DER SCHRECKLICHE HERR W.

„Ich unterstütze grundsätzlich jeden Streik! Aber wenn er mich beim Reisen stört, hört der Spaß auf… Und eins wollen wir doch mal festhalten: Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen, und die wiederum sind die Arbeitsplätze von übermorgen. Lohnsenkungen führen zum Aufschwung, Gehaltverzicht sichert Arbeitsplätze, Arbeitszeitverlängerung bewirkt den Abbau von Arbeitslosigkeit. Am besten, man würde zwei Drittel der Bevölkerung entlassen.”
Das glaubt jeder neoliberale Welterklärer, und warum das in den vergangenen Jahrzehnten nicht wirklich funktioniert hat, das ist eins der großen Wunder unserer Zeit.
Im Fernsehen spricht eine Moderatorin über den „wahnwitzigen Lokführer-Streik“, in Zeitungsberichten wird der Streik als „Erpressungsversuch“ kriminalisiert, und es gibt Journalisten, die sehen sich des Grundrechts auf Mobilität beraubt. Offensichtlich wissen sie nicht: Im Grundgesetz ist von Mobilität nicht die Rede, vom Streik dagegen schon. Aber in den Medien kommen vorzugsweise wutschnaubende Leute zu Wort, zum Beispiel eine Frau, die keifte, sie arbeite in der Pflege und verdiene viel weniger als die Lokführer. Wie blöde ist das denn? Dann sollten sie und ihre Kollegen und Kolleginnen sich mal schleunigst ein Beispiel an den Lokführern nehmen, denn für den beklagenswerten Zustand unserer Klinik-Konzerne wie Asklepios u.a. gilt dasselbe wie für den erbarmungswürdigen Zustand des Transportkonzerns DB. Hier Bettenmangel und Pflegenotstand, da Unpünktlichkeit, Stilllegung von Strecken, mieser Service und jede Menge lächerlicher Pannen, und all das verdanken Patienten und Reisende auch den windelweichen so genannten Gewerkschaften.
Werfen wir einen Blick auf die Eisenbahn: Weder die GdED, noch TRANSNET noch GDBA (Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten und Anwärter) noch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) – oder wie sich der Klüngel sonst noch so nannte und nennt – setzte der Entlassung von -zigtausend Mitarbeitern einen entschlossenen Widerstand geschweige denn einen wirkungsvollen Streik entgegen. Im Gegenteil:
Man unterstützte einen kapitalfreundlichen Kurs, man befürwortete also die Bahnprivatisierung und fand den Börsengang der Bahn durchaus vertretbar.
Da war keine eigenständige Gewerkschaft mehr am Werk, da kuschelte der verlängerte Arm der Deutschen Bahn AG mit servilen Marktanbetern wie Mehdorn, Grube und Pofalla.
Denen gilt Claus Weselsky, der Anführer der kleinen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), natürlich als rabiater Machtmensch, doch wie genervt man von ihm auch sein mag: Der Mann ist im Gegensatz zu anderen, die sich Gewerkschafter nennen, nicht käuflich, und sein Hinweis, dass es sich bei diesem GdL-Streik um Privatisierungsfolgen handelt, ist völlig richtig. Und alle Arbeitnehmer, die sich über Unbequemlichkeiten als Folge des Streiks aufregen, sollten bedenken, dass es ihnen besser ginge, wenn auch sie von einer Gewerkschaft vertreten würden, die das Wort Arbeitskampf tatsächlich mit Leben erfüllt.

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(c) 2021 Henning Venske