner und Edelfräuleins allesamt, ich liebe das Defilee der Orden-behangenen Greise mit dem Empire im Herzschrittmacher, ich beuge untertänigst die Knie, wenn mir jemand mit belegter Stimme zuraunt, „das ist Graf Koks von Socken, tausend Morgen Wind hinterm Hof, und hier sehen wir den Cousin 4. Grades von Ernst-August, Nr. 18 in der englischen Thronfolge: Wilhelm-Alexander Fürst-im Eimer zu Grottenolm“. Ich liebe auch die Operetten-Soldaten mit ihren pelzigen Kaffeewärmen auf den Köpfen und ihren Holzgewehren unterm Arm, von einem Fuß auf den anderen schunkelnd, und ja, ich gebe es zu: schon von Kindesbeinen an liebte ich besonders den demütigen und unterwürfigen Tonfall der Adels-Experten und besonders der Adels-Expertinnen, wenn sie mir die näheren Umstände einer Nobilitäten-Hochzeit nahebrachten: „Während das Paar die Marmorstufen hinabsteigt, sehen wir das Brautkleid der Prinzessin, es wurde gefertigt aus weißem Fliegenleder mit Mopsfullbesatz, während die Paradeuniform seiner Hoheit aus einem echten Gobelin handgesägt wurde. Das alte Familien-Zepter, das der Hofmarschall ihnen voranträgt, diente schon Zarin Katharina der Großen als Masturbationshilfe…“
Wenn ich so etwas höre, weiß ich wieder, wofür ich lebe und arbeite: Ja, über 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie in Deutschland alimentieren meine Steuergroschen immer noch unter anderen das Haus Wittelsbach. Für diese Herrschaften hat im Jahr 1923 der Freistaat Bayern den Wittelsbacher Ausgleichsfonds errichtet, und aus dem werden die Mitglieder des Hauses Wittelsbach bis heute mit jährlich mehreren Millionen Euro angemessen versorgt. Kein Wunder also:
Pomp & Circumstances europäischer Königshäuser, Fürstenhochzeiten, Tronbesteigungen, aber auch Taufen und Beerdigungen gekrönter Häupter sind für mich die kulturell wertvollsten Sendungen, also echte Events und sogar Highlights. Mein besonderer Dank gilt daher einem leitenden Doppelnamen vom Norddeutschen Rundfunk – jahrelang setzte er die monarchistischen Glanzlichter im Fernsehen, wenn er sich durch die Arrangements und Anekdoten der Aristokratie stottertete – und man munkelte von ihm in Fachkreisen sogar, er habe schon mal der Queen beigewohnt…
Offenbar gibt es zahlreiche Menschen wie mich mit einer Sehnsucht nach feudalem Prunk, herrschaftlichem Protz, Ehrenwachen, Kronjuwelen und goldenen Löffeln, nach der personifizierten Inzucht mit Habsburger Nasen und steifen Oberlippen, und um die europäischen Adelshäuser zu pampern, geben ZDF und ARD sich die größte Mühe, das Bedürfnis des untertänigen Volkes nach Demut, Verehrung & Kitsch zu befriedigen. Auch sollen wohl „Das Goldene Blatt“ und ähnlich aufpolierte Brechmittel unterstützt werden, die im Dünkel der Hochwohlgeborenen waten und uns das als Dienst an der Gesellschaft verkaufen. Aber irgendwie sind die Medien dieses Mal der Bedeutung des Ereignisses nicht gewachsen: Moderatorinnen und Moderatoren quälen mich mit ausuferndem Geschwätz, sie dreschen jede Phrase, die das Gottesgnadentum zulässt, sie zeigen immer wieder dieselben Bilder. Größtmögliche Betroffenheit vortäuschend erzählen sie mir alles, was ich sowieso gerade sehe, und sie verteilen alle Binsen, die professionelle Plauderer*innen so parat haben: „Diese Tage des Abschieds waren ein langer Weg für alle und ein Jahrhundert-Ereignis! Ob wir solche prunkvollen Bilder jemals wieder sehen werden? So einen historischen Tag werden wir wahrscheinlich nie wieder erleben! Und schließlich: Die berittene Kavallerie ist einmalig diszipliniert“.
Alle an der Berichterstattung Beteiligten sind gehalten, despektierliche Bemerkungen über unmäßiges Schmarotzertum, Verschwendung und eine unerträgliche Parasiten-Plage gefälligst zu unterlassen. Stattdessen präsentieren Königshaus-Expertinnen und – Experten auf allen Kanälen die luzide Erkenntnis, dass dieses einmalige feudale Trauerspiel nicht nur sehr bewegend, sondern auch sehr berührend inszeniert ist, und auf die Frage einer Moderatorin „Was für eine Lücke hinterlässt die Queen?“ antwortet eine Expertin sachkundig: „Zunächst einmal ein große“. Daraufhin erscheint das traurige, aber zu Höherem berufene Antlitz von Oma Elisabeths Enkel William im Bild, und die Moderatorin stellt die Frage in den Raum „Was könnte jetzt wohl in ihm vorgehen?“ Ich denke kurz nach, dann bin ich sicher: Nichts.
Sein Vater Charly hingegen macht ein Gesicht, als würde er in Erwägung ziehen, zurückzutreten und für immer nach Barbados zu gehen – er wäre bestimmt ein lustiger Karnevalsprinz…


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