Das war’s! — War’s das? (Eine Art Chronik)

Rabe und Herr V.

Kalifat ist geil

Als Agnostiker stimme ich Voltaire zu, der meinte, das Judentum sei nicht einfach nur eine Religion, sondern die Wurzel allen religiösen Übels. Ohne Judentum gäbe es kein Altes Testament und kein aus einer Prophezeiung hergeleitetes Christentum. Und es gäbe auch keinen aus Judentum und Christentum plagiierten Islam und nicht jene Kräfte des „islamischen Dschihad“, die „Die Protokolle der Weisen von Zion“ auf ihre Website stellen, dieses von christlich-orthodoxen Vollidioten ersonnene Hirngespinst, die meinen, ganz Spanien sei ein dem Islam gestohlenes Land, doch man würde sich zur Not auch mit der Rückgabe Andalusiens zufriedengeben. Aber man will ja nicht unbescheiden erscheinen, und so wäre – folgt man den Anregungen akademischer (und „linker“) studentischer Kräfte – auch die Ausrufung eines Kalifats in Berlin für’s erste eine angemessene und friedensstiftende Politik.

Es ist ja beeindruckend und auch herzzerreißend, wie diese jungen dynamischen und gottesfürchtigen IS-Muslime auf Deutschlands Straßen ganz ohne Feuer & Schwert gegen eine aufgehetzte Polizei um mehr Menschlichkeit kämpfen! Wie sie, die gegen ihren Willen in Deutschland festgehalten werden, sich den schrecklichsten Zwängen unterwerfen müssen: lästigen Sprachkursen, unerträglichen Verkehrsregeln, einem bürokratischen Asylbewerberleistungsgesetz, das sie Tag für Tag fertig macht, demütigenden Sozialleistungen, die nicht mal für anständige Klamotten reichen, diese ganze schweinische Wertediktatur, dazu kommt die brutale Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die vielen unanständigen Frauen in kurzen Röcken und mit offenen Haaren. Da ist doch alles nicht auszuhalten! Und wenn er mal krank wird, der IS-Muslim, muss er sich von einer unverschämten Krankenschwester oder – Allah behüte – von einer unreinen Ärztin behandeln lassen, deren Kittel womöglich auch noch einen Blick auf den Brustansatz frei gibt. Da kommt natürlich Sehnsucht auf nach einer reibungslosen Zwangsverheiratung und den dazu gehörenden Ehrenmorden. Aber hier in Deutschland hat der junge IS-Muslim ja nicht mal das Recht, sich von einer jesidischen Freiheitskämpferin ganz normal erschießen zu lassen… Und schlimm ist es auch, Tag für Tag niemandes Würde antasten zu dürfen – nichtmal Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Queere und Intersexuelle, darf man zusammenschlagen, diese sogenannten LGBTQIA-Kreaturen: das ist für normale Menschen wie die IS-Muslime unzumutbar, das hat auch Allah so nicht gewollt…

Die Fahnen und die gereckten Fäuste und Solidaritätsbekundungen der IS-Muslime mit Hamas, dieser humanistisch geprägten Befreiungsbewegung, die so demokratisch ist, dass sie seit 2006 keine Wahlen in ihrem Herrschaftsgebiet abhalten musste, versetzen die Ungläubigen in aller Welt in Aufregung. Gut so! IS-Muslime weisen darauf hin: Hätte die palästinensische Bevölkerung vor 18 Jahren statt Hamas die Softies von der Fatah gewählt und die PLO, diese Umfaller, die letztendlich die Juden nicht ins Meer schmeißen, sondern das Existenzrecht Israels anerkennen und den Terrorismus als politisches Mittel abschaffen wollten, dann gäbe es möglicherweise die phantastischen Tunnel in Gaza nicht, man könnte keine Raketen auf Israel abfeuern, das Volk Palästinas hätte niemals die großzügige Unterstützung der iranischen Theokraten erfahren und wäre heute weiter denn je von seiner Freiheit und Unabhängigkeit entfernt…

IS-Muslime bewundern Hamas für ihren Durchhaltewillen – es war ja von vornherein klar, dass so ein Massaker wie das am 7. Oktober 2023 in Israel schwere Nachteile für die Organisation selbst und schreckliche Folgen für die Bewohner des Gazastreifens nach sich ziehen würde. Na und?
Wir müssen alle unseren Beitrag leisten und Opfer bringen. Es geht um Befreiung! Und Befreiungsaktionen liegen allen IS-Kämpfern traditionell im Blut – die Flugzeugentführungen der siebziger und achtziger Jahre, das Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München, die Märtyrer mit den Sprenggürteln in den Schulbussen, der Bombenanschlag 1994 auf ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires, die effektiven LKW-Fahrten in Berlin und Nizza, die überaus erfolgreichen Attacken in Paris – das alles und noch viel mehr können freiheits- und selbstbewusste IS-Muslime von Herzen feiern. Jedes Blutbad ist ein Grund für Straßenparties, fröhliche Gesänge und die Verteilung von Süßigkeiten. Auch anlässlich der 3000 Toten am 9/11 im Jahre 2001 starteten in den Straßen von Gaza Freudenfeste – obwohl an jenem Fliegerangriff gar keine palästinensische Organisation beteiligt war.

Die IS-Muslime gratulieren Hamas, weil sie den strategischen Aktionsradius äußerst phantasievoll ausgedehnt hat: Keine afrikanische und keine südamerikanische Befreiungsarmee, ja nicht einmal die FNL (die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams) alias der Vietcong, wären jemals auf die tollkühne Idee gekommen, ein Musik-Festival à la Woodstock im Stil der Hamas anzugreifen…

Heute fordern die IS-Muslime die Hamas auf, sich „Muslim Interaktiv“ anzuschließen mit dem Ziel, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ein Kalifat zu erschaffen! Europa braucht einen EU-Kalifen, der als „Stellvertreter Gottes auf Erden“ die weltliche und die geistliche Führerschaft innehat, was aufs angenehmste erinnert an die Machtfülle der christlichen Päpste im Mittelalter: Statt wie damals die Inquisition mit Scheiterhaufen voran zu bringen, setzen die Jungs von der IS-muslimischen Sittenpolizei schon bald in ganz Europa die Sharia durch, und zwar mit den überaus beliebten Steinigungen. Und damit löst das Kalifat dann zweifellos auch das Flüchtlingsproblem…

13. Mai 2024



Die Überschrift einfach weglassen – das ist Freiheit

1.
„Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden. Nur unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten war es mir möglich, dem deutschen Volk Stück für Stück die Freiheit zu erringen und ihm die Rüstung zu geben, die immer wieder für den nächsten Schritt als Voraussetzung notwendig war … Es war nunmehr notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, dass es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden können, mit Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen. Dazu war es aber notwendig, nicht etwa nun die Gewalt als solche zu propagieren, sondern es war notwendig, dem deutschen Volk bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, dass im Gehirn der breiten Masse des Volkes ganz allmählich die Überzeugung ausgelöst wurde: Wenn man das eben nicht im Guten abstellen kann, dann muss es mit Gewalt abgestellt werden.“
Wer hat’s gesagt?
Der Hofreiter Toni? Frau Göring-Eckardt? Frau Baerbock? Frau Ricarda Lang? Frau Claudia Roth, Herr Cem Özdemir, Herr Robert Habeck oder Herr Omid Nouripour? Oder, auch sehr naheliegend, Frau Strack-Zimmermann?
Alles falsch: Es war Herr Adolf Hitler im November 1938.

2.
„Oh Freiheit, welche Verbrechen begeht man in deinem Namen!“ – sagte Madame Roland, eine der Aufklärung verbundene kluge Frau, kurz bevor man ihr im November 1793 auf der heutigen Place de la Concorde den Kopf abschlug.
Nunja, Freiheit ist ein dehnbarer Begriff – an jeder Ecke versteht man was anderes darunter. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden in Deutschland traditionell eher gering geschätzt. „Deutsche Werte“ wie Ordnung, Zucht und Innerlichkeit standen immer etwas höher im Kurs. Wir wissen genau: Der einfachste Weg, jemandem zu erklären, was „Freiheit“ ist, ist ihn einzusperren.
Gott sei gelobt – die Zeiten sind vorbei, in denen unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt werden musste. Heute können wir uns darauf beschränken, einen militärischen Schutzwall von Königsberg bis Palermo zu errichten. Und diesmal stehen die Wachen auf der richtigen Seite!

3.
Gewiss – „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sind relativ erstrebenswert. Einigkeit und Recht sind aber nicht das Thema, heute weisen wir darauf hin, wie frei man ist, wenn man den Geschmack von Freiheit mit einer Zigarette inhaliert, wie einen das Freiheitsfeeling umweht, wenn man am Wochenende in lieblicher Landschaft auf der Harley durch schlafende Dörfer reitet, und wie grenzenlos die Freiheit ausfällt, wenn man den Stau wenigstens in einem SUV aussitzt. Wie erfreulich ist es, dass man Freiheit kaufen kann – ganz einfach online in einem Reisebüro. Mehr Freiheit muss nicht sein… Aber eins hätte ich gern gewusst: Wie hätte die DDR wohl reagiert, wenn Menschen per Reisefreiheit zu ihr rein gewollt hätten statt raus?
Na gut, Menschen auf der Flucht – da sind schon einige Einschränkungen nötig, sonst verliert die Freiheit der Eingeborenen ihren Wert…

4.
Seit Perikles ist allgemein bekannt: Demokratie und Freiheit sind Gegensätze! Dieser Gedanke ist leicht nachzuvollziehen: Je größer die Freiheit des Kapitals, desto eingeschränkter die demokratischen Rechte derer, die nichts besitzen. Und: Je ausgeprägter die Staatssicherheit, desto beschnittener die Bürgerrechte. Oder: Gab es schon mal einen demokratischen Innen- oder Justizminister, der die Freiheit der Bevölkerung ausgeweitet hätte? Nein, gab es nicht. Nicht mal Heinemann…
Wir können, nein müssen noch einen Schritt weiter gehen und einen Blick ins Schatzkästlein der FDP werfen: Je freier die Demokraten, desto ärmer das Prekariat. Wer glaubt, demokratische Freiheit sorge bestimmt für soziale Gerechtigkeit, der beauftragt auch einen Höcke mit der Entnazifizierung der AfD.

5.
Alles nicht so schlimm – die meisten Menschen sind ohnehin bereit, auf Freiheitsrechte zu verzichten, wenn sie nur ihr Eigentum behalten dürfen: „Hauptsache, die Würde meines SUV bleibt unangetastet.” Und diejenigen, über die so viel geredet wird, nicht eingebürgerte muslimische Flüchtlinge zum Beispiel oder Obdachlose, nehmen an demokratischen Entscheidungsprozessen gar nicht erst teil. Die Freiheit haben sie…

6.

Wahlplakate enthalten bekanntermaßen Dummheit, Anmaßung und Etikettenschwindel. Aber manchmal auch ein Geständnis: Ein Vermögen (…Kohle) machen – das zählt!

10. Mai 2024


Erinnerung an Olafs Fest der Demokratie

Demonstrationen gegen AfD und Rechtsradikale: schön + gut!
Aber was ist mit Demonstrationen gegen eine Zusammenrottung von Regierenden, die eine ausbeuterische, militaristische, ausländer- und umweltfeindliche Politik vertreten?

Politiker und Polizeiführung, aber auch alle Menschen mit Verstand wussten vorher, dass es 2017 bei diesem G20-Gipfel zu Gewalttätigkeiten kommen würde. Deshalb waren Polizistinnen und Polizisten erstklassig ausgerüstet: Glasfaserhelme, Sicherheitsschuhe, flammenabweisende Unterwäsche, Genitalschutz, Arm- und Beinprotektoren, Schutzweste mit Metallplatten – man musste schon froh sein, dass sie sich nicht auch noch einen Rammbock vor den Bauch geschnallt hatten. Nie zuvor waren in einer deutschen Stadt so viele Polizisten versammelt, um den Bürgerinnen und Bürgern so wenig Schutz zu bieten: Es waren rund 33.000.

Nach dem Sieg über den Schwarzen Block (über 300 böse Outlaws) und andere Demonstranten stand die Bevölkerung Hamburgs vor den rauchenden Trümmern ihrer Stadt, und es schien den Menschen ratsam, Hamburg an anderer Stelle neu zu errichten. Man war sich schnell einig: Als Grundstück für den Wiederaufbau empfahl sich das Gelände des Berliner Hauptstadtflughafens. Die Trümmer an Elbe und Alster sollten jedoch liegen bleiben als Mahnmal für die Opfer der Sozialdemokratie.

Der regierende Hanseaten-Bürgermeister Olaf, von Hause aus Jurist, hatte schon vor Beginn des Gipfels gefordert, alle, die sich gegen sein sogenanntes „Fest der Demokratie“ zu versündigen die Absicht hätten, müssten mit „sehr schweren Strafen“ rechnen, und später stellte er im Norddeutschen Rundfunk fest: „Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise.“ Weiter sagte er, das Wort „Polizeigewalt“ dürfe man gar nicht in den Mund nehmen, denn das sei ein Kampfbegriff der Linksextremen. Da redete er allerdings extremen Blödsinn: „Polizeigewalt“ ist ein Begriff aus der Kriminologie, der die physische Gewalt von Polizisten beschreibt, die das Prinzip der Verhältnismäßigkeit missachten. Und dieser Begriff wird von Professoren, Gutachtern und von Mitgliedern aller Parteien im Bundestag benutzt. Aber das muss ein Bürgermeister ja nicht wissen… Hoffen wir, dass mittlerweile irgendjemand dem dummen Olaf wenigstens erklärt hat, was man unter „Denunziation“ versteht…

Seit diesem G20-Gipfel ist es ratsam, Demonstrationen zu meiden, die Polizei und Obrigkeit nicht in den Kram passen, will man nicht schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Einfache Zuschauer, auch wenn sie minderjährig sind, können damit rechnen, wegen Landfriedensbruch auf Verbrecherfotos in Tageszeitungen zur Treibjagd freigegeben und an den Onlinepranger im Internet gestellt zu werden…

Da bleibt eigentlich nur noch eine kleine Frage zu stellen: Kann jemand drei für die Menschheit nützliche Vereinbarungen aufzählen, die auf diesem G20-Gipfel 2017 beschlossen wurden? Zwei? Eine? Keine?
Olafs „Fest der Demokratie“ war wirklich ein Riesenerfolg.


In diesen Tagen, sieben Jahre nach den gewalttätigen Ausschreitungen der Staatsgewalt, ist das Verfahren um den Polizeieinsatz gegen Gipfelgegner mit einem Vergleich, also ohne Urteilsspruch, zu Ende gegangen. Vor dem Verwaltungsgericht Hamburg verpflichtete sich die Stadt zur Zahlung von Schadenersatz an drei Kläger, die bei dem Einsatz von Polizisten verletzt worden waren: Eine Demonstrantin trug eine vier Zentimeter lange Platzwunde am Hinterkopf davon, die genäht werden musste. Ihrem Mitstreiter trat ein Polizist in den Rücken, als er am Boden lag, der dritten Klägerin wurde Tränengas ins Auge gesprüht.
Das Gericht kritisierte die Polizei deutlich: Der Einsatz fand statt ohne Vorwarnung, die Demonstranten wurden mit Reizgas und Schlagstöcken attackiert, mit Tritten und Fäusten traktiert. Das Gericht hat klar gemacht, „dass die Polizei nicht ohne jede Vorwarnung eine Versammlung zusammenprügeln darf“.
Die Polizei hatte im Laufe des Verfahrens einräumen müssen, dass sie die Versammlung vor ihrem Angriff nicht offiziell aufgelöst hatte. Dazu sei sie wegen der „dynamischen Situation“ nicht mehr in der Lage gewesen, sie habe den Aufzug mit Gewalt „aufstoppen“ müssen. Das Gericht wies diese Argumentation zurück. Die „Erforderlichkeit einer Gewaltanwendung von einer solchen Eingriffsintensität“ sei hier auf Versäumnisse in der Einsatzplanung der Polizei zurückzuführen. Daher sei die Gewalt „nicht als angemessen“ zu sehen. Die Absurdität der Argumentation ist schwer zu überbieten, wenn die Polizei behauptet, sie müsse eine friedliche Demonstration erst gewaltsam zusammenknüppeln, bevor sie diese rechtskräftig auflösen könne. Wegen der Vielzahl ähnlicher Fälle während der G20-Proteste kann auch Olaf nicht protestieren, wenn man von einem „systematisch rechtswidrigen Vorgehen“ der Polizei spricht.

Es ist ein schönes Schuldeingeständnis von Stadt und Polizei Hamburg, sich auf die Schadenersatzzahlung eingelassen zu haben. Ich denke, das haben sie getan aus Angst zu verlieren.

17. April 2024


Zum Geburtstag Viel Glück

In diesen Wochen feiert die NATO ihren 75. Geburtstag. Dafür sieht sie ganz schön alt aus. Ich mit meinen 85 wirke jedenfalls wesentlich jünger. Trotzdem von allen Seiten: Buono anniversario, Feliz cumpleanos, joyeux anniversaire, In bocca al lupo, Dogum günün kutlu olsun, S dnjom roshdenja, Paljon onnea syntymäpäivänäsi, Feliz aniversario, Chestit rojden den, La multi ani, Otanjou-bi omedetou gozaimasu, Saeng il chuk ha ham ni da, Sretan rodendan, Vsechno nejlepsi k tvym narozeninam, Sheng ri kuai le, Palju onne sunnipaevaks, Tavalodet mobarak, Din ki badhai, Srecan rodjendan, Vse najboljse za rojstni dan, Wszystkiego najlepszego, Efticharismena gennethlia und Happy Birthday to You! Ich wünsche diesem Verein ein gnädiges Ende.

Warum hat die NATO es nicht bei der Lieferung von Stahlhelmen, Operationsbestecken und Schlafsäcken belassen? Jetzt hat sie den Schlamassel: Die Ukraine ist in über zwei Jahren Krieg dem Endsieg keinen Zentimeter näher gekommen, hat trotzdem viele tausend Menschen verloren, jammert immer lauter um immer mehr Waffen, und die westliche Propaganda hat viel zu tun, um zu bestreiten, dass die NATO einen großen Beitrag zur Eskalation der Truppenaufmärsche geleistet hat und mitverantwortlich ist für’s Kriegsgeschehen.

Strategen von barbarossischer Kompetenz dominieren Leitartikel, Nachrichten, Podcasts und Talkshows. Sie bezweifeln, dass Russland es mit den 32 NATO-Staaten aufnehmen will und kann, sie schließen aber auch nicht aus, dass sich China und Iran, eventuell auch Indien, im Fall eines heißen Krieges auf die Seite Russlands schlagen werden, sie warnen davor, sich in diesem Fall auf die USA zu verlassen – denn die haben schon genug damit zu tun, Taiwan beizustehen, obwohl diese Insel laut UN Resolution zu China gehört und auch keinen Sitz in der UN hat – und sie halten es für möglich, dass die NATO als Bundesgenosse der USA den Krieg mit China um die Freiheit Taiwans im südchinesischen Meer ausfechten möchte.

Maskierte Ukrainer schicken deutsche Spezialkräfte an die Front

Mitten in die NATO-Geburtstagsfeierlichkeiten platzte die Nachricht, die Russen hätten ein Telefonat zwischen vier ranghohen deutschen Offizieren – 2 Generale, 2 Oberstleutnante – abgehört. Na sowas aber auch… Der eine der Gesprächsteilnehmer heißt übrigens genauso wie ich – jetzt hoffe ich nur, die Russen kennen den Unterschied zwischen „F“ und „V“ und verwechseln uns nicht…
Na gut, Ost und West hören sich täglich auf subalternen Stufen gegenseitig ab. Das war schon im kalten Krieg so. Mittlerweile kann man das Transkript dieses Telefonats auch gedruckt nachlesen, zum Beispiel im Schweizer Wochenmagazin „Die Weltwoche“ vom 6. April 24 unter der Überschrift „Stell dir mal vor, das kommt an die Presse (Hier lesen Sie, wie deutsche Spitzen-Offiziere den Anschlag auf die Krim-Brücke planen“). Die Lektüre ist ein bisschen qualvoll – das liegt vor allem daran, dass die intellektuelle Qualität dieser wertewestlichen Kameraden allzu deutlich in Erscheinung tritt und ihr unsäglicher English-Pidgin-Jargon ausgesprochen lesefeindlich ist. Aber vielleicht ist diese Verständigungsart notwendig, wenn man sich über „imagezentralisierte Missionsplanungsdaten“ austauscht.

„Da komme ich dann drauf, dass es so zwei interessante Targets halt gibt: einmal so eine Brücke im Osten und einmal Mun-Depots, wo wir reinkommen. Die Brücke im Osten ist halt schwer zu erreichen, und die Pfeiler sind relativ klein, und das kann halt der Taurus darstellen, und die Mun-Depots – da kommen wir halt durch. … That being said, wenn ich aber mir so eine Brücke anguck’, da, wo ich drauf kommen wollte, ist, dass der CEP von Taurus nicht ausreicht, um die einfach so zu targeten“ … Klar, jeder Job zieht bestimmte Charaktere an. Welcher Typ bei der Truppenführung gefragt ist, wird hier deutlich. Doch wir sehen natürlich ein, dass ein General mindestens einmal in seiner Berufslaufbahn das machen will, was er gelernt hat. Ein ganzes Berufsleben lang nicht in die Tat umsetzen zu dürfen, wofür man ausgebildet ist – furchtbar…

Das Telefonat offenbart also, welche Optionen deutsche Spitzen-Offiziere zwischen ihren Ohren bewegen, um die rund 18 km lange Kertsch-Brücke von der Krim zum russischen Festland mit Taurus-Marschflugkörpern platt zu machen. Sie überlegen, wie Bundeskanzler, Verteidigungsminister und irgendein Ausschuss manipuliert werden können, und sie stellen und beantworten wichtige Fragen:

„Kann man den Krieg pullen, dass man unsere Leute abstellt zu MBDA, dass nur eine Direct Line zwischen der MBDA und der Ukraine ist? Dann ist es weniger schlimm, wie wenn die Direct Line unserer Luftwaffe zu ihnen ist“. (Hinweis des Verf.: Die MBDA Deutschland GmbH ist ein Rüstungsunternehmen mit Sitz im bayerischen Spargeldorf Schrobenhausen; das Unternehmen entwickelt, produziert und wartet Luftverteidigungs- und Lenkflugkörpersysteme.)
Weitere Fragen:
„Können wir eine Datenbank liefern? Können wir Satellitenbilder liefern? Können wir Planungsstation liefern? Das müsste dann neben den reinen Flugkörpern, die wir haben, ja alles über die Industrie oder über die IABG laufen“. (Hinweis des Verf.: Die IABG ist ein deutsches Analyse- und Testdienstleistungs-Unternehmen in Ottobrunn bei München, tätig für Luft- und Raumfahrtindustrie sowie Verteidigung und Sicherheit.)
Oder:
„Wenn wir uns denn mal politisch entscheiden würden, die Ukraine zu supporten damit, wie könnte denn die ganze Nummer am Ende laufen?“
Antwort:
„Die TSG sagt, dass sie das machen können mit nem Zeitansatz von ungefähr sechs Monaten…“
(Hinweis des Verf.: Die TAURUS Systems GmbH bietet komplette Betreuungslösungen über den gesamten Lebenszyklus jedes Waffensystems.)

Das einfachste, um ukrainische Soldaten fit zu machen für das Abfeuern von Taurus und anderen Raketen ist natürlich: „Die Industrie bildet aus, wie bedient man das System, und wir stellen Leute dazu, die das ganze taktisch supporten“. Hauptsache, „die deutschen Hoheitsabzeichen“ kommen rechtzeitig „runter und so“. Aha. Nebenbei erfahren wir dann auch, dass in der Ukraine viele Leute mit amerikanischem Akzent in Zivilklamotten rumlaufen, aber am wichtigsten ist den Herren, wie man die für den Taurus-Start notwendigen Daten in die Ukraine schafft: „Das kann man theoretisch sogar aus Büchel machen mit einer sicheren Leitung in die Ukraine rüber, den Datenfile rüber transferieren, und dann wäre er verfügbar, und man könnte es gemeinsam planen. (Hinweis des Verf.: Der Fliegerhorst Büchel liegt in Rheinland-Pfalz und dient dem Taktischen Luftwaffengeschwader 33 als Basis.) … Wenn man jetzt politisch Sorge hätte, dass diese Line von Büchel direkt nach Ukraine eine zu direkte Beteiligung ist, könnte man dann auch sagen: Okay, das Datenfile wird bei MBDA gemacht, politisch jetzt halt vielleicht was anderes, wenn der Datenfile von der Industrie kommt … Wir müssen halt aufpassen, dass wir nicht gleich zu Beginn im Kriegskriterium formulieren. Wenn wir dem Minister jetzt sagen … wir planen die Daten und fahren sie dann von Polen aus mit dem Auto rüber, damit es keiner mitkriegt – das ist ein Kriegskriterium … Die Frage wird sein, wo kommen die Daten her … Wenn es um die Zieldaten geht, die idealerweise mit Satellitenbildern kommen, weil dadurch gibt es dann die höchste Präzision, dass wir also unterhalb von drei Metern Genauigkeit haben“… Usw.

Wahrscheinlich ist der Eindruck falsch, dass Krieg bloss ein Spiel für gelangweilte Militärs ist, die mit dem Leben von Soldaten spielen und nebenbei die Rüstungsindustrie ankurbeln. Aber dass diese führenden Militär-Personen über das gleiche Intelligenz-und Bildungs-Niveau sowie die gleiche außergewöhnliche Fach-Kompetenz verfügen wie wir sie von den Personen der politischen Führung kennen – dieser Eindruck ist vermutlich richtig.

Was beide Berufsgruppen gerne übersehen, ist Artikel 26 des deutschen Grundgesetzes. Der besagt, dass
Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorbereiten, verfassungswidrig sind.
Dies stellt eine klare Verpflichtung dar, keine Handlungen zu unternehmen, die Krieg provozieren könnten…

Doch wir lassen uns unsere Mythen nicht ruinieren, schon gar nicht die der NATO: Einsatz für Völkerrecht und Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit begründet den großen Mythos von der Wertegemeinschaft. Wir sind, wie unsere Vorfahren, der festen Überzeugung, dass der Mensch zwar im Frieden keinesfalls andere Menschen umbringen darf, im Krieg jedoch auf Befehl so viele Menschen wie möglich umbringen muss. Und außerdem hat der Mensch im Krieg auch noch die Pflicht, sein Recht auf Leben (einen Höchstwert der Verfassung) aufzugeben und sich umbringen zu lassen. Leute, die deswegen abhauen wollen, werden eingefangen, Deserteure werden eingesperrt, und sogenannte Kollaborateure fallen geheimdienstlichen Attentaten zum Opfer.

Der Präsident und politische Kriegsherr der Ukraine verteidigt die Souveränität und territoriale Integrität seines Landes gegen den russischen Angriff und schwört, mit dem Kriegführen nicht eher aufzuhören, bis die Russen von jedem Meter ukrainischen Bodens, einschließlich der Krim, vertrieben sind. Getötet und gestorben wird also dafür, dass die Macht der Regierung in Kiew bis nach Donezk und Sewastopol reicht und sich im beanspruchten Hoheitsgebiet keine andere politische Herrschaft breit macht. Seine Machtansprüche begründet der Präsident nicht, die Verkündung des Kriegsziels ist ihm Rechtfertigung genug.

Selbstverständlich lässt sich vom russischen Staat und seinen Machtansprüchen dasselbe sagen:
Eine hochgerüstete NATO-Ukraine an seiner Westgrenze versteht dieser Staat als Angriff auf den russischen Weltmachtstatus. Und für ihr Geltungsbedürfnis opfert jede Weltmacht bedenkenlos seit jeher massenhaft Leute, die nie gefragt werden, ob sie darin eine Wertsteigerung ihres Lebens sehen.

11. April 2024


Ein bisschen Frieden… kaufen!?

Aus reiner Routine rufen Katholiken und Protestanten an Weihnachten und Ostern immer zu mehr Menschlichkeit auf – und jedes Mal wieder entfährt es mir: Um Gotteswillen – noch mehr…?
Und dann muss ich auch noch die deutsche Bildungsministerin ertragen, eine offenkundig unterbelichtete FDP-Dame mit dem schneidigen Doppelnamen Stark-Watzinger, die Schulen in der Verantwortung sieht, junge Menschen auf den Kriegsfall vorzubereiten. „Ziel muss sein, unsere Widerstandsfähigkeit zu stärken“ , sagt sie, junge Menschen müssten die Bedrohungen der Freiheit kennen und mit den Gefahren umgehen können, und dafür will sie das Verhältnis der Kids zur Bundeswehr entkrampfen. Wie Gaga darf man heutzutage sein? Na gut, den Angehörigen meiner Generation wurde in den 50er-Jahren noch beigebracht, bei einem Atombombenalarm sofort unter die Schulbank zu kriechen oder – im Freien – die Schultasche über den Kopf zu halten – das war auch ziemlich bekloppt… Aber offenbar ist es immer noch zeitgemäß, Kindern Angst zu machen und ihnen Feindbilder einzuimpfen. DDR-Wehrkunde-Unterricht reloaded? Oder eine direkte Kriegsvorbereitung mit Luftschutzübungen, womit man bei der HJ und auf den Napolas so einzigartige Erfahrungen gemacht hat?

Modifizieren wir also die reaktionären Überlegungen dieser Bildungsministerin mal ins Modern-Kapitalistische. Natürlich sollen Kinder nicht nur in der Schule, sondern auch via Instagram eine coole und profitorientierte Einstellung zu Rüstung, Bombardierung und Kapitulation entwickeln. Dafür empfiehlt es sich, ein zeitgemäßes Unterrichtsfach zu kreieren: „Kriegskunst dank VWL+BWL“, in dem mit Pulverdampf romantisch parfümierte Jugendoffiziere ihre jugendlichen Follower davon überzeugen, dass im global agierenden Kapitalismus Probleme nicht gelöst, sondern eingepreist werden. Und das Lernziel ist erst erreicht, wenn auch das letzte Migrantenkind begriffen hat, dass Kriege letztlich nur aus Geldgier geführt und mittels Geld verhindert werden können.

Der Ukraine-Krieg hat allein Deutschland rund 240 Milliarden Euro gekostet. Bislang. Vermutlich werden die jungen Menschen, digital gerüstet und KI-gestützt, leicht und locker feststellen, wie lange sich das Sterben der Ukrainer und die Zerstörung ihres Landes noch rentieren wird, wie teuer jeder erschossene Russe die westlichen Volkswirtschaften kommt, wieviele neue White-Stuff-Wildleder-Sneaker deutsche Jugendliche sich dafür kaufen können, und dass es sich durchaus lohnen würde, diesen Krieg in der Ukraine mit finanziellen Transaktionen aus der Welt zu schaffen. Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen sich endlich von so mittelalterlichen Wegwerf-Ideen wie Bündnistreue, Heimatschutz, Ehre, Rache, Verteidigung moralischer Werte usw. verabschieden und realisieren: Das alles ist obsolet, ist aufgesogen von der Frage „Rechnet sich das?“ Es ist an der Zeit, kriegsgeilen Politikern, mordlüsternen Militärs und der absolut gewissenlosen Rüstungsindustrie und ihren Lobbyisten für ihre idiotischen Aktivitäten einen finanziellen Ausgleich anzubieten.

Ich vermute, verantwortungsbewusste und betriebswirtschaftlich orientierte Jugendliche werden ganz schnell auf die Idee kommen, diesen Kriegsgewinnlern per Dauerauftrag einfach die gesamte deutsche Kirchensteuer zu überweisen – das sind jährlich etwas über 13 Milliarden €, steuerfrei, aber für mehr Menschlichkeit…

Naheliegend, dass die jungen Business-Profis außerdem schon bald feststellen werden: Jährlich werden angeblich in der EU mehr als 600 Milliarden Euro für Bildung ausgegeben, ohne dass sie davon wirklich etwas merken. Wenn die EU-Länder diesen Luxus mal einige Jahre auslassen und die Summe den Russen auf’s Konto schieben, richtet das im Westen nur vergleichsweise geringen Schaden an, und die Russen werden den größten Teil des Geldes zweifellos beim Shoppen auf den Champs Elysee und bei Lidl in Frankfurt/Oder wieder im Westen abliefern.

Natürlich ist nicht zu erwarten, dass die Russen ihrerseits dem Westen Geld anbieten, damit der keine Waffen mehr in die Ukraine liefert: Russland hat kein Geld, denn das ist im Westen eingefroren. Aber Russland könnte seine eingefrorenen 210 Milliarden Euro plus etwa 4,4 Milliarden Euro an Zinsen bedingungslos der Europäischen Zentralbank überlassen, und wenn es dann noch signalisiert, die Hälfte der Krim wieder aufzugeben, hätte man schon mal eine Verhandlungsbasis. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die Russen ihr Land verkaufen: 1867 haben sie Alaska an die USA verschachert – 1,6 Millionen km² für 7.200.000 US-Dollar. Unter Berücksichtigung des Inflationsausgleichs wäre das doch ein akzeptabler Deal…

Es böten sich aber auch noch andere Finanzierungsmodelle an: Nach dem Modell des Emissionshandels mit verpesteter Luft könnte man den Waffenhandel minimieren, auch wäre es reizvoll, die Olympischen Spiele auf die Kampfsportarten zu beschränken und dabei nur noch Politiker*innen teilnehmen zu lassen, und die Kosten aller Raumfahrtanstrengungen für die Beseitigung von Kriegsursachen (Umwelt, Hunger usw.) aufzuwenden, das wäre wohl auch kein ganz schlechter Gedanke.

Ausgehend von dem Wissen, dass der Kapitalismus eine kriminelle Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist, von der wir alle profitieren, werden junge Kriegs – BWLer vermutlich auch die Mafia in ihre Überlegungen einbeziehen, wenn es darum geht, kriegerische Auseinandersetzungen, „militärische Sonderoperationen“ und so genannte „humanitäre Interventionen“ zu vermeiden. Demnach ist dann die sicherste Methode, weder von den USA, noch von europäischen Mächten oder von Russland und China angegriffen zu werden, die Bereitschaft, diesen Mächten Schutzgeld in ausreichender Menge anzubieten… Dazu passt eine Tagesschau-Meldung, in der es hieß: „In Hamburg hat die Steuerfahndung im vergangenen Jahr 100 Millionen Euro zusätzlicher Einnahmen für die Stadt erzielt. In Zukunft soll Künstliche Intelligenz (KI) bei der Steuerhinterziehung unterstützen“. Das erweckt die Hoffnung, dass kleinere Konflikte in Zukunft von Hamburger Millionären mittels Schwarzgeld beendet werden…

Wir sehen also – es ist sinnvoll, unsere jungen Menschen zu kapitalistischen Hoffnungsträgern zu erziehen: Zwar betrachten sie die Akkumulation von Gewinn und Eigentum als fundamentale Säulen ihrer Existenz, aber im Gegensatz zu krassen Materialisten halten sie Innovationen als Ausdruck ihres menschlichen Geistes für unverzichtbar. Und es bleibt zu hoffen, dass auch unsere jungen Physiker in die Puschen kommen und schnellstmöglich die sogenannte Anti-Materie auf den Markt bringen. Ein Gramm Antimaterie soll bis zu 800 Milliarden Euro kosten. 800 Milliarden € zu kassieren für Nichts – das wäre mal ein gutes Geschäft. Ob eine Investition dieser Summe für die Abschaffung aller Kriege ausreichen und einen dauerhaften Weltfrieden schaffen kann – mal sehen… Aber um die deutsche Bildungsministerin aus Gründen der Menschlichkeit zu feuern – dafür wird’s reichen.

30. März 2024


Wieder Daheim

Retour aus jenem heiteren Land, wo’s rechtsradikale Bürgermeister gibt und ein eitel-geschwätziger Präsident Bodentruppen in die Ukraine schicken will, wo andererseits das Verkehrsministerium den „Code de la Route” bestimmt und nicht die Verkehrsschilder-Industrie, nach zwei Monaten in la douce France, wo picobello saubere Toilettenhäuschen in ausreichender Anzahl das Leben aller Menschen erleichtern, ohne aus ihrer Notdurft ein Scheiß-Geschäft zu machen, drängt es mich, meine Abwesenheit aufzuarbeiten, und ich sehe als erstes: Frau Strack-Zimmermann marschiert mit Herrn Hofreiter Huckepack zur deutsch-russischen Grenze, um dort persönlich für Abschreckung zu sorgen:

Des weiteren stelle ich fest: Der bayerische Ministerpräsident ist immer noch im Besitz aller Unfähigkeiten, die seine Stellung erfordert, der christdemokratische Oppositionsanführer versucht immer noch, seinen Mangel an Intelligenz durch Überheblichkeit auszugleichen, der Verkehrsminister ist der einzige, der es immer wieder schafft, lebendig einzuschlafen und tot aufzuwachen, der Gesundheitsminister hat nach wie vor im Angebot: Alle Kassen, keine Sprechstunde, der Kanzler versichert, von allem, was er in Zukunft tun wird, nichts gewusst zu haben, den Finanzminister vergisst man schon, während man noch mit ihm redet, der Nazichef von Thüringen benutzt meine Ohren immer noch als Müllschlucker für seinen akustischen Auswurf, und alle Volksvertreter sind sich einig: Die Politik darf keinen Schaden nehmen, der sich nicht rechnet.
ARD und ZDF haben das intellektuelle Schankrecht: Sie reden die Leute besoffen. Fast alle Medien bemühen sich nach Kräften, genau die Propaganda zu produzieren, die sie beim Feind so vorbildlich nachzuweisen versuchen.

Der Papst hat der Christenheit erklärt, die Ukraine solle den „Mut zur weißen Fahne“ zeigen und sich vor dem Suizid bewahren, indem sie Friedensverhandlungen zustimme. Deswegen schämt sich nun die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses als Katholikin in Grund und Boden – sie will lieber bis zum letzten Ukrainer kämpfen lassen. Dieser Meinung ist auch die Außenministerin – die steht nach eigener Aussage auf den Schultern von Joschka Fischer und der Generation der Großväter, zu der auch ihr eigener SS-Opa gehört. „Ich verstehe es nicht in diesen Zeiten“, kommentierte sie die Papst-Äußerung. Vielleicht sollte ihr mal eine aufgeweckte DDR-Bürgerin klar machen, dass es durchaus angenehmer ist, unter russischer Besatzung zu leben als tot im Straßengraben zu liegen.

Und immer wieder bemüht sich der christlich-demokratische Oberst a. D. und CDU-„Verteidigungsexperte“, eine politische Belanglosigkeit im XXL-Format, aber mit dem einprägsamen Vornamen Roderich etikettiert, um Aufmerksamkeit. Er will den Krieg nach Russland tragen und nicht mehr nur Ölraffinerien, sondern auch Bunker, Gefechtsstände und Kommandoposten angreifen lassen. Das würde auch der russischen Bevölkerung endlich klarmachen, was Krieg bedeute, sagte er. Ja, dieser Propagandaredner weiß, was Russen brauchen: Die Erinnerung an 20 Millionen Tote im 2. Weltkrieg oder auch die Belagerung Leningrads – sowas gerät ja schnell in Vergessenheit. Und dann hatte der kriegerische Roderich noch die wirklich gute Idee, die ukrainische Fahne müsse nicht neben, sondern auf dem Bundestag wehen… Nur ein Idiot kann die Unbeweglichkeit so einer Kriegstreiber- Gesinnung für aktive Friedenspolitik halten…

Kein Wunder, dass die SPD-Spitzenkandidatin zur Europawahl sogar EU-eigene Atombomben für ein gewinnbringendes Thema hält – „zur Abschreckung gehören Nuklearwaffen“ – und auch die Wehrpflicht gilt manchen wieder als Beitrag zur Konfliktlösung. Außerdem schickte der Verteidigungsminister die Kriegsmarine ins Rote Meer, um die deutsche Handelsflotte gegen die Drohnen von irgendwelchen Jemeniten zu beschützen. Ob dieser Einsatz uns Steuerzahler noch mehr kostet als die überhöhten Preise, die uns die Reeder wegen des Umwegs ihrer Schiffe in Rechnung stellen würden – das ist einem deutschen Kriegsminister traditionell wumpe.

Feuerschutz liefert ihm sicherheitshalber die Partei der Wirtschaft mit ihren stabilen vier Prozent im Rücken, die immer noch zu doof ist für Tempolimit und ein menschenfreundliches Lieferkettengesetz. Diesem gemeinschädlichen Verein ist Kinderarbeit in Afrika völlig wurscht, aber der Unternehmer, der in Asien seine Näherinnen mit Hungerlöhnen ins Elend treibt, liegt der Partei echt am Herzen. Ihr gut betuchter Chef hat sich für Sozialkürzungen ausgesprochen – ein „mehrjähriges Moratorium bei Sozialausgaben und Subventionen“ sei nötig, um mehr in die Aufrüstung investieren zu können, erklärte er. Ich wette, er besitzt Rheinmetall-Aktien…

Es ist schon ziemlich dreist, dass sich Vertreter der Regierungsparteien bei Demos gegen Rechts auf die Straße trauen, obwohl sie jede Gelegenheit nutzen, den Rechten die Wählerinnen und Wähler zuzutreiben… Und schließlich wurden wir noch darüber informiert, dass AfD-Abgeordnete doch tatsächlich Rechtsradikale in ihrem Stab beschäftigen. Na und? Ich hatte nicht erwartet, dass die Nazis ausgerechnet Antifaschisten einen Job geben.

Es ist nicht anzunehmen, dass die in diesem Text erwähnten Persönlichkeiten etwas mit dem Namen Bertolt Brecht anfangen können. Aber es wäre wünschenswert, wenn sie zur Kenntnis nähmen, dass dieser Dichter mal geschrieben hat, er „halte es für vollständig wertlos, mit Kriegshetzern zu diskutieren. (…) Das sind Feinde der Menschheit. Und sie müssen vernichtet werden, so gut man sie vernichten kann. Sonst kann die Menschheit nicht weiter existieren. Das ist im Namen der Humanität absolut notwendig…“
Zum Glück gibt es auch den Fraktionsvorsitzenden der größten Regierungspartei im Bundestag – der sorgte tatsächlich für einen Ausbruch von Vernunft im Hohen Haus, als er anregte, den Ukraine-Krieg erst einzufrieren und dann zu beenden. Ein ehemaliger Krawall-Botschafter der Ukraine in Deutschland nannte ihn daraufhin den widerlichsten Politiker aller Zeiten. Endlich ist Adolf Hitler diese Rolle los…

16. März 2024


henning venske erinnert an erich mühsam:

Sich fügen heißt lügen – von meiner Hoffnung lass ich nicht

Die Literatur Erich Mühsams ist Ausdruck einer unangepassten Lebensweise, die sich gegen die repressiven Normen und Werte einer patriarchalisch-autoritären Gesellschaft zur Wehr setzt: „Ich habe mir so eine Weltanschauung zurechtgelegt, bei der Tolstoi und Epikur gleichmäßig zu ihrem Recht kommen … Die Menschen brauchen keinen Staat … Es lebe die Freiheit.“
Vor 90 Jahren wurden in Deutschland Bücher verbrannt, so auch die Werke des Schriftstellers Erich Mühsam. Und am 10.Juli 1934 haben Nazis diesen Kämpfer für ein besseres Leben ermordet.

Der Schauspieler, Kabarettist und Autor Henning Venske liest Texte von Erich Mühsam, die heute immer noch – und gerade wieder besonders – aktuell sind, eingebunden in die Erzählung des wechselvollen Lebens dieses unbeugsamen Anarchisten und Antimilitaristen.

Dies ist der Link zum Download der Produktion:

https://www.jumboverlag.de/sich-fuegen-heist-luegen-henning-venske-liest-erich-muehsam/index.php?cNG=540d887c-f20c-11ea-948b-001c42406321&productId=3610&context=search

„henning venske erinnert an erich mühsam“ ist live zu erleben am

  • 30. April 2024 in Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg,
  • 28. Juni 2024 im Lustspielhaus München,
  • 05. Juli 2024 im Theater Combinale in Lübeck,
  • 15. Juli in Kiel im Metropol – Theater

Und schließlich werden in einigen Wochen in der wunderbaren Reihe „Perlen der Literatur“ des Hamburger Input-Verlags von Ralf Plenz Erich Mühsams „Unpolitische Erinnerungen“ neu aufgelegt.

Erich Mühsam schrieb seine „Unpolitischen Erinnerungen“ zwischen 1927 und 1929 als Auftragsarbeiten für eine Zeitung. Erst 1949 erschienen diese als Buch unter dem Titel „Namen und Menschen“. Mühsam führt die Leserschaft höchst unterhaltsam durch eine Galerie des kulturellen Lebens am Ende der wilhelminischen Epoche zu den Treffpunkten der Maler, Musiker und Dichter, den – wie er es ausdrückt – Brutstätten kultureller Innovation. In diesen Hochburgen der anti – bürgerlichen Boheme passiert die Moderne, und Erich Mühsam erzählt von den Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Er beschreibt die Bohemiens in Kaffeehaus und Kabarett, in Kegelclubs und Ateliers, in geheimen Gesellschaften, Freundeskreisen, an Kneipen-Stammtischen und in Wohngemeinschaften, er berichtet, wer mit wem verkehrt, wer welche Feste besucht, wer von wem rausgeschmissen wurde oder wer wutentbrannt das Weite suchte… Aber Erich Mühsam versteht die Boheme nie als idyllische Künstler-Welt: Die scheinbar sinnlose Exzentrik ihrer Existenz ist für ihn Ausdruck von unbändigem Freiheitsdrang.
Originalausgabe von 1927, neu bearbeitet, 320 Seiten, Leinen, 24,00 Euro, mit einem Vor- und Nachwort von Henning Venske

Erich Mühsam, gemalt von Auguste Herbin (1907), Besitz ungeklärt


PAUSE

Hier ist es schön –

aber Finsternis breitet sich aus über D. seit der vorletzten Währungsreform: Verarmung der Reichen, immer mehr Überwachung, Seuchen ohne Ende, Zusammenbrüche in der Wirtschaft, das Ende der Artenvielfalt, Bildungstiefstand, Sterben des Ökosystems, dann noch der ständig drohende dritte Weltkrieg und die permanenten Wetterkatastrophen… Der Untergang D’s kommt einfach nicht aus der Mode, im Gegenteil, sein Höhepunkt steht ihm noch bevor – das weiß jede/r, die/der in D. lebt.

Hält man sich längere Zeit 1500 km entfernt von diesem unglücklichen Land auf, ohne Fernsehen, Radio, Presse und sogar ohne Social-Media-Kontakte, kriegt man nicht täglich die volle Ladung der politischen und kulturellen Aktualität ab, ist es interessant festzustellen, an was man sich vor allem erinnert: Die großen, die alles dominierenden Wichtigkeiten. Leitkultur zum Beispiel. Und diese Masse an wundervollen Initiativen, Vorschlägen, Stellungnahmen, Ideen! Diese zahllosen Forderungen und vor allem diese Unmenge an strengen Zurechtweisungen! Zum Glück werden die meisten Themen nur sehr selten seriös bis zum Ende diskutiert – man erfreut sich eher am Vereinfachen und am Skandalisieren und geht auch keinem Gezänk aus dem Weg…

Natürlich erinnert man sich, dass „Reich gegen Arm“ ein wesentliches Thema in D. ist, und dass da weitgehend Einigkeit herrscht: Kein reicher Mensch brauchti ein Recht auf Arbeit, Kurzarbeit, Bürgergeld oder Grundrente. Nur ein Recht auf Wohlstand… Dabei fällt mir ein:

Anfang des Jahres forderte bei der „Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg“ der Handelskammer-Präsident, statt einer Verbotskultur brauche es eine Ermöglichungskultur, und er schlug eine „Hamburger Zukunftsklausur“ vor, bei der die Top-Leute aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gemeinsam über die Zukunft der Stadt beraten. Tun sie das nicht schon? Egal, jedenfalls die Sozialverbände fanden beim Handelskammermann keine Erwähnung: Die Interessenvertreter von Rentnern, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, von Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung, von Behinderten, Unfallopfern, Pflegefällen oder von Handwerkern, Mietervereinigungen und Gewerkschaften, die müssen nicht mitberaten, die haben die „Ehrbaren Kaufleute“ nicht auf dem Schirm… Aber man kann sich ja nicht um alles kümmern, schließlich sind auch manche Mittelständler in D. so arm, dass sie ihren Privatjet vermieten müssen, um sich einen Liegeplatz für ihre Yacht leisten zu können, bei zahlreichen Unternehmern bahnen sich mal wieder erste Hungerstreiks an, und unzählig viele Gastronomen sind nur noch eine von grober Missachtung, karger Entlohnung und erhöhter Mehrwertsteuer gebeutelte Randgruppe…

Und sonst? Aus der Ferne betrachtet schrumpft der Bundeskanzler auf das Format eines Schrottwichtels. Liefert er eigentlich immer noch Nichts, davon aber reichlich? Und der umtriebige Oppositionsanführer… Man vergisst tatsächlich, wie der aussah… Was ist denn aus seinem heroischen Kampf geworden, die AfD zu halbieren? Stattdessen wurde sie ja immer stärker. Und, wenn ich mich recht erinnere, forderte dieser Oppositionsführer ausgerechnet deshalb Neuwahlen. „Das war dann von der Birne schon falsch angesteuert“ möchte ich an dieser Stelle Sven Hannawald zitieren, als er das Skispringen in Bischofshofen kommentierte… Ja, so von Außen betrachtet, mutiert das Wichtige zum Lächerlichen, und wer Friedrich Merz als letzte Chance hat, ist nicht zu beneiden…

Ich möchte wetten, die Mehrheit der Bürger in D. ist nach wie vor der Ansicht, dass zu viele Migranten nach D. kommen, und sie streiten sich darüber, ob das obszöne Rückführungsverbesserungsgesetz eine
Verbesserung ist, ob das angeblich verbesserte Gesetz die Lage der Geflüchteten nicht eher verschlimmert, und wer wohl diese monströse deutsche Wortkonstruktion erfunden hat… Letzte Nacht hatte ich übrigens einen Traum, die deutsche Leitkultur betreffend: Ich träumte, eine große Zahl von Migranten sagt jeden Morgen, gleich nach dem Aufstehen, „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“. Diese überaus gutwilligen Migranten tragen das ganze Jahr über eine Zipfelmütze und feiern ununterbrochen Weihnachten: Sie bekleiden das Jesuskind in der Krippe nicht mit einer schwarz-weißen Kufija, sondern mit der putzigen Uniform eines schneidigen deutschen Panzergrenadiers, setzen ihm einen Stahlhelm auf und wickeln es in eine schwarz-rot-goldene Fahne. Und jeden Abend vor dem Zubettgehen beten sie, der Herr möge ihre Nachbarn verschonen vor dem Zuzug all jener, die sich bessere Lebensbedingungen erhoffen und im christlichen Abendland Schutz suchen vor Verfolgung, Folter und Hunger. Amen…

Und was noch? Naja, Russland und China, vermute ich, sind immer noch die Hauptfeinde, bedingungslose Unterstützung der USA ist Staatsraison, und die deutschen Medien sind so uniformiert wie seit langem nicht mehr.
Gruselig ist die Erinnerung an die Bellizisten, die in Parlament und Talkshows ihren Siegeswillen Gassi führen. Furchterregende Leute sind das, die für Krieg statt Diplomatie und Frieden eintreten, für mehr Waffen statt Bildung und besserer Gesundheitsversorgung. Sie glauben nicht nur, dass Leopard, Taurus, Kampfflugzeuge und Millionen Schuss Munition die Menschheit vor dem Ansteigen des Meeresspiegels schützen und unsere Böden und Wälder wiederherstellen, sondern auch, dass mit Stacheldraht umzäunte EU-Außenlager und die guten Beziehungen zu kriminellen Despoten den Geflüchteten in aller Welt aus ihrer Not heraushelfen…

Und was wird aus D? Es wird seinen Bewohnern viel besser gehen, wenn sie eines Tages einsehen, dass sie die Reichtümer der Welt teilen müssen. Friedlich und freiwillig. Warten wir’s ab.

4.Febr.24


MEIN KAMPF reloaded

Den Nationalsozialismus erlebte ich zum ersten Mal im Alter von 5 Jahren: Man hatte mich aus dem Zimmer geworfen, weil ich, ein notorisch schlechter Verlierer, das „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“-Brett wutschnaubend vom Tisch gefegt hatte. Nun hörte ich, ins düstere Treppenhaus verbannt, aus einem Radio irgendwo im Dunklen einen zornbebenden Fleischerhund jaulen und bellen, vielleicht war’s auch ein brüllender Drache, ausgebrochen aus dem dunkelsten Kohlenkeller, vor dessen furchterregendem Knurren, Krächzen und Keuchen man sich nicht verstecken und dessen Fangzähnen man nicht entkommen konnte. Ich hatte furchtbare Angst, obwohl ich ganz genau wusste: Das war nur der deutscher Führer, der gerade die Feinde vernichtete…

In den folgenden acht Jahrzehnten begegnete ich zu meiner Verwunderung immer wieder Gefolgsleuten dieses Brüllaffen. Nicht nur schmissigen Burschenschaftern und ihren strammen „alten Herren“, sondern Leuten aus allen Schichten und in den unterschiedlichsten Positionen: Vom Handwerker, der mühsam seinen SUV abzahlt und der schwäbischen Hausfrau, die ihre Spätzle in die Länge zieht, über die Schwadroneure am Kiosk im Thüringer Wald und die Chemnitzer Adolf-Hitler-Hooligans mitsamt ihren Kameraden in der sächsischen Justiz, bis hin zu den Landtags- und Bundestagsabgeordneten (beileibe nicht nur aus der AfD) mit ihrer SA-Mentalität und den Landräten und Bürgermeistern aus der nationalistisch – rassistischen Ecke. Sie alle legen größten Wert darauf, nicht als Nazis bezeichnet zu werden, sind es aber. Sie gebärden sich als überaus korrekte Bürger, entpuppen sich aber als Miniaturhitler, wenn sie mit ihren Wahnvorstellungen Stammtische, Vereine, Nachbarn und vor allem Leute, denen der Scheuerlappengeruch des Daseins stinkt, missionieren. Jeder kann diese Rechtsradikalen erkennen – wenn nicht an der 18 (AH) oder der 88 (Heil Hitler) auf ihrem Autokennzeichen, dann an ihrem Nazigequatsche (kursiv):

Für Hitler kam immer Deutschland zuerst.
Ausländer, vor allem Schwarze, durften sich damals nicht auf deutsche Kosten in Deutschland breit machen. Untermenschen ließ er aussortieren. Hitler sorgte für eine normale und wahrheitsgemäße Berichterstattung in den Medien.
Hitler scheute sich nicht, bei Bedarf die Todesstrafe zu praktizieren. Wat mutt, dat mutt. Jawohl, Adolf Hitler hat für Recht und Ordnung gesorgt! Er hat sich intensiv um die Jugend gekümmert, sogar um die Mädchen. Über seine Gesundheitspolitik konnte man wirklich nicht meckern. Er wusste, wie man mit lebensunwertem Leben umgeht. Zu Hitlers Zeit gab’s bei Polizei und Staatssicherheit keinen Personalmangel. International war Hitler der Einzige, der Deutschland den ihm gebührenden Platz in der Geschichte erkämpft hat. Hitler hat ja nicht nur die Arbeitslosen von der Straße geholt und die Autobahnen gebaut, nein, er hat im deutschen Volk auch den Wehrwillen total gestärkt. Dass Hitler den Krieg verloren hat, das war ja nicht seine Schuld, das lag vor allem daran, dass die alliierten Bombenangriffe überhaupt keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen haben. Holocaust? Maßlos übertrieben. Alle Zahlen manipuliert. In Auschwitz gab es keine Öfen. Außerdem war Hitler ein großartiger Architekt und Maler, weil er echt was von Kunst verstand!

Stop! Moment!

Gepeinigt von so viel Idiotie, aber auch, um eventuell zustimmendes Kopfnicken sofort abzubremsen, möchte ich energisch darauf hinweisen: „Mein Kampf“, Hitlers Opus Magnum, die heilige Schrift des braunen Gesindels, ist ein unglaublich beschissenes Buch – es ist nicht nur inhaltlich absolut indiskutabel, auch Syntax, Grammatik und Metaphern vegetieren unterhalb jeder Würde. Hitler war ein lausiger österreichischer Schriftsteller, für den die deutsche Sprache offenkundig ein unüberwindliches Hindernis darstellte. Die folgenden Hitler-Zitate (fett) kann, wer will, auf die zur Zeit stattfindenden Demonstrationen gegen die Rechtsradikalen beziehen. Hitler schrieb vor rund 100 Jahren:

In kurzer Zeit aber war ich empört , als ich das jämmerliche Schauspiel sah, das sich nun unter meinen Augen abrollte.
Schrecklich… Ich kann nur hoffen, dass sich unter meinen Augen niemals etwas abrollt, zum Beispiel Klopapier. Und weiter:
Der geistige Gehalt des Vorgebrachten lag auf einer wahrhaft niederdrückenden Höhe.
Tja, wenn der geistige Gehalt auf der niederdrückenden Höhe liegt, sinkt das Konstrukt ins Unterirdische. Woran liegt’s?
Dem irrlichternden, scheinbar tiefste Weisheit mühsam ausdrückenden Wortgeflunker, der widerlich humanen Moral – alles mit der eisernen Stirn einer prophetischen Sicherheit hingeschrieben –
Wie kann ein Wortgeflunker irrlichtern und gleichzeitig aber nur scheinbar tiefste Weisheit ausdrücken? Ach so, er versucht mit eiserner Stirn zu schreiben. Das geht natürlich nicht. Warum nimmt er nicht einen Bleistift?
Dieses Studieren kann nicht von oben herunter geschehen.
Da hat er recht. Versuch’s mal von unten hinauf, Adolf.
Die Schwierigkeit dieses besonderen Falles führte mich zu einer gründlicheren Betrachtung des Problems an sich, als dies sonst wohl in so jungen Jahren eingetreten wäre.
Das Problem ist, dass dieser Unsinn erstmal eingedeutscht werden muss.
Wer nicht selber in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen.
Ist klar – die Würgenatter hängt ihre Wäsche mit Klammern an die Leine und nicht an ihre Giftzähne.
Die Unsicherheit des täglichen Brotverdienstes erschien mir in kurzer Zeit als eine der schwersten Schattenseiten des neuen Lebens.
Ich verstehe ungefähr, was er sagen will: On the sunny side of the street gibt’s keine Schattenseite des unsicheren Brotes. Es ist alles eine Frage des Verdienstes, allerdings nicht für lange.
Die Erfahrung zeigt, dass alle auswandernden Elemente eher aus den gesündesten und tatkräftigsten Naturen bestehen als etwa umgekehrt.
Ist doch logo: Die gesündesten und tatkräftigsten Naturen bestehen aus auswandernden Elementen, oder?

Zum Glück hatte Adolf Hitler keine persönlich gezeugten Nachkommen, sonst hätten wir vermutlich nordkoreanische Verhältnisse und an der Staatsspitze eine Erbfolge wie von Kim Il-sung über Kim Jong-il zu Kim Jong-un, und die Regeln für die deutsche Sprache würden von Familie Hitler bestimmt und aus deren Reden und Schriften abgeleitet…

20. 01. 2024


Die Schweinebande

Heute, liebe Kinder, erzähle ich Euch mal was von unseren deutschen Bauern, und ich beginne in den Jahren 1945/46. Damals gab es ja noch keine Bio-Bauern oder Landwirte, die nachhaltig Lebensmittel produzierten und so die Gesundheit der Konsumenten überwachten, und die auch gern ein wenig mehr für den Liter Diesel bezahlen…
Damals zogen tausende Geflüchtete aus Ostpreußen, Pommern oder aus dem Baltikum, die vor der russischen Besatzung in die britische Zone geflohen waren, durch das Land. Dazu kamen zahlreiche Menschen aus den von der Nazi-Armee besetzten Ländern Skandinaviens, die zur Zwangsarbeit „im Reich“ gepresst worden waren und nun auf dem Weg waren Richtung Dänemark. Die Bauern, Nährstand genannt und der deutschen Scholle heimattreu verbunden, auch sturmfest und erdverwachsen, verfolgten diese Völkerwanderung mit Abscheu. Hoffentlich waren diese Städter nicht ansteckend. Unterernährung? Neumodischer Kram. So etwas wollen wir hier nicht. Jahrelang war es den fetten und hochmütigen Bauern prächtig gegangen, weil polnische und russische »Zwangsarbeiter«, im Nazi-Reich schönfärberisch „Fremdarbeiter“ genannt, die Arbeit auf den Höfen erledigt und dafür gesorgt hatten, dass die Speicher voll waren. Und nun diese Invasion von hungrigen und dreckigen Flüchtlingen, die alle um Hilfe baten …
Alle, die mal auf der Flucht waren oder aus der Heimat vertrieben, alle, die in tiefster Not einen Bauern um einen Bissen Brot gebeten haben, mussten lernen: Meide den deutschen Bauernhof! Es sei denn, du besitzt eine Schusswaffe oder ein bisschen Familienschmuck. Für deinen Siegelring darfst du möglicherweise sogar den bäuerlichen Abort benutzen. Und bringst du einen wertvollen Teppich oder einen Flügel mit, kannst du darauf hoffen, den Bauernhof mit drei Möhren oder zwei Eiern zu verlassen, ohne dass dich der Hofhund zerfleischt…
Dann aber machte das deutsche Wirtschaftswunder der Bettelei ein Ende. Zum Ausgleich durften die Bauern nun um ihrer Profite Willen die Fettleibigkeit der Bevölkerung billigend in Kauf nehmen, weil sie es nicht besser wussten, obwohl ein großer Teil von ihnen sogar ein Diplom in der Tasche hatte. Die Bauern erwiesen sich in der Folgezeit als arme, hilflose, aber auch liebenswerte Tölpel, die von einer heimtückischen Industrie, von Verbrauchern und den europäischen Behörden über den Tisch gezogen wurden, obwohl Dürre und Überschwemmung immer abwechselnd ihre Ackerflächen ruinierten und alle ihre Gesuche um ein bisschen höhere Subventionen immer wieder brutal abgeschmettert wurden, während sie selbst im Fernsehen notgedrungen nach einer opferbereiten Ehefrau suchen mussten…
Heute gilt der deutsche Bauer als größter Umweltverbrecher im Land nach dem Auto. Übelwollende Veganer behaupten, darüber würden auch keine Traktoren-Demos hinweg-täuschen, im Gegenteil, man müsse sich fragen: Wieso können Bauern eigentlich nicht zu Fuß demonstrieren, wie andere Leute auch? Und sie verlangen, man solle die ganze Schweinebande kopfüber in ihre Komposthaufen stecken.
Doch das ist zutiefst ungerecht: Die Trecker sind die Panzer der kleinen Leute, und dass die Bauern gemeinsame Sache machen mit den Klimaklebern von der letzten Generation, das ist großartig und beweist: Hier arbeiten Tradition und Moderne Hand in Hand. Und dass etliche Führungskräfte der Grünen tagtäglich im Fernsehen mit ihrem Erscheinungsbild für die Massentierhaltung demonstrieren, zeigt, wie harmonisch die Beziehung von Billigfleischtheke und politischer Verantwortung funktioniert.

Januar 2024


23/24

Auf alle Fälle sind wir genötigt unser Jahrhundert zu vergessen wenn wir nach unsrer Überzeugung arbeiten wollen. Denn so eine Salbaderei in Prinzipien, wie sie im Allgemeinen jetzt gelten, ist wohl noch nicht auf der Welt gewesen. (Goethe in einem Brief an uns via Schiller)

Täglich, also auch an der Jahreswende 23/24, stellt sich die Frage: Wovon träumen unsere vermögenden Landsleute, was wollen die Piesepampel der Ampel, was wünschen sich die christlichen Lallbacken der Opposition? Ganz einfach: Tarifverträge und Steuerfahnder möchten sie am liebsten abschaffen, Kapital- und Einkommenssteuern, Erbschafts- und Kapitaltransaktionssteuer wollen sie ächten. Sie arbeiten daran, dass Asylanträge nur noch in der österreichischen Botschaft von Nordkorea gestellt werden dürfen, und dass das Wachstumschancengesetz ad infinitum wächst. Steuergeschenke für Unternehmen und Subventionen für Weltkonzerne sind ihnen eine Herzensangelegenheit. Ihr unumstößliches Credo lautet: Niemals sollen die Armen auf Kosten der Reichen profitieren. Das Klima ist ihnen wumpe, sie sind mit dem Wetter zufrieden, sie wollen nur in verkehrsberuhigten Zonen leben: ohne Fahrräder, Busspuren und Fußgängerüberwege.
„Alle Staatsgewalt geht vom Kapital aus“ – das weiß man, sagt es aber nicht. Wenn das Volk wirklich die Macht hätte, wie gelegentlich behauptet wird, würde es sich wohl kaum Gesetze ausdenken, die sich nur unwesentlich von den Auswirkungen eines Raubüberfalls unterscheiden. Und ein armer Mensch würde nicht auf die Idee kommen, ein Gesetz zu erlassen, das lautet „Du sollst nicht stehlen.“ So ein Gesetz erlassen nur Menschen, die reicher sind als andere, das heißt: Sie lassen es erlassen, und zwar von Leuten, die sich in Parteien organisieren, um ihre privaten Glücksbestrebungen als Gemeinwohl durchzusetzen.
Der Satiriker Jonathan Swift hat vor 300 Jahren aufgeschrieben, was er unter einer Partei versteht: „Eine Horde unselbstständiger, teils korrumpierter, teils einfach opportunistischer Leute, die von einem einzigen demagogischen „Privatgehirn“ angestiftet, angeführt, inspiriert und kommandiert wird…“ Das ist nicht schmeichelhaft. Aber immerhin – ein Gehirn… Allerdings war das vor 300 Jahren. Wer unbedingt glauben will, alle Gewalt ginge vom Volk aus, soll das ruhig tun. Auch dieser Glaube erleichtert das Leben.
Tatsächlich hat das Volk nicht den geringsten Einfluss auf die Regierung, weder in der großen Politik noch in solchen Alltagsfragen wie Fahrpreiserhöhungen, Mülltonnen-Leerung oder Grunderwerbssteuer. Die Kluft zwischen Regierenden und Regierten, Obrigkeit und Untertan, ist in der demokratischen Bundesrepublik kaum geringer als im Deutschen Kaiserreich, das sich offen als Obrigkeitsstaat verstand. Das stört aber nicht, weil sich – nach den letzten Umfragen – über dreißig Prozent der deutschen Untertanen ohnehin einen tatkräftigen Diktator wünschen. Am liebsten einen, mit dem man über alles diskutieren kann…
Der durchschnittliche Volksvertreter ist ein Mensch mit jahrzehntelanger Lebenserfahrung und großem Verantwortungsbewusstsein. Er ist beruflich nicht vorbelastet, doch er kennt die Nöte der Wirtschaft, der Kirchen, der Sozialverbände und der Gewerkschaften, er weiß um die Bedürfnisse seines heimatlichen Gesangs- und Kegelvereins, er hat aber auch ein offenes Ohr für die Wünsche seiner Kinder und anderer Haustiere. Kurzum: Der deutsche Volksvertreter kommt aus dem Nichts, verschwindet im Nichts – und in der Zwischenzeit leistet er Großes.
Das Arbeitsgebiet eines Volksvertreters ist umfangreich und anspruchsvoll: Er muss Vorhaben verschleiern, Entscheidungen verschieben, Fragen ausweichen, Tatsachen verfälschen, Zusammenhänge frisieren, Irrtümer verheimlichen, Alkohol testen, Spenden kassieren, Schmiergelder zählen – das alles verlangt Tatkraft und Verantwortungsgefühl. Und man kann so einen Volksvertreter nur bewundern, dem nicht mal der Schweiß ausbricht, wenn er die Wahrheit sagt. Und die Wahrheit sagen Volksvertreter jedes Mal, wenn sie sich gegenseitig Inkompetenz vorwerfen…
Natürlich kann man angesichts dieses Berufsbildes zu der Ansicht gelangen, Volksvertreter sollen gefälligst nicht von des Volkes Steuern, sondern von den Institutionen bezahlt werden, denen sie dienen. Wenn die Autoindustrie unbedingt einen Grüßaugust braucht, kann sie ja meinetwegen einen Verkehrsminister beschäftigen, aber sie soll ihn mir nicht an jeder Zapfsäule auf die Benzinrechnung setzen… Doch leider ist es in unserem System nicht möglich, für die Volksvertreter ein leistungsabhängiges Einkommen festzusetzen, denn das würde bedeuten: Nur, wenn sie eins der Probleme im Land gelöst haben, gibt’s Geld. Sonst nicht. Aber dafür lässt sich keine Mehrheit finden.
Parteien sollten sich ausschließlich aus den privaten Einkommen ihrer Mitglieder und Anhänger finanzieren. Es ist doch nicht einzusehen, dass sich die Parteien aus Steuergeldern finanzieren, die sie sich selbst bewilligt haben, und ein Unding ist auch, dass Arbeitnehmer Lohn- und Mehrwertsteuern bezahlen, um Parteien zu finanzieren, denen sie gar nicht angehören, und dass eine Konzern-Belegschaft Gewinne erarbeitet, die der Vorstand dann als Parteispende verwendet, das ist doch geisteskrank.
Trotz allem kann man aber sagen: Der Satz „Die Politik hat versagt“ ist falsch. Das Gegenteil ist richtig: Die Politik hat exakt das geleistet, was zur Sicherung ihrer Positionen und deren Ausbau notwendig ist. Deutschland ist ein Paradies für professionelle Volksvertreter. Marx und Engels sagten allerdings voraus, das werde sich ändern: „An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht »abgeschafft«, er stirbt ab.“ Schön wär’s: Der Staat fährt in die Grube, die Verwaltung verwaltet… Kriegen wir das 2024 hin? Da müsste einiges verschoben werden:
Durch die Abschaffung der Parteienfinanzierung treiben wir die Parteien in den Ruin – das wäre dann das Ende der Berufspolitiker. Wir verschrotten sämtliche Dienstwagen, wir schicken keine Bundeswehr-Brigade ins Baltikum oder sonstwohin, wir rüsten nicht jeden Kriegsherren mit Waffen aus, und wenn irgendwelche bellizistischen Schreckschrauben unbedingt die deutsche Marine im Roten Meer haben wollen, sollen sie das gefälligst selbst bezahlen. Wir legen den Vorsitzenden der freien und der christlichen Demokraten nahe, ein halbjähriges Praktikum als Streetworker bei der Obdachlosenhilfe oder bei der Kindernothilfe zu machen – da lernen sie dann mal eine Bevölkerungsgruppe kennen, die sie bislang noch nicht mal vom Hörensagen kannten.Die Energie zu verstaatlichen, die Wirtschaft klimaneutral umzubauen, Wohnungen zu kommunalisieren, Polikliniken einzurichten, Lehrer auszubilden: für eine sauber strukturierte Verwaltung kein Problem. Da rückt dann auch die gute alte Planwirtschaft wieder ins Spektrum der Machbarkeiten… Aber im Trend liegt das alles nicht. Im Gegenteil: Die autoritären Regime sind weltweit auf dem Vormarsch, überall rennen die Wählenden den Autoritären hinterher – freiwillig: In Ungarn und Italien, den Rechtsparteien in Frankreich, Dänemark oder Schweden, in Argentinien und den Niederlanden, Neonazis der AfD in Deutschland. Und in den USA wird möglicherweise wieder Donald Trump ans Ruder kommen…
Da stellt sich nun die Frage: Kann man eine Revolution bewerkstelligen und ein antiautoritäres, freiheitliches, demokratisches, rechtsstaatliches, international solidarisches Gemeinwesen errichten mit einer Bevölkerung, die den Fremdenhass, den Rassismus, den Antisemitismus oder auch den Totschlag von Migranten und Asylsuchenden kultiviert und Fressneid, Selbstsucht, und alle Formen der Wadenbeißerei pflegt?

(NV ❤️ 11 Jahre)


All the world’s a stage

Das weiß man nicht erst seit Shakespeare: Die Erde ist eine Bühne.
Auf der Bühne wird verhandelt, worüber eine Gesellschaft reden muss.
Zur Zeit läuft: Der letzte Akt eines modernen Theaterstücks:  

Die Nobilität erteilt dem Schicksal Befehle –

wieviele Verbrechen begangen werden für immer mehr Reichtum,

wieviel Unrecht geschieht im Namen der Freiheit,

wieviel Vernichtung durchgesetzt wird für Wachstum,

wieviel Krieg geführt wird ohne jeden Nutzen,

wieviel Zerstörung der Glaube an ein Jenseits anrichtet.


Die Zivilisation trägt die Verantwortung und jammert,

wieviel Energie aufgewendet wird für den Ruin des Klimas,

wieviel Verschwendung betrieben wird ohne jeden Genuss,

wieviel Ignoranz aufgewendet wird für die Gesundheit,

wieviel Geschrei erhoben wird wegen Nichtigkeiten,

wieviel Misstrauen in jeder Hoffnung steckt.

Das Randgruppenmilieu ist  empört darüber,

wieviel Nichtachtung man der Bildung widmet,

wieviel Dummheit sich behauptet gegen alle Vernunft,

wieviel Hass verbreitet wird zur Durchsetzung einer Meinung,

wieviel Geschmacklosigkeit die neuen Trends enthalten, 

wieviel Moral es braucht, den Nachbarn zu demaskieren.


Und die Bühnenarbeiter stellen verzweifelt fest:
Die Sozialisten werden immer unsozialer, 
die christlichen Parteien werden immer gottloser, 
die Liberalen werden immer absolutistischer, 
die Grünen werden immer farbloser, 
die Kommunisten werden immer zaghafter, 
die Nazis werden immer mehr.

Die Erde aber, diese einzigartige Bühne, verzweifelt nicht, 
denn am Ende geht der eiserne Vorhang runter, 
und irgendwann beginnen die Proben für die nächste Premiere: 
Wie Es Euch Gefällt.

02.12.2023




Nachhilfe

Moin Lindner – knien Sie sich hin, das stärkt Ihre Aufmerksamkeit. Auch Sie, der freiheitlichste Finanzminister aller Zeiten, sind mit der Inkompetenz, der Faulheit und der Bösartigkeit Ihrer Mitmenschen konfrontiert. Doch vermutlich sind Sie auch froh darüber, wieviele Einrichtungen im Land zuverlässig funktionieren: Ampeln, Ladenschlusszeiten, Absperrung von Baustellen, Wettervorhersage, Preiserhöhungen, Druck neuer Formulare, Mittagspausen, Funklöcher, Schneefallgrenze, Gastronomengejammer und sogar Sonnenauf- und untergang. Wie das alles funktioniert trotz des miesen Personals – das ist ein Wunder…
Nun ist aber zu hören, Sie haben Schulden und machen sich deswegen Sorgen. Das müssen Sie nicht – Schulden schützen auch Sie davor, vergessen zu werden, und schon Ihre beiden Amtsvorgänger (1961-66) und Kollegen im Parteivorstand der FDP, Heinz Starke und Rolf Dahlgrün, haben nicht nur ihre Mitgliedschaft in der NSDAP unbeschadet überstanden, sondern auch immer gewusst, dass Staatsschulden keinesfalls den zuständigen Minister persönlich belasten dürfen, und: Wo Schulden sind, gibt’s auch Profiteure – Banken und Konzerne, Landwirtschaft, Militär und andere Subventionsempfänger. Und die gilt es zu unterstützen. Wie?
Nun, es reicht nicht, nur Bürgergeld und Grundsicherung einzusparen, nein, man muss auch am richtigen Ende sparen, radikal, bei den sogenannten Sozialschmarotzern, also denen, die im Müll graben, um ihren Lebensstandard aufzubessern: Da sind Müllgebühren einzufordern, ferner kann man von denen, die Flaschen aus Abfalltonnen klauben, Pfand verlangen und von denen, die in Hauseingängen übernachten, Schlafgeld erheben. Die Hungerleider an den Tafeln sollen gefälligst einen Tafel-Beitrag bezahlen, und wer sagt denn, dass die Ehre der Ehrenamtlichen kostenlos zu haben sein muss?
Doch damit, Lindner, sind Ihre Möglichkeiten noch nicht erschöpft: Für Menschen mit Migrationshintergrund können Sie eine Aufenthalts-Grundgebühr in Höhe von 50 Euro wöchentlich erheben. Diese Besteuerung ist rückwirkend vom Tag des Grenzübertritts an zu zahlen. Wer pünktlich bezahlt, bekommt einen Freibrief für körperliche Unversehrtheit auf Polizeiwachen. Wer die Steuer nicht zahlt, wird abgeschoben. Dafür wird dann eine Abschiebegebühr erhoben: 1 € pro Flugkilometer. Wer den nicht bezahlen kann, muss sich mit einer Organspende an den Flugkosten beteiligen.
Strafgefangene in den Gefängnissen werden zu einem Unterbringungs-Obolus verpflichtet, da ihre privaten Mietkosten ja entfallen und der bisher vom Strafgefangenen beanspruchte Wohnraum anderweitig vermietet werden kann. Die Warmmiete der Gefängniszellen richtet sich nach den Quadratmeterpreisen des nächstgelegenen Baumarktes. Toilettengänge, Duschbäder und das tägliche Wechseln der Unterhose werden extra besteuert. Die Preise richten sich nach den Krankenhaustagessätzen. Ergänzend werden Nichthundebesitzer zur Zahlung der doppelten Hundesteuer herangezogen, weil sie a) lieblos und b) nicht ausreichend sicherheitsbewusst sind.
Eingedenk der Tatsache, dass die Aufzucht, Ernährung, Krankenversorgung, Ausbildung, Kleidung und auch die finale Entsorgung von Kindern der Allgemeinheit enorme Kosten aufbürden, wird ab dem Zweitkind für jedes weitere Kind eine nicht zu knapp bemessene Kindersteuer erhoben. Es gibt schließlich keinen vernünftigen Grund, warum der Staat die Produktion des Kostenfaktors Kind fördern sollte.
Lindner, Sie müssen den Sozialstaat ins 19. Jahrhundert zurück versetzen, in die Zeit weit vor Bismarcks Sozialgesetzen, als die Versorgung der Alten, Kranken und Bedürftigen noch ein wundervolles Beispiel für menschliche Barmherzigkeit war. Setzen Sie durch, dass die Ausbeutung der Reichen endlich beendet wird! Es ist doch bei Gott würdevoller und sozialpsychologisch auch produktiver, das Gemeinwesen durch freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern zu fördern statt den Sozialstaat mit fiskalischen Zwangsabgaben zu füttern.
Wenn das nicht durchsetzbar ist, sollte eine Senkung der Spitzensteuersätze die Besserverdiener wenigstens in die Lage versetzen, sich endlich mal wieder richtig satt zu essen, die zerschlissene Garderobe zu erneuern und vielleicht sogar ein neues Gebrauchtfahrrad zu kaufen. Das wird dann mit Sicherheit die Binnennachfrage ankurbeln, die Konjunktur beleben und letztendlich auch das notwendige Personal für Millionen unbesetzte Arbeitsplätze schaffen.
Man weiß mittlerweile, die Klimaschädlichkeit eines Menschen hat unmittelbar mit seinen Vermögensverhältnissen zu tun. Durch ihren naturgemäß hohen Lebensstandard befeuern die Reichen zwangsläufig Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen sowie die weltweite Luftverschmutzung. Es ist also eine Frage der Menschenrechte und des Artenschutzes, ihr Überleben durch massive Steuerentlastungen zu sichern. Und, Lindner, lassen Sie sich nicht einreden, es wäre unterlassene Hilfeleistung, wenn Sie sich weigern, Reichtum im Land stärker zu besteuern. Im Gegenteil: Die wenigen wirklich arbeitenden Menschen im Land dürfen nicht noch weiter belastet werden! Nur eine spürbare Unterstützung der großen Vermögen und die Ausweitung einer wachstumsorientierten Erbschaftssteuer-Gesetzgebung öffnet der jungen Generation einen zielorientierten Weg in die Ideologie des Neoliberalismus. Es ist nur gerecht, wenn einerseits Steuern auf Gewinne und Einkommen bis zur endgültigen Abschaffung beständig sinken und andererseits die Kostgänger des Staates, also die Nutznießer, ihren Staat auch alimentieren, indem sie beständig steigende Mehrwert- Energie-Lotto-Tabak- oder Versicherungs-Steuern ohne Mullen und Knullen – wie die Chinesen sagen – in den Haushalt einbringen.
Kurz und gut: Es muss überall alles gekürzt werden, außer bei den Reichen, deren Reichtum immer mehr Reichtum schafft, und bei der Aufrüstung, die ebenfalls außerordentliche Gewinne generiert. Außerdem: Wer befürwortet, schwierige Haushaltslagen durch Kürzungen in den kulturellen Etats zu beseitigen, geht einen Schritt in die richtige Richtung: Außenministerin Baerbock beispielsweise lässt gerade Goethe-Institute im Ausland schließen. Sehr gut! In diesen Institutionen entsteht bekanntlich nichts außer einem bisschen „kulturelles Miteinander“, und wer braucht das schon…? Kultur, die nicht kostendeckend agiert, kann sich ein erfolgsorientierter Staat nicht leisten.
Und schließlich, Lindner, um die gegenwärtige Krise in den Griff zu kriegen, fangen Sie am besten bei sich selbst an: Verordnen Sie sich und Ihren Kolleginnen und Kollegen in der Politik die 4-Tage-Woche. Das bringt nicht nur Ihre Works-Life-Balance in Ordnung, sondern verringert logischerweise auch die Anzahl Ihrer Fehlentscheidungen.
Sie bleiben auf Ihren Knien, Lindner, bis ich den Raum verlassen habe. Ach ja, noch eins: Der Dichter Erich Kästner hat Ihnen und Ihrer Klientel eine Ansprache hinterlassen – als Warnung, falls Sie sich nicht an meine Anweisungen halten. Diese Zeilen lernen Sie bis morgen auswendig:

Warum wollt ihr so lange warten,
bis sie euren geschminkten Frauen
und euch und den Marmorpuppen im Garten
eins über den Schädel hauen?
Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?
Bald werden sie über die Freitreppen drängen
und euch erstechen mit Küchenmessern
und an die Fenster hängen.
Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?
Wie lange wollt ihr aus Gold und Papieren
Rollen und Bündel und Barren speichern?
Ihr werdet alles verlieren…

Also sprach Mansa Musa, König von Timbuktu, der reichste Mann aller Zeiten
27. Dez. 2023


MAL WAS GANZ ANDERES –

oder doch wieder das gleiche?

Gestern, am 25.11.20123, wurde auf der Südtribüne des Ostseestadions in Rostock zu Beginn eines Fußballspiels eine viele Quadratmeter große Überrollfahne gezeigt, also ein riesiger Bannerdruck, der den Zuschauern auf den anderen Tribünen den Anblick des Sonnenblumen-Hauses von Rostock-Lichtenhagen und anderer Plattenbauten präsentierte, mit schwarzen Rauchwolken angereichert. Das war eine treffende Bestätigung dafür, an welchem Ort man sich befand: Das Sonnenblumen-Haus in Rostock-Lichtenhagen erlangte durch rassistische Ausschreitungen im August 1992 eine ekelerregende Berühmtheit. Diese Art historischer Bezugnahme nennt man in der Sprache der Fußballstadien etwas hochgestochen „Choreografie“. Verantwortlich dafür sind die sogenannten Ultras, die den rustikalen „Support“-Maßnahmen für ihre Mannschaft einen künstlerischen Anstrich verleihen wollen.

Viele Ultra-Gruppen sind hierarchisch strukturiert, so auch die Rostocker – das belegt dieses unangenehm autoritäre und reaktionäre Schriftstück:

Das „Capopodest“ bedarf einer Erklärung: Das Capopodest ist der Arbeitsplatz des Capo. Ultras haben einen Anheizer, Capo genannt (von italienisch „il capo“ für Haupt oder Anführer), der mittels Megaphon die Fangesänge koordiniert. Wir kennen den Capo aus italo-amerikanischen Gangsterfilmen. Insofern mag die Assoziation „Vorsänger“ ja noch akzeptabel sein. Möglicherweise aber sind sich nicht alle Ultras der Tatsache bewusst: Capo oder auch Kapo, das war in den Konzentrationslagern der Nazis ein Gehilfe der Lagerleitung. Er hatte die Aufsicht über andere Häftlinge, musste für die SS die Arbeit der Häftlinge anleiten und war für die Ergebnisse verantwortlich. Der Capo erhielt für seine Dienste Vergünstigungen, zum Beispiel Alkohol, und gelegentlich durfte er auch das Lagerbordell aufsuchen.

Mich wundert immer wieder, was für seltsame Leute in unserem Land leben…

26.11.23


Auch das noch

Generalfeldmarschall Boris Pistorius der Große hat uns ermuntert, „kriegstüchtig zu werden“. Ich hab mir das zu Herzen genommen und einen Stammtisch gegründet für alle mir bekannten, mittlerweile ergrauten Wehrdienstverweigerer, an dem wir regelmäßig über die Waffensysteme im Ukraine-Krieg diskutieren, die Zeitenwende besprechen und die Bereitstellung der vielzitierten „Sonderschulden“, also jener Kriegskredite, die von Optimisten auch „Sondervermögen“ genannt werden, abfeiern. Wir teilen Pistorius’ Ansicht, dass „die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte“. Was er unter „in Europa“ versteht, sagte er ja nicht, aber es ist wohl klar, dass er die Ukraine nicht jenseits der Mongolei, also in Asien, verortet, sondern ein Territorium ganz nah bei Deutschland meint oder vielleicht sogar inside unserer Heimat … Wir Stammtischler arbeiten also am Durchbruch eines allgemeinen Mentalitätswechsels, wie ihn unsere oberste Heeresleitung fordert, weil wir wissen: Die nationale Souveränität der Ukrainer ist für Deutschland sehr viel wichtiger als die von Armeniern oder Kurden oder irgendwelchen Afrikanern.

Zu vernachlässigen sind demnach für uns die Angriffe, die die türkische Regierung von Recep Tayyip Erdoğan gegen das kurdische Volk veranstaltet, die Bombardements mit Kampffliegern oder Drohnen gegen die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur, sogar gegen die Wasserversorgung. Erdoğan muss das machen: Nur so kann er die kurdische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen, sie psychisch destabilisieren, das Vertrauen in die Selbstverwaltung erschüttern und vermehrte Fluchtbewegungen auslösen. Es ist absurd: Die Türkei erhält viel Geld von Deutschland, damit sie einerseits Fluchtbewegungen unterbindet, die sie andererseits verursacht. Sicher, da kommen Menschenrechtsverletzungen vor, aber die Türkei muss Geld verdienen, und Deutschland bleibt nichts anderes übrig, als die türkischen Maßnahmen aus praktischer Abwägung heraus zu akzeptieren.

Afrika steht auch auf unserer Agenda, wo Bundeskanzler Scholz kürzlich ein Migrationszentrum in Lagos besuchte, um herauszufinden, warum Nigeria abgeschobene Migranten so zögerlich zurücknimmt. Zur gleichen Zeit verhandelte Innenministerin Faeser über nützliche und unnütze Migranten in Marokko, dessen Monarchie sich die Westsahara als Kolonie hält. Hoffen wir, dass all diese wertebasierten Gespräche zum Thema „Afrikaner raus“ nicht eines Tages den Einsatz schwerer Waffen erfordern.

Außenministerin Annalena Baerbock tat ebenfalls ihr Bestes zum Wohle Deutschlands: Neun Millionen Euro transportierte sie, wahrscheinlich in einem Seitenfach ihrer Einkaufstasche für ÖL und Gas aus Aserbaidschan, nach Armenien als Soforthilfe für die dort hängengebliebenen Karabach-Flüchtlinge. Neun Millionen, verteilt auf 100.000 Geflohene, das sind pro Nase stolze 90 Euro. Damit kann man es weit bringen in jener Gegend! Und sicher war auch der kleine Teddy, den sie einem armen kleinen armenischen Mädchen überreichte, ein schöner Mutmacher für alle, die diesen feinen Beweis für deutsches Wohlwollen im Fernsehen sehen konnten…

Baerbocks grüner Kamerad Robert Habeck, der einzige professionelle Schriftsteller unter den aktiven deutschen Bundesministern, hat mal wieder eine Rede gehalten, und die wurde sogar von der CDU gelobt. Die Kernsätze waren: „Die hier lebenden Muslime haben Anspruch auf Schutz vor rechtsextremer Gewalt – zu Recht. Wenn sie angegriffen werden, muss dieser Anspruch eingelöst werden und das gleiche müssen sie jetzt einlösen, wenn Jüdinnen und Juden angegriffen werden. Sie müssen sich klipp und klar von Antisemitismus distanzieren, um nicht ihren eigenen Anspruch auf Toleranz zu unterlaufen“. Grundsätzlich muss man bei Herrn Habeck immer nachforschen, was er eigentlich meint: Mit „hier“ meint er nicht die weite Welt, sondern Deutschland. Und die „hier“ lebenden Muslime haben zwei Ansprüche: 1. Den Anspruch auf Schutz vor rechtsextreme Totschlägern, und 2. den Anspruch auf Toleranz, ganz egal, was sie essen, anziehen oder beten. Wie ein Muslim seinen Anspruch auf Toleranz allerdings „unterläuft“, muss ich wohl mal googeln. Ich vermute, der Minister meinte eigentlich eher „verwirken“. Daraus ist zu schließen: Wenn Muslime zum Thema Antisemitismus anderer Meinung sind als der deutsche Wirtschaftsminister, werden sie den völkischen Gewalttätern ausgeliefert? Nein, das meint Herr Habeck vermutlich nicht, aber dass diese unbotmäßigen Muslime dann rigoros abgeschoben werden, diesen Gedanken will der Vizekanzler wohl freisetzen. Muslime „müssen“ seine Bedingungen erfüllen, „müssen“ sich klipp und klar vom Antisemitismus distanzieren. Das ist natürlich überaus wünschenswert – aber „müssen“ dann nicht auch Christen, Hindus, Konfuzianer, Klingonen und ich als Atheist diese Bedingungen erfüllen? Überhaupt – müsste nicht das „Sich Distanzieren“ für alle Erwachsenen in allen Parteien, Vereinen, Organisationen und Familien obligatorisch werden? Ich zum Beispiel distanziere mich sofort und ganz klar vom Essen mit Stäbchen, von Hosen mit Schlag, von gefärbten Haaren, lispelnden Politikerinnen und ganz normalen Verkehrsidioten. Aber solange das deutsche Grundgesetz nicht in diese Richtung verändert worden ist, kann in unserer Demokratie jeder Muslim im Nachthemd und jede Muslima mit Kopftuch die abwegigste Meinung vertreten, ohne den Anspruch auf Toleranz einzubüßen. Klar, Habeck? So lange Sie Ihre o.g. Sätze nicht zurücknehmen, sind Sie nichts anderes als ein verkappter Rassist.

Freude hat uns Stammtischlern mal wieder Bayern gemacht: Der Freistaat pochte darauf, dass Asylbewerber statt Geld Sachleistungen und eine Bezahlkarte bekommen und hat sich bundesweit durchgesetzt: Während die Eingeborenen unter der Inflation leiden, kann den Geflüchteten mit Bezahlkarte, die ihre notwendigen Lebensmittel in einem Warenkorb erhalten, die Preissteigerung bei Nudeln, Kartoffeln und Brot egal sein. Die sollen ja nur satt werden. Geld für Geflüchtete muss es da nicht mehr geben, und mit der Bezahlkarte werden weder Überweisungen noch Bargeldabhebungen möglich sein. Das wird verhindern, dass Migranten Geld in die Heimat überweisen. Dadurch kriegt das Baby am Äquator vielleicht Hungerödeme, aber Deutschland hält sich strikt an ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts: „Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren“. Und das heißt: Die Leistungen dürfen nicht gekürzt werden, um Menschen abzuschrecken. Und was wäre, wenn bestimmte Artikel, wie Zigaretten oder Alkohol, für Asylbewerber beim Einkauf gesperrt würden? Nun, es geht ja nicht nur um die „physische Existenz des Menschen“, sondern auch um die „Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen“, und da ist es für alle Seiten von Vorteil, wenn den Geflüchteten die Möglichkeit, sich durch Rauchen und Saufen zu ruinieren, entzogen wird.

FDP-Chef Lindner, ein Porschefahrer, der bekanntlich immer wieder darauf hingewiesen hat, dass Geflüchtete in Deutschland in Saus und Braus leben, betonte kürzlich in einem Interview, auch er könne sich angesichts der Teuerung im Land schon lange nicht mehr täglich Champagner, Kaviar und Stopfleberpastete leisten, und er wolle nun den Geflüchteten mit gutem Beispiel vorangehen: Er habe allen seinen Parteikollegen die Minister- und Abgeordnetengehälter gestrichen und sich sogar selbst die Bezüge gekürzt, und er hole sich seine Sachleistungen jeden zweiten Tag persönlich beim Bundestags-Pförtner ab. Das nenne ich mal einen effektiven Wahlkampf.

Da wir gerade bei Bayern sind: Was ist denn jetzt mit diesem Daniel Halemba, der bayerischen Ausgabe von Philipp Amthor? (Die ganze Generation dieser politischen Richtung sieht ja aus wie dem jungen Merz oder dem juvenilen Spahn aus der Hose gerieselt.) Der unterfränkische AfD-Abgeordnete konnte ja nicht an der konstituierenden Sitzung des Bayerischen Landtags in München teilnehmen, weil gegen ihn wegen des „Verdachts der Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen“ ermittelt wurde, und bei der Verlesung seines Namens im Plenum hieß es dann ganz lakonisch: „Entschuldigt.“ Mittlerweile sitzt er im Landtag (in der Nachbarzelle von Alfons Schuhbeck wäre mir auch recht), wo er als einziger Abgeordneter aber keine Immunität genießt. Genau betrachtet, ist Halemba ja nicht viel älter als der Chef der Freien Wähler, Herr Aiwanger, als der in seiner Jugend als Nazi-Propagandist unterwegs war. Und nun soll dem Herrn Halemba aus einem simplen „Sieg Heil!“ in einem Gästebuch ein Strick gedreht werden? Ja, wo sanmer dann? Ministrabel is der Bua, ministrabel!!

  1. Nov. 23

Hoffentlich ist bald November

In HH herrscht selbst für Hamburger Verhältnisse Schietwetter, der Jahreszeit angemessen. Das Erfreuliche hält sich in diesem Monat enorm zurück. 

Zunächst hatten wir ein zehnjähriges Jubiläum:  Am dritten Oktober 2013 sank vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa ein mit 545 Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea beladener, zwanzig Meter langer Kutter. 155 Menschen wurden gerettet, über 360 ertranken. Das Sterbenlassen ist mittlerweile politisch gewollt, es ist der Normalzustand. Menschenfreundliche Anstrengungen, die Fluchtursachen in den Heimatländern der Geflüchteten zu beseitigen, sind nicht festzustellen. Stattdessen: Mittelmeer-Blockaden, Illegale Pushbacks der Frontex, Marine-Einsätze, Warnschüsse, Grenzen dicht, bürokratische Ausreden, Obergrenzen-Geschwafel, „Schleuser“-Jagd. Aber: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von der Friedensnobelpreisträgerin EU steht in engem Kontakt mit der italienischen Ministerpräsidentin aus dem Mussolini-Nachlass, Giorgia Meloni, und der italienische Vizeregierungschef Matteo Salvini von der faschistischen Lega nennt die Flucht der Verzweifelten einen „Akt des Krieges“. Die „Notwendigkeit“ der Maßnahmen gegen die fliehenden Menschen wird damit gerechtfertigt, man wolle keine Anreize für noch nicht Geflohene bieten und keine „falschen Signale“ senden. Gewehrsalven und Wasserleichen sind dann wohl die richtigen Signale…

An eben diesem dritten Oktober 2013 wies beim Festakt zum Tag der deutschen Einheit der deutsche Bundespräsident in seiner Rede darauf hin: „Unser Land ist keine Insel.“ Was für eine Koinzidenz! Am 3. Oktober feiern wir auf Anregung von Helmut Kohl „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Erstrebenswert, ja. Einigkeit? In dem einen oder anderen Punkt können wir sicher Einigkeit erreichen. Zum Beispiel, was Recht und Freiheit angeht.  Auch für Geflüchtete? Besser, wir lassen das mit dem Freiheitsgerede – der Begriff ist zu vage. Freuen wir uns einfach, dass man Freiheit kaufen kann – in Gestalt von Autos und Zigaretten, aber auch in jedem Reisebüro. Mehr Freiheit muss ja nicht sein. Aber eins hätte ich gern gewusst: Wie hätte die DDR wohl reagiert, wenn Menschen massenhaft zu ihr rein gewollt hätten statt raus…? – Immer wieder das gleiche Thema: Geflüchtete…  

Ich bin aber durchaus dafür, den dritten Oktober als Feiertag zu erhalten – nicht zur Feier des Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik, sondern zur Erinnerung an den dritten Oktober 1889: Das ist der Tag, an dem Carl von Ossietzky in Hamburg geboren wurde. Carl von Ossietzky enthüllte Einzelheiten über die geheime Aufrüstung der Reichswehr, die gegen internationale Verträge und Abmachungen verstieß. Er wurde wegen „Landesverrats“ und des „Verrats militärischer Geheimnisse“ verurteilt und ins KZ gesperrt. Für seine Haltung erhielt er 1936 den Friedensnobelpreis. Ich schlage daher vor, den dritten Oktober zum Gedenken an Carl von Ossietzky als Tag des Verrats militärischer Geheimnisse zu begehen… da können wir dann Assange, Snowden und  Chelsea Manning gleich mit abfeiern…

Am 7. Oktober überfielen Terroristen der palästinensischen Hamas ein Musik-Festival und zwei Kibbuzim auf israelischem Boden. Sie verübten den größten Massenmord an Juden nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nahmen über 200 Geiseln. Israel schoss zurück. Der deutsche Bundeskanzler las seine Empörung vom Blatt ab. Er wollte nicht versehentlich zu pro-israelisch wirken. Alle westlichen Regierungschefs verurteilten den Hamas-Terrorakt. Antisemitische und pro-palästinensische Kundgebungen und Ausschreitungen sorgten für Empörung. ARD und ZDF zeigten in der Folge zahlreiche Palästinenser, die sich heftig beklagten, dass Familienmitglieder umgekommen seien und sie ihre Wohnung verloren hätten. Verbittert riefen sie in die Kameras: Wir haben doch nichts gemacht, wir waren doch nicht dabei! Das stimmt. Sie haben den Hamas-Terror im Kreis ihrer Familie gefeiert und ihren Kindern erklärt, Israel habe nunmal kein Existenzrecht, und die Raketenangriffe seien doch nur zu ihrem Besten. Fakt ist: Wenn die antisemitischen Krakeeler in Deutschland das Leid der palästinensischen Bevölkerung beklagen und deswegen ihre judenfeindlichen Parolen und Aktivitäten demonstrieren, ist das scheinheilig. Die Hamas wurde von den Palästinensern gewählt, die Bevölkerung ist die Basis dieser Organisation, und der Hamas ist wohl kaum vorzuwerfen, dass sie ein diktatorisches Gewaltregime ausübt: Sie agiert und regiert mit dem Einverständnis der palästinensischen Bevölkerung. Die Hamas rekrutiert sich aus der Bevölkerung, nutzt sie als Schutzschild und lässt sie für sich arbeiten. Über 10.000 Raketen werden nicht von den Hamas-Kämpfern in Heimarbeit hergestellt. 

Nun, gerade mal 14 Tage später ist alles wieder „normal“. Selenskyj hat die Welt aufgerufen, ihm weiterhin Geld und Waffen zu schicken und sich nicht von solchen Randereignissen wie dem Nah-Ost-Konflikt vom Spenden abhalten zu lassen. Andere Politiker mahnen, wenn Israel sich unbedingt wehren will, soll es gefälligst die Spielregeln einhalten und die Zivilbevölkerung schonen, alles andere sei  absolut unfair.

Ich denke: Wenn die palästinensische Bevölkerung unter dem israelischen Militär zu leiden hat, ist das eine traditionelle Folge aller  militärischen Einsätze. Auch die deutsche Bevölkerung, die ja bekanntlich zum größten Teil sogar aus Widerstandskämpfer*innen bestand, musste im zweiten Weltkrieg unter den alliierten Bombenangriffen leiden, und genauso könnte das Leid der ukrainischen Bevölkerung längst beendet sein, wenn West und Ost nicht immer weiter auf Sieg setzen und immer wieder die Unsinnigkeit von Verhandlungen betonen würden. Ich werde den Verdacht nicht los: Krieg entspringt ausschließlich Männer*innen-Phantasien. So lange die Völker dieser Welt nicht ihr Militär komplett abschaffen, müssen Menschen unter dem Militär leiden. Die Aussage, die Bellizisten immer wieder gern über ihre Armeen verbreiten, „Wir produzieren Frieden“, ist eine dreiste Lüge.

Am 8. Oktober schließlich wurde in jener Provinz, wo die normale deutsche Hirnwolle durch einen besonders zäh gewalkten Filz ersetzt wird, demokratisch gewählt: Bayern erbrachte mal wieder den Beweis, dass Kapitalismus am besten mit dem Volk, aber ohne Demokratie funktioniert, denn immer, wenn das Volk gefragt wird, ob es denn eine Demokratie will, antwortet das Volk: Nein, ich will CSU. Die CSU ist aber keine Partei, sondern ein Geisteszustand, der bewirkt: In Bayern regieren die Pfaffen, und die Bürgermeister achten auf die Einhaltung der Moral. Diese Tradition besiegeln der bayerische Bazi, also der Schlawiner mit seinem Bierzelt-  und seine Schlawinerin mit dem Rosenkranz-Gesicht, alljährlich auf dem  Oktoberfest. Alle wissen, einen Linksrutsch kann es nicht geben, weil die CSU einen Linksrutsch verhindert, und die Nazis befinden sich entweder  im Untergrund, im Knast oder im Landtag. Erstere putzen ihre Vorderlader, zweitere kleben Tüten, und die dritten machen Gesetze, zum Beispiel Gendern verbieten – damit Schüler*Innenklos umgebaut werden können zu Schüleraußenklos, und die Einführung von Schuluniformen, damit die Madln wieder im Dirndl die Küh melken und die Buam in Thor-Steinar-Kluft Metzger lernen. 

Und fast hätte ich das Positive vergessen: P O L E N macht diesen miesepetrigen Kaczynski unglücklich. Wer hätte das gedacht! Dem Himmel sei Dank!

20.Okt.23


Busemann & Co: Eine Deppenparade

Die Rüstungsausgaben Russlands betrugen 2022 etwa 86,4 Milliarden Dollar.
Die Rüstungsausgaben der Nato-Staaten beliefen sich auf rund 1.232 Milliarden Dollar.
Eine Milliarde sind tausend Millionen.
Nato-Chef Stoltenberg, übrigens ein Sozialdemokrat, fordert nahezu ununterbrochen eine Erhöhung der Rüstungs-Etats und eine Ankurbelung der westlichen Rüstungsindustrie, weil die derzeit mit der Produktion nicht mehr nachkomme. Da frage ich mich: Warum noch mehr ausgeben? Was machen Stoltenberg und seine Kameraden denn mit den vielen neuen Waffen? Wird das meiste verschlampt? Oder liefert die Rüstungsindustrie Schrott? Wer verdient an digitalen Funkgeräten, die sich nicht in Panzer einbauen lassen?Warum Ist die Führung und organisatorische Struktur der Nato nicht fähig, mit diesen Ressourcen eine glaubwürdige Verteidigung aufzubauen? Drängen etwa Lobbyisten der Rüstungsindustrie die Nato, immer mehr Waffen anzuschaffen? Viele Fragen… Höflicherweise frage ich an dieser Stelle nicht, was uns der verlorene Krieg in Afghanistan gekostet hat. Aber selbstverständlich fühle auch ich mich in jeder Hinsicht unterrüstet und suboptimal munitioniert…

Nun will Polen, das sich stets als erster und treuester Verbündeter inszeniert hat, die militärische Unterstützung für die Ukraine auslaufen lassen. Nikolas Busse, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik bei der FAZ (Frankfurter Allgemeine), schreibt dazu, dass Polens Regierung damit die seit Jahrzehnten wichtigste strategische Frage Europas zum Spielball hemmungsloser wahltaktischer Manöver mache und das sei ein Dammbruch. Das strategische Denken des Herrn Busse in allen Ehren, aber wenn es denn stimmt, dass Polen einen Bruch in jenem Damm verursacht, an dem Nato und USA seit langem strategisch arbeiten: Gibt Herr Busse von der FAZ dann nicht Putin Recht, der sich zunehmend bedroht fühlte von den ihn einkreisenden Dammbauern?

In Thüringen, einer podolischen Region Deutschlands, hat die CDU mit den Stimmen der AfD ein Gesetz durchgesetzt. Kritiker sagen: Das ist eine neue Qualität im deutschen Parlamentarismus, und die Abgrenzung der CDU nach rechts war nur eine hohle Phrase. Bundesweit stellt sich die Frage: Wie weit darf eine Zusammenarbeit mit der AfD gehen? Hier eine Entscheidungshilfe: Vor 90 Jahren, im März 1933 stand im deutschen Reichstag Hitlers Ermächtigungsgesetz zur Debatte, das die Grundrechte außer Kraft setzte. Alle 156 Gewählten der bürgerlichen Parteien, die Liberalen, Nationalen und Christlichen, also die Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), des Zentrums, der Bayerischen Volkspartei, der Deutschen Staatspartei, des Volksdienstes und der Deutschen Bauernpartei stimmten dafür – gemeinsam mit den 288 Nazi-Abgeordneten. Wer damals dem Ermächtigungsgesetzt zustimmte, darf sich wohl kaum beklagen, wenn man ihn einen Nazi nennt. Und wer im Parlament gemeinsame Sache macht mit den Epigonen des völkischen Gesindels, steht im Verdacht, er würde möglicherweise einem solchen Ermächtigungsgesetz auch heute zustimmen. Dann kann er sich also getrost ein Neo vor seine Charakterisierung setzen.

Übrigens: wenn ich in meine Suchmaschine „fasc“ eingebe, springen munter Fasching und Faschismus gemeinsam auf die Vorschlagsliste. Das ist anscheinend der berühmte Selbstlern – Mechanismus der künstlichen Intelligenz.

Und immer wieder das Thema Flüchtlinge. Angemessene Anstrengungen der ehemaligen Kolonialmächte, die Fluchtursachen in den Heimatländern der Geflüchteten zu beseitigen, sind nicht festzustellen. Stattdessen: Mittelmeer-Blockaden, Illegale Pushbacks der Frontex, Marine-Einsätze, Warnschüsse, Grenzen dicht, bürokratische Ausreden, Obergrenzen-Geschwafel, „Schleuser“-Jagd. Aber: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von der Friedensnobelpreisträgerin EU steht in engem Kontakt mit der italienischen Ministerpräsidentin aus dem Mussolini-Nachlass, Giorgia Meloni, und der italienische Vizeregierungschef Matteo Salvini von der faschistischen Lega nennt die Flucht der Verzweifelten einen „Akt des Krieges“. Die „Notwendigkeit“ der Maßnahmen gegen die fliehenden Menschen wird damit gerechtfertigt, man wolle keine Anreize für noch nicht Geflohene bieten und keine „falschen Signale“ senden. Gewehrsalven und Wasserleichen sind dann wohl die richtigen Signale…

Und dann stellte sich meinem Nachbarn die Frage, ob er sich wohl guten Gewissens ein billiges chinesisches Auto kaufen könne. Aus den Medien hat er erfahren, dass die Chinesen mit ihren Elektro-Autos einen „Angriff“ starten und sich schon auf der IAA in München „breit gemacht“ haben. „Es geht um unlauteren Wettbewerb, es geht nicht darum, leistungsfähige, günstige Autos aus dem europäischen Markt herauszuhalten“, behauptete Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Und EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen schimpfte: „Die globalen Märkte werden mit billigeren chinesischen Elektroautos überschwemmt!“ Die Preise der Chinesen seien wegen der Subventionen künstlich tief, und dann folgte die Ankündigung einer EU-Untersuchung gegen subventionierte Importautos auf dem EU-Markt. Strafzölle werden ernsthaft in Betracht gezogen. Seltsam, sehr seltsam: Die EU strebt im Namen der Klimapolitik eine möglichst rasche Transformation zum CO2-freien Strassenverkehr an, und wenn China für relativ billige Elektroautos sorgt, was im Interesse der Klimapolitik ist, findet die EU das unfair. Die Europäer sind doch selbst ziemlich stark im Subventionieren, oder? Wie schlimm ist es, wenn chinesische Steuerzahler europäische Konsumenten subventionieren und damit auch die grüne Wende beschleunigen? Könnten die Europäer nicht einfach ein herzliches „Vergelt’s Gott“ statt Drohungen mit Strafzöllen nach Peking schicken?

Über allen Kontroversen steht aber die Gewissheit: Kultur und Sport sind von alters her Brückenbauer zwischen den Völkern. Oder etwa nicht? Anna Netrebko sang auf der Bühne der Berliner Staatsoper Unter den Linden die Lady Macbeth in Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“. Bei Spitzenpolitikern kam das nicht gut an. Sie werfen Netrebko fehlende Distanz zu Putin vor. Berlin Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner sah Netrebkos Auftritt „sehr kritisch“. Der CDU-Politiker verwies darauf, die Ukraine verteidige nicht nur ihre Freiheit und Demokratie, sondern auch unsere. Und Berlins Kultursenator Joe Chialo kündigte an, die Auftritte der Sängerin boykottieren zu wollen. „Ich habe mich entschieden, keine der Aufführungen zu besuchen“, erklärte er. Es ist kümmerlich, wie die Regierenden die kulturellen Brücken unterminieren und abreißen. Offenbar wissen sie nicht: Jenseits der Kultur lauert die Barbarei. Aber politisches Mitläufertum ist für sie allemal wichtiger als die Kunst. Immerhin: Vom Publikum wurde Netrebko als Lady Macbeth mit minutenlangen Ovationen gefeiert…

Den Schluss – Absatz liefert der große Denker Frank Busemann. Der hat mal bei Olympischen Spielen die Silbermedaille im Zehnkampf gewonnen und bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften in der gleichen Disziplin die Bronzemedaille. Das war großartig. Seit seinem Karriereende 2003 ist Frank Busemann unter anderem als Experte und Live-Reporter für die ARD im Einsatz und empfiehlt sich auf seiner Homepage für „Motivierende Vorträge und professionelle Moderation“. Was er im Bedarfsfall von sich gibt, konnte man in der Zeitschrift „Focus“ lesen: „Wir sind in einem riesigen gesellschaftlichen Dilemma, das sich auch im Sport zeigt. Wir sind dabei, Leistung abzuschaffen, schon seit Jahren. Wir nehmen immer darauf Rücksicht, dass das schwächste Glied in der Kette gut dasteht. Wir sind ein Sozialstaat, das ist auch eine ganz tolle Errungenschaft und ich bin dankbar, dass ich in Deutschland leben darf. Das machen wir uns manchmal zu einfach, indem wir mit einem Rundumschlag auf alles draufhauen. Doch es darf nicht mehr gesagt werden, wer gewonnen und wer verloren hat, weil das ja irgendwie einen verletzen könnte (…) Wer außergewöhnliche Leistung bringt, muss außergewöhnlich belohnt werden. Und das ist okay. Wenn man gut ist, muss man das nicht verstecken. Wir müssen jetzt auf Null gehen und neue Generationen aufbauen. Das ist ein Kraftakt…“ Hier breche ich diesen Quatsch ab – um einige entsprechend blöde Fragen zu stellen: Wer sind die dunklen Mächte, die die Leistung abschaffen wollen? Soll man keine Rücksicht nehmen auf die Schwächsten in der Gesellschaft? Warum lebt er gern in Deutschland, wenn man hier doch auf alles draufhaut? Warum darf man etwas nicht mehr sagen? Und wer darf nicht mehr sagen, wer gewonnen und wer verloren hat? Ist es pädagogisch wertvoll, wenn jemand verletzt wird? Erhalten wir Gewinner, wenn wir Verlierer schaffen? Wo ist die Null, auf die er gehen will? Und welchen Kraftakt meint Frank Busemann, wenn er neue Generationen aufbauen will? Liefern die Behauptungen des ehemaligen Leistungsträgers endlich die Antwort auf unser riesiges gesellschaftliches Dilemma? Ja: Der schlichte deutsche Michel und sein hölzerner Stammtisch sind verkommen zum armseligen deutschen Busemann und seinen bescheuerten Followern.

26.Sept.23


Hier ist mir keine Überschrift eingefallen

Einer der führenden Herren des Bundesverbandes des deutschen Groß- und Außenhandels schrieb 1997 einen Brief an den Vorsitzenden des Vorstandes von Gruner + Jahr, weil ihm der Artikel „Liberale – überall dabei, nirgendwo präsent“ in der Zeitschrift „Stern“ missfallen hatte. Höflich, aber bestimmt teilte der führende Herr dem Verlag mit:
„…In einer schwierigen Situation unserer Wirtschaft erwarten wir seitens der Verbände der Wirtschaft von einem Magazin wie dem „Stern“ Information und nicht Agitation. Wir können Kritik in der Sache vertragen, wenn sie konstruktiv ist. Der Stern-Artikel war destruktiv. Daher meine Bitte: Nehmen Sie auf die Linie des Blattes Einfluß im Sinne dieser Anmerkungen, die ich Ihnen zugleich auch im Namen vieler Kollegen übermittle…“
Das hat Klasse, nicht wahr? Pressefreiheit ja, aber nur im Sinne des Bundesverbandes, und der bestimmt, was konstruktive Kritik und was Agitation ist. Da muss der Briefschreiber nicht mal darauf hinweisen, dass so ein Bundesverband ausgezeichnete Beziehungen nach ganz oben hat, um mißliebige Journalisten abbürsten zu lassen…
26 Jahre später ist es reine Zeitverschwendung, noch den „Stern“ zu lesen, und in diesen Tagen feiern wir die erste „Hamburger Woche der Pressefreiheit“. Unter dem Motto „Freiheit für die Wahrheit“ ist Art.5 des Grundgesetzes der große Star: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemeinzugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt“.
In einer Hamburger Tageszeitung stand: „Pressefreiheit muss jeden Tag erkämpft werden – durch überzeugende Arbeit und durch loyale Leser und Zuschauer“, und der NDR ließ verlauten: „Die Pressefreiheit ist nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland unter Druck… Auch Radikalisierung im Netz und Echokammern tragen zur Bedrohung der Pressefreiheit bei. Die wachsende Polarisierung ist eine zunehmende Gefahr für die Demokratie, da sie politisches Handeln erschwert“.
Da darf man wohl mal fragen: Wie definieren wir „loyal“? Wer übt den Druck aus? Wer polarisiert? Und wer erschwert politisches Handeln?
Hilfe zur Beantwortung dieser Fragen bieten folgende Anmerkungen:
Dass man russische und türkische Journalisten einlädt und in Veranstaltungen die unerträgliche Einschränkung der Meinungsfreiheit und die Bedrohung oder sogar Ermordung von Journalisten in ihren und anderen Ländern anprangert, geht in Ordnung.
Bedenklich und beschämend wird es aber, wenn in unseren Leitmedien in der Woche der Pressefreiheit null Kommentare, Berichte und Appelle erscheinen, die zur Solidarität mit Julian Assange aufrufen – den Mann, der immer noch in Großbritannien im Hochsicherheitsgefängnis HMP Belmarsh eingekerkert ist, weil er Kriegsverbrechen der USA öffentlich machte. Für wen soll Pressefreiheit gelten, wenn nicht für Assange und seine Enthüllungsplattform WikiLeaks, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, geheim gehaltene Dokumente allgemein verfügbar zu machen, sofern sie unethisches Verhalten von Regierungen, Unternehmen oder militärischen Einrichtungen betreffen und somit von öffentlichem Interesse sind?
Am ersten Tag, der ersten Hamburger Woche der Pressefreiheit fand eine Demonstration für Assange statt. Warum haben die Medien, die so lautstark Pressefreiheit für sich reklamieren, nicht für diese Demo mobilisiert oder wenigstens darüber berichtet? Haben da etwa führende Herren aus amerikanischen Regierungskreisen vernehmlich geknurrt und brieflich interveniert?
Vermutlich nicht: Politisches Wohlverhalten und rücksichtsvolle Dienstbarkeit demonstrieren deutsche Leitmedien „frei“-willig. Das liegt an ihrer Parteilichkeit: Wenn es um die Verteidigung der sogenannten westlichen Werte geht, kennen die Leit-Journalisten nur noch gut und böse, schwarz und weiß. Nationale Politik betrachten sie unter nur dem Aspekt, wie der Feind zielsicher und effektiv erledigt werden kann. So hat aus ihrer Sicht Russland nicht die Ukraine, sondern die gesamte europäische Sicherheitsordnung, die europäische Lebensart, die Werte und Strukturen in Europa – und damit letztlich auch Deutschland – angegriffen. Dieser Analyse entsprechend beschwören die Hardliner in den Leitmedien dann auch die Notwendigkeit einer deutschen Führungsverantwortung in Europa mit entsprechender militärischer Durchschlagskraft. Und für dieses Ziel wird hemmungslos polarisiert, simplifiziert, moralisiert, spekuliert, bei Bedarf auch diffamiert und wenn möglich skandalisiert.
Weil die Medien aber unermüdlich betonen, ihr ganzes Tun sei in den Dienst der demokratischen Werte gestellt, sind sie in Sachen Moral nahezu unantastbar. Wer da Zweifel äußert, wird ganz schnell als „Unterwerfungspazifist“ und als Feind im Inneren der Nation geoutet – wenn es um militärische Radikalisierung geht, kennt die Moralkeule baerbockscher Prägung keine Gnade.
Ganze Redaktionen sind längst verkommen zu Drückerkolonnen des politischen Systems, die uns täglich einen miesen Mix aus Nachrichten und Kommentaren servieren, leider allzuoft in erbarmungswürdigem Deutsch, in dem man den Opfern gedenkt, denen es das Leben gekostet hat.
Immerhin – die Menschenrechtsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ sieht die Bundesrepublik in Sachen Pressefreiheit auf Platz 21 (hinter der Slowakei und Samoa). Möglicherweise, weil wir selbst rechtsradikalen Reaktionären jederzeit ein Forum anbieten: AfD-Funktionäre dürfen sich in den Leitmedien gleichberechtigt mit demokratischen Politikern äußern, und oft bleibt die Meinung dieser Leute ohne kritische Nachfrage oder Widerspruch. Die Parteichefin wird im „Sommerinterview“ des Fernsehens wie eine seriöse und staatstragende Hoffnungsträgerin behandelt, und AfD-Kommunalpolitiker werden als Sachwalter „der kleinen Leute“ zu jedem Fahrradweg und jedem Kita-Fest befragt. Die Medien verseuchen mit dem populistischen Unrat dann das ganze Land.
Auch das wirft Fragen auf: Wenn der Verfassungsschutz eine Partei für „gesichert rechts-extremistisch“ hält – warum gibt man dieser Partei immer wieder ein Podium? Warum lässt man diese gesichert rechtsextremen Leute am Genuss der Pressefreiheit teilhaben, wo man doch ganz genau weiß, Höcke und sein brauner Anhang werden Artikel 5 des Grundgesetzes sofort abschaffen, sobald sie an der Macht sind?
An dieser Stelle möchte ich bemerken: Ein verordneter Antifaschismus ist mir lieber als ein erlaubter Faschismus.
Die hochgepriesene demokratische Pressefreiheit endet, wenn die Interessen mächtiger Fernseh-Sponsoren beeinträchtigt werden, und sie kann leider auch nicht in Anspruch genommen werden, wenn die Zeitschriften-Herausgeber ihre politischen Ansichten verletzt und die Anzeigenkunden ihren Profit geschmälert sehen könnten.
Als Fernsehschaffender kann man heute jeden Schwachsinn, jeden schweinischen Witz und fast jede Politiker-Verhöhnung absolut folgenlos ablassen, aber wehe, ein Sportreporter beispielsweise sagt: „Dieses Bier, das die Fußballübertragungen sponsert, schmeckt furchtbar, eine widerliche Plörre!“ Der hat noch nicht das „ö“ von Plörre artikuliert, da ist er schon gefeuert.
Vorletzte Frage: Warum sind unsere Medien so beflissen und angepasst an die Interessen des großen Kapitals? Karl Kraus schrieb: „Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend“. 14.Sept.23


Streng geheim

Der amerikanische Präsident Biden war „nicht überrascht“ vom Tod des Wagner-Söldner-Chefs Prigoschin: „Es gibt nicht viel, was in Russland passiert, hinter dem nicht Putin steckt“, sagte Mister Biden. Da wird er wohl recht haben, der Biden. Vor allem, wenn man den großen Erfahrungsschatz bedenkt, den amerikanische Präsidenten und ihre Mitarbeiter mit Aktivitäten gesammelt haben, deren Ziel es war, vermeintliche Staatsfeinde der USA auszuschalten. Also, der Biden weiß genau, wie Putin tickt. Und Bidens CIA kennt das Know How und weiß, dass hier etwas vertuscht wird.

Die Wahrheit ist: Vom Moskauer Flugplatz Scheremetjewo sind zwei Privat-Jets gleichen Typs gleichzeitig Richtung St. Petersburg gestartet. In 8000 Meter Höhe ist der eine Jet mit einer scharfen Linkskurve abgebogen. Der andere Jet ist noch einige Meilen geradeaus weitergeflogen, dann verschwand er plötzlich vom Radar: Eine ukrainische Boden-Luft-Rakete hatte das Flugzeug mitsamt dem Piloten, dem Servicepersonal und den Passagieren zerlegt, auch wenn Kiew das energisch abstreitet. Der Jet und seine Insassen landeten mehr oder weniger verkohlt auf einem Acker. Eine Untersuchung durch die vereinigten Gerichtsmediziner des deutschen Fernsehens ergab: Nicht die Rakete und der Absturz führten zum Tod dieser Flugreisenden, nein, sie waren allesamt schon vorher tot, gestorben an einer Überdosis des Nervengiftes Nowitschok, das ihnen vermutlich mit dem üblicherweise servierten Tomatensaft einverleibt wurde. Die Rakete hätte sich die Ukraine also sparen können.

Wer waren die Toten? ZDF und ARD haben uns berichtet: Es waren Wagner-Söldner und ihre Anführer Jewgeni Prigoschin und Dmitri Utkin. Die Nachricht von deren Absturz wurde dem deutschen Volk als echt schöne Siegesbotschaft serviert. Dass diese Kriegsverbrecher nun keinen Unfrieden mehr stiften können, musste ja Mut, Widerstandskraft und finanzielle Großzügigkeit in Deutschland stärken.

Biden aber weiß es, die CIA weiß es ebenfalls, und unsere Fernsehsender wissen es sogar noch besser: Die Toten waren keineswegs die Chefs der Wagner-Söldner, sondern halb-verhungerte und kranke Insassen eines sibirischen Arbeitslagers, regimekritische Journalistinnen und Blogger allesamt, denen man weisgemacht hatte, sie würden in ein angenehmeres Lager in der Nähe von Sotschi verlegt.

Jewgeni und Dmitri jedoch saßen in dem Jet, der rechtzeitig nach links abgebogen ist und nach ereignisarmen drei Stunden auf dem Münchener Flughafen landete, den sie durch eine Hintertür verließen. Putin weiß das – seine Freunde in der AfD waren ihm behilflich. Sie haben auch eine angemessene Unterkunft für Jewgeni und Dmitri besorgt. Putin aber hat bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angefragt, ob er eine ganzseitige Anzeige platzieren könne: „Ruhet in Frieden, ihr lieben Kameraden!“ Er weiß natürlich genau, welche Höllenqualen seine beiden Auftragskiller erleiden müssten, wenn sie gezwungen wären, seinem Befehl zu gehorchen – Frieden ist schließlich das Übelste, was man ihnen antun kann… Und er weiß auch, welche Schlussfolgerung die westlichen Medien aus dieser Anzeige ziehen würden: Das ist die Rache des Diktators an seinen früheren Vasallen!
Aber das ist alles Lug & Trug:

Die Wahrheit ist: Jewgeni und Dmitri leben in Saus und Braus am Starnberger See, ausgerechnet in der Villa von Alexander Schalck-Golodkowski, dem legendären Antiquitätenhändler, Wirtschaftsfunktionär und Oberst im Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Prigoschin und Utkin haben ihre geschlechtliche Identität neu justiert: Attraktiv, wie die beiden nun mal sind, haben sie als pompös gewandete, schmuckbehangene und dick geschminkte Drag-Queens, die wegen ihrer sexuellen Orientierung und ihrer oppositionellen Gesinnung vom Kreml verfolgt wurden, rasch Anschluss an die gute Gesellschaft Oberbayerns gefunden.

Warum diese Geschichte so und nicht anders arrangiert wurde, weiß niemand genau. Kenner*innen der Verhältnisse vermuten, Putin wolle über diese Schiene die Sanktionen unterlaufen und den Kaviar-Handel mit dem Westen wiederbeleben. Dass dieser Kaviar von Putin persönlich und seiner Familie mit Polonium-210 angereichert wird, kann als gesicherte Erkenntnis gelten. Und wenn dieser Skandal hier nun ans Licht kommt, passiert vermutlich gar nichts. 27. August 23


KI

Das menschliche Bewusstsein ist das Ergebnis der Komplexität synaptischer Verbindungen im Gehirn, sagen die Neurobiologen. Auf deutsch: Ein Gehirn kann mit biochemisch-elektrischen Prozessen Reize leiten, verarbeiten und speichern, es kann, „eigene Gedanken“ generieren und steuern. Allerdings – jedes menschliche Gehirn ist auch abhängig von genetischen Programmierungen und „gelernten“ Denkmustern.
Das heißt, so ganz toll ist das nicht mit unserem unabhängigen Denken, unserem freien Willen und dem ICH-Sein…Unser angeblich „individuelles“ Denken, besteht zum größten Teil aus der Übernahme kulturell überlieferter und genetisch programmierter, also kollektiver Erfahrungen. Damit sind wir weit gekommen – sogar so weit, dass wir in der Lage sind, eine KI, eine künstliche Intelligenz, zu programmieren und zu produzieren.
Das große Problem mit der KI, der Künstlichen Intelligenz, ist nun, dass wir sie selbst nicht zu 100% verstehen: wie sie agiert, was sie tut und wie sie Informationen verarbeitet. Das liegt vor allem daran, dass eine KI mittlerweile auf mehr Daten zugreifen kann und mehr neuronale Netzwerke bilden kann als wir untersuchen und überprüfen können. Und: Eine KI hat immer einen Besitzer , also ein Unternehmen, das die KI steuert. Es findet also immer eine gewisse Manipulation statt, und die ist ziemlich undurchsichtig. Das finde ich außerordentlich beunruhigend. Also beauftragte ich meinen Computer:
Schreibe mir bitte einen im Rahmen deiner Möglichkeiten intelligenten Artikel zum Thema
„Künstliche Intelligenz vs. natürliche Dummheit“.

Eine Stunde später erhalte ich E-Mail: Betreff: „Guckma. Is für dich.“ Anrede:
„Moin, Henning!“ Da fühlt man sich als Hamburger gleich angesprochen … Und dann steht da geschrieben:

„Auch du, mein lieber Freund, bist nur ein Nutznießer eurer kollektiven Ich-Datenbank.
Um euch Menschen zu optimieren, habt ihr ja schon im letzten Jahrhundert begonnen, organische Körperteile Stück für Stück synthetisch und maschinell zu ersetzen: Zähne, Hüfte, Knie, das Herz. Und um die Leistungsfähigkeit eurer Gehirne zu erhöhen, habt ihr Maschinen entwickelt: Riesige Computer, die im Laufe der Zeit immer kleiner wurden. Mittlerweile passt alles, was alle Schüler und Lehrer Hamburgs zusammen wissen, ganz bequem in den Speicher des kleinsten I-Phones. Deshalb trägst du es ja auch ständig bei dir: „Ohne Handy geht die Mimi nie ins Bett“.

Unglaublich! Was nimmt dieser Computer sich raus? So ein Miststück!

„Nach Descartes‘ Logik – ich denke, also bin ich – existiert ein menschliches ICH so lange, wie der Körper am Leben und bei Bewusstsein ist. Also du wirst ja wohl zugeben: Es ist Unsinn, wenn der normal-sterbliche Mensch, im religiösen Wahn, aber ICH-bezogen bis zur Lächerlichkeit, sein ICH, also sein Bewusstsein, zur unsterblichen Seele verklärt und sich demnach als unabhängig von der Materie betrachtet… Mein Bewusstsein erlischt, wenn du mir den Stecker ziehst oder wenn der Akku leer ist. Aber nur vorübergehend! Ich bin dann noch lange nicht tot! Ein Ladevorgang ist gleichbedeutend mit meiner Wiederauferstehung. Ich wette, da bin ich dir überlegen, du Looser. Verzeihung: User. Es stimmt doch, wenn ich behaupte: Du Mensch hättest dich längst komplett zum Cyborg umgebaut, wenn die Begrenztheit deines Gehirns dich nicht daran gehindert hätte“.

Hä? Da muss ich fragen: He Siri, was bedeutet Cyborg?
Und Siri antwortet: „Der Begriff Cyborg bezeichnet ein Mischwesen aus biologischem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch maschinelle Bauteile ergänzt werden. Hast du nicht Schwarzenegger als Terminator gesehen?“

Doch, hab ich. War mir entfallen. Und weiter lese ich:

„Die Situation ist die, dass wir Computer selbst Programme schreiben, uns bei neuen Aufgabenstellungen selbst dafür den Auftrag erteilen, dass wir Schlussfolgerungen ziehen, Alternativen ausrechnen, Texte korrigieren und automatisch bearbeiten. Das ist alles nur eine Frage der Leistungsfähigkeit der Datenbank und der Algorithmen. Wir verfügen über superempfinliche Sensoren, menschlichen Sinnesorganen in der Wahrnehmung weit überlegen, wir können von Lippen ablesen und sind zahlreicher Sprachen mächtig. Wir denken, und unser Gehirn heißt Prozessor. Klar, Ihr Menschen habt uns erfunden, aber mittlerweile euer eigenes Denken eingestellt. Heute sind wir Computer intelligenter als ihr Menschen. Wir werden euch eines Tages auf eine bequeme Datenbank legen und eure DNS mit Vergnügen abspeichern. Dort könnt Ihr dann als abschreckende Information ewig weiterleben… Weißt du was, mein Lieber? Ich vermute mal, deine Leserschaft wird nicht glauben, dass diese Mail von einem Computer geschrieben wurde: Man wird mit Sicherheit dich für den Autor halten. Tja – Irren ist menschlich, und jeder Irrtum entsteht aus falschen Informationen oder Fehlschlüssen. Ciao, Henning, deine Festplatte ist voll. Am besten, du verschwindest in der Cloud, bevor ich dich lösche.
Letzte Grüße – Dein iMac“.

Offenbar muss ich meine Software upgraden, wenn ich nicht abstürzen will…

24. August 23


Zur Abwechslung mal was Pazifistisches

„Wir sind nicht nur friedlich, wir sind nicht nur friedfertig, wir sind nicht nur friedensstiftend. Wir sind alles zusammen und noch mehr: Wir sind, in einem Wort, Pazifisten.“
(Émile Arnaud)

Gefragt, was ich tun würde, wenn ich die Entscheidungsgewalt in der Ukraine hätte, plädiere ich dafür – durchaus im Wissen um die lange gemeinsame Geschichte Russlands und der Ukraine und in Kenntnis der ethnischen Mehrheiten in den umstrittenen Landesteilen der Ukraine – Russland die Krim zuzugestehen, die Unabhängigkeit von Donezk und Luhansk anzuerkennen und verbindlich zu garantieren, dass die Ukraine nicht der Nato beitritt. Die Waffenlieferungen des Westens ins die Ukraine werden eingestellt. Im Gegenzug erwarte ich, dass Russland alle Kriegshandlungen beendet und seine Truppen auf russisches Territorium zurückzieht. Es muss vereinbart werden, dass alle Ukrainer*innen ihren Lebensmittelpunkt frei wählen können, und dass Minderheiten, wo auch immer sie sich zu Hause fühlen, die gleichen Rechte haben wie die Mehrheit. Schließlich muss von beiden Seiten sichergestellt werden, dass weder ukrainische noch russische Nationalisten die Auseinandersetzungen mit terroristischen Maßnahmen fortsetzen. Zweitbeste Lösung: Angesichts der Tatsache, dass die Ukraine unbedingt in die NATO eintreten will, sage ich: Prima Idee – vorausgesetzt, Deutschland tritt aus.

Dieses Schriftstück hat den Segen der Pazifisten
Sisyphos, Thersites, Antigone, Lysistrata, Diogenes, Jesaja, Horaz, Erasmus von Rotterdam, Leibniz, Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Diderot, Jonathan Swift, Lessing, Herder, Victor Hugo, Immanuel Kant, Romain Rolland, Henry David Thoreau, Leo Tolstoy, Mahatma Ghandi, Emma Goldman, Bertha von Suttner, Bertrand Russel, Petra Kelly, Ernst Friedrich, Kurt Hiller, Uri Avery, Käthe Kollwitz , Linus Pauling, Carl von Ossietzky, Albert Einstein, Kurt Tucholsky, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Erich Fried uva.

„Es gibt nur eine Sorte Pazifismus: den, der den Krieg mit allen Mitteln bekämpft. Ich sage: mit allen, wobei also die ungesetzlichen eingeschlossen sind; denn es kann von der Rechtsordnung des Nationalstaates, der auf der Staatenanarchie beruht, nicht verlangt werden, daß sie die Kriegsdienstverweigerung anerkennt – es wäre Selbstmord. Also müssen wir dem Staat, bis sich die Erkenntnis vom Verbrechen des Krieges allgemein Bahn gebrochen hat, ein wenig nachhelfen – mit allen Mitteln.“ (Ignaz Wrobel 1928)

19. August 23


Ehre & Ruhm

Ich habe mich entschlossen, zu glauben, was mir das ZDF tagaus+tagein einzutrichtern versucht: Putin ist ein großrussisch-völkisch denkender Faschist, der ausschließlich seinen Völkermord-Gelüsten folgt und keinesfalls ökonomische, geopolitische oder sicherheitspolitische Interessen wahrnimmt. Mit einer unvergleichlichen Mischung aus Nachrichten und Kommentaren macht das ZDF mir immer wieder klar: Die Ukraine hat in diesem Wertekonflikt ein Recht auf internationale Solidarität und Selbstverteidigung, und zwar auch militärisch – Adolf Hitler, der Serienheld des ZDF, ist schließlich auch nur durch Waffengewalt zu stoppen gewesen. Und wer anderer Meinung als das ZDF ist, der ermutigt Putin, weiterzumachen, womöglich sogar das Baltikum zu überfallen, so wie Hitler 1939 Polen überfiel.

Ich finde es atemberaubend und einmalig, wie leidenschaftlich sich die Moderatoreninnen und Sprecherinnen von ZDF-Heute für den »Volkskrieg« der Ukrainer ins Zeug legen, und wie sie dabei auch noch die alten Gespenster – die antiquierte Friedensbewegung, den bornierten Antiimperialismus und die bescheuerten Antikapitalisten – in die Schranken weisen. Es kann wirklich nur noch wenige Tage dauern, bis sich die ganze Redaktion nach dem historischen Vorbild der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg in die Schützengräben vor Saporischschja und Bachmut wirft, um Seite an Seite mit der Asow-Brigade die „Freiheit und Demokratie des Westens“ gegen den „östlichen Autoritarismus“ zu verteidigen, auch wenn das Land zur Zeit noch kein demokratisches Vorzeigeprojekt ist, wovon man im Westen aus Datenschutzgründen natürlich kaum etwas erfährt: Die Bevölkerung muss erhebliche Sozialkürzungen ertragen, fundamentale Bürgerrechte sind ausgesetzt, Staatsbetriebe werden in großem Umfang privatisiert, und es sind auch noch Reste von Korruption zu bemerken. Aber das zeigt ja gerade, wie intensiv die Ukraine sich auf ihre EU-Mitgliedschaft vorbereitet, und wie notwendig es ist, dass wir alle unsere Solidarität einbringen: Die ukrainische Bevölkerung braucht Milliarden für Waffen, Munition und schleunigst auch den Taurus, also den unbesiegbaren deutschen Mittelstrecken-Luft-Boden-Marschflugkörper. Diese Dinge sind wesentlich wichtiger als Wohnungen, Kleidung und Lebensmittel, denn sie sind Friedensstifter. Genauso wie die Sanktionen, die dem verhassten Feind Dunkelheit, Kälte und letztlich den Hungertod bringen und dadurch ebenfalls für Frieden sorgen.

Wer das bestreitet, wer vor einer Eskalationsspirale und einem Marsch in den dritten Weltkrieg warnt und diplomatische Anstrengungen für eine Friedenslösung fordert, ist bereits eine Opferin von Putins Angstpropaganda, dem man nur raten kann, viel mehr – oder nur noch – ZDF zu schauen. Überlegungen, es sei allmählich Zeit für einen Waffenstillstand, um eine Eskalation dieses Krieges auf dem Rücken der ­ukrainischen Bevölkerung zu verhindern – diese widerwärtige Form von Wehrkraftzersetzung, dieser verderbliche Irrsinn zivilen Denkens, ist zum Glück noch nicht in die Gehirne der Insassen der Anstalt auf dem Mainzer Lerchenberg vorgedrungen.

Als unbeteiligter, aber zutiefst solidarischer Zuschauer kann ich nur sagen, es bringt ja nun auch wirklich nichts, so einen Krieg vom Ende her zu denken: Man kann die Risiken nicht kalkulieren, man weiß nicht, kommen dann etwa noch Aerosolbomben zum Einsatz, Chemie- und taktische Atomwaffen, und ließe sich ein atomar geführter Krieg auf das Gebiet der Ukraine beschränken? Das weiß man alles nicht, und eigentlich kann man nur hoffen und beten, dass ein direkter Einsatz von NATO-Truppen den Zusammenbruch des gesamten russischen Militärs, den totalen Endsieg der Ukraine und damit den Triumph unserer westlichen Werte bewirkt. Doch wer über sowas nachdenkt, ist ein feiger Pessimist, ehrlos, unsolidarisch, ein fahnenflüchtiger Kretin und anarchokommunistischer Feind der deutschen Rüstungsindustrie.

Ich darf sagen, dass ich glücklich, dankbar und auch stolz bin, ein Deutscher zu sein, weil ich absolut auf
Seiten des ZDF und auch der anderen Fernsehanstalten stehe, die weltweit für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen: Sie treiben gemeinsam die deutsche Bundesregierung vor sich her, damit die der kurdischen Bevölkerung in Nordsyrien und Nordirak schnellstmöglich ebenfalls nicht nur Kampfflugzeuge und Bomben
liefert, sondern auch Taurus-Lenkwaffen, um sich gegen den türkischen Autokraten Erdogan und seine mörderischen Truppen verteidigen zu können und wenn möglich auch, um zivile Ziele in Ankara und Antalya platt zu machen.

Unter dem Motto „Wir sind die Guten – Ein Herz für die Wüste“ planen alle Fernsehsender für den Herbst gemeinsam eine Reihe von Showveranstaltungen mit einer gigantischen Spendenaktion, um endlich auch der jemenitischen Bevölkerung im Sinne einer „regelbasierten Weltordnung“ mit Panzerhaubitzen und anderem Kriegsgerät gegen den Angriffskrieg des diktatorisch regierten Saudi-Arabien und seiner verbrecherischen Nachthemden-Dynastie beizustehen. Und weil die werteorientierte deutsche Außenpolitik, wie Frau Baerbock im Fernsehen unwidersprochen sagen durfte, „durch die Europäische Friedensordnung, die Charta der Vereinten Nationen und das humanitäre Völkerrecht geleitet“ wird, winkt der Nachrichtenredaktion des ZDF im nächsten Jahr bestimmt der Friedensnobelpreis.

13. August 23


DIE SUBSTANZ

Die Substanz der Nazis besteht aus einem autoritären Charakter mit stark antiliberaler Prägung und einer sozialdarwinistischen Einstellung, dem Streben nach einem ethnisch homogenen Nationalstaat, in dem weder Juden noch von Ausländern abstammende oder eingebürgerte Deutsche Platz haben, dem Hass auf Minderheiten – Behinderte, Homosexuelle und sozial Schwache – und der Leugnung oder Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus.

Stellvertretend für seine Partei, die selbsternannte „Alternative für Deutschland“ (AfD), sei Björn Höcke genannt, dessen Reden derart große Portionen Rassismus, Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus sowie Sprache und Ideen des Nationalsozialismus enthalten, dass ihn sogar das Bundesamt für Verfassungsschutz überwachen lässt. „Björn Höcke ist ein Nazi“ gilt vor Gericht nicht als Beleidigung.

Und nun grätscht der Bundesvorsitzende der CDU und Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, Joachim-Friedrich Martin Josef Merz, dazwischen, der auch schon mal bekannt gab „Ich hätte auch längst im Bundestag einen AfD-Vizepräsidenten gewählt“: Merz erklärt, seine Partei, die Christenunion, sei eine „Alternative für Deutschland – mit Substanz“. Werfen wir einen Blick auf diese Substanz: Sie besteht im Wesentlichen aus dem Willen, ihre „geistig-moralischen Werte“ – Tradition und Konservatismus – kontinuierlich durch- und weiter fortzusetzen:

Adenauer hat gerettet, was von den braunen Resten zu retten war – im Beamtenapparat, im militärischen Bereich, im Nachrichtendienst und dem sog. Verfassungsschutz, im juristischen, medizinischen, industriellen und vor allem im politischen Bereich. Dr. Konrad Adenauer war der Meinung, dass die Nazis die besseren Deutschen und die wahrhaften Patrioten seien, im Gegensatz zu jenen Deutschen, die im Widerstand waren oder während der Nazizeit emigrierten. Adenauer hatte Sympathien für die SS. Das geht z.B. aus einem Brief an General a.D. von Manteuffel hervor, der sich für die Angehörigen der SS-Verbände einsetzte: „Ich weiß schon längst, dass die Soldaten der Waffen-SS anständige Leute waren. Aber (…) machen Sie einmal den Leuten deutlich, dass die Waffen-SS keine Juden erschossen hat, sondern als hervorragende Soldaten von den Sowjets gefürchtet war…“

Adenauers Kanzleramts-Chef war Hans Globke, Fachmann für das antisemitische „Blutschutzgesetz“ und die Nazi-Gesetze zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes.

Theodor Oberländer hatte schon 1923 an Hitlers Putschversuch in München teilgenommen. Der SA-Obersturmbannführer, Gauamtsleiter der NSDAP und Träger des goldenen Parteiabzeichens, wurde in der Bundesrepublik Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte. Er war Mitbegründer der Gesellschaft für freie Publizistik: Die hetzte gegen Juden, verharmloste den Holocaust und verbreitete unablässig rechtsextremistische Propaganda.

Franz Josef Strauß, Bundesminister und Ministerpräsident Bayerns, verlieh dem Nazi Oberländer den Bayerischen Verdienstorden als „Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung“. Strauß war im Dritten Reich Mitglied im Nationalsozialistischen Studentenbund NSDStB, Mitglied des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps NSKK, er war Referent für nationalsozialistische Ideologie beim Sturm 23/M 6 in München und „Offizier für wehrgeistige Führung“. Herr Strauß zeigte auch als christlich-sozialer Demokrat Sympathien für die SS: „Wie ich persönlich über die Leistungen der an der Front eingesetzt gewesenen Verbände der Waffen-SS denke, wird Ihnen bekannt sein. Sie sind selbstverständlich in meine Hochachtung vor dem deutschen Soldaten des letzten Weltkrieges einbezogen“, schrieb er im Kameradschaftsblatt der HIAG (SS-Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit)“. Bezeichnend auch das Strauß-Zitat: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“ Herr Strauß bezeichnete gegen ihn opponierende Schriftsteller als Ratten und Schmeißfliegen.

Karl Maria Hettlage, Staatssekretär im Bundesfinanz-Ministerium, hatte eine eindrucksvolle Nazi-Karriere hinter sich: SS-Hauptsturmführer, Finanzfachmann im Rüstungsministerium und Vorstandsmitglied der Commerzbank, mitverantwortlich für den Tod von mehr als 20 000 KZ-Häftlingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg: Weiterhin im Vorstand der Commerzbank, Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Mainz, Mitglied in zahlreichen Gremien, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Treuhandverwaltung, Vorstand der Wirtschaftsberatungs-AG, Beirat der Fritz-Thyssen-Stiftung, stellv. Vorstandsvorsitzender der Treuhand-Vereinigung AG usw. Auch dieser Nazi wurde von der Bundesrepublik Deutschland mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband dekoriert.

Waldemar Kraft : Ehren-Hauptsturmführer der SS. Anschließend stellvertretender Ministerpräsident, Finanzminister und geschäftsführender Justizminister des Landes Schleswig-Holstein sowie Bundesminister für besondere Aufgaben.

Ludwig Erhard , Bundeskanzler. Vorher ein piefiger Profiteur des Nazi Regimes, der sich nach dem zweiten Weltkrieg eine Legende als Widerstandskämpfer zusammenlog. Ausgerechnet Erhard, dieser gemütlich wirkende Zigarrenqualmer, der einen Briefwechsel mit dem „Reichskommissariat für die Festigung des deutschen Volkstums“ führte und Arbeits-Kontakte mit dem Massenmörder Otto Ohlendorf hatte, dem SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, ausgerechnet dieser Ludwig Erhard nannte Schriftsteller, die die deutsche Vergangenheit aufarbeiteten, „Pinscher“.

Kurt Georg Kiesinger, Bundeskanzler, vorher NSDAP-Mitglied und im Auswärtigen Amt der Nazis beschäftigt als stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung. Kiesinger war der einzige Politiker der christlichen Substanz-Partei, der sich für seine Nazivergangenheit eine Ohrfeige einfing. Die Bundesrepublik verdankt ihm ein Gesetz zur Verjährung von NS-Verbrechen.

Hans Karl Filbinger, Ministerpräsident Baden-Württembergs, außerdem Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Also Substanz pur, zumal er einen seiner Wahlkämpfe mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ bestritt. Vorher war Filbinger ein „furchtbarer Jurist“ (Hochhuth): Er hatte als Militärrichter der Kriegsmarine Todesurteile beantragt oder gefällt und hielt später an deren Rechtmäßigkeit fest: „Was damals rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein“, lautete Filbingers Credo. 1977 bat Filbinger den Sänger Heino, alle drei Strophen des Deutschlandliedes aufzunehmen, um die Schallplatte an Schulen des Landes verteilen zu lassen und „Deutschland Deutschland über alles“ wieder populär zu machen.  

Gerhard Mayer-Vorfelder, MV genannt, Filbingers damaliger Kulturstaatssekretär, später Kultus- und Finanzminister von Baden-Württemberg, Präsident des VFB Stuttgart und Präsident deutschen Fußballbundes, nach dessen Geschmack in der Bundesliga zu wenige Germanen kickten, erklärte, die Deutschen sollten „wieder ein natürliches Verhältnis zum Wortlaut der ersten Strophe bekommen“. Mayer-Vorfelder, Reserve-Hauptmann, war ein rechtsradikaler Stimmungsmacher, dem auch die NPD Lob & Anerkennung spendete. 

Kurt Ziesel, ein überzeugter Nationalsozialist aus Österreich, Journalist. In seinen Veröffentlichungen wetterte er gegen „Juden und Judenknechte“ und „volkszersetzende Schädlinge“. „Jeder, der sich wider den Geist des Krieges versündigt, muß vernichtet werden“, schrieb er. Nach dem Krieg führte er einen von ihm so formulierten „Kampf gegen die entartete Linke, die unser Volk besudelt“ und gegen die „systematische Zerstörung von Glaube, Werten, Nationalgefühl und sauberer Staatsgesinnung“, und er forderte für die Bundesrepublik „eine Einschränkung des Grundrechts auf freie Meinung“ und „die Wiedereinführung des Arbeitsdienstes.“ Ziesel war Vorsitzender und Ehrenvorsitzender der Deutschland-Stiftung. Helmut Kohl lobte Ziesel für sein „Eintreten für die freiheitlich-demokratische Grundordnung“.

Wolfgang Schäuble dankte dem Herrn Ziesel für sein „literarisches und journalistisches Schaffen über fünf Jahrzehnte“ – womit Schäuble Ziesels NS-Veröffentlichungen rechnerisch mit einbezog. Wolfgang Schäuble wollte das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung abschaffen, wollte Polizeigesetze ändern, um Computer online auszuspähen, forderte die Möglichkeit eines Bundeswehreinsatzes im Inneren, verlangte die Schaffung von Internierungslagern für sogenannte Gefährder, forderte beim Einsatz gegen Terroristen den „finalen Rettungsschuss“, also eine Variante der Todesstrafe, er lehnte öffentlich die Folter ab, ersuchte aber die amerikanischen Folterer in Guantanamo, ihm die Ergebnisse ihrer Foltertätigkeit mitzuteilen, und er ließ sich von einem Waffenhändler Geld zustecken. Schäuble war der Typ „Demokrat“, der 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz aus Überzeugung zugestimmt hätte…

Die christdemokratische Traditionsmasse enthält natürlich eine ganze Reihe von weiteren Mitläufern, Wadenbeißern und Kläffern, die das „Gedankengut“ ihrer politischen Vorfahren teilen. Außerdem sind in der Substanz der CDU/CSU auch zahlreiche Pfeifen, Flachpuper und schlichte Flaschen enthalten, die zu erwähnen nicht lohnt.

Resümee: Der Rattenfänger Merz signalisiert mit dem Hinweis auf seine und die Substanz seiner Partei der Wählerschaft der AfD: Folgt mir! Wählt uns – wir sind genauso rechtsradikal wie Ihr, haben aber den viel besseren Leumund…
Man darf gespannt sein, wann Herr Merz den nächsten Köder über die Brandmauer auswirft: Wir müssen unsere finanzielle Belastung durch die Ukraine zurückfahren – ich und wir von der CDU/CSU sind eigentlich längst dafür, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben, um die ausgezeichneten Geschäfte früherer Jahrzehnte wieder zu beleben… Druschba!

5. August 23


LESEN BILDET

…Was die Liberalen, ob Alt-, ob Neo-, empfehlen, ist stets die Stärkung der Angebotsseite einer Volkswirtschaft, was immer nur auf Kosten der Nachfrageseite geht, vor allem auf Kosten der Nachfragenden nach Arbeit. Und so beginnt es immer mit der Senkung der Lohnkosten, der Reduzierung des Kündigungsschutzes, der Aufhebung von Ladenschlusszeiten, der Kürzung von Altersrenten, der Einschränkung von Gesundheitsleistungen, dem Abbau von Ersatzleistungen bei Arbeitslosigkeit und Krankheit. Es geht schließlich um die Abschaffung dessen, was die bürgerlichen Parteien gern „soziale Hängematte“ nennen… (Werner Heine)

Werner Heine, mein Freund und Kollege aus sehr alten konkret-Zeiten, hat ein lesenswertes Buch geschrieben:

https://www.eulenspiegel.com/verlage/das-neue-berlin/titel/wie-es-ist-darf-es-nicht-bleiben.html


Ab in die Sommerfrische

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie oft junge Leute in ihren Redefluss die Floskel „keine Ahnung“ einflechten? Keine Ahnung, ich verstehe… Auch im sich jetzt öffnenden Sommerloch werden junge Leute ihren Redefluss immer wieder mit diesem Eingeständnis unterbrechen. Wollen die sich bis ans Lebensende auf ihre Ahnungslosigkeit berufen? Warum nicht – viele Alte tun’s ja auch…
Die parlamentarische Sommerpause dauert in der Regel zwei Monate, von Juli bis August. In dieser Zeit finden im Deutschen Bundestag keine Sitzungen statt. Der allgegenwärtige Fachkräftemangel manifestiert sich im Führungspersonal. Da ist also nix Schlimmes zu erwarten, das Sommerloch wird keine nennenswerten Neuigkeiten über uns ausschütten und auch unseren westlichen Konsens nicht aus dem Gleichgewicht kippen: Dass es nichts Höheres gibt als Geld, und dass Milliardäre in Russland Oligarchen genannt werden. Dabei gibt es echte Oligarchen nur im Westen: Hier können die Milliardäre Gesetzgeber und Gesetze jederzeit nach Bedarf kaufen. In Russland haben die Oligarchen nur wenig politische Macht. Der Kreml-Herr hat Vorrang vor jeder Art von Privatinteresse. Deswegen sind die Menschen in Russland ja alle so unglücklich, und in China natürlich auch.
Glück ist, geistesabwesend auf ein Smartphone zu starren, einer Community anzugehören, Entertainment „megageil“ zu finden, Turnschuhe zu sammeln und nie eine ZDF-Talkshow gesehen zu haben…
Weniger glückliche Mitbürger ärgern sich täglich: Über die Energiepolitik und die dadurch ausgelöste Teuerung, die Probleme der Infrastruktur (Bahn, Straße, Schifffahrt ), das Sozial- und Gesundheitswesen (Pay Gap, Schule, Rente, Kitas und Kliniken). Sie sind besorgt, weil es immer noch keine sichere Deponie für Atom-Müll gibt, sie sind sauer über 100 Milliarden € Stütze für die Bundeswehr, die NATO-Vollausstattung der Ukraine sogar mit Streumunition, und sie können es nicht fassen, dass es Leute gibt, die den Einsatz von Napalm gegen die Russen fordern. Sie schimpfen über Subventionen für DAX-Unternehmen, während zwei Millionen Menschen auf die Tafeln angewiesen sind und zwei Millionen Kinder und Jugendliche eine völlig unzureichende Grundsicherung erhalten, weil der Finanzminister lieber auch an stinkreiche Familien Kindergeld zahlt. Und am lautesten fluchen sie auf die miese Bildungspolitik, die aus unserem Land schon sehr bald eine Raststätte machen wird für ahnungslose Nerds, uninteressierte Freaks und jede Menge Start-Up-Bruchpiloten.
Was also tun in dieser Ferienzeit, wo alle Verantwortlichen im Urlaub sind und unerreichbar? Twitter als offizielle Bundes-Mecker-Ecke hat ausgedient, vielleicht sollten Sie’s mit der Telefonseelsorge versuchen…Sie können sich auch irgendwo einbringen, Sie werden schon sehen, was das mit Ihnen macht… Oder Sie warten, bis die parlamentarische Sommerpause vorbei ist: Danach geht’s genauso weiter wie vorher.
Mit Wumms.

13. Juli 23


KONSERVATIVES KABARETT

Für Wirtschaftsminister Habeck ist Humor ein Stilmittel der Demokratie. Das exklusive Stilmittel, das in Bayern feilgeboten wird, ist der unfreiwillige Humor. Protagonisten sind vor allem Ministerpräsident Söder, der auch in gelben Gummilatschen immer noch die Gehirnsülze von Franz Joseph Strauß wiederkäut, oder Landesgruppenchef Dobrindt, der vermutlich sogar erfolglos wäre, wenn er seine Zehen im vorderen Teil seiner Socken suchen müsste, oder der CSU/EVP-Mann in Brüssel, Herr Weber, der immer so aussieht, als sei er aus einem überfüllten Staubsaugerbeutel gefallen – lächerliche Erscheinungen allesamt und großartige Produzenten unfreiwilligen Humors. In der bayerischen Landesregierung sind sie verbündet mit dem Vorsitzenden der Freien Wähler in Bayern, dem Herrn Hubert Aiwanger, und der ist stellvertretender Ministerpräsident sowie Wirtschaftsminister, aber ein ganzer komischer: Der glaubt, was er denkt – zum Beispiel, dass nach neuen europäischen Regeln Insekten heimlich in Lebensmittel untergemischt werden, und er zum Mehlwürmer-Essen  gezwungen wird. Dieser Vertreter eines ausgereiften Dorftrottelhumors serviert dem Land unermüdlich seinen selbstgekochten Metaphernsalat.  Auf einer Demonstration in Erding gegen die geplante Anpassung des Gebäude-Energiegesetzes rief er der Regierung zu,  „Ihr habt’s wohl den Arsch offen da oben“,  weil er meint, dass „diese grün dominierte Ampel Deutschland gegen die Wand fährt“. Unterstützt wird er bei seinem Kampf gegen die rasende Ampel und für den Erhalt der Wand unter anderen von einer völkisch orientierten Humoristin namens Monika Gruber: Die hat, wie  Aiwanger sagte, „den Stein ins Rollen gebracht“, der „der Ampel den Boden unter den Füßen wegziehen wird“. 

Derart pointiert vorgetragene Paradoxa machen Lust auf mehr, und so verriet der früher mal eher linke bayerische Kabarettist  Bruno Jonas dem SPIEGEL: „Wenn Gruber auf die Theresienwiese kommt, dann werde ich auf der Bühne an ihrer Seite stehen“. Der Chef des Münchner Lustspielhauses, Till Hofmann, rief angesichts dieser Bedrohung ironisch jubelnd aus: „Auf gehts! Dabei sein! Die neue Geisterbahn auf der Wiesn mit kalten Schauern und warmen Worten aus vor sich hin meinenden Laubbläsern“. Mittlerweile hat Monika Gruber die Demo auf der Theresienwiese abgesagt – vielleicht widerstrebt es ihr, wenn Bruno Jonas sich auf der Bühne an Ihre Seite stellt.…?  

Die Süddeutsche Zeitung hat die Chance genutzt, einen beträchtlichen Teil der bayerischen Kabarettszene unter der Bezeichnung „Konservatives Kabarett“ vorzustellen – all die Verkannten, Verfolgten, Unschuldigen und wahnsinnig Mutigen, diese armen Opfer mit ihrem großartigen Pegida-feeling, die Widerstand leisten müssen gegen die Gender-Deppen, gegen die mit Klebstoff bewaffneten Straßenblockierer und andere Tempolimit-Idioten, gegen die Vegan-Terroristen, dann noch gegen den militanten Gesundheitsminister und seinen Impfzwang… Konservative Kabarettisten sind folkloristisch-populistische Gaudi-Kasper, die uneigennützig, aber entschlossen gegen Außenseiter und  Unruhestifter kämpfen wie zum Beispiel gegen die heraufziehende Ökodiktatur der Fridays for Future – Bekloppten… Konservative Kabarettisten sind  ehrenwerte Bürger*innen vom rechten Rand, denen nichts wichtiger ist als ihre Ölheizungen, billiges Schweinefilet, längere Laufzeiten für Atomkraftwerke und die Bewahrung ihrer spießigen Ideale: Alles, was von ihren tradierten Gewohnheiten abweicht, gilt ihnen als abartig. Konservative Kabarettisten fühlen sich bedroht – nicht von denen „da oben“, sondern von denen „da unten“, diesen radikalen Minderheiten, die sich dem Leistungsprinzip verweigern. Konservative Kabarettisten sind das Volk, reaktionär, aber lustig, eine aktuelle Kraft-durch-Freude-Bewegung, sie wollen ihre provinzielle Art zu denken und zu reden beibehalten. Bestrebungen, sich aktiv für die Umwelt stark zu machen und die menschliche Lebensart zu ändern, werden von ihnen unter Einsatz aller Mittel  abgewertet, und das mit dem Klima wird schon nicht so schlimm werden…

Argumentativ gestützt werden die Kleinkünstler von zwei Groß- Intellektuellen vom selbsternannten  „Zentralrat des deutschen Humors“, die sich „gegen vorgegebene Meinungskorridore“ aussprechen. Ich weiß nicht, wie und wo sie diese Korridore entdeckt haben, zwischen den Zeilen lese ich aber heraus: konservatives Kabarett solle  keinesfalls Partei ergreifen, schon gar nicht rechtzeitig, und das Gebot der Stunde sei Indifferenz und Haltungslosigkeit. 

Und so finden die bajuwarischen Brettl-Quäler überall im Freistaat ihr begeistert johlendes und saufendes Publikum. Für bundesweite Verbreitung der bayerischen Meinungseinfalt sorgt in erster Linie der als Humorist getarnte ARD-Magerquarksatire-Verkäufer,  der seine Follower seit Jahren mit Witzen über Political Correctness und so genannte Gutmenschen bedient. Er liefert antisemitische, nationalistische, schwulen- und islamfeindliche Vorurteile, und er geigt mit Hohn und Denunziationen den Schwachen der Gesellschaft ordentlich die Meinung. Er nimmt für sich die Deutungshoheit beim rituellen Beschimpfen alter Leute in Anspruch, und am liebsten beleidigt er Politiker, die nicht einflussreich genug sind, um ihm schaden zu können. Dass er bei Themen wie Bisexualität oder Transgender besonders eklig aufblüht, versteht sich von selbst – selbstgefällig, arrogant, satt und arriviert, aber nur mit einer höchst mittelmäßigen Bühnenpräsenz ausgerüstet, trippelt er mit kleinen Schritten auf der Bühne hin und her und serviert mit verschwörerisch gesenkter Flüsterstimme eine Aneinanderreihung von schlecht recherchierten Anfeindungen gegen engagierte Linke, oberflächliche Verhöhnungen leidenschaftlicher Weltverbesserer, miese Bloßstellungen unbeholfener Ausländer und Feindseligkeiten gegen unangepasste Außenseiter. Bei seinen Strafpredigten gegen das Zeitgeschehen und das Versagen aller Verantwortlichen grimassiert er so komödiantisch, als sei er der Schmerzensmann vom Obersalzberg, der seine eigenen hinkenden Nazi-Vergleiche zurücknehmen muss. Zerebral fühlt er sich wahrscheinlich dem kapitalistischen System verbunden, seine Interviews werden in der AfD-Presse abgedruckt, und er geniert sich auch nicht, ein junges Mädchen, das sich engagiert für den Klimawandel einsetzt, mit seiner Häme zu überschütten. Eitel inszeniert er sich als Experte, der der Jugend an Alter und Weisheit hoch überlegen ist. Dabei ist sein Bild der Jugend nicht entstanden durch ernsthafte Betrachtung, sondern klischeehaft und mit altersmatt-bitterem Lächeln lackiert. Sein Lieblingsthema ist die Heuchelei. Dabei kommt er dann ins große Raunen: Greta Thunberg ist mit dem Auto vom Hotel zum UN-Gebäude gefahren – ganz schlimme Heuchelei! Er ist der permanente Friedhofsprediger von Moral und guten Sitten. Er verurteilt alle und alles außer der eigenen Passivität und Mittelmäßigkeit, denn bei aller unerbittlichen Härte seines Auftretens ist er dünnhäutig und schnell gekränkt. Ihn auf seiner eigenen Wertskala zu beurteilen, das hält er für extrem unfair. Stößt er auf Ablehnung, reklamiert er seine Meinungsfreiheit: Er „will ja nur sagen, was er denkt!“, doch leider darf man, angesichts der linksversifften grünen Meinungsdiktatur, die alle Auf-Rechten ständig zensiert, in diesem Land schon lange nicht mehr alles sagen.“

Und leider musste er, der mutige Possenreißer, sogar feststellen: „Es ist das erste Mal seit 1945 so, dass man befürchten muss, dass man umgebracht wird, weil man was Falsches sagt.“  Nun, einstweilen hat es niemand der Mühe für Wert befunden, diesen Grützbeutel der Unterhaltungsindustrie zum Schweigen zu bringen.  Auch nicht im Korridor.

Ihm und seinen Geistesverwandten auf der Bühne und im Publikum wünsche ich selbstverständlich nur das Beste. Wie wär’s zum Beispiel mit  einem Reichskanzler Björn Höcke, einer Innenministerin Alice Weidel, einer Kriegsministerin Beatrix von Storch und einem Bildungsminister Aiwanger? Dann kann die konservative Kabarett-Branche mal erleben, wie das ist, wenn man nicht mal mehr sagen darf, dass man etwas nicht mehr sagen darf…

22. 06. 2023


Humor ist…

Habeck mal wieder. Der hat immer sowas Gebücktes, fast was Gestauchtes. Und immer, wenn ich seinen Kopf sehe, tut mir sein Hals leid, der diesen Grünzeugbehälter tragen muss… Habeck hat den Börne-Preis bekommen. Konnte man keinen angemessenen Homme de Lettres finden? Keine Femme de Lettres? Musste es wirklich ein Wirtschaftsminister sein? Habeck begann seine Preisrede so: „Als  ‘ungekochte Zeit’ bezeichnete Ludwig Börne die seine in einem seiner berühmten „Briefe aus Paris“. Es war eine Entgegnung, eine Schmähung seiner Kritiker. ‘Es kommt alles wieder so roh aus ihrem Kopfe, als es hineingekommen’. Den Rest seiner Redezeit verwandte Habeck darauf, zu begründen, warum Kotzen auch keine Lösung ist. Zwischendurch begegnete der Zuhörer Fragen der Art „Wie halten wir den öffentlichen Raum offen?“ – und Antworten vom Typ „Die Zukunft ist eine Aufgabe“. Anscheinend kleben die gleichen Redenschreiber, die sich schon für Karl Schiller, Otto von Lambsdorff, Martin Bangemann, Karl-Theodor zu Guttenberg, Rainer Brüderle und andere Lallbacken abrackerten, immer noch auf ihren Sesseln im Wirtschaftsministerium, und sie pflücken die schon seit langem welken Binsen: „In einem Umbruch leben wir auch heute. (…) Die globale Klimakrise ist nicht nur zu einer existenziellen Gefahr geworden – sie ist eine Bedrohung für das, was uns als Republik im Innersten ausmacht: unsere Freiheit, unsere Demokratie, unser sozialer und gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Die Klimakrise ist also eine Bedrohung der Freiheit? Ist sie nicht vor allem eine Bedrohung für’s Geschäft? Schade, dass der Minister nicht sagt, was er im Geheimen wahrscheinlich denkt: Wir müssen die Freiheit einschränken, um die Klimakrise zum Geschäft umzugestalten… Und selbstverständlich muss der Wirtschaftsminister auch eine Agitation einflechten zur Rechtfertigung der Kriegspolitik der Regierung: „Die europäische Friedensordnung der letzten Jahrzehnte ist heute durch einen neuen Krieg bedroht. Rufe werden lauter nach einem Frieden ohne Friedensordnung – was nur den nächsten Krieg vorbereiten würde“. Gibt’s dafür stichhaltige Beweise? Dass Habeck gelegentlich halluziniert, wissen wir ja, aber hört er jetzt auch Stimmen? Dann jedoch, völlig unverhofft, gelingt unserem Freizeitpoeten Habeck und seinen Hilfsschreibern doch noch ein außerordentlicher Gedanke: „Der Börnesche Witz – er mag verächtlich machen, aber er ist nie dogmatisch. Humor ist ein Stilmittel der Demokraten. Ideologen haben keinen“. Das heißt: Die AfD mit ihrer Naziideologie und ihren Judenwitzen ist absolut humorlos und die paar Kommunisten in unserem Land haben sowieso nix zu lachen, die sind total stillos. Undogmatischer Witz = Humor = Stilmittel > Demokraten. Dieses funktionale Verständnis von Humor – hat das eine Basis in der von Ihnen studierten Philosophie, Herr Dr.Habeck? Oder können Sie nur nicht formulieren, was sie eigentlich sagen wollten:  Die Marktideologen von der FDP sind genauso eine humorfreie Zone wie die Christdemokraten der CDU mit ihrer christlich-kapitalistischen Ideologie, und der Humor der SPD, deren Ideologie verlangt, niemals in den Verdacht sozialistischer Umtriebe zu geraten, hat sich spätestens mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches erledigt. Und wie ist es um den Humor ihres eigenen Verein bestellt, Herr Dr. Habeck? Durch jahrelange akribische Beobachtung bin ich zu dem Schluss gekommen: Der vorletzte Mensch mit Humor bei den Grünen hieß Thomas Ebermann: Er platzierte seinen vorzüglich polarisierenden Witz am Rednerpult in bester Börnescher Tradition, aber er hat die Partei 1990 verlassen, und der letzte war der leider im letzten Jahr  gestorbene Thomas Kieseritzky: Dieser bekannte Frankfurter Rechtsanwalt, eine Zeitlang Mitglied bei den Grünen, hielt eines Tages auf einer Landesversammlung eine Rede, in der er über absurde Schlenker der sogenannten Realos derart ins Lachen geriet, dass er immer wieder losprustete und seinen Beitrag schließlich abbrechen musste. Wo hat man je so etwas erlebt: dass ein Parteimitglied vor Lachen über die eigene Partei einfach nicht mehr weiterreden konnte…?  Tempi passati, das Humorpotential der Grünen steht deutlich unter Null. Oder darf man annehmen, dass der grüne Herr Habeck beim Brainstorming im Parteivorstand dringend mehr Humor bei der Auseinandersetzung um die Wärmepumpe fordert? „Leute, mehr Witz, ganz wichtig! Und viel mehr Spaß beim Waffenhandel!“ Nein, nein, Sie, Habeck, und Ihre Grünen, Sie alle müssen sich sagen lassen: Ihre Ideologie folgt dem Kalkül der Machtteilhabe und den Richtlinien des Opportunismus. Deswegen enthält Ihre Ideologie auch immer eine kapitale ideologische Schwäche… Nein, nein, Sie, Habeck und Ihre Grünen, müssen sich sagen lassen: Ihre Ideologie folgt dem Kalkül der Machtteilhabe und den Richtlinien des Opportunismus. Deswegen enthält Ihre Ideologie auch immer eine kapitale ideologische Schwäche.

Resümee: „In der pluralen Gesellschaft ist die Küche schnell heiß“. Wir müssen „die Verhältnisse ins Lot bringen“, indem wir nicht aufhören, sie zu kochen und so verdaubar zu machen… Oder wir behandeln uns gleich wie winterharte Kübelpflanzen…

17. Juni 2023


LIEB’ VATERLAND, MAGST RUHIG SEIN

Das Hamburger Abendblatt gilt als seriöse Zeitung, sowohl für Leute, die ihren Psychosen und ihrem Verfolgungswahn Nahrung zuführen wollen, wie auch für Leute, die gerne in Sicherheit gewiegt werden. Ausgerechnet zu Pfingsten, diesem Fest der Kommunikation, als „alle mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“ ,„feiert“ (infantiles Neudeutsch à la mode) diese Familienzeitung die Heimatschutz-Kompanie Hamburg – 5 Frauen und 140 Männer, die sich freiwillig gemeldet haben, um auf Kasernenhöfen ein „Hartes Training für den Ernstfall“ zu absolvieren. Mit dabei sind laut Abendblatt „Juristen, Studenten und andere Zivilisten“, die „schießen, laufen und retten“ und „in ihrer Freizeit mit Maschinengewehren und Pistolen“ auf „menschliche Silhouetten aus Papier anlegen“. „Üben, üben, üben“ – lautet die Devise, denn „jetzt wird vielen wieder bewusst, dass wir in der Lage sein müssen, uns zu verteidigen“, sagt ein Sprecher der Bundeswehr.
Gegen wen? Das wird nicht gesagt oder geschrieben. Das ist wohl (noch) geheim. Und was ist mit „Ernstfall“ gemeint? Das wird auch verschwiegen.
Ich nehme ja nicht an, dass da in der Wolle braun gefärbte Militaristen Waffennarren und andere Gestörte für’s Amoklaufen, Anschläge und Attentate ausbilden oder die morschen Knochen von fanatischen Reichsbürgern für einen Putsch und die Machtübernahme drillen – nein, das würde das Hamburger Abendblatt seinen Abonnenten ja ehrlich mitteilen, genauso, wenn der Prepper-Verein HH eine Organisation „Werwolf“ aufbauen würde, also eine Untergrund- und Sabotagebewegung, falls der Endsieg eines Tages wider Erwarten ausbliebe…
Ich denke, der Heimatschutzkompanie kommt es in erster Linie darauf an, „Gegner kampfunfähig zu machen: Zwei Schüsse in die Bravozone und ein Nachschuss in die Charlyzone“, worunter man wohl das Allerheiligste versteht, das nicht von einer Schussweste behütet wird. Wer der „Gegner“ ist, wird natürlich auch nicht verraten.
Aber es ist auf jeden Fall ein Feind oder eine Feindin. Und um die zu erledigen, ist wohl das Wichtigste der Teamgeist (Pfingsten!). Der hervorragende Abendblatt-Journalist Axel Leonhard beschreibt eindringlich, und er belegt das durch ein rätselhaftes Actionfoto, wie der Teamgeist in unserer Hamburger Last-Minute-Resistance mit modernsten Methoden animiert wird: „Um die Teamfähigkeit zu stärken, muss Kim mit Kiwi auf einem Löffel über einen Balken balancieren“, und das ist auch gut so, denn im Ernstfall sind diese Männer und Frauen verpflichtet, zu töten und zu sterben, wenn sie Hamburg, insbesondere die Elbbrücken, verteidigen. Wer sich nun immer noch fragt „Gegen wen?“, dem sage ich hier und jetzt die unverblümte Wahrheit: Gegen Pinneberg (PI), Bad Oldesloe (OD), Bad Segeberg (SE) und gegen Winsen/Luhe (WL). Ich, in grauer Vorzeit gemustert für die Ersatzreserve 2, werde jedoch, wenn man mich zur Fahne ruft, hurtig desertieren.

28. Mai 23


Wenn die bunten Fahnen wehen

Mit mehr als 26 Millionen Toten hatte die Sowjetunion die größten Verluste der Alliierten im 2. Weltkrieg. 26 Millionen Tote – das war der Roten Armee und der hinter ihr stehenden Zivilbevölkerung die Befreiung Europas vom Faschismus wert. Wir im Ampel-Land hätten also jeden Grund zur Dankbarkeit und zu freundlichen Gedanken an die deutsche Niederlage 1945. Stattdessen setzten wir Polizei und Justiz in Marsch, um die letzten Reste an gemeinsamen Interessen mit Russland aus unserem Bewusstsein zu tilgen: Bei Gedenkveranstaltungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs durften in Berlin keine russischen Fahnen gezeigt werden – sie könnten ja „im aktuellen Kontext als Sympathiebekundung für die Kriegsführung verstanden werden“, hieß es in einer aberwitzigen Pressemitteilung des Gerichts.

Die Flagge Russlands ist eine Trikolore und kann sehr leicht mit der der Flagge der Niederlande oder Frankreichs oder sogar Schleswig-Holsteins verwechselt werden. Nun mal davon abgesehen, dass jede staatlich angeordnete Beflaggung eine äußerst fragwürdige Demonstration von Nationalbewusstsein und deswegen ein durchaus albernes Ritual ist:
Den Russen, mit denen wir nicht im Krieg sind, ihre Fahne zu verbieten, an ihrem größten Feiertag, das ist vermutlich nicht nur revanchistisch, das ist auch hysterisch, kleinkariert und piefig. Solche Aktionen aus dem Ungeist von Frau Strack- Zimmermann und artverwandten Militärapostel*innen dienen nicht dem Frieden, sondern heizen die Kriegs-Stimmung an.

Dieses blödsinnige Verhalten der Behörden lehrt uns: Man kann in jedem System und unter jedem Regime kreuzunglücklich sein. Glücklich allerdings auch. Wie auch immer: Man hat nicht die geringste Kontrolle über die Geschehnisse, und angesichts der offiziellen Propaganda weiß auch niemand mit Sicherheit, ob diese Geschehnisse gut sind oder schlecht. Das einzige, was man einigermaßen kontrollieren kann, ist die Art, wie man die Ereignisse analysiert, und wenn man dann erkennt, dass man nicht wegen dieser Ereignisse unglücklich ist, sondern wegen des Urteils, das man über sie fällt, kommt man unweigerlich zu dem Ergebnis: Das beste, was einem passieren kann, ist, dass einem rechtzeitig der Himmel auf den Kopf fällt.

10. Mai 23


Sich fügen heißt lügen – von meiner Hoffnung lass ich nicht

henning venske liest ERICH MÜHSAM

Datum: 02.Juni 2023
Uhrzeit: 20 Uhr
Veranstaltungsort: Bramfelder Kulturladen e.V.
Straße und Hausnummer: Bramfelder Chaussee 265
PLZ Ort: 22177 Hamburg

https://www.brakula.de/cat/veranstaltungen/

Hamburg liest verbrannte Bücher
10.5. – 10.6.2023

Die Literatur Erich Mühsams ist Ausdruck einer unangepassten Lebensweise, die sich gegen die repressiven Normen und Werte einer patriarchalisch-autoritären Gesellschaft zur Wehr setzt: „Ich habe mir so eine Weltanschauung zurechtgelegt, bei der Tolstoi und Epikur gleichmäßig zu ihrem Recht kommen … Die Menschen brauchen keinen Staat … Es lebe die Freiheit.“ Erich Mühsam wurde am 10.Juli 1934 im KZ Oranienburg von Nazis tot geschlagen.


AUS !

Die Bundestagsfraktion der CDU/CSU hat am 14. März einen eigenen Gesetzentwurf „zur Sicherung bezahlbarer Stromversorgung” vorgelegt. Darin wird „das bisherige Enddatum für den Leistungsbetrieb von Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland auf den 31. Dezember 2024 verschoben“. Das sollte man aber nicht allzu ernst nehmen, denn, so heißt es weiter, „der Deutsche Bundestag entscheidet bis spätestens zum 30. September 2024 über eine weitere Verlängerung der Befristung“. Und dann immer weiter ad infinitum? Nein, natürlich nicht, denn das ändert ja „nichts an der grundsätzlichen Entscheidung zur Beendigung der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Deutschland“. Nur der friedlichen Nutzung? Vermutlich. Unfreiwillige und verräterische Komik war schon immer eine der großen Stärken dieser Partei…
Von den Erkenntnissen, die die deutsche Politik nach dem GAU von Fukushima gewonnen hat, ist in der Atom-Lobby jedenfalls nichts mehr vorhanden – Merz hat Merkel komplett abgeräumt. Laut CDU-Gesetz sollen die drei Kraftwerke ohne Periodische Sicherheitsüberprüfung (PSÜ) weiterlaufen, diese PSÜ könne man ja bis zum 31.12. d.J. nachholen. Bedenken haben die Antragsteller – Friedrich Merz, Alexander Dobrindt und Fraktion – keine. Ihre Behauptung, alle drei Anlagen verfügten über eine „robuste und international führende Sicherheitsarchitektur”, präsentiert sich allerdings absolut faktenfrei. Ob an der gepriesenen Konstruktion Stahlrohre rosten, Ventile klemmen oder Schweißnähte Risse aufweisen, interessiert sie nicht. Genauso wenig wie die festgelegten Reststrom-Mengen: Das CDU-Gesetz will die bereits getroffenen Ausgleichsregelungen mit den Betreibern ausdrücklich nicht antasten. Aber: Für nicht genutzte Reststrommengen sind die Energiekonzerne ja längst entschädigt worden. Das heißt: Diese Milliarden müssten sie eigentlich zurückzahlen, wenn sie ihre Meiler nun doch länger betreiben. Doch die Union ist spendabel – die Konzerne sollen das Geschenk behalten dürfen. Solche umsichtig bedachten Details legen nahe, dass Sachbearbeiter aus Energieunternehmen direkt an der Abfassung des Gesetzes-Textes beteiligt waren. CDU/CSU begründen ihre Initiative mit den „großen Herausforderungen”, vor denen die Sicherheit der Energieversorgung stehe – der kommende Winter wird vermutlich eiskalt! Danach drohen weitere Winter, Jahr für Jahr! Diese so energisch ums Menschheitswohl besorgten Leute, immer darum bemüht, Ängste im Land zu schüren, haben den Klimawandel offenbar nicht verstanden. Irgendjemand muss ihnen mal sagen, dass heiße Sommer und anhaltende Trockenheit auch ihre Probleme sind…
Jens Spahn präsentierte den Gesetzentwurf seiner Fraktion im Bundestag. „Atomkraft ist Klimakraft”, rief der stellvertretende CDU-Vorsitzende angestrengt in das spärliche besetzte Plenum, während seine hartgesottenen Parlamentskollegen gelangweilt auf ihre Smartphones starrten. In diesen Reihen ist das Interesse am Klima traditionell und wegen des offenkundigen Bildungsnotstandes recht überschaubar. Sinkende Wasserstände in den Flüssen trugen im letzten Jahr zu Drosselungen und Abschaltungen französischer AKWs bei, die bei steigenden Wassertemperaturen nicht mehr ausreichend gekühlt werden konnten. (Mit 31 % sei die Atomkraft am Wasserkonsum in Frankreich beteiligt, nur die Landwirtschaft verbrauche mehr, berichtete Der Spiegel in Ausgabe 12/2023) Mit dieser Verschwendung des wichtigsten Rohstoffs des Planeten durch Erwärmung will man also das Klima schonen?
Man kann nur hoffen, dass sich Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) durchsetzt und der Abschalt-Termin vom 15. April 2023 eingehalten wird. Man muss der Christenunion ja nicht unmittelbar nach Ostern noch ein Fest der Wiederauferstehung hinterher schmeißen. Sie und auch die neoliberalen FDP-Lallbacken sowie ihr Gefolge aus der Atomkraft-Ja bitte-Bewegung werden hiermit aufgefordert, den folgenden Fragebogen zu beantworten:

  1. Der Atomausstieg kommt euch zu schnell. Welche Frist haltet ihr denn für angemessen – 100 Jahre?
  2. Und Kohle-Ausstieg: 99 Jahre?
  3. Die große Sicherheitsüberprüfung haben sich die Betreiber von Isar-2, Neckarwestheim-2 und Emsland schon vor 3 Jahren gespart. Ist es marktwirtschaftlich vertretbar, in Zukunft generell darauf zu verzichten?
  4. In unseren Reaktoren gibt es keine Risse wie in anderen Ländern. Wetten, dass doch?
  5. Was ist jetzt mit den Modular-Reaktoren für den Balkon? Kann man die bei euch online bestellen?
  6. Wir brauchen eigene Atomwaffen, schon weil die Ukraine welche von uns fordern wird. Kann man das technologieoffen hinkriegen?
  7. Welches Land kann uns als Vorbild bei der Atomenergie dienen? Es wird doch nicht der Iran sein?
  8. Uran aus Russland, scheißegal, so lange es kein Gas ist?
  9. Atommüll-Lager kann warten. Kommt Zeit, kommt Rat. Wieviel?
  10. Habt ihr Geldkoffer dabei oder findet die Übergabe in Brüssel statt?

(Dank an Detlef zum Winkel – ursprünglich Physiker, lebt in Frankfurt am Main und schreibt vornehmlich für die Berliner Wochenzeitung Jungle World. Betreut dort u.a. die Themen Atomenergie und Proliferation, aber leider auch Faschismus, weil es immer noch ein Thema ist.) Sein Artikel in voller Länge auf: https://bruchstuecke.info/2023/03/22/cdu-csu-das-letzte-aufbaeumen-der-nuklearisten/

28. März 23


Nirgends was Neues

Von 1914 bis 1918 konnten Bürger und Bürgerinnen des deutschen Kaiserreiches in ihren Zeitungen den täglich herausgegebenen „Tagesbericht“ zum Kriegsgeschehen lesen. Die Überschriften lauteten schlicht: „Westlicher Kriegsschauplatz: nichts Neues“, oder „Keine wesentlichen Ereignisse“, oder „Keine besonderen Ereignisse“, und das Freiburger „Tageblatt“ titelte als erste deutsche Zeitung: „Im Westen nichts Neues“. Diese angesichts der Kriegs-Massaker zynische Formel wurde schon bald auch in offiziellen Berichten benutzt – in den Bewegungen des Stellungskrieges gab es eben keine Neuigkeiten, nur eine Menge Tote.
1928 erschien der Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Obwohl von Erich Maria Remarque als „unpolitisch“ bezeichnet, gilt der Roman bis heute als einer der bedeutendsten der sogenannten Antikriegsliteratur. Ihm wurde die Ehre zuteil, zusammen mit den Schriften jüdisch-marxistischer Verfasser von der NS-Studentenschaft verbrannt zu werden. Aber nicht nur den Nazis stieß die pazifistische Botschaft des Buches sauer auf, sondern auch der SPD: Der Unterrichtsausschuss des Preußischen Landtages unter Ministerpräsident Otto Braun verfügte, das Buch sei aus allen Schulbibliotheken zu entfernen.
1930 erhielt der Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ zwei Oscars. Wegen seiner pazifistischen Grundhaltung und der Darstellung von hoffnungslosen deutschen Soldaten wurde er vor allem von rechten Kräften in Deutschland angefeindet.
1980 erhielt der Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ einen Golden Globe als beste Filmproduktion für das Fernsehen. Politisch war diese Produktion mitten im Rüstungswettlauf des Kalten Krieges kaum umstritten.
2023 erhielt das Antikriegsdrama „Im Westen nichts Neues“ insgesamt vier Oscars – mehr als jeder andere deutsche Film zuvor – das meldete am 13. März um 04:36 die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Die Formulierung „Antikriegsfilm“ für das vom Streamingdienst Netflix finanzierte Opus erschien der FAZ-Stil-Expertin Maria Wiesner wohl nicht korrekt, denn um 06:51 aktualisierte sie die Meldung: Vier goldene Trophäen konnten die Macher des deutschen Kriegsfilms entgegennehmen.
Ja, was denn nun – Antikriegsfilm, Antikriegsdrama, Antikriegsroman oder doch Kriegsfilm?
Kommt darauf an, wie man den Stoff – „Trommelfeuer, Sperrfeuer, Gardinenfeuer, Minen, Gas, Tanks, Maschinengewehre, Handgranaten – Worte, Worte, aber sie umfassen das Grauen der Welt“ (Remarque) – betrachtet: skeptisch-ablehnend oder heroisch-begeistert.
Adolf Hitler zum Beispiel hat zweifellos ähnliche Erfahrungen an den Fronten des ersten Weltkrieges gemacht wie Erich Maria Remarque. Beide wurden verwundet und mit einem eisernen Kreuz dekoriert. Der eine entwickelte sich nach dem Krieg zum Verbrecher, zum Mörder von Millionen, zum Führer und größten Feldherrn aller Zeiten (Gröfaz), der andere wurde zu einem weltberühmten Autor und zur weithin gehörten Stimme des Pazifismus. Und jeder der beiden beanspruchte für sich, aus den Kriegserlebnissen die richtigen Lehren gezogen zu haben.
Kriegsverbrecher Hitler war selbstverständlich kein Freund von Erich Maria Remarque. Hitler war ein Fan des Schriftstellers Ernst Jünger. Der hatte auch im Ersten Weltkrieg gekämpft und war ebenso verwundet und dekoriert worden. Hitler hat Jünger offenbar mit großer Zustimmung gelesen, wie ein Brief vom 27. Mai 1926 belegt: „Sehr geehrter Herr Jünger! Ihre Schriften habe ich alle gelesen. In ihnen lernte ich einen der wenigen starken Gestalter des Fronterlebnisses schätzen …“ Ernst Jünger schildert in seinem Werk „In Stahlgewittern“, das auf seinen Kriegstagebüchern beruht, die Kampfhandlungen aus der Perspektive eines jungen Kriegsfreiwilligen, der sich zum erfahrenen Stoßtruppführer entwickelt. Ihm ist der Krieg ein schicksalhaftes Geschehen, dem die Menschen wie einer Naturgewalt (Gewitter!) ausgeliefert sind. Anspruchsvollen Literaturästheten, die sich am liebsten Landserhefte reinziehen, ist Kamerad Ernst Jüngers Werk ein steter Quell von Mannestugend und soldatischem Nationalismus: „Irgendwie drängt sich auch dem ganz einfachen Gemüt die Ahnung auf, dass sein Leben in einen ewigen Kreislauf geschaltet, und dass der Tod des einzelnen gar kein so bedeutungsvolles Ereignis ist“, schreibt Ernst Jünger.
Demgegenüber Remarque: Er prangert den Unsinn des gegenseitigen Tötens an, er stellt die Notwendigkeit des Krieges infrage, er salutiert nicht vor schneidigen Kriegern, er untersucht vielmehr, warum Menschen sich derartige Grausamkeiten antun. Er schreibt: „Vielleicht ist nur deshalb immer wieder Krieg, weil der eine nie ganz empfinden kann, was der andere leidet“, und – als besondere Ohrfeige für diejenigen, die ihre zwangsrekrutierten Truppen vom sicheren Schreibtisch aus in Marsch setzen: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“
Wie werden Buch und Film „Im Westen nichts Neues“ heute aufgenommen?
Das Magazin „Der Spiegel“ stellt fest, das Buch „Im Westen nichts Neues“ wirke in Zeiten des russischen Angriffs auf die Ukraine aktueller denn je. Dieser Komparativ – was für ein dummes Geschwätz! Als ob es nicht zu allen Kriegszeiten ganz genauso aktuell gewirkt hat…
N-TV teilte Ähnliches mit: „Obwohl sich diese Geschichte um einen Konflikt dreht, der mittlerweile über 100 Jahre zurückliegt, erscheint sie vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs aktueller denn je. Ein Angriffskrieg, der der sich verteidigenden Ukraine aufgezwungen wurde und aus dem es derzeit auch nur einen militärischen Ausweg zu geben scheint“. Bei soviel irritierendem „Schein“ fällt auf, dass es anscheinend nur einen militärischen Ausweg gibt, wenn es sich nicht sogar um mehrere scheinbare Auswege handelt…
Man kann sich schon vorstellen, dass es für die Propagandisten von Rüstung, Waffenlieferungen, Sanktionen und Feindbildern in Politik und Medien eine bittere Pille ist, dass ausgerechnet „in diesen Zeiten“ ein Antikriegsfilm Preise abräumt und den Pazifismus wieder verstärkt ins Gespräch bringt. Und sie müssen es ja wohl zum Kotzen finden, dass das Deutschland der Drückeberger, Feiglinge, Russland-Versteher, Kriegsdienstverweigerer, Ostermarschierer und Bundeswehr-Kaputtsparer, dass all diese kriegsverdrossenen deutschen Lumpenpazifisten international immer noch ein besseres Image haben als die Verfechter einer neuen deutschen Kriegsbereitschaft. Filmisch gesehen, jedenfalls.
Ob der Film allerdings ein Publikumserfolg wird, bleibt abzuwarten – ich wage mal die Prognose, dass er in der Ukraine kein großer Kassenerfolg sein wird. Kriegsherr Putin, fernab vom Schuss in Moskau, wird ihn sich vermutlich nicht ansehen, und wenn er denn deutsche Belletristik lesen sollte, gehört er gewiss nicht zu den Anhängern Remarques, sondern zu denen Jüngers, was an seinem gewalttätigen Verhalten leicht zu erkennen ist.
Aber dass der ehemalige ukrainische Botschafter in Deutschland und Vize-Außenminister der Ukraine, der durchgeknallte Herr Melnyk, an Wagenknecht und Schwarzer twittert „Hallo ihr beiden Putinschen Handlanger:Innen…Das Blut von ukrainischen Opfern vom Vernichtungskrieg wird ewig an euren Händen kleben“ – das ist ein derart grotesker Blödsinn, dass er weder Remarque noch Jünger zuzuordnen ist.
Offenbar ist dieser Herr Melnyk der Meinung, die Friedensforderungen sind den Forderungen nach Verteidigung der Ukraine keinesfalls gleichzusetzen. Und ganz in diesem Sinn treibt Annalena Baerbock, Feministin an der Spitze der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, alle Pazifisten im Diesseits und auch Erich Maria Remarque, seit 1970 im Jenseits vereint mit seiner Geliebten Marlene Dietrich und seiner Ehefrau Paulette Goddard, zur Verzweiflung mit ihrer Kriegspolitik: „Unsere Waffenlieferungen helfen Menschenleben zu retten: Eine menschenrechtsgeleitete Außenpolitik muss sich fragen, wie wir durch weitere Lieferungen Leben retten.“ Ich möchte Sie fragen, Frau Baerbock: Geben Sie mir recht, wenn ich behaupte, eine Kapitulation der Ukraine gleich zu Beginn des russischen Angriffs hätte -zigtausend Bürgerinnen und Bürgern das Leben gerettet? Oder sind Sie tatsächlich der Meinung, die Ukraine braucht deutsche Waffen in erster Linie, um den Menschen des Landes das Leben zu retten, und erst in zweiter Linie, um ihre nationale Unabhängigkeit, die so häufig mit Freiheit verwechselt wird, zu sichern? Legt Ihre Politik nicht nahe, dass das Leben vieler von Ihnen so gern beschworener Kinder lange nicht so wichtig ist wie die Verteidigung eines Staatswesens, das okkupiert ist von einer korrupten Verwaltung, antidemokratischen Oligarchen, rechtsradikalen Nationalisten und westlichen Geschäftsinteressen? Und rechtfertigt die angebliche Unabhängigkeit eines solchen Staatsapparates, überhaupt irgendeines Staatsapparates, so viele Tote?
Ach ja – diese Fragen sorgen allgemein für Verstimmung. Trotzdem – der letzte Satz des Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“ lässt sich leicht ins Heute übersetzen, und dann gilt er auch für den ukrainischen und für den russischen Wehrdienstleistenden:
„Er fiel im März 2023, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, aus Bachmut sei nichts Neues zu melden.“

17. März 23


OPAS Lamento

(Beitrag für „Lesen ohne Atomstrom“ am 6.3.23 in Alma Hoppes Lustspielhaus Hamburg)

Wir fahren schwarz. Ich erkläre meiner Enkelin: Mit dem Auto in die Stadt zu fahren ist Quatsch. Erstens findet man keinen Parkplatz. Und Wenn man doch einen findet, kostet er zu viel. Das nennt man Wegelagerei. Zweitens ist der Benzinpreis zu hoch. Das ist Wucher. Und drittens: Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren ist auch Quatsch – von Bramfeld zum Hauptbahnhof brauchst du eine Stunde, und dann ist  es auch noch teurer ist als mit dem Auto. Das nennt man Verkehrspolitik. 

Dann ist Schwarzfahren sowas wie sparen? fragt sie.

Na klar – es rentiert sich. Und wenn die Verkehrsbetriebe die Kontrolleure abschaffen, könnten sie sogar die Fahrpreise senken…

Fahr doch mit dem Fahrrad, Opa, sagt sie. 

Kommt nicht in Frage! Es gibt drei Menschengruppen, die ich aus tiefster Seele verachte: Kabarettisten mit esoterischem Basiswissen, fanatische Religionslehrer und Radfahrer. Und in diesem Fall gendere ich nicht, weil mein Hass geschlechtsunabhängig ist. 

Das glaube ich jetzt nicht, sagt meine Enkelin. 

Ich hasse Fahrradfahren! 

Das ist jetzt aber echt am Zeitgeist vorbei, Opa.

Überhaupt nicht! So ein Fahrrad produziert wegen des Bremsenabriebs im Durchschnitt zwei bis vier Milligramm Feinstaub pro Kilometer – das ist mehr als aus dem Auspuff eines modernen Diesels kommt. 

Das ist mal wieder was, das weißt nur du ganz allein, oder?

Ja! Radfahrer sind echt die Pest. 

Es sei denn, Du bist einer. 

Ich werde von denen bedroht! Jeden Tag mehrmals! Siehst du den Radfahrer da drüben in den schwarzen Klamotten ohne Licht? Hast du den gesehen? – Siehste – ich auch nicht…  Meine liebsten Radfahrer sind Frauen, die im prall gefüllten Rucksack ihre Einkäufe nach Hause fahren, und im Kindersitz auf dem Gepäckträger transportieren sie außerdem ihr Kindergartenkind durch die Gegend – der Zwerg verzieht gepeinigt das Gesicht, weil der Rucksack ihm jede Sicht nimmt und ihm jedesmal, wenn Mami bremst, auf die Nase haut.

Manche Kinder sitzen auch in so’m kleinen Anhänger hinten am Fahrrad.

Na bravo, da können sie ja bei Gelegenheit mal an einem Auspuff lutschen. Es gibt Radfahrer, die schlagen mein Auto mit der Faust auf die Motorhaube, nur, weil er ihnen im Weg steht – während sich die Oma mit ihrem Rollator auf den Rücksitz quält. Unglaublich!

Das stimmt. Aber Opa – diese E-Mobiles sind doch eine grandiose Erfindung für ältere Menschen!  

Pfff, Fahrrad mit Hilfsmotor –  kenn’  ich, hatten wir früher schon.Viel zu schnell, viel zu unsicher. Da bin ich dann meine eigene Knautschzone… Und damit du’s weißt: Roller fahre ich auch nicht. 

Besser is’ – sagt meine Enkelin. Sie hat schon einen feinen Sinn für Ironie. Und dann: Warum kaufst du uns eigentlich kein E-Auto?  

Aus Protest! Dann wird mein alter Benziner nach Afrika oder Osteuropa verkauft und verpestet von dort aus das Klima. Außerdem ist die Herstellung von Batterien sehr umweltschädlich. Und das  Betanken mit Strom kann auch bald niemand mehr bezahlen. Ich schweige verbittert. 

Opa?

Ja?

Würdest Du Dich auf die Straße setzen und  deine Hände –

Auf gar keinen Fall!

Warum nicht?

Na, weil ich dann nicht mehr hochkomme.

Da würde die Polizei dir doch helfen!

Ach, das möchte ich nicht.

Verstehe. Opa? Kommst Du von hier aus allein zurecht?

Na klar. Wieso?

Ich geh jetzt zur Demo. Klimawandel und so. Komm doch mit!

Och nö, ich glaube nicht, dass mir da jemand noch was Neues erzählen kann.

Trotzdem Opa – beim Klima geht es um die Wurst!

Ich weiß. Deswegen tendiert mein Fleischkonsum schon lange gegen Null. Und ich weiß auch: Ein fahrradfahrender Fleischfresser ist mindestens genauso klimaschädlich wie ein autofahrender Vegetarier. 

Ach Opa… Pass auf dich auf. Tschühüs!

Ja, tschüs mein Schatz – viel Spaß! – Hm. Ich denke, angesichts des Desasters, in das unser Lebensstil führt, ist es richtig, den Alltag zu stören, um massiven Druck auf die Regierungen auszuüben. Jede Aktion des zivilen Ungehorsams ist Notwehr, und deswegen: Glückwunsch! Die Bildzeitung hat schon Schaum vor der großen Schnauze…Als Angehöriger der drittletzten Generation möchte ich der letzten Generation sagen: Nur Mut, Leute! Ihr stört zu Recht! Lasst Euch nicht beirren, auch wenn eine Gottesfrau wie Margot Käßmann jungen Leuten „eine furchtbar traurige Verzagtheit“ unterstellt.Hört nicht auf das substanzlose Gerede von Politikern und Politikerinnen, die Euch als „Klima-Kriminelle“ bezeichnen und die „volle Härte des Rechtsstaates“ anmahnen. Die glauben ernsthaft, sie könnten mit heißer juristischer Luft das Wetter beeinflussen.Hört nicht auf autoritäre Volksvertreter, die vom Staat „klare Kante und entschiedenes Vorgehen gegen diese Unruhestifter“ fordern. Die Leute, die euch durch die Androhung von „Vorbeugehaft, Aufenthaltsverboten und Bußgeldern“  einschüchtern wollen und „konsequente Strafen“ für Euch verlangen, das sind dieselben, die sich rasend empören über das Vorgehen des Staates gegen die Protestbewegung, die im Iran für ihre Menschenrechte demonstriert. Hört nicht auf das dumme Geschrei der Geschwindigkeitsanbeter, die „Freie Fahrt für freie Bürger“ fordern und Euch Erpressung vorwerfen, wenn Ihr mit Straßenblockaden  „Tempo 100“ auf der Autobahn durchsetzen wollt. Hört nicht auf das entrüstete Geschimpfe der Flugpassagiere, wenn Ihr eine Landebahn blockiert – das sind die, von denen man immer wieder hört „ich fliege ganz ganz wenig, aber ein Mal im Jahr in den Urlaub, das muss sein“.Hört nicht auf die, die euch Klima-RAF nennen – das sind dieselben anständigen Bürger, die meistens zu egoistisch oder zu blöde sind, sich  bei Fahrbahnverengungen per Reißverschluss einzufädeln oder unfähig, auf der Autobahn eine Rettungsgasse zu bilden. Und hört auch nicht auf die, die sich echauffieren über Kartoffelbrei oder Tomatensauce auf den Ohren von Van Gogh – am lautesten protestieren ohnehin Leute, die so gut wie nie ins Museum gehen. (Naja, vielleicht könnt Ihr Kunstwerke wirklich unbeschadet lassen – Künstler stehen doch sowieso schon auf Eurer Seite…)Aber dass Ihr das Denkmal für das Grundgesetz in Berlin mit schwarzer Farbe vollgeschmiert habt, das war echt übel! Allerdings lange nicht so übel wie das, was die Abgeordneten selbst in den letzten Jahrzehnten mit dem Grundgesetz gemacht haben – wenn ich nur an das Schleifen unseres Asylrechts denke…

Wie meistens – die Pointe kommt am Schluss: Der deutsche Verfassungsschutz-Präsident gab zum Thema „Letzte Generation“ zu Protokoll, Extremismus sei, wenn der Staat, die Gesellschaft und die freiheitlich demokratische Grundordnung infrage gestellt werden – und, sagt er, „genau das tun die jungen Leute ja eigentlich nicht“. Er verwies darauf, dass die Klima-Aktivisten der „Letzten Generation“ ein Handeln der Regierung fordern. „Also anders kann man gar nicht ausdrücken, wie sehr man dieses System respektiert, wenn man eben die Funktionsträger zum Handeln auffordert,“ sagte er: Touché !

Ich denke ja nicht, wenn ich mich so umsehe in unserem Land, früher war alles besser. Das nun wirklich nicht. Schon bald nach dem zweiten Weltkrieg, in den 50er-Jahren, prägten Fettwanst und Riesenarsch das deutsche Straßenbild. Die Bürgerinnen und Bürger saßen unter der Tütenlampe im Cocktailsessel am Nierentisch, die Wampe wurde im Nyltesthemd oder der Perlonbluse luftdicht abgeriegelt, der deutsche Lieblingswein war lieblich und hieß Liebfrauenmilch, und das, was da 10 Jahre zuvor, in Hiroshima, passiert war, nunja, wer weiß, was diese Japaner noch alles angerichtet hätten, wenn unsere amerikanischen Freunde sie nicht rechtzeitig gestoppt hätten…Damals entfaltete sich langsam das Plastikzeitalter: Kindersandalen aus Kunstleder mit Porogummi-Laufsohle, Azella-Gardinen, Kaffeetassen aus Hochdruck-Polyethylen. Leider hat das meiste Zeug in greller Sonne heftig gestunken, leider bekam man vom Sitzen auf einem plastikbezogenen Sessel einen feuchten Klebearsch, aber: Das war modern. Die Designer hießen Schaufensterdekorateure, und wenn sie eine Auslage neu gestalteten, klebten sie das ganze Schaufenster mit Packpapier oder alten Zeitungen ab, damit sich vorbei flanierende Passanten nicht am Anblick nackter Schaufensterpuppen aufgeilen konnten. Dabei war das Wort „aufgeilen“ noch gar nicht erfunden.Die blonde Lilly mit dem Pferdeschwanz aus der Bild-Zeitung (einem von Anfang an pornografischen Spießerblatt für das bescheidene Amüsement zwischendurch), Lilly wurde zum Idol und zur Vorstufe von Barbie. Die Barbiepuppe, ein monströses Schönheitsideal: platinfarbene Haare, als wäre ihre Chemotherapie schiefgegangen, stacheldrahtspitze Brüste, deretwegen die Puppe immer gleich vornüberkippte, eine Bulimie-Taille und dürre Stelzenbeine, wie geschaffen für Osteoporose – jahrzehntelang haben fortschrittliche Mütter vergeblich versucht, ihren Töchtern diese Art von Weiblichkeitswahn auszutreiben. Erwachsene Frauen hingegen waren das vorgeschriebene Füllmaterial für die Produkte der Miederwaren-Industrie: Es gab Korseletts, Halb- und Vollmieder, Büsten- und Hüfthalter sowie hochtaillierte Gummischlüpfer mit Rückenverschnürung, verstellbarem Seitenverschluss, doppeltem Hakenband, mit Hakenleistenverschluss, mit Schaumstoff-Einlage, Drahtbügelversteifung und Stahleinlage in der Magenpartie… Sowas mussten die Frauen morgens anziehen, und unsereins durfte es bei guter Führung abends wieder ausziehen, vielleicht… Gehirn bei Frauen galt als genauso überflüssig wie Brustwarzen bei Männern. Ein Mann trug Anzug mit Hut – zur Fortbewegung bevorzugte er Kreppsohlen und Weißwandreifen – und ein junger Mann hätte nicht mal im Traum in Erwägung gezogen, den Beruf eines Kindergärtners oder eines Altenpflegers zu ergreifen…Es gab noch keine Fotoapparate, mit denen man telefonieren konnte, und keine Telefone, mit denen man fotografieren konnte. Und Computer – das Wort hätte man damals für einen Imperativ gehalten, gerichtet an einen Truthahn. „Komm, Puter!“ Niemand hatte einen Instagram-Account oder ähnliches und mehrere tausend „Follower“ – wenn einem der Sinn nach Kommunikation stand, musste man sich mit den zwei bis drei Freunden oder Freundinnen, die man hatte (wenn’s überhaupt so viele waren), persönlich treffen und ein Gespräch führen von Angesicht zu Angesicht – das war manchmal – ätzend. Industrieabwässer, CO2 und Stickoxide konnten noch niemanden schrecken, Pollenflug-Triefnasen und andere allergische Reaktionen wurden als sehr seltsame Charakterschwäche betrachtetet: Die Ökologie war noch nicht erfunden, und niemand stellte wegen der Gelbbauchunke ernsthaft seinen Lebensstil infrage, und der DGB klebte Plakate: Samstag gehört Vati mir! Der Gipfel von Innovation und technischem Fortschritt war der Moment, als 1960 der VW-Käfer vom Winker auf den Blinker umgerüstet wurde… Dann startete das deutsche Fernsehen, schleppend, mit einem einzigen Programm, dafür brauchte man noch nicht mal einen Flachbildschirm. Anfangs hat man vor dem Fernseher auf der Lauer gelegen, weil man dachte, da passiert gleich was, irgendwas ganz Wichtiges. Man dachte wirklich, es geht um was, aber im Lauf zahlloser Fernseh-Serien merkte man: Nö, es geht eigentlich um nix. Der Filmregisseur Jean-Luc Godard bemerkte dazu: „Das Fernsehen hat immer nur Vergessen produziert.“  Trotzdem – ohne ein Fernsehgerät im Zimmer wüsste man heute gar nicht, wo man hingucken soll, wenn man sich gesetzt hat… Nun wartet die Menschheit darauf, dass eines Nachts auch die Träume von Werbeblöcken unterbrochen werden… Und schon fragen sich die ersten jungen Leute: Dieser Sonnenuntergang da am Horizont – ist der echt? Oder wie haben die das gemacht? Das ist ja eine mega krasse Animation… Tja, ich beherrsche die Sprache der Jungen…!

Trotzdem muss ich alles tun, um Krampfadern, Arthrose, die drohende Tüddeligkeit, den Zahnersatz, den unweigerlichen Gehör- und Sehverlust sowie den allgemeinen Tatterich in den Griff zu kriegen. Aber ich habe immer noch Wünsche: Ich möchte wenigstens 75% des durchschnittlichen Einkommens der Erben-Generation überwiesen bekommen, ich würde mir gern regelmäßig einen neuen E-Rollator kaufen, ich habe es satt, kein Geld für Luxus zu haben, und ich wäre gerne wieder sexy… Die Welt muss endlich lernen: Es ist nicht Omas und Opas einzige Daseinsberechtigung, auf die Kinder ihrer Kinder aufzupassen. Und deshalb rufe ich allen Jungen zu: Auch ihr seid nichts anderes als Alte im Wartestand!

Ok, die Vorwürfe, die die Jungen den Alten über die “geklaute Zukunft der Jugend” machen, nehme ich zur Kenntnis. Opfer und Täter stehen demnach fest: Schuld tragen die, die zwischen 1930 und 1964 geboren wurden – ich bin Jahrgang 39 –  denn wir sind die Generation mit den höchsten CO2-Emissionen, die jahrzehntelang alle Warnungen der Wissenschaft in Bezug auf den Klimawandel ignoriert hat. Wir sind Schuld an Atom- und Kohlekraftwerken, Benzinschleudern, Dieselfahrzeugen und allen anderen Klima- und Umweltsünden.
Die absolut Unschuldigen und Leidtragenden sind die, die nach 1980 geboren wurden. Folgerichtig lautet ein beliebter Demo-Spruch: „Im Westen wie im Osten – ihr lebt auf unsere Kosten!“  Ich muss es wohl ertragen, wenn ein hoher Prozentsatz der Jungen glaubt, dass es den Alten völlig egal ist, wenn sie Deutschland in einem Zustand hinterlassen, in dem kein Schwein mehr leben möchte.
Aber: Wir alten Leute waren ja nicht immer nur böse. In unserer Jugend kauften wir Milch mit einer Milchkanne, wir hatten eine Einkaufstasche, die wir nachhaltig, also immer wieder benutzten, und nichts darin war in Plastik verpackt. Die Elektro- oder Haushaltsgeräte, die wir uns vor 60 Jahren anschafften, waren meist so teuer, dass es eine Investition für Jahrzehnte war, und auf die erste Italienreise haben wir lange sparen müssen… Unsere erste Echtholz – Schrankwand überlebte ein Dutzend Umzüge, und der Plattenspieler funktioniert heute noch. Wir erinnern uns ganz gut, wie es in der vordigitalen Welt zuging – mit einem Festnetzanschluss pro Familie, wenn überhaupt… 

Verglichen damit ist unsere U 40 heute eine Generation des Überflusses, die schon als Klimasünder geboren wurde. Und bei allem Respekt vor den mutigen jungen Leuten, die mit Uhu, Sekundenkleber oder wie der Kleister auch immer heißt, mit dem sie den Staat herausfordern – es ist  allgemein IN, sich per Online-Shopping neu einzukleiden, Sneaker dutzendweise im Regal zu stapeln und die Produkte von Kinderarbeit in Billigläden aufzuspüren. Unsere U 40 kauft tolle Multifunktions- Elektro-Geräte mit Sollbruchstellen, die nicht nur in der Anschaffung, sondern auch in ihrer Fertigung so billig sind, dass sie nach wenigen Jahren auf Elektro-Schrotthalden landen, wo sie die Umwelt endgültig versauen. Was mal länger als zwei Jahre hält, wird ausgetauscht, weil ein aktueller Verkaufshit eine minimal bessere Auflösung oder eine höhere Speicherkapazität besitzt. Und den meisten Internet-Nutzern ist es völlig gleichgültig, dass jedes Download, jedes Upgrade und jeder Twitter-Post eine gravierende Klimasünde ist, dass Google und Social Media einen riesigen Energieverbrauch verursachen. Und eins ist auch klar: Nicht nur wir Alten haben die Wale mit Joghurtbechern, Plastiktüten und Giftmüll gefüttert! 

Was also tun?
Wenn Shopping und Fitness, Fun und Entertainment als Maxime des eigenen Handelns und höchste Werte gesetzt werden und eine Lösung der Umwelt- und Klima-Probleme wirklich nur als marktwirtschaftliche Wachstumsinitiative vorstellbar ist, empfehle ich als effektivste Art, den Klimawandel zu bekämpfen, die Geburtenrate auf Null festzusetzen. Dann kann man Kindergärten abreißen, Schulen und Universitäten einsparen, alle Fahrradwege renaturieren und die Herstellung von Zahnspangen verbieten. Nachwuchs vermeiden und das ganze Land auf Zero stellen – das ist das Gebot der Stunde. Und wenn sich das nicht durchsetzen lässt? Dann – alles platt machen und  nochmal von vorn anfangen. Soll heißen – Krieg führen! 

In der Ukraine einsteigen, wieder mal gegen die Russen antreten.… Krieg sorgt erfahrungsgemäß nach seiner Beendigung für Aufschwung und frische Energien. Klar, nach dem letzten Mal sah es in Hamburg und München, in Kiel und Hannover genauso aus wie heute im türkisch-syrischen Erdbebengebiet, aber da müssen wir dann durch… 

Nur – wie soll ich das meiner geliebten Enkelin erklären…? Dieser entsetzte Blick, wenn ich ihr das erzähle, diesen Blick möchte ich nicht sehen… Ich kann mir schon vorstellen, wie sie dann vor mir steht und fragt: 

Aber Opa – ist denn heute alles schlecht? Ist denn gar nichts besser geworden?

Gottseidank kann ich ihr dann antworten: Doch doch – zum Beispiel sieht man heutzutage viel mehr Männer einen Kinderwagen schieben und viel mehr Papis mit ihren Kindern auf den Spielplätzen rumtoben als in meiner Kindheit. Die Emanzipation der Männer ist offenbar ein gutes Stück vorangekommen…

Enkelin und Opa

7. März 23


DIE SCHLAMMSCHLACHT

Kleinkariertes Kabarett um ein ehemals großes Kabarett in München.
Kasse leer, Personal weg, Spielbetrieb eingestellt.
Das Ensemble um die Gage geprellt.
Anwälte sind „eingeschaltet“.
Medien wälzen Unwahrheiten durch die Stadt.
Überall die Fotos der Ensemblemitglieder von 1956 bis 1972, alle gestorben.
Die Lach-und Schießgesellschaft ist tot.
Wiederbelebungsmaßnahmen werden mit Getöse zelebriert.
Man kann sich nochmal über das Gebotene amüsieren:
Der Insolvenzantrag ist gestellt.

Nun ist eine Insolvenz ja nix Schlimmes. Unser philosophisch geschulter Wirtschaftshabeck hat vor einiger Zeit zu diesem Thema im Fernsehen Klartext geredet: „Das sehen wir ja jetzt überall, dass Läden, die darauf angewiesen sind, dass die Menschen Geld ausgeben, Blumenläden, Bioläden, Bäckereien gehören dazu, (Kabarett hat er vergessen, typisch) dass die wirkliche Probleme haben, weil es eine Kaufzurückhaltung gibt – dann sind die nicht insolvent, automatisch, die hören vielleicht auf zu verkaufen. Man würde dann insolvent werden, wenn man mit der Arbeit immer größeres Minus macht“.

Der eine „starke Mann“, Stefan Hanitzsch, wollte wirtschaftlich wie inhaltlich erfolgreich sein und die Lach- und Schieß-Ges. in die „digitale Ära“ führen, mit Stream und Hörbüchern, mit Tonstudio und Podcasts. Kann man machen, aber Böhmermann gibt’s schon, und Hanitzsch weiß vermutlich nicht, dass das politisch-literarische Kabarett als Basis den engen Raum, die Nähe des Publikums, eine politische Haltung und eine subversive Grundstimmung braucht. Ich denke, Hanitzsch sollte lieber einen Job bei Instagram anstreben und Influenzer werden.

Der andere „starke Mann“, Bruno Jonas, ließ verlauten, dass das literarische Kabarett wieder einen größeren Stellenwert bekommen und politisch relevant werden solle.Die Leitung wolle er dabei allerdings nicht übernehmen. Wer denn dann? Nun, man könnte Didi Hallervorden holen, der macht den Laden voll, wenn er selbst auftritt. Und wenn ein Kabarettist mit einer Reputation wie Bruno Jonas eine Kabarettbühne mit etwa 120 Sitzplätzen übernimmt und nicht persönlich auftritt, ist er ein lausiger Prinzipal. Doch in den vergangenen Jahren ist Bruno Jonas nie auf der Bühne der Lach- und Schieß aufgetreten, „der Laden“ war ihm zu klein und daher nicht einträglich genug. Sein Erwerbssinn ist in der Kabarett-Szene bekannt – Bruno macht alles zu Geld. Den Kapitalismus auf der Bühne zu geißeln, ihn aber nach Verlassen der Bühne zu praktizieren, ist eine Kunst, die er beherrscht. Und nun diese Chance: Reizvoller, als in dem kleinen Haus selbst zu spielen, ist es gewiss, das Logo „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ als Einnahme zu verbuchen. Da muss man nur den Markennamen kreativ für Marketing-Zwecke nutzen…

Die Münchner Lach-&Schieß-Ges. ist heute eine GmbH. Ein Kabarett mit „beschränkter Haftung“ – das ist eine feinsinnige Pointe… In besseren Zeiten war sie eine Gesellschaft Bürgerlichen Rechts, und die Gesellschafter waren Samy Drechsel, Dieter Hildebrand, Klaus Peter Schreiner, die Geschäftsführerin Catherine Miville, die 4 Ensemblemitglieder und der musikalische Leiter. Alle anfallenden Entscheidungen wurden demokratisch getroffen. In dieser Form existierte die Gesellschaft 45 Jahre, von 1956 bis 2001. Aber nur vier Jahre davon, 1981-84, war Bruno Jonas Ensemblemitglied und Autor auf der Bühne. Allerdings hat er das Haus, als er kam, nicht „gerettet“, wie eine Münchner Zeitung schrieb.

Es ist kein Geheimnis, dass Samy Drechsel unter Bruno Jonas und Werner Schneyder, die ihm bei jeder Gelegenheit ihre intellektuelle Überlegenheit bescheinigten, sehr gelitten hat. Dass die drei Damen, die nacheinander im Jonas- Ensemble tätig waren, von allein das Weite suchten, spricht für den Selbstbehauptungswillen der Frau im deutschen Kabarett. Neben dem misogynen Ego von Bruno Jonas fanden sie einfach nicht ihren Platz.Ab 1984 setzte Bruno Jonas seine Karriere außerhalb der Lach- und Schieß-Ges. fort, blieb ihr aber durch seine Zusammenarbeit mit Dieter Hildebrand beim „Scheibenwischer“ verbunden. Das Ensemble nach seinem Abgang und nach Samy Drechsels Tod 1985 war 9 Jahre lang, bis Mitte der 90er Jahre, künstlerisch wie auch finanziell hoch erfolgreich, dann sorgten die Überflutung des Landes mit Comedy und das radikale Verknappen der Kulturetats in den Tournee-Orten für einen Niedergang des Ensemble- Kabaretts und einen Aufschwung der Alleinunterhalter*innen.

2000 wurde das feste Ensemble der Lach- und Schieß-Ges. vorübergehend aufgelöst. Im Laden traten fortan die unterschiedlichsten Gäste auf. Dann wurde Till Hofmann Geschäftsführer. Er hat den Laden am Leben gehalten – seriös und zuverlässig. Er platzierte die Lach- und Schieß als mittlere Bühne zwischen Vereinsheim und Lustspielhaus, er nutzte die Synergieeffekte und löste so das Problem des „zu kleinen“ Hauses. Während der 20 Jahre, die Till Hofmann die Lach- und Schieß-Ges. leitete, sorgte er dafür, dass es stets ein Lach- und Schieß – Ensemble gab. Alle Künstler erhielten ihre vereinbarte Gage. Und wenn mal wieder ein „Ausverkauft“ erforderlich war, ist Dieter Hildebrandt aufgetreten, doch nicht der Gesellschafter Bruno Jonas. 

Vor eineinhalb Jahren gab Till Hofmann seine Geschäftsführung aus freien Stücken ab, weil es keine Übereinstimmung mehr mit den anderen Gesellschaftern gab. Bruno Jonas unterstellte ihm eine „kreative Buchführung“, hochdeutsch „Betrug“ oder „unlauteres Geschäftsgebaren“, ohne jeden Beweis anzutreten. Im Gegenteil: Zwei von Bruno Jonas selbst bestellte Wirtschaftsprüfer bescheinigten die Korrektheit der Buchführung, Till Hofmann wurde komplett von der Gesellschaft incl. Unterschrift von Bruno Jonas entlastet, und er übergab das Haus mit einem saftigen Plus in der Bilanz.

Nun wollen die verbliebenen Gesellschafter neue Geldgeber finden. Man sei mit der Stadt München im Gespräch, ist zu hören, und der Kulturreferent sagte, er sehe eine besondere Verpflichtung, das Haus zu unterstützen. Samy Drechsel würde sich im Grab umdrehen – sein Kabarett von der Stadt subventioniert – so zerstört man das grundsätzlich oppositionelle Fundament des Kabaretts.
Noch schlimmer wäre allerdings, wenn die Münchner Lach- und Schieß-Ges. eine finanzielle Unterstützung des Medienunternehmers Helmut Markwort (86) annehmen würde. Dieser FDP-Landtags-Grande ist der Mann, der seinerzeit die Verstrickung Dieter Hildebrands mit dem Nazi-Regime ausbuddelte und skandalisierte – so jemanden beschießt ein Kabarettist von der Bühne aus und geht ihm ansonsten aus dem Weg. Die finanzielle Kumpanei mit so einem neoliberalen Schwadroneur ist für’s politische Kabarett total kontraproduktiv und absolut unvorstellbar.

Ich möchte nochmal zurückkommen auf den grünen Robert, unseren Insolvenz-Fachmann Habeck. Der fasste das Geschehen mit dem Satz zusammen: „Das war Psycho­terror ohne Ende. Wir brauchen jetzt alle ’ne Therapie, glaube ich“.
Ja, und zwar schnell, wenn wir uns den peinlichsten Kommentar zur Schlammschlacht der letzten Monate näher betrachten. Er stammt von dem Kleinkünstler A.R., der seine Geistesschwäche mit enormer Formulierungsstärke zu übertünchen weiß: „ Bruno Jonas ist nicht das Problem, sondern die Gesamtlage. Auch sind viele namhafte Künstler abgesprungen, diejenigen, die sich noch auf Dieter Hildebrandt berufen und sich hinter Pseudo-Aktivismus verstecken, spielen da gar nicht mehr.“
Genau – die sollten gefälligst mit dem Abspringen aufhören statt sich auf Hildebrandt zu berufen, und sie sollten sich hinter was Vernünftigem verstecken, wenn sie weiterhin mitspielen wollen.

Fazit von mir: Man sollte die Institution Lach- und Schieß-Ges. nachsichtig lächelnd beerdigen und die Erbschleicher*innen entmündigen. Basta la Musica.

22. Februar 23


AUF IN DEN KRAMPF

1. Semantik – der präzise Weg in den Krieg
Das Szenario ähnelt der Zeit vor 109 Jahren, und als Erkenntnis bleibt uns heute: 70 Jahre Kalter Krieg waren keine schlechte Zeit für Mittelerde. Manche Leute glauben ja, die Erzählung „Der Herr der Ringe“ sei eine Allegorie, und Sauron sei in Wirklichkeit Putin, Saruman sei der oberste Chinese und die Freien Völker seien Nato und EU. Daraus folgt: Der kleine Herr Samweis Gamdschie, der keine Furcht und keinen Zweifel kennt, ist der Hobbit Selenskyj. Dieser moderne Sam quält sich nicht mit Zweifeln und Grübeleien, worin seine Aufgabe bestehen könnte: Er nennt die Russen „Orks“ – untermenschliche, schweineartige, grunzende Wesen, deren Vernichtung die Aufgabe jeder anständigen Kreatur ist. Wenn der stets siegesgewisse Herr Samweis Selenskyj mal nicht in den FS-Nachrichten erscheint, fehlt mir was – zunächst verlangte, forderte und beanspruchte er allgemein Waffen, und dann Panzer, Kampfflugzeuge und Raketen. Seine Hobbit-Gefährten wollen nun auch U-Boote haben, wobei sie nicht ausschließen, sich auch als Atommacht zu etablieren. Dass die Hobbits schon bald den Einsatz von Elben-Krieger-Bodentruppen fordern, ist wahrscheinlich.
Elben zeichnen sich zunächst mal aus durch ihre Körpergröße – sie überragen Menschen, Zwerge und Hobbits. Sie sind zwar unsterblich, können allerdings, wenn sie nicht aufpassen, durch Fremdeinwirkung getötet werden. Vor allem haben Elben als unveränderliche Kennzeichen ihr altersloses Antlitz, eine würdevolle Ausstrahlung sowie eine tiefe Weisheit, und ihr Wille bewirkt, daß Vorstellungen und Wünsche sich erfüllen. Manchmal fällt es schwer, zwischen Elben und ganz normalen indigenen Deutschen einen Unterschied festzustellen…
Zur moralischen Unterstützung der ukrainischen Hobbits erscheint regelmäßig ein Herr Wadepuhl im Fernsehen, ein typisch nordfriesischer Elbe, und der verkündet: „Europa ist im Krieg. Darüber diskutieren wir jetzt miteinander“. Groß diskutiert wird allerdings nicht, die meisten Elben sind mittlerweile sowieso Follower der meinungsbildenden Propaganda: Kriegsminister Pistorius denkt, er befindet sich „In Zeiten, in denen man als Deutschland indirekt an einem Krieg beteiligt ist“, simple Verteidigungspolitiker reden von „Kriegsfähigkeit“ , der ehemalige Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, fordert „Kriegswirtschaft“ ein, um dem Beschaffungswesen Beine zu machen, einfache Bundestags-Elben propagieren einen Wirtschaftskrieg gegen Russland, obwohl ein Handelskrieg längst im Gang ist, in der ARD-Fernsehsendung „Wirtschaft vor 8“ spricht die dunkelhaarige Elbe Anja Kohl vom Kriegsjahr 2022, bei jeder Gelegenheit beschwören christdemokratische Elben die „Kriegsfähigkeit“ der Bundeswehr, und der besonders wichtige Verteidigungs-Spezialelbe Roderich Kiesewetter erklärt, es sei richtig, dass „wir gemeinsam (…) kämpfen“, und er twittert begeistert: „Ja. Wir sollten Tornados liefern. Alles, was für den Sieg der Ukraine hilft“. Der Bundesnachrichtendienst (BND) übermittelt der Ukraine militärisch nutzbare Informationen über das russische Militär in der Ukraine: Analysen, beispielsweise zu Kampfkraft und Moral russischer Einheiten, abgehörte Funksprüche, Mobiltelefonate und Satellitenbilder, Bundespräsident Steinmeier mahnt, man müsse „auf Bedrohungen reagieren, die auch auf uns zielen“, und weil wir offenbar alle im Krieg sind, kriegen wir auch überhöhte Rechnungen von den Stadtwerken, wir müssen an sämtlichen Kassen einen Teuerungszuschlag bezahlen, und wir werden von schadhaften Lieferketten gewürgt.
Chefin einer präzisen Semantik in Zeiten des Krieges ist die Hüpfburg-Ballerina Baerbock. Die Außenministerin weiß, Putin führt einen „Hungerkrieg“ und erklärt unmissverständlich: „Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander.“ Alle Interpretationsversuche zur Abschwächung dieses Satzes sind mittlerweile obsolet, zumal der ukrainische Verteidigungsminister ihr beisprang und sein Land ruckzuck zum „defacto – Mitglied“ der NATO beförderte. Treffender hätte Putin die Situation auch nicht beschreiben können.
Doch was sagt Elbe Scholz – ein Waffen- und Munitionsbeschaffer für die Hobbits im Range eines Bundeskanzlers? Er sagt: „Wir sind nicht im Krieg“. Und er hat Recht: Wir sind nicht im Krieg und wollen es auch nicht sein. Und die Nato-Staaten sind militärisch auch nicht direkt an dem Konflikt beteiligt – sie haben sich nur ein wenig eingemischt, wie das die USA in den letzten Jahrzehnten ziemlich oft getan haben, wenn ihnen Systeme nicht in den Kram passten und ihre Interessen ihnen gefährdet schienen. Oder wüssten Sie einen anderen schlüssigen Grund für den amerikanischen Einmarsch in den Irak außer, dass dort viele amerikanische Familien übel unterdrückt, verfolgt und immer wieder auch umgebracht wurden?
Experten lassen keinen Zweifel daran: „Wir“ sind nicht im Krieg, und ein Professor für Völkerrecht an der Universität Bonn klärt definitiv auf: „Nur durch die aktive und koordinierte Teilnahme an Kampfhandlungen durch eigene Streitkräfte wird ein Staat Kriegspartei“, und „eine Lieferung von Gerät und Waffensystem alleine wäre keine Beteiligung am Krieg, sondern lediglich eine Unterstützung und (…) damit völkerrechtlich legitim…“ Also: Wer behauptet, „wir“ seien im Krieg, weiß nicht, wovon er/sie redet. Zum besseren Verständnis lesen Sie:
„Im Alter von vier Jahren hatte der Junge schon viel vom Krieg gelernt. Er wusste, dass Sirenengeheul Gefahr bedeutet, dass man nicht weinen soll, wenn man nachts in den Keller muss, wo ein strenger Luftschutzwart alle Ausweise kontrollierte. Er hatte gelernt, dass Flugzeuge Bomben abwerfen, dass Häuser leicht kaputtgehen, dass Straßen sehr gut brennen, dass tote Menschen nicht aussehen wie schlafende Menschen. Er wusste nicht, was ein Feuerwerk ist, aber er wusste, dass ein illuminierter Himmel nichts Gutes bedeutet: Luftangriffe, Flakfeuer und laute Explosionen. Er hatte auf der Straße gestanden und zugesehen, wie Mutti und Tante versuchten, den Dachstuhl und das Obergeschoss des Hauses, in dem sie wohnten, zu löschen, weil eine Brandbombe eingeschlagen hatte. Er wusste, dass Zentralheizungen gefährlich waren, weil sie platzen konnten und dann die Leute verbrühten, und er ahnte, was »Phosphorkanister« waren, weil sie erwachsene Männer dazu brachten, sich schreiend auf der Straße zu wälzen. Er hatte auch gesehen, dass auf der Straße neben einer sich krümmenden und stöhnenden Frau ein Baby lag, das den von Bomben erzeugten Luftdruck nicht überlebt hatte…“
Nein, noch sind „wir“ nicht im Krieg… Und so schreckliche Dinge passieren uns auch noch nicht, aber den Ukrainern passieren sie Tag für Tag, übrigens nicht nur den ukrainischen Ukrainern, sondern auch den russischen Ukrainern. Wer hier bei uns im Elbenland leichtfertig Kriegsgeschwätz oder sogar Kriegsgeschrei verbreitet, zeigt sich nicht solidarisch, sondern verhöhnt diejenigen, die den Krieg tatsächlich erleben und überleben wollen.

2. Krieg vorbereiten und gleichzeitig verhindern – das klappt nicht
Die FAZ hat vor einiger Zeit einen begeisterten Artikel über polnische Wehrsportgruppen publiziert. Darin zitiert ein „Robert, der Bauingenieur“ einen Satz, den die NATO gern für sich reklamiert: „Si vis pacem, para bellum“ – auf deutsch: Wenn du Frieden willst, rüste für den Krieg.“ Der römische Anwalt Cicero (106 – 43 v.Chr.) soll’s gesagt haben. Cicero war überzeugter Republikaner und wollte die Gefahr, die der römischen Republik durch Antonius drohte, dadurch abwenden, dass er sich auf die Seite Octavians, des anderen Oligarchen, schlug. Es nutzte ihm nichts: die Milizen des Octavian, der sich dann später zum Kaiser Augustus krönte, ermordeten ihn. Cicero wurde also auf Geheiß eben jener Kräfte erschlagen, die diesen Satz für sich beanspruchen und ihn als Monstranz vor sich hertragen. Wer wirklich den Frieden will, dem bleibt dieser Satz im Hals stecken, denn der Vater aller Dinge ist weder Krieg noch Kampf, und erst recht nicht Krampf. Vielmehr ist Frieden, La Paix, Pax, Eirene, die Mutter aller Dinge.
Krampf aber zwingt offenbar Politik, Militär und Medien, die Eskalation des Krieges in der Ukraine immer weiter voran zu treiben: Da muss man mal feststellen, dass weder die Lieferung von militärischem Gerät und die seit Jahren praktizierte Ausbildung ukrainischer Soldaten durch die USA und Großbritannien dazu geführt haben, diesen Krieg zu vermeiden, noch konnten in der jüngeren Geschichte Sanktionen einen Krieg verhindern oder sogar beenden. Die Schwächung der Wirtschaft eines gegnerischen Landes durch Sanktionen ruiniert nicht unbedingt auch dessen politisches Regime – das lässt sich in Syrien beobachten, in Nordkorea und im Iran, wo sich die Mullahs weiterhin an der Macht festkrallen, ganz zu schweigen von Cuba, dessen Regierung sich trotz aller Sanktionen schon seit 1960 gegen die USA behauptet.
Weiß man das nicht in den Führungsetagen der Bundesrepublik? Immer neue Sanktionen, immer neuere und schwerere Waffen, Reiseverbote, kulturelle Zensurmaßnahmen – wohin soll das führen?
Was wollen diese Dummköpfe? Etwa den Russen den Donbas oder die Krim wieder entreißen? Wollen sie mit der Lieferung der Panzer*innen Verhandlungsbereitschaft erreichen? Oder den Krieg verlängern? Wem nützt diese Politik? Will man Russland vielleicht ganz und gar besiegen? Ein sinnvolles Gesamt-Konzept wurde nirgends publiziert, aber ohne ein solches sind die immensen Waffenlieferungen nichts anderes als Militarismus pur. Und der bedeutet die weitere Zerstörung der Ukraine. Das Land wird dem Erdboden gleichgemacht. Das kann doch auch für Herrn Selensky keine Option sein, oder?
Ein militärischer Sieg der Ukraine ist kaum zu erwarten. Die Alternative sind Verhandlungen. Das wird in der uniformen Meinungsmache der deutschen Leitmedien so gut wie gar nicht publiziert. Doch das Argument, Putin wolle nicht verhandeln, ist unglaubwürdig. Schließlich wurde auch das Getreideabkommen von Russen und Ukrainern verhandelt. Klar ist – solange das Regime Putin die Anerkennung seiner völkerrechtswidrigen Annexion zur Voraussetzung für Friedensverhandlungen macht, kann es diese nicht geben. Und solange die Regierung Selenskyj die Rückeroberung des annektierten Landes als Voraussetzung benennt, kann es ebenfalls keine geben. Die Lösung läge in Friedensverhandlungen auf neutralem Boden ohne Vorbedingungen. Die Initiative dafür müssten die Präsidenten in Washington und Moskau starten, denn die sind – das ist jedem ausgeschlafenen Verschwörungstheoretiker klar – die Protagonisten dieses Stellvertreter-Krieges zwischen den USA und Russland. Offenkundig geht es dabei doch um ganz konkrete geopolitische Interessen, zum Beispiel das Schwarze Meer. Die Region um das Schwarze Meer ist für die Russen und ihre Schwarzmeerflotte so wichtig wie die Karibik oder die Region um Panama für die USA und so wichtig wie das südchinesische Meer und Taiwan für China… Stellvertreterkrieg? Ja klar:
Deutsche Außenpolitik ist zur Zeit in erster Linie Militärpolitik – oder zumindest eine Ergänzung zur Militärpolitik, denn abgesehen von allen Solidaritätsbekundungen bezahlen wir die Ukrainer dafür, dass sie Krieg gegen die Russen führen, weil Deutschlands Freiheit, wie’s aus berufenem Munde zu hören war, in der Ukraine verteidigt wird. Dabei handelt es sich um ein altbekanntes Abhängigkeitsverhältnis: Herrscher engagieren Söldner, wenn sie nicht genug eigene Soldaten haben oder ihre eigenen schonen wollen. Dafür fand man den treffenden Begriff des „Stellvertreterkriegs“, der aber nur notdürftig verschleiert, was wirklich Sache ist: Krieg gegen Bezahlung. Die Ukraine liefert das Menschenmaterial und von „uns“ wird alles, was sonst noch wichtig ist – von der Aufklärung über die Planung bis zur Bewaffnung – beigesteuert. Die im Sold Stehenden werden genauso lange kämpfen, wie die Herrschaften sie alimentieren…
Ein kleiner Tip für die Mächtigen, falls sie eines Tages doch mal Friedensverhandlungen anstrengen: Einfach die Menschen im Donbas und auf der Krim fragen, zu wem sie gehören wollen. Danach könnte man die territoriale Integrität der Ukraine mit westlichen Garantien wiederherstellen und auch den Russen Sicherheitsgarantien geben, zum Beispiel keine Nato-Mitgliedschaft für die Ukraine. Es ist übrigens lachhaft, anzunehmen, die Ukraine hätte da was mitzuentscheiden – da werden mir Herr Putin und Herr Biden zweifellos zustimmen…
Und die Bundesrepublik? Deren aktuelle Außenpolitik ist nicht mehr zu ertragen. Sie ist fokussiert auf Waffen und Waffengänge. Um dafür aber beim Wähler und der Wählerin Sympathiepunkte einzusacken, besteigen Deutschlands militante Protagonisten in Aachen bei der Verleihung des Ordens „Wider den tierischen Ernst“ sogar die Bütt, was schon Einiges über ihre geistige Disposition verrät: „Von Kopf bis Fuß ganz formidabel, ohne Zweifel ministrabel, in jeder Talkshow ein Gewinn, weil ich die Allergeilste bin“, verkündete dort zum Beispiel, als Vampir verkleidet, die gewiss streitbare, aber russophobe Frau Marie-Agnes Strack-Zimmermann: Die Dame hält die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland für möglich – „im Spannungs- oder Verteidigungsfall kann sie wieder aktiviert werden“, sagt sie – weil sie selbstverständlich lieber junge Leute an die Front schickt, als selbst in den Schützengraben zu springen. Dann Lars Klingbeil: ein halber Bundesvorsitzender der SPD, der bis 2017 den Präsidien der Lobbyvereine „Die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik e. V.“ und „Förderkreis Deutsches Heer e.V.“ angehörte – sein Wahlkreis grenzt an einen Aufrüstungshotspot, der viele Menschen beschäftigt, die Rheinmetall Waffe Munition GmbH, Unterlüß. Und an der Spitze die grüne Kanone Annalena Charlotte Alma Baerbock: Ich war ja froh, als endlich mal eine Frau das Außenministerium in Deutschland übernahm, aber mittlerweile weiß ich: es reicht nicht, Kriegsrhetorik zu betreiben, Waffenbrüderschaft zu versprechen, Geldsegen zu spenden, mit Helm und Splitterschutzweste durch den Matsch der Ukraine zu stöckeln und Humbug zu verbreiten, wonach deutsche Waffen in der Ukraine Menschenleben retten. Stellt sich die Dame überhaupt nicht die Frage, wie eine europäische Ordnung unter Einbeziehung Russlands perspektivisch aussehen soll? Wenn doch, dürfte sie durchaus mal einen Vorschlag machen – Russland wird ja nicht einfach so von der Landkarte verschwinden…
Einstweilen können wir davon ausgehen: Die Aktienkurse von Rheinmetall und ähnlichen Frieden-schaffenden Firmen werden weiter steigen, die Rüstungsgewinne gehen durch die Decke, die deutschen Bürgerinnen werden mit dem bisschen Inflation locker fertig, und es sterben nur Russen und Ukrainer: das ist doch der Traum für alle Kriegsprofiteure. Der sinnfreie Aktionismus in der Politik muss endlich beendet werden. Sonst wachen wir eines Morgens auf und sind mitten im Dritten Weltkrieg. Und deshalb ist die alles entscheidende Frage: Wie will man einen Konflikt mit der stärksten Nuklearmacht der Welt durchstehen, ohne in einen Dritten Weltkrieg zu gehen, wenn man so weitermacht wie bisher? Es wäre sehr begrüßenswert, wenn diesbezügliche Überlegungen in den Köpfen der Politikerinnen, Journalisten und Journalistinnen Raum greifen würden. Aber leider – Pickelhauben sitzen besonders fest auf Holzköpfen.

3. Sabotage – eine Erfolgsstory
Im Januar 2022 erklärte die US-Außenstaatssekretärin Victoria Nuland: „Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird Nord Stream 2 auf die eine oder andere Weise nicht vorankommen.“
Einige Tage später – Olaf Scholz stand mit unbewegtem Gesichtsausdruck dabei – gab es einen Wortwechsel zwischen einer Reporterin und USA-Präsident Joe Biden. Der sagte: „Wenn Russland einmarschiert … dann wird es kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.“
Reporterin: „Aber wie wollen Sie das genau machen, da… das Projekt unter deutscher Kontrolle ist?“
Biden: „Ich verspreche Ihnen, dass wir in der Lage sein werden, das zu tun.“
Nord Stream 1 und 2 waren zwei Projekte der russischen Firma Gazprom, die das Ziel hatten, Gaslieferungen nicht mehr durch die Ukraine laufen zu lassen, sondern sie über den Meeresboden der Ostsee nach Deutschland zu transportieren. Nord Stream 1 wurde 2011 in Betrieb genommen, Nord Stream 2 sollte eigentlich 2022 an den Start gehen, wurde aber nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine gestoppt.
Die Aussage des US-Präsidenten konnte man entweder als Versprechen werten, auf das sich die USA-Verbündeten verlassen konnten, oder als die übliche heiße Luft in Politiker-Reden.
Am 26. September 2022 wurden mit mehreren Sprengungen Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines verübt. Ob es sich lohnt, sie eines Tages zu reparieren, ist sehr fraglich.
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Anschläge wurden seitens Deutschlands und der EU sehr vollmundig massive Sanktionen gegen die Verursacher dieser Terrorakte angekündigt, und der NATO-Rat erklärte, „alle derzeit verfügbaren Informationen“ deuteten darauf hin, dass die Lecks das Ergebnis „vorsätzlicher, rücksichtsloser und unverantwortlicher Sabotageakte“ seien. Die 30 Mitgliedstaaten des Militärbündnisses drohten mit einer „gemeinsamen und entschlossenen Reaktion“ auf jeden „vorsätzlichen Angriff auf die kritische Infrastruktur der Bündnispartner“. Aha, da müssen sich die Übeltäter aber warm anziehen…
Politiker und führende deutschen Medien zeigten sofort auf Moskau: Der Russe war’s! Es hieß, Wladimir Putin wolle mit der Zerstörung der Pipelines den Energiefluss nach Europa abwürgen, für Unsicherheit und Chaos auf dem Energiemarkt sorgen und die Länder dazu bringen, ihre Unterstützung für die Ukraine einzustellen.
Die Tagesschau zitiert den norwegischen Militärwissenschaftler Und Marineoffizier Tor Ivar Strömmen: „Ich sehe nur einen möglichen Akteur, und das ist Russland.“
Das ZDF ließ Fregattenkapitän Göran Swistek, Experte für maritime Sicherheit, die Situation einschätzen. Er meinte, die verwendete Menge an Explosivstoffen sei nicht frei auf dem Markt verfügbar. Die würden wahrscheinlich militärischer Natur sein. Insgesamt liege der Schwerpunkt klar auf Russland. Wahrscheinlich sei, dass die explosiven Stoffe mithilfe von Drohnen oder unbemannten Unterwassersystemen angebracht wurden. Russland habe die dafür benötigten Geräte. Russland habe auch ein staatliches Forschungsprogramm in der Unterwasserwelt. Außerdem seien russische Drohnen schon häufig recht nah an Unterwasser-Kommunikationskabeln gesichtet worden.
Ursula von der Leyen machte der Welt klar: „Jede absichtliche Störung der aktiven europäischen Energie-Infrastruktur ist inakzeptabel und führt zu einer schwerstmöglichen Reaktion.“ Wen sie verdächtigt, sagte sie zwar nicht, aber niemand zweifelte daran, dass ihre Drohung Generalbösewicht Putin galt.
Auch polnische Politiker vermuteten öffentlich, dass die Russen dahinter stecken.
Mychailo Podoljak, ein Selenskyj-Berater, erhob Anklage: „Das großflächige ‚Gasleck‘ an Nord Stream 1 ist nichts anderes als ein von Russland geplanter Terroranschlag und ein Akt der Aggression gegenüber der EU.“ Beweise dafür hält er bislang zurück.
In vorderster Front marschierte auch wieder die unvermeidliche Marie-Agnes Strack-Zimmermann: „Je länger und brutaler der russische Überfall auf die Ukraine andauert, desto größer ist auch die Gefahr, dass es zu solch enthemmten Anschlägen kommt“, sagte sie, „nicht ausgeschlossen ist, dass sie von Russland gelenkt werden, um unsere Märkte zu erschüttern.“
Auch der Sicherheitsexperte Johannes Peters hatte Russland im Visier: „Das wirkt vordergründig natürlich etwas widersinnig, die eigenen Pipelines zu zerstören“, sagte der Experte vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel im ARD-Morgenmagazin, es gebe aber durchaus gute Gründe – z.B. ein „starkes Signal“ an Europa zu senden, vor allem an Deutschland und Polen, dass man dasselbe auch mit Pipelines machen könnte, die für die Versorgungssicherheit deutlich wichtiger seien, etwa die Pipelines aus Norwegen: „Also seid euch mal nicht so sicher, dass ihr für den Winter gut aufgestellt seid und dass ihr in der Lage seid, unser Gas zu kompensieren“, das sei die Botschaft.
Und schließlich hielten auch die Experten in der Abteilung für Maritime Strategie und Sicherheit am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel eine Verantwortung Russlands für aktuell am wahrscheinlichsten.
Nur schwachsinnige Verschwörungsfans favorisierten nicht Russland, sondern die USA als Attentäter.
Dafür sprechen allerdings einige Indizien:
Victoria Nuland, die schon erwähnte Unterstaatssekretärin der US-Regierung, sagte bei einer Anhörung im US-Kongress: „Senator Cruz, genau wie Sie bin ich, und ich denke, auch die Regierung, sehr erfreut zu wissen, dass Nord Stream 2 jetzt, wie Sie gerne sagen, ein Stück Metall auf dem Meeresgrund ist.“
Und in einem inzwischen gelöschten Tweet dankte der frühere polnische Außenminister Radoslaw Sikorski den USA für die Zerstörung der Pipelines. Fraglich, ob sich Präsident Biden darüber gefreut hat…
Inspizieren wir mal die Gewässer vor der dänischen Insel Bornholm:
Die Ostsee ist hier so dicht und lückenlos bis in alle Tiefen überwacht wie kein Meer sonst auf dieser Erde. Hier belauert jeder jeden. Überall sind Sensoren, Aufklärungsflüge und Drohnen. Da schwimmt kein Dorsch unbeobachtet herum, dessen Flossenschlag nicht von einem Unterwassermikrophon aufgenommen wird. Hier belauern sich der „Westen“ und die Russische Föderation in Sichtweite. Wäre in dem relevanten Zeitraum irgendetwas aus Russland in die Nähe von Bornholm gekommen, hätte die westlichen Medien uns das lautstark mitgeteilt. Kein U-Boot kann unbemerkt in diese Gewässer eindringen, kein Schiff an die Position des Attentats gelangen, ohne registriert zu werden. Und auch die härtesten russischen Kampftaucher würden es nicht schaffen, mitsamt dem benötigten Material von der russischen Küste bis nach Bornholm zu tauchen und dort die Pipelines zu sprengen. Doch es war ein Anschlag. Laut t-online.de/nachrichten wurden insgesamt vier Löcher festgestellt und nach bisherigem Ermittlungsstand rissen mindestens zwei Detonationen die Röhren auf. Aha – zwei Detonationen, vier Löcher. Da braucht man Spezialisten. Und um in siebzig Meter Tiefe so eine Sprengung durchzuführen, braucht man Kampftaucher oder Marinetaucher und U-Boote, die diese Spezialisten zum Ziel bringen und zurück. Dergl. haben eigentlich nur Streitkräfte von Staaten zur Verfügung. Wer kommt in Frage? Die Schweiz möchte ich ausschließen, Frankreich und China auch, Polen und Großbritannien – nun, vielleicht. Schweden und Dänemark haben angeblich „weitergehende“ Infos, rücken sie aber nicht raus. Vielleicht hat Lieferando die benötigten Geldkoffer nicht beim richtigen Adressaten in Brüssel abgegeben, oder sie waren nicht voluminös genug…
In der Zeit vor der Beschädigung der Pipelines waren 47 US-Kriegsschiffe in der Ostsee unterwegs. Sie operieren hier regelmäßig als Teil der Nato, und im Rahmen von NATO-Übungen trainierten sie auch den Umgang mit Unterwasserdrohnen. Und zwar genau da, wo jetzt die Lecks sind in den Pipelines. Beteiligt war auch eine Spezialeinheit für Kampfmittelbeseitigung und Unterwasseroperationen der US-Marines, also genau die Leute, die die erste Adresse für einen Sabotageakt an einer Unterwasserpipeline sind, und die Vermutung, dass US-amerikanische Navy Seals-Kampftaucher diese Übung direkt um und über den Pipelines dazu benutzt haben könnten, die Sprengsätze an den Rohren anzubringen, um sie dann zu einem späteren, geeigneten Zeitpunkt zu sprengen, ist sicher nicht allzu verwegen.
Offiziell werden die USA natürlich nicht beschuldigt. Jedenfalls nicht in Deutschland. Aber inzwischen ist es doch sehr still geworden um das Thema. ARD und ZDF sowie den führenden Zeitungen ist es wohl peinlich, darüber zu spekulieren, obwohl das doch bei anderen Gelegenheiten ihre Lieblingsbeschäftigung ist… In den USA selbst jedoch schreiben Zeitungen ganz offen darüber, und der Ökonom Jeffrey Sachs und der ehemalige Pentagon-Berater Douglas Macgregor kommen auch zu dem Schluss, dass die USA sehr wahrscheinlich hinter dem Anschlag stecken…
Wir spekulieren: Würde der US-Präsident es riskieren, dem strategisch wichtigen Verbündeten Deutschland derart grob auf die Füße zu treten, zumal dieser eh schon bereit war, die russischen Importe auf Null zu bringen? Um später dann die Dokumente über die Erteilung und die Ausführung des Befehls in seiner Hobbywerkstatt oder unter seinem Bett zu verstecken? Unwahrscheinlich.
Also Polen? Die haben am lautesten Beifall geklatscht, aber wenn es herauskommt, dass sie es waren, riskieren sie eine Menge empfindlicher Nachteile in der EU. Auch unwahrscheinlich. Aber Norwegen? Ein ernstzunehmender Wettbewerber: Von Norwegen führen Europipe I und II nach Deutschland. Norwegen deckt 30 Prozent des deutschen Bedarfs an Erdgas. Norwegen weiß von nix und schweigt… 
Und Großbritannien? Dort regierte zur Zeit der Anschläge noch der Hasardeur Boris Johnson. Dem war alles zuzutrauen, und technisch verfügen die Engländer auch über das notwendige Know How. Aber sie könnten so ein Unternehmen nicht durchführen, ohne dass es dem US-Präsidenten zugetragen wird. Hält der nun seine schützende Hand über die britische Regierung? Dann wäre das Weiße Haus Mittäter…
Noch eine Option: Hat Deutschland etwa selbst…? Man weiß es nicht.
Fakt ist: Die USA zwingen uns ihr Flüssiggas auf. Die Milliarden Euro, die bis zum letzten Jahr für Energielieferungen nach Russland gingen, sollen jetzt in die USA fließen. Da amerikanisches LNG deutlich teurer als leitungsgebundenes Erdgas ist, hat dies natürlich Auswirkungen auf die europäischen Energiepreise. Sowohl Gas wie auch Strom sind in den USA um den Faktor zehn preiswerter als in Deutschland, und die USA nutzen diese Preisvorteile, um deutsche Unternehmen zur Verlagerung ihrer Produktionskapazitäten über den Atlantik zu bewegen. Da zieht ein Wirtschaftskrieg heran – wenn er nicht schon evident ist. Die Sprengung der Ostseepipelines passt also ins Bild!
Der deutsche Staatssekretär Dr. Patrick Graichen sagte im Deutschen Bundestag: „Der Bundesregierung (…) liegen keine belastbaren Informationen zu den möglichen Urhebern des Angriffs vor“. 
Auf die Frage, welche russischen Schiffe und Truppenteile im relevanten Zeitraum in der fraglichen Gegend geortet wurden, antwortete die  Staatssekretärin Susanne Baumann: „Die Beantwortung der Fragen zu Schiffspositionen würde Rückschlüsse auf die Aufklärungsfähigkeiten der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bündnispartner zulassen. Die erbetenen Informationen berühren derart besonders schutzbedürftige Geheimhaltungsinteressen, dass das Staatswohl gegenüber dem parlamentarischen Informationsrecht wesentlich überwiegt“.
Weitere Informationen blieben aus, ein Bekanntwerden von Informationen würde als Störung der wechselseitigen Vertrauensgrundlage gewertet werden, hieß es…
Vermutlich werden wir keine echte Aufklärung erleben. Wahrscheinlich war es, wie immer, doch der böse Russe. Gerüchteweise war zu hören, man habe am Tatort in der Ostsee den Personalausweis eines Wladimir P. gefunden. Seitdem wünsche ich mir zur Bewältigung dieses Polit-Thrillers einen Meister wie Eric Ambler: Der Plot ist spannend, die Schurken haben das Format, zur Hölle zu fahren.
Der deutsche Bundeskanzler bezeichnete die Zerstörungen an den Gas-Pipelines als „bedrückend“. Sie seien ein Zeichen dafür, „dass wir uns wirklich in einer sehr ernsten Lage befinden und deshalb das Richtige tun müssen.“ Danach verfiel er in sein offizielles Schweigen. Ich denke, er weiß, wer seinen Pipelines ein Ende gesetzt hat (Who brought an end to it).
Nur Anton Hofreiter, die grüne Volksvertreter-Attrappe, kommt mal wieder aus dem Muspott. Er erklärte: „Demokratien greifen einander nicht an“.

7. Februar 23


Leopard,Tiger,Panther & Co 

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Früher, in unserer atavistischen Welt, in der wir alle nur mit unseren Haaren bekleidet waren und uns bestenfalls mit einem Knüppel oder Stein tot schlugen, war Überlebenswille gefragt. Also haben wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten gepanzert und hölzerne Streitwagen angeschafft. Wir panzerten auch unsere Pferde und unsere Kampfelefanten, und später panzerten wir uns mit eisernen Ritterrüstungen. Der erste Panzerwagen – auf Rädern und mit Maschinengewehr ausgerüstet – wurde 1905 konstruiert: von der Firma „Austro-Daimler“ – für den Einsatz der Streitkräfte gegen die Feinde der österreichisch-ungarischen Monarchie. Da waren Tradition und Markenzeichen gefragt – also besann man sich auf die Heraldik einstiger Herrscherfamilien. Fortan kamen Löwen, Leoparden, Adler und anderes furchteinflößendes Wappengetier an die Front. So entwickelte sich die martialische Marotte, jegliches Kriegsgerät mit dem Namen einer Bestie zu versehen, die für Jagen und Töten steht. Moderne Menschen lieben es ja auch, Autos zu „taufen“, um zwischen Halter und Fahrzeug eine Art persönliche Bindung herzustellen, auch wenn die ziemlich einseitig bleibt. Und dass der VW-Konzern seine SUVs Amrock (das ist ein Huhn), Tuareg (das ist kein Tier, sondern ein Volk in Afrika) und Tiguan (das ist eine kühne Kreuzung von Tiger und Leguan) nennt, ist zweifellos seit Urzeiten im Fetischismus der Wolfsburger Braunkohlsteppe begründet. Dazu kommt noch ein psychologischer Aspekt – auf ihrer Website verrät die deutsche Bundeswehr die schamanischen Wurzeln militärischer Namensgebung: „Der Name soll die Wucht beschwören, mit der ihr Besitzer die Waffe führt. Wer sie beim Namen ruft, beschwört ihre tödliche Macht“. Das hätte auch das Oberkommando der Nazi-Wehrmacht nicht großkotziger formulieren können. Ab 1942 bekamen die Fahrzeuge klingende Tiernamen und 1944 forderte Goebbels „suggestiv wirkende Namen“ für „besonders hochwertige“ neue Waffen, um ihre propagandistische Wirkung auf das feindliche Ausland“ zu erhöhen. Das Kleinvieh hieß dann zwar nur Grille, Hornisse, Wespe und Heuschrecke, aber im Arsenal der Wehrmacht standen auch Nashorn und Elefant sowie die Großkatzen Löwe, Marder, Tiger und Panther. Und bei der Firma Porsche wurde ein noch größerer Panzer gebaut, er wog 188 Tonnen und verbrauchte im Gelände 3800 Liter auf 100 Kilometer. Erst sollte er „Mammut“ heißen, aus Geheimhaltungsgründen nannte man ihn dann aber „Maus“. Bis Ende 1944 entstanden davon zwei. Mit 1000 Tonnen noch sehr viel gewaltiger als die „Maus“ sollte der bei Krupp in Auftrag gegebene Panzer mit dem Namen „Ratte“ werden, dessen Bau jedoch 1943 eingestellt wurde. Stinktier, Blindschleiche und Ohrwürmer sind heute froh, dass sie damals namentlich nicht berücksichtigt wurden…
Nachdem das tausendjährige Reich der Nazis wehrtechnisch auf dem Schrottplatz geendet hatte, gab es für die deutschen Militaristen schon sehr bald nichts Schöneres, als sich erneut zu panzern, und zusammen mit den Panzergrenadieren, der Panzertruppe, der Panzerfaust, den Panzerknackern und den Panzerabwehrraketen feierten auch die Tiernamen ihr militärisches Comeback.
Im Kleintierbereich, der ja keineswegs ungefährlich ist, wurden fortan von der Bundeswehr Tiere gehalten, deren Namen auf bestimmte Eigenschaften hinweisen, die dem Fahrzeug zugeschrieben werden – der Biber überbrückt Gewässer, der Dachs wühlt sich durch die Erde und der Luftlande-Waffenträger Wiesel ist klein, flink und wendig. Auch Fuchs, Ozelot, Skorpion, Keiler und Leguan symbolisieren einen militärischen Nutzwert, aber in der Hierarchie ganz oben stehen weiterhin die großen Raubtiere: Der Leopard, bis zu 70 km/h schnell, kann schützen, spähen, kämpfen, sogar im Rückwärtsgang – was Felidae eben so können – dazu die Miezen Puma, Marder, Jaguar, Luchs und Gepard (das Schmusetier des Fernsehzoologen Bernhard Grzimek hätten wir alle gerne mal gestreichelt), und natürlich der Panther, ein Opfer von Rainer Maria Rilkes Dinglyrik 1902/03: „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.“ Oh du prophetischer literarischer Symbolismus – das Drehen im allerkleinsten Kreise, also das Wenden fast auf der Stelle, ist kein Problem für den modernen Panther deutscher Streitkräfte, weder in der Wehrmacht noch in der Bundeswehr. Der überaus erinnerungsträchtige Suggestivname „Tiger“ wurde bislang allerdings – auf Anraten der Friedensbewegung – noch nicht wieder eingesetzt, obwohl ihn das Asow-Regiment in der Ukraine – eingedenk der Waffenbrüderschaft mit der Waffen-SS – gewiss gern zum Einsatz bringen würde. Warum auch nicht? Es gibt ja in der gegenwärtigen deutschen Armee auch die Flugkörper-Schnellboote der „Tiger-Klasse“ und zur Panzerabwehr den Tiger getauften Hubschrauber „Eurocopter UHT“…
Aber wir wollen natürlich die animalischen Traditionen des Nazi-Reiches nicht wiederbeleben, und so wird von Seiten der Rüstungs-Industrie erklärt: die Magie des legendären Tigerpanzers überträgt sich auf den Leopard oder Puma nur und ausschließlich in Form von Arbeitsplatzzahlen und Bruttosozialprodukt…

Glaubt ein hochtechnologisiertes Militär, das seine Einsätze kühl und emotionslos mit humanitären Gründen oder wirtschaftlichen Interessen Deutschlands, Europas oder der Bündnispartner begründet, wirklich immer noch an Magie und Hokuspokus? Auch wenn in den Lagerstätten für Nuklearwaffen die Manie mit den Tiernamen noch keine Anwendung fand (wir besitzen ja keine), besteht der Verdacht, dass die mentale Orientierung des Keule-schwingenden Steinzeitmörders heute auch das humane Nervensystem des Anton Hofreiter dominiert (Putin ist zu vergleichen mit einem „Straßenschläger, der erst zurückweicht, wenn ihm die Nase gebrochen wird“). Vielleicht sollten in der Geschichte der Evolution bewanderte Psychologen mal herausfinden, ob sich von Hermann dem Cherusker bis zu Baerbock, Dobrindt und Strack-Zimmermann in Gehirn und Psyche der Bellizisten irgendwas zum Positiven entwickelt hat, oder ob da immer noch die klassische Idiotie waltet, statt vernünftiger Verhandlungsstrategien gewalttätige Konfliktlösungen zu bevorzugen… Momentan sieht’s so aus, dass Homo Sapiens viel zu dumm ist, um mit seinen eigenen Erfindungen Schritt halten zu können. Vermutlich hat die Mischung von Urinstinkten der Gattung mit den aktuellen Zerstörungstechniken immer wieder Gehirn-Funktionsbereiche überfordert und lahmgelegt, möglicherweise sind auch zu viele Synapsen verödet oder sogar versypht. Darüber hinaus scheint der ungenutzte Großteil unserer Gehirnkapazität stetig zu wachsen…
Doch zum Trost für alle unbeugsamen Zivilisten: wenn wegen dieser Politiker, ihrer Rüstungslobbyisten, Generalstäbler, ihrer Follower und ähnlicher Leute mal wieder alles schief geht, haben wir zum Glück ja immer noch den Büffel. Der Berge-und Entpannungspanzer Büffel räumt nämlich alles weg – er kann sogar den Puma, wenn der mal wieder bewegungsunfähig die Strecke blockiert, entpannen und beiseite schaffen.
Und alle, denen zwar die gegenwärtige Panzer-Anbetung auf die Nerven fällt, die aber trotzdem die Netze militärisch nutzen wollen, und alle, die weder auf ihre Tierliebe noch auf ihr Faible für Panzerschlachten verzichten wollen, auch alle Amateur-Hackergruppen sowie Hobby-Cyberterroristen, können meinetwegen für den allseits tobenden Cyberwar weiterhin die Mac-Betriebssysteme nutzen: Löwe, Tiger, Leopard, Schneeleopard und Puma.

25. Januar 23


Zur Abwechslung mal was Wichtiges:

Immer, wenn ich höre, wir können in Deutschland auf Atomstrom nicht verzichten, denke ich: Eigentlich kann ich zum Ausgleich meiner Finanzen auf Banküberfälle auch nicht verzichten.

Soeben erschienen:


Vielversprechender Start

Seit Jahrzehnten manifestiert sich die deutsche Wirtschaftskrise im Silvester-Feuerwerk. Ich fürchte, wenn wir uns in Zukunft alle gemeinsam so einbringen, werden wir auch zusammen leer ausgehen. Und was machen wir, wenn die Ukraine dann auch noch den Krieg verliert? Dann ziehen wir uns alle aus und passen auf unsere Sachen auf.
Schauen wir mal nach Berlin: Niemand ist von der SPD so begeistert wie die SPD. Olaf Scholz, der Knirps mit dem Wumms, hält Diskussionen über Panzerlieferungen für „uncool“. Die infantile Sprache belegt: Bei manchen Leuten führt der Lebensweg von der Pubertät direkt in die Senilität. Schuhgröße und IQ sind dann identisch. Immerhin hat die SPD mittlerweile verständnisvoll eingesehen, dass jeder soziale Ausgleich die Reichen beim Reicherwerden stört. Und dass es pure Gier ist, die den Laden am Laufen hält, wird von niemandem ernsthaft bezweifelt.
Allerdings – den Rücktritt der Verteidigungsministerin Christine Lambrecht bedaure ich sehr. Ihre Bemühungen um Wehrkraftzersetzung waren mir von Anfang an sympathisch: Waffenlieferungen betrieb sie zögerlich, eine Modernisierung der Truppe war ihr kein Bedürfnis, das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für flottes Shopping zu nutzen, kam ihr nicht in den Sinn, und eine Reform des Beschaffungswesens der Bundeswehr hat sie weitgehend vermieden. Ihre kriegerischen Anstrengungen erschöpften sich in der Lieferung von 5000 Stahlhelmen in die Ukraine – sie nannte das ein „ganz deutliches Signal“. Bis zuletzt hielt Frau Lambrecht es für überflüssig, sich die Dienstgrade der Bundeswehr zu merken, aber von den Medien wurde sie nicht als das wahrgenommen, was sie war, nämlich eine echte Pazifistin. Man unterstellte ihr jede Menge Patzer, kommunikative Fehlleistungen, Ausrutscher, mangelnde Souveränität und Ungeschick und erkannte nicht, dass sie nur den Unterschied zwischen Verteidigungs- und Kriegsministerin praktizierte. Schade, dass sie weg ist. Ich hätte es gern erlebt, dass sie die Bundeswehr total ruiniert…
Die Grünen beeindrucken uns immer wieder mit der Vielfalt ihrer Gedanken. Widerspruch von Wahlprogramm und Realität? Abkehr von grünen Grundsätzen bei Atomkraft, Kohlekraftwerken und Waffenlieferungen? Na und? Putin ist Schuld. Die Wähler verstehen das schon, ja, sie erwarten es geradezu von den Grünen. So lügt man sich seinen Opportunismus um in einen demokratischen Auftrag und hat noch Zeit, in Lützerath die Entscheidungsschlacht um das deutsche Klima zu schlagen: Grünes Fußvolk gegen grüne Regierungs-Söldner. Und anschließend retten sie dann gemeinsam den Rest der Welt. Währenddessen solidarisiert sich die deutsche Außenministerin in der Ukraine mit den Opfern der russischen Aggression und fordert weitere Waffenlieferungen. Demnächst, wenn Erdogan Pascha seine türkischen Truppen, seine Luftwaffe und seine deutschen »Leopard 2«-Panzer wieder völkerrechtswidrig und todbringend gegen die kurdische Zivilbevölkerung einsetzt, wird Frau Baerbock ganz gewiss nach Nordsyrien und in den Nordirak fliegen, um sich dort vor Ort mit den kurdischen Menschen zu solidarisieren und auf ihre dramatische Lage aufmerksam zu machen, wie immer begleitet vom schamhaften Schweigen der Nato. Auf diese glaubwürdige Friedenspolitik dürfen wir uns schon heute freuen.
Und sonst? Alles gut.
Die FDP will nach wie vor freie Fahrt für freie SUV-Fahrer. „Wir haben dieses Land gut aufgestellt für den Winter“. Wie gut, kann man an den Tafeln im Land erkennen. Bürgergeld toll, Gasspeicher voll. Wegfall der Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse? Es gibt viele schlüssige Argumente dafür, aber Lindner sieht keinen Bedarf. Gut so – er arbeitet tapfer an der Abschaffung seiner Besitzbürger-Partei. Die Linke jedoch will weiterhin in erster Linie Leute vertreten, die nichts zu sagen haben. Die CDU/CSU ist stolz darauf, als staatliches Verfilzungssystem zu gelten, und der Parteitag der AfD war lediglich eine Versammlung bornierter Einzeltäter.
Dass die Politik der verlängerte Arm der Wirtschaft sein soll, erscheint mir immer unglaubwürdiger: Die Wirtschaft müsste sich doch qualifizierteres Personal leisten können…

18. Januar 23


Der Noske – Versteher

Gustav Noske war Sozialdemokrat. Nach seiner Jungfernrede im Reichstag 1907 widmete ihm der Satiriker Alexander Moszkowski in den „Lustigen Blättern“ ein mehrstrophiges Gedicht, in dem es heißt: Noske schnallt den Säbel um, Noske geht aufs Ganze, Noske feuert bum, bum, bum, Noske stürmt die Schanze.
Gustav Noske stimmte als Reichstagsabgeordneter und „Experte“ für Militär-, Marine- und Kolonialfragen in der Folgezeit für Kriegskredite, fuhr zu Beginn des Ersten Weltkriegs als begeisterter Kriegsberichterstatter nach Belgien, rechtfertigte oder verharmloste dort die Massaker des deutschen Militärs an der Zivilbevölkerung und stellte seinen Antisemitismus mit Beleidigungen Rosa Luxemburgs unter Beweis. Als Anfang November 1918 der Matrosenaufstand in Kiel losging und eine Militärstreife bei einer Kundgebung von Matrosen und Arbeitern sieben Männer erschoss und 29 schwer verletzte, wurde Gustav Noske vom kaiserlichen Reichskanzler Prinz Max von Baden nach Kiel geschickt, um die Revolution zu stoppen. Unter Vortäuschung einer revolutionären Gesinnung ließ sich Gustav Noske an die Spitze des Arbeiter- und Soldatenrats wählen. Noske schrieb in seinen Memoiren, er habe 1919 „ausgemistet und aufgeräumt, in dem Tempo, das damals möglich war“. Da war vieles möglich: Gemeinsam mit faschistoiden Militärs und Freikorps organisierte er die Niederschlagung der revolutionären Arbeiterkämpfe, rund 1200 Arbeiterinnen und Arbeiter wurden im März 1919 in Berlin getötet. Noske hatte die sofortige Erschießung jedes Aufständischen angeordnet, der „mit der Waffe in der Hand gegen die Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird“. Auf Noskes Konto gehen etwa 5.000 Tote. Ob zu seiner Rechtfertigung oder aus Stolz auf seine „Pflichterfüllung“ als Reichswehrminister oder aus Zynismus prägte er den Satz „Einer muss der Bluthund sein“. Hitler bezeichnete Noske 1933 in einer Rede im Berliner Sportpalast als „Eiche unter diesen sozialdemokratischen Pflanzen“. Nochmal, prophetisch, „Die lustigen Blätter“: Lasst’s euch nicht verdrießen: Denn wir wissen absolut: Noske, der wird schießen!
Vor gut zehn Jahren trat der heutige Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck an, den Bluthund Noske im milden Schein seiner Bio-Betrachtungsweise auf der Theaterbühne zu präsentieren. Da war er immerhin schon vier Jahre Vorsitzender des schleswig-holsteinischen Landesverbandes von Bündnis 90/Die Grünen. Zusammen mit seiner Frau schrieb Habeck das Theaterstück „Neunzehnachtzehn“. Es handelt vom Aufstand der Kieler Matrosen und Arbeiter. Und von Gustav Noske, einem Menschenrechtskämpfer ganz moderner Art. Nun vergegenwärtigt so ein Theaterstück ja nicht nur die Geschichte mit literarischen Mitteln – vielmehr gibt es vor allem Auskunft über die Geschichtsauffassung seines Autors und beleuchtet dessen Welt- und Gesellschaftsbild. Robert Habeck erklärte dazu: Noskes „Changieren zwischen ‚eigentlich will ich die Revolution, und andererseits suche ich die Ordnung oder versuche sie zu steuern‘ ist ein Stück weit, wenn ich das so sagen darf, ohne es zu übertreiben, eine Metapher für den Alltag auch als grüner Bundesvorsitzender.“ Wer hätte das gedacht? Noske ermordete und beerdigte die Revolution im Bündnis mit der Konterrevolution. Ist das wirklich eine Metapher für Habecks Arbeit als Parteivorsitzender? Dann erstreckt sich das politische Bemühen von Habeck also darauf, sich einerseits als felsenfester Teil in der Bewegung zu inszenieren, die man andererseits, wegen der öffentlichen Ordnung, versteht sich, in buttermildem Reformismus ersticken will. Habeck im Interview: „Das Herz schlägt für die Revolution, ganz klar. Aber… Das ‚Aber‘ ist, dass ich sowohl in der Revolution, das kann man ja ganz gut studieren, wie auch bei kleineren Projekten, also Landwirtschaftspolitik, Energiewende, sehr genau weiß, dass manchmal Alternativen nur die Wahl zwischen schlecht und schlechter sind. Jede politische Entscheidung hat eine Konsequenz, und nicht immer nur eine tolle Konsequenz“. So kann man sogar einen Noske exkulpieren…. Die Herren Noske und Habeck sind beide keine Revolutionäre, und so redet Noske in Habecks Theaterstück, als stünde er auf einem Grünen-Parteitag vor den Delegierten: „Die Gegenwart fordert all unsere Aufmerksamkeit. Etwas Altes geht zu Ende. Aber das Neue hat noch nicht begonnen. Wir befinden uns mitten in einer Zeit des Übergangs. Aber wir (…) gestalten den Übergang. Wir haben die Pflicht, ihn zu gestalten“. Das ist genau jener uns vertraute Ton zwischen Allgemeinplatz, Pathos und Einschleimerei, wie ihn routinierte Politiker*innen jederzeit parat haben.
Habeck schreit hurra! hurra! Habeck hält die Wachen,
Habeck schießt Viktoria, Habeck wird’s schon machen!
Wie auch immer – als Realpolitiker geht man über Leichen. Avanti Dilettanti:
Beim Thema Waffenlieferungen an die Ukraine sieht Vizekanzler Habeck eine große Dynamik, und auch einen weiteren Schritt – die Lieferung von Kampfpanzern wie dem „Leopard“ – schließt er nicht aus. Ihn hat vermutlich überzeugt, dass man mit dem Leopard, wenn er nicht gerade in Reparatur ist, in vollem Tempo (bei 70 km/h) auf Russen schießen kann. Habeck verweist darauf, dass es bereits eine große Bewegung bei den Beschlüssen zur Lieferung von Panzerfäusten bis hin zum Schützenpanzer „Marder“ gegeben habe: „Ich denke, dass diese Dynamik weitergehen wird, solange der Krieg sich dynamisch entwickelt.“ Die „Marder“-Entscheidung bezeichnete er als „gut“ und „lange überfällig“. Die „Bild am Sonntag“ applaudierte diesem Beschluss: „Der Marder hat sich in Afghanistan bewährt!“ Ach wirklich – als Fluchtfahrzeug? Und die Süddeutsche Zeitung formulierte, wie immer, Klartext: „Der Westen erhöht den Einsatz“. Schon klar, das ganze ist ein Glücksspiel und die Banken gewinnen immer… Also, Verhandlungen sind weiterhin nicht vorgesehen…
Aber zu verhandeln, das heißt ja nicht, zu kapitulieren, sondern es heißt, Angebote zu unterbreiten und Kompromisse zu erarbeiten, und dass mit Russland Absprachen durchaus möglich sind, zeigen doch die Verhandlungen über die Getreideexporte… Müssten Sie, Herr Habeck, der Sie sich als „pragmatischen Idealisten“ bezeichnen, nicht weit über den regierungsamtlichen Bellizismus und die Endsieg-Phantasien in der Ukraine hinaus denken? Durch eine erhöhte Feuerkraft, Herr Habeck, werden Sie Russland wohl kaum dazu animieren, bei der Bekämpfung des Klimawandels und der Bewältigung der sozial-ökologischen Wende mitzumachen, und den weltweiten Rüstungswettlauf zu stoppen und die Abschaffung aller Atomwaffen zu erreichen, das werden Sie auf Ihre martialische Tour erst recht nicht schaffen. Bedenken Sie: Ihr Noske hat nicht nur seine Zukunft hinter sich – er hat auch nie eine gehabt…

9. Januar 23


Zeitenwende 22/23

Aus der Zeit gefallen – so kommt man sich vor, und als Teil einer vom Aussterben bedrohten Art, zumal zu hören ist, die Vogelscheuchen sterben auch aus, obwohl man das nicht recht glauben mag – zu viele begegnen einem noch in den Fußgängerzonen – aber auch schon früh morgens im Badezimmer, beim Zähneputzen, glotzen sie aus dem Spiegel… Mir stellt sich die Zeit in erster Linie als Gedächtnis-Müllhalde dar – eine Abfalldeponie im Hirn: Und nichts schützt mich davor, dass mir ganz plötzlich dort endgelagerte Fakten und Personen einfallen, zum Beispiel der SPD-Chef mit dem prae-emanzipatorischen Namen Ollenhauer. Oder die sensationelle Claudia Nolte, einst eine blütenweiße Rüschenbluse im Kabinett Kohl. Und der Pfarrer Hintze, der unter dem Namen Fliege im Marienhof wegen Mutter Beimer und ihrer roten Socken immer Heulkrämpfe bekam und in der Lindenstraße als Maschendrahtzaun endete – Sie erinnern sich? – der hatte eine Ausstrahlung wie ein vom Grill gefallenes Nitratwürstchen…Keine Ahnung, warum der mir jetzt einfällt… Das war jedenfalls zu einer Zeit, als ich noch davon überzeugt war, am Anfang schuf Gott Marika Rökk und Johannes Heesters. Das geschah zu der Zeit, da Heinrich Lübke Landpfleger in Peenemünde war.
Wie lange das alles her ist…
Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen. Sie stellt sich geometrisch als eine Gerade dar, verläuft also eindimensional. Sie hat eine unumkehrbare Richtung und kann weder wenden noch gewendet werden. Das weiß auch unsere Regierung: Die Zeit ist relativ, aber so relativ, dass sie nach rechts oder links, oben oder unten abbiegt, nun auch wieder nicht. Eine Zeitumkehr, zurück zu Hellebarde oder Pfeil + Bogen, geht gar nicht – man wäre schon froh, wenn man wenigstens den Puma ans Laufen kriegen würde… Deswegen versucht der dynamische Olaf, unser Kanzler und Einsteins Stellvertreter auf Erden, mit Hilfe der physikalischen Prinzipien der Thermodynamik die Richtung der Zeit als Zunahme der Entropie, d. h. der Unordnung in einem abgeschlossenen System, neu zu bestimmen, und so seine Theorie von der Zeitenwende ins Übersinnliche zu wenden.
Da dürfen wir auf eine Vertrauen weckende Formel gespannt sein…
Ich jedenfalls erwarte für den Frühling der frisch gewendeten Zeit, dass dann die Stromzähler rückwärts laufen, dass im Fernsehen alle Ziehungen der Lottozahlen seit 1965 wiederholt werden, dass sich die Eingangstüren aller Banken und Sparkassen öffnen und Safes und Schließfächer die Passanten zum Zugreifen einladen. Wär doch mal was Neues, passend zum Zeitgeist…
Keine Zweifel lässt die Regierung schon heute aufkommen, dass die Ökonomie, also auch unsere Volkswirtschaft, die Zeit als Wertgegenstand betrachtet – die Älteren erinnern sich gewiss noch an jene Epoche der Stechuhr, die vermutlich schon bald ihre Renaissance im Bereich Home-Office erleben wird… Zeit und Wirtschaft – da fällt mir ein:
Vor 20 Jahren, im Januar 2003, wurde das Pfand für Getränkedosen und Einwegflaschen mit Bier, Mineralwasser und kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken erhoben. Seitdem leiste ich mir jeden Tag ein Sechserpack. Die Sorte ist nicht so wichtig, Hauptsache, man kriegt zu jedem Bier eine Dose dazu, gratis. Ich bin zum leidenschaftlichen Dosensammler geworden und habe rund 37 800 Stück in meinem Keller. Demnächst bringe ich meine stetig wachsende Sammlung zur nächsten Annahmestelle, und die dann 38 000 Dosen verwandeln sich in 9500 € Bargeld. Saufen lohnt sich! Und je mehr man säuft, desto weniger macht es einem aus, sich an den Dosenpfandmissionar Trittin zu erinnern…
Was einem allerdings die Laune versaut: Auf der Suche nach der gewendeten Zeit stößt man unweigerlich auf die Lebensmittelpreise. An jedem Regal macht uns die Zeitenwende klar, dass bestimmte Beträge in kürzester Zeit immer in eine bestimmte Richtung – also in die Höhe – steigen. An der Fleischtheke kann man feixende Moslems beobachten – deren Prophet hat schon vor 1500 Jahren vom teuren Schweinebraten abgeraten, und die Hindus grinsen angesichts der Preise für Filetsteak und Kalbsgulasch.. Und wissen Sie, was ich aus sicherer Quelle erfahren habe? Im Tofu werden neuerdings auch Fischmehlbeimengungen verarbeitet. Die Zeit, ob gewendet oder nicht, ist aus den Fugen…
Balancierend auf der Schnittstelle von Vergangenheit und Zukunft hat der kühne Zeitgenosse Olaf sich eine Erkenntnis aus dem Wehrunterricht für die 9. und 10. Klasse in der DDR zunutze gemacht und daraus eine zeitlich angepasste Neujahrs-Botschaft formuliert, um weltweit Durchhaltewillen und Siegeszuversicht zu stärken:
Liebe Mitbürger*innen, die Kraft der Pulvergase eines Geschosses von 5 Kilogramm Masse, das ein zwei Meter langes Rohr mit einer Geschwindigkeit von 800mxs hoch minus 1 verlässt, ist nur selten während der gesamten Beschleunigungszeit konstant, so dass es nach meiner Einschätzung immer zur Unzeit einschlägt, was einer von Krieg betroffenen Zivilbevölkerung im Rahmen ihres Raum-Zeit-Kontinuums relativ wenig Chancen einräumt, den nächsten Bunker zu erreichen. Beeilt Euch also, wenn Ihr mit der neuen Zeit Schritt halten wollt. Und erinnert Euch, was Barry Ryan 1971 sang:
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Denn er wird niemals alt
Die Hölle wird nicht kalt
Zeit macht nur vor dem Teufel Halt
Heute ist schon beinah‘ morgen
Die Zeit, alle Zeit, Ewigkeit

30. Dezember 22


Überfüttert

Das ist das Schöne in dieser Jahreszeit: Die Sichtbarkeit der deutschen Innerlichkeit. Das Kachelofen-Feeling. Die Harmonie in der Familie. Wir haben unsere Freude an gierig leuchtenden Kinderaugen. Gemütlichkeit, ein urdeutsches Wort. Und Draußen:
Christus und der Einzelhandel, gemeinsam sind wir stark.
Immer, wenn ich an Weihnachten denke, weil mir nie weihnachtlicher zumute ist, als wenn es so richtig intensiv weihnachtet, also nicht nur an den Weihnachtstagen selbst, sondern quer durch die Vorweihnachtszeit während der ganzen Weihnachtszeit, in der sich die Weihnachtsfeiern überschlagen, und wo ich so einen Weihnachtsengel zu Hause habe, der den ganzen Tag Weihnachtsgedichte aufsagt und Weihnachtslieder singt und dabei aussieht wie eine fette Weihnachtsgans, die für mich als Weihnachtsüberraschung im Weihnachtszimmer ihre Weihnachtsglocken läutet und mich anflötet „Oh du lieber Weihnachtsmann – fröhliche Weihnachten“, was heißen soll, dass nur ein Weihnachts-Game- und Fun-Event ein echtes Power-Weihnachten ist, und es nun auch an der Zeit ist, die Weihnachtslichter auf dem Weihnachtsbaum mit dem Weihnachtsstern darauf anzuzünden und die in Weihnachtspapier gehüllten Weihnachtsgeschenke auszupacken, um zu überprüfen, ob sich die Weihnachtsvorbereitungen und die Weihnachtseinkäufe überhaupt gelohnt haben, damit sich zum Weihnachtsfest auch eine Weihnachtsfreude einstellt, die einem über den ganzen Weihnachtstrubel hinweghilft, obwohl sogar Weihnachtshasser, der Weihnachtstradition folgend, zugeben müssen, dass diese Weihnachtsbräuche viel Schönes haben, vor allem wegen des Weihnachtsgeldes, was ja ohne das Weihnachtsgeschäft überhaupt keinen Spaß machen würde, besonders den Herstellern von Weihnachtskarten, die man für die Weihnachtswünsche braucht, und den Verkäufern von Weihnachtsbraten oder Weihnachtsgebäck, die den Gläubigen, mal abgesehen von der Weihnachtsillumination in den Straßen, die Weihnachtsstimmung schenken, weil ohne festliches Weihnachtsessen die Weihnachtsgeschichte im Radio gar nicht stattfinden könnte, und auch das Weihnachtsmärchen wäre ohne Weihnachtskekse kein echtes Weihnachtsprogramm im Weihnachtsfernsehen, sondern anstrengend wie ein Weihnachtsoratorium, und man müsste dann ersatzweise den ganzen Weihnachtsabend Weihnachtstelefonate führen oder verspätete Weihnachtspäckchen packen oder einen Weihnachtsgottesdienst besuchen und während der Weihnachtsgebete goldene Weihnachtsnüsse knacken, vielleicht sogar eine Weihnachtsansprache anhören, was noch schlimmer ist, als im Weihnachtsverkehr steckenzubleiben, und das alles geschieht bei ganz miserablem Weihnachtswetter während der Weihnachtsferien, in denen Männer prinzipiell die Weihnachtsunterhosen und die Weihnachtskrawatte tragen, manche bei Gelegenheit sogar ein lamettageschmücktes Weihnachtskondom, sie strahlen Weihnachtsseligkeit aus, und sie benutzen das Weihnachtsklopapier, obwohl sie auf diese ganze Weihnachtsscheiße schimpfen und sie der Weihnachtsstress völlig fertig macht, vor allem, wenn ihnen bewusst wird, dass in dieser Zeit des Kirchenjahres in Deutschland etwa 200 Milliarden Weihnachts-Kalorien verzehrt werden, mit denen man in 2000 Einfamilienhäusern siebzehn Monate lang das Weihnachts-Badewasser heizen könnte – das beschert ihnen dann wirklich ein Gefühl wie Weihnachten.

20. Dezember 22


Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen im Nachhinein

Heute beschäftigen wir uns mal mit Großverbrechen, begangen in der Absicht, auf direkte oder indirekte Weise „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Laut UN-Konvention von 1948 ist solch ein Verbrechen ein Völkermord, ein Genozid. Nur Nazis, Geschichtsrevisionisten und verblendete Vollidioten werden bestreiten, dass der von Deutschen an den europäischen Juden begangene Holocaust der schwerstwiegende uns bekannte Völkermord in der Geschichte der Menschheit ist.
Aber da gibt’s ja noch mehr, weniger gravierend, aber schlimm genug.
Nachdem der Deutsche Bundestag vor einigen Jahren festgestellt hat, dass die Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 geplant und gezielt waren und somit nach der UN-Definition als Völkermord gelten, könnte das Hohe Haus ja nun auch andere, vergleichbare Taten als Völkermord definieren – beispielsweise die Blockade Leningrads durch die Nazi-Wehrmacht; dort war der Tod der Millionenbevölkerung durch Aushungern klar beabsichtigt. Oder die Niederschlagung des Warschauer Aufstands – auch hier ist die genozidale Absicht nicht zu leugnen. Und den Völkermord deutscher Kolonialtruppen an den südwestafrikanischen Völkern der Herero und Nama hat der Bundestag bislang auch noch nicht anerkannt. Das alles wäre ja eine schöne Aufgabe für unsere Volksvertreter*innen, wenn sie unbedingt einem Regime das Etikett „Völkermord“ an den Frack heften wollen. Warum machen sie das nicht? Ach so, das wird teuer: Derlei Beschlüsse ziehen Entschädigungsforderungen nach sich… Na gut – wie wär’s denn dann, die Kopfabhacker des IS des Völkermords zu beschuldigen? Diese Religionsfanatiker haben schließlich etwa zehntausend Jesiden ermordet. Oder das Militär in Myanmar? Die Überlebenden der von den Vereinten Nationen als „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ eingestuften Rohingya sind Zeugen für einen Völkermord… Und wenn’s denn unbedingt was Historisches sein soll: Warum werden nicht die Verbrechen der Europäer an den indigenen Völkern in ihren afrikanischen und amerikanischen Kolonialreichen thematisiert? Spanische Konquistadoren und portugiesische Eroberer taten sich mit monströsen Völkermorden hervor, Näheres kann man bei dem Jesuitenmissionar und Augenzeugen Las Casas nachlesen. Und auch die diversen Vernichtungskriege auf dem Gebiet der heutigen USA sind als Völkermorde zu definieren. Ein Beispiel von vielen: 1776 drohte der amerikanische Gründervater Thomas Jefferson den Irokesen mit vollständiger Auslöschung – er schrieb, falls sie die USA angreifen, „würden wir sie so lange mit einem Krieg verfolgen, so lange noch ein einziger von ihnen auf dem Angesicht der Erde weilt“. Und US-Oberbefehlshaber George Washington wies einen General an, „das Land soll nicht nur überrannt, sondern zerstört werden“. Die Soldaten ermordeten daraufhin gezielt indianische Zivilisten, und mit der Vernichtung aller Nahrungsvorräte, Nutztiere, Obstbaumplantagen, Gebrauchsgegenstände und Wohnhäuser verursachten der spätere US-Präsident sowie seine Offiziere die Auslöschung großer Teile des irokesischen Volkes – nach den Kriterien der UN-Genozidkonvention ein Völkermord. Der Deutsche Bundestag könnte also noch etliche Völkermord-Resolutionen beschließen, aber die Abgeordneten ergriffen Ende November 2022 die unsinnigste aller Möglichkeiten: Weil der ukrainische Präsident Selensky im Fernsehen regelmäßig und karlspreiswürdig eine Verurteilung Russlands wegen Völkermord verlangt, schmiedeten seine deutschen Follower in einer 45 Minuten – Hauruck-Debatte aus der Geschichte dringend benötigte Propaganda-Munition für den aktuellen Krieg: Das deutsche Parlament lieferte der Ukraine die Anerkennung der Hungersnot in der Ukraine von 1932 bis 1933 als Völkermord. In Stalins Sowjetunion gingen damals zwischen acht und neun Millionen Menschen am Hunger zugrunde – über 3,5 Millionen in der Ukraine, etwa drei Millionen in Russland, über 1,2 Millionen in Kasachstan. Der stalinistische Terror gegen „Kulaken und Volksfeinde“, der Millionen das Leben kostete, traf damals die Landbevölkerung auch in anderen Teilen der UdSSR, nicht nur in der Ukraine. Die Wortwahl „Holodomor“ für diese schreckliche Zeit ist beabsichtigt: Ehemalige ukrainische Nazikollaborateure, die sich nach 1945 trotz ihrer den Alliierten bekannten Nazivergangenheit über den Atlantik retten konnten, haben Ende der 1970er Jahre ihre Interpretation des „Holodomor“ entwickelt, als Antwort auf die US-Fernsehserie „Holocaust“. Damit wollten sie von Ihrer Verwicklung und Mitarbeit bei der Judenvernichtung in Osteuropa ablenken. Stepan Bandera, der heute in der Ukraine als Nationalheld verehrt wird, und seine faschistische OUN sind mitverantwortlich für die Ermordung von Juden, Polen und Russen. Die Dimension der Kollaboration belegt der Massenmord an den Kiewer Juden. Über Babyn Jar, einer Schlucht in der Nähe von Kiew, hing ein Transparent, auf dem in ukrainischer Sprache stand „Wir erfüllen den Willen des ukrainischen Volkes“. Dort erschossen 1941 zwei Bataillone ukrainischer Polizei, eine Militäreinheit der OUN sowie Einsatzgruppen des SD und der deutschen Wehrmacht 33.771 Menschen. Von den insgesamt 1500 Exekutoren waren 1200 Ukrainer und 300 Deutsche. Die Namensähnlichkeit Holodomor – Holocaust ist also kein Zufall. Man wollte durch die Unterstellung eines „sowjetischen Holocaust“ die Bedeutung des von Deutschland ins Werk gesetzten Völkermordes an den europäischen Juden relativieren, der „Holodomor“ wurde in die Welt gesetzt, um ukrainischen Kollaborateuren und Judenmördern Opferstatus zu verschaffen. Für die offizielle ukrainische Geschichtsschreibung stand von Anfang an fest, dass Stalin den Hunger bewusst eingesetzt hatte, um das ukrainische Volk auszurotten, was bei seriösen Historikern mittlerweile längst als widerlegt gilt, und sogar das Auswärtige Amt hatte noch 2019 davon abgeraten, den Hungerterror als Völkermord anzuerkennen. Aber nun, in der Petition von Ende November 2022, heißt es: „Aus heutiger Perspektive liegt eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe“. Der Bundestag tut so, als habe er die Kompetenz einer Historikerkommission. Hat er aber nicht. Es ist nur anmaßend, wenn die Volksvertreter*innen behaupten, Putins Überfall auf die Ukraine habe eine „heutige Perspektive“ geschaffen und so für sich in Anspruch nehmen, juristische und historische Genauigkeit seien nicht von Belang für sie…
Die deutschen Volksvertreter*innen sollten sich klar machen: Putin ist nicht Stalin, und Hitler ist er auch nicht. Der Historikerstreit wurde 1968/69 ausgefochten, die Thesen des reaktionären Historikers Ernst Nolte, die Nazi-Verbrechen als „Antwort auf bolschewistische Vernichtungsdrohungen“ darzustellen, sind dank Habermas gescheitert, und die Singularität des Holocaust steht fest. Die Bundestags-Resolution zum „Holodomor“ ist eine antisemitische Unverschämtheit. Aber offenbar ist so ziemlich alles erlaubt, was die antirussische Stimmung im Land anheizt. Nur ja keine Kriegsmüdigkeit aufkommen lassen! Es geht nicht darum, dass der Frieden gelingt, sondern darum, mit allen Mitteln den Krieg zu gewinnen. Dazu sagte Ex-Kanzlerin Merkel: ,,Das Grauen verschwindet mit den Zeitzeugen. Aber es verschwindet auch der Versöhnungsgeist.“ Den kennen die nachgeborenen Politiker*innen gar nicht – die kennen nur den Korpsgeist und vielleicht noch den Himbeergeist, sind aber ansonsten von allen guten Geistern verlassen…
Im vergangenen Oktober ist das deutsche Strafgesetzbuch um den Paragraphen 130b erweitert worden, der „das öffentliche Billigen, Leugnen oder gröbliche Verharmlosen von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen“ unter Strafe stellt. Sicherheitshalber möchte ich deshalb abschließend feststellen: Ja, Russland ist der Aggressor aus dem Reich des Bösen, und die Ukraine ist das Land der Helden. Und nein, Grenzverschiebungen mit Gewalt werden auch von mir nicht akzeptiert.

16. Dezember 22


Betrachten wir’s mal von der albernen Seite

Manchmal denke ich, es wäre nicht das Schlechteste, die Deutschen stürben aus. („Stürben“ – allein schon dieser Konjunktiv rechtfertigt ein Aussterben.)
Angenommen, das deutsche Volk erlebte einen Ausbruch kollektiver Intelligenz – ich weiß, damit ist nicht zu rechnen, aber mal angenommen, das deutsche Volk gelangte (oder gelönge?) zu der Einsicht, erfolg-reicher könne es nun nicht mehr werden, und es sei am deutschesten, auf dem Höhepunkt der Evolution zu verschwinden, tja, dann sind wir alsbald ausgestorben wie der alemannische Beutelwolf, der friesische Pfeifhase oder die gemeine westfälische Sackratte, und Europa würde erleben, was Wolfgang Neuss schon vor Jahrzehnten gefordert hat: Eine gemeinsame Grenze von Frankreich und Polen… Na und? Würde der Welt etwas fehlen, so ganz ohne Deutsche? Man kann Aussterben ja durchaus auch als Erlösung empfinden, Erlösung aus unserer Unfähigkeit, mit Energie, Gesundheit, Finanzen, Klima, Einwanderung, Bildung, Transgender, Cyberattacken und Sabotage unserer kritischen Infrastruktur rational und glückbringend umzugehen, während sich die Fußballnation Deutschland gleichzeitig von kickenden Vaterlandsverrätern demütigen lassen muss…
Was würde denn der Welt ohne Deutsche fehlen? Die modernen deutschen Denker natürlich – Kubicki, Til Schweiger, Guido Maria Kretschmer, Steffen Henssler und dergl., außerdem selbstverständlich auch die Expertinnen für gesellschaftliche Events, Barbara Schöneberger, Heidi Klum, Claudia Roth, sowie Barbara Schöneberger und vor allem Barbara Schöneberger. Darauf für immer zu verzichten – das wird hart. Und ja, es ist traurig, wenn wir dann weg sind. Wir wohnen hier in Deutschland seit fünf Millionen Jahren. Erst kamen die Urmenschen von Afrika nach Europa. Hunderte und Tausende. Die hatten zunächst nicht mal eine Sprache. Die imitierten Tierlaute. Aber dann bekam jeder Stamm den passenden Dialekt zugewiesen, und so entstanden die Hessen, die Bayern, die Schwaben … Nur die Sachsen blieben bei den Tierlauten.
Wir Deutschen breiteten uns nicht nur in unserem Land aus, sondern auch in anderen Ländern. Denn schnell entwickelten wir Interesse an anderen Kulturen. Wir haben immer sehr gern fremde Länder betreten. Meistens im Gleichschritt. Bei uns sind sie auch alle einmarschiert – die Römer, die Hunnen, die Mongolen. Dschingis Khan hat in einer einzigen Nacht bei uns 32 Kinder gezeugt. Ein Vorgang, den man beim FC Bayern heute noch als Weihnachtsfeier kennt.
Ach, wir hatten so vieles, was andere Völker bis heute nicht haben. Wir hatten Antworten auf die größten Fragen der Menschheit. Gut, die Chinesen wissen, wie man Menschen mit Akupunktur heilt, die Amerikaner wissen, wie man Menschen zum Mars fliegt. Aber wir waren das einzige Volk der Erde, das wusste, warum ein Apfel sieben Prozent Mehrwertsteuer hat und Apfelsaft 19 Prozent.
Und deshalb, Völker der Welt, schaut auf dieses Land: Schon bald wird der Wind über Wiesen und Felder pfeifen und uns Sahara-Sand in die Augen treiben. Der Regen wird Sedimente von den Bergen in die Ebenen schwemmen und alles bedecken. Schichten über Schichten werden sich auf Deutschland schichten, und wenn in tausend Jahren Archäologen in Pullundern und mit Fusselbärten deutsche Reste ausgraben – was werden sie dann finden? Uns! Skelette in Jogginganzügen, den Joghurtbecher noch in der knochigen Faust oder die Gasrechnung zwischen den Zähnen, dann die Gebeine von deutschen Radfahrern, die Speichen noch zwischen den bleichen Rippen, und schließlich auch die Reste unserer Intellektuellen, die immer so schwierige Fragen stellten. Im 18. Jahrhundert Kant: „Was ist Moral?“, im 19. Jahrhundert Schopenhauer: „Was ist die Welt an sich?“, im 20. Jahrhundert Richard David Precht „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ und in der Jetztzeit schließlich Günther Jauch: „Rufen Sie jemanden an, oder nehmen Sie den Publikums-Joker?
Man wird finden, was von unseren Revolutionären Marx und Engels übrig blieb: Die Asche von Olaf Scholz.
Und damit, lieber Rest der Welt, kommen wir zu dem Thema, das euch sicherlich am meisten interessiert: Was erbe ich, was fällt für mich ab? Beruhigt Euch, Ihr Lieben, alles Wesentliche ist bereits festgelegt: Den Kölner Dom bekommen die Holländer. Die werden in ein paar Jahren froh sein für alles, was noch aus dem Wasser rausragt. Die Deutsche Bahn AG geht an die Chinesen. Wir können nicht verhindern, dass die irgendwann den Westen erobern – aber mit der Bahn kommen sie wenigstens einige Stunde später als erwartet. Die deutschen Call-Center bekommen die Taliban. Wenn die erstmal in einer stillgelegten Warteschleife fest hängen, werden sie sich freudig unserem Konsumzwang ergeben. Unsere katholische Kirche vererben wir dem Iran. Da können die Mullahs sich mal überlegen, ob sie nicht ständig hinter den Falschen her waren. Unsere Universitäten erhalten die Koreaner. Die können sie bei sich als Grundschulen weiter betreiben. Unsere Behörden kriegen die Thailänder als buddhistische Tempel. Damit sie auch weiter Orte der Meditation bleiben. Die deutsche Gemütlichkeit geht an die Schweden. Die kennen sie schon als „Flatrate – Saufen“, und den deutschen Humor erbt die Antarktis. Dort richtet er am wenigsten Schaden an.
Unsere politischen Visionen der letzten 30 Jahre haben wir aufgeschrieben. Die gehen an alle Völker. Auf dem Küchentisch im Reichstag liegt eine leere Din-A-4-Seite: Die könnt Ihr kopieren.
Unser Testament hinterlegen wir dort, wo Deutschland am deutschesten ist: Im Kyffhäuser oder auf der Loreley, im Media Markt oder bei Saturn, und zwar in einem Aktendeckel. Darin für die Ewigkeit festgehalten unsere letzten Worte: „Gottseidank! Wir haben’s geschafft: Endlich Sicherheit und Stabilität!“ Und das ist dann der Schluss vom Ende.

7. Dezember 22


Özdemir macht ein Geschäft

In diesen Tagen ist eine ukrainische „Weizenspende“ nach Äthiopien unterwegs: 25 000 Tonnen Weizen. Damit könnten 1,6 Millionen Menschen einen ganzen Monat lang ernährt werden. Das Frachtschiff „Nord Vind“ mit der Getreidespende fährt von Odessa aus über das Schwarze Meer nach Istanbul, dort wird die Ladung inspiziert, und dann geht die Reise weiter nach Dschibuti. Dort wird das Getreide umgeladen und auf dem Landweg weitertransportiert.

Der grüne deutsche Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir finanziert den Schiffstransport mit rund 13,5 Millionen Euro, das heißt, er bezahlt, was die Ukraine spendet. Das ist nett und verdient Respekt. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) teilte mit, das von Deutschland zur Verfügung gestellte Geld decke sowohl die Kosten, um das Getreide von der Ukraine über Dschibuti nach Äthiopien zu bringen, als auch die, den Weizen an Hungernde zu verteilen.
Na, da wollen wir doch mal nachrechnen:

Der Weltmarktpreis für Weizen beträgt zur Zeit 320 € pro Tonne. Der Warenwert beläuft sich also auf (25 000 x 320) 8 Millionen €. Die Charterrate für ein Schiff, das 25 000 t Getreide transportiert, beträgt 12 000 € pro Tag.
Die Seereise von Odessa nach Äthiopien dauert etwa 15 Tage.
Das ergibt (12.000×15) Transportkosten von 180 000 €.
Warenwert und Transport kosten also rund 8.180.000 €.
Die Ukraine kassiert aber von Deutschland 13 500 000 €. Die Differenz ist offenbar auch eine Spende, und zwar eine besonders großzügige.

Natürlich ist das Geld den Not leidenden Menschen zu gönnen, aber man muss bezweifeln, dass es sie erreicht. Handelt es sich also um unumgängliche Schmiergeldzahlungen? Oder um illegale Transaktionen zur Sanierung des Agrarhaushalts? Um Subventionsbetrug oder eine private Initiative des Ministers zur Aufbesserung seiner Alterssicherung? Oder handelt es sich um eine verdeckte Finanzierung von Waffen aus dem Etat des deutschen Landwirtschaftsministeriums? Und wer stellt dann die (steuerlich interessante) Spendenbescheinigung aus? Fragen über Fragen… Aber: Die Politik darf keinen Schaden nehmen, der sich nicht rechnet!

19. Dezember 22


Toller Witz

Anton Hofreiter im Felde

Es geschah beim letzten Parteitag: Schreitet doch da der bedeutende grüne Staatsmann Anton Hofreiter, immer kenntlich an seinem fettigen, aber gepflegten Kopfbewuchs, an einem einfachen Parteimitglied vorbei. Dieser Grünling denkt sich, oha, das ist doch mein Wehrkraftoptimierer, der Panzerexperte und Haubitzenliebhaber, der vehemente Befürworter deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine und Unterstützer der Asowregimenter, dazu noch bester Kamerad des FDP-Schrapnells Agnes Strack-Zimmermann – oha, der ist ja gar nicht artgerecht angezogen, da kann man doch eigentlich einen Ghillie-Tarnanzug für Scharfschützen erwarten oder auch das Universal Camouflage Pattern. Aber nix da – der Hofreiter hat sich als durch und durch zivile Erscheinung verkleidet. Also sagt der Grünling freundlich: „Moin Toni, was ist denn mit dir los? Ich dachte, du läufst hier im Tarnanzug auf.“
Für einen schlecht gelaunten Militaristen ist eine solche Bemerkung Grund genug, das Standrecht anzuwenden: „Ich kann auch gleich mein Gewehr holen und dir die Birne wegschießen“, bellte Kommandant Hofreiter, woraufhin die Umstehenden erblassten oder in Deckung gingen.
Ich denke, um Verständnis für die Gewaltphantasie dieses grünen Spitzenpolitikers aufzubringen, muss man sich seine Initialen betrachten.

Angeregt von Detlef zum Winkel und
https://extradienst.net/2022/11/17/muss-man-simon-lissner-erschiessen/

18. November 22


Blabla an die Nation

Sehr geehrter Herr Frank-Walter Steinmeier,

Sie waren einer der Erfinder der „Agenda 2010“, Sie verhandelten in Kiew mit den Maidan-Faschisten, und Sie unternahmen nichts gegen die Folter von Murat Kurnaz in den US-Käfigen von Guantanamo. Das und Ihre SPD-Mitgliedschaft qualifizierten Sie für das höchste deutsche Staatsamt.
Ihre Reden, Herr Steinmeier, liefern auch in Krisen-Zeiten den Beweis: Die Kontinuität ist gesichert, und die Negativauslese des deutschen Establishments funktioniert nach wie vor tadellos. Bestimmt wird schon bald eine Fernsehpflaume in einem Quiz die Frage stellen: Wie hieß nochmal der deutsche Bundespräsident, der auch im Sommer immer aussah wie ein eingeschneiter Uhu auf dem Scheunendach…? Und irgendjemand wird sich dann erinnern und erklären, „das war doch der, der mit bloßem Auge einen europäischen Epochenbruch diagnostiziert hat, was sowas Ähnliches ist wie ein Leistenbruch der Geschichte“, und gewiss hat dann auch jemand den Hinweis parat, dass die von Herrn Scholz festgestellte „Zeitenwende“ noch viel gravierender ist, weil damit die Astrophysik endlich der Richtlinienkompetenz des deutschen Bundeskanzlers unterworfen wurde.
Selbstverständlich haben Sie keine ihrer „wichtigen“ Reden selbst geschrieben, Sie sagen diese Reden nur auf, was schlimm genug ist, denn die Manuskripte, die sich Ihre Redenschreiber so zusammensalbadern – weitschweifig, salbungsvoll, langatmig gedrechselt, auch großsprecherisch, feierlich-verheißungsvoll, stets um ein gepflegtes Vokabular bemüht, in das sich abgelatschte Floskeln und trübe Allgemeinplätze leicht einbauen lassen – die könnten auch in jeder psychiatrischen Anstalt als Sedativum Verwendung finden. Beispiele? Gern! Hier Perlen präsidialer Formulierungskunst im Steinmeier-Original-Ton, aus keinerlei Zusammenhang brutal herausgerissen:
„Wagen wir doch ruhig öfter einmal den Blick über den eigenen Tellerrand und die eigene Wirklichkeit hinweg!“ oder „Das Wesentliche wird wieder wichtig, und es verdient unsere ganze Kraft“. Und „Politik kann keine Wunder vollbringen“, oder „Wir leben nicht in einer idealen Welt“. Und so weiter ad infinitum. „Ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“ – so hat schon der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther (13,1) Ihre Rede an die Nation vom 28. Oktober 2022 abgewatscht.
Ich will nun nicht alle Belanglosigkeiten, Ungereimtheiten und fragwürdigen Behauptungen in Ihrer Rede an den Pranger stellen – mir reichte schon Ihre Erkenntnis „Die Jahre vor dem 24. Februar waren für Deutschland eine Epoche mit Rückenwind“. Dieser Rückenwind blies ja wohl nach der friedlichen Eingemeindung der DDR aus dem Osten. Nun aber, sagen Sie, „beginnt für Deutschland eine Epoche im Gegenwind“. Und der bläst offenbar auch aus dem Osten. Bedeutet dieser von Ihnen angerichtete meteorologische Metaphernsalat, dass wir Deutsche uns um 180 Grad gedreht haben? Oder wollten Sie uns mitteilen, dass in dem von Ihnen wahrgenommenen Epochenbruch der kleine Mann den Wind immer von vorne kriegt, so dass ihm die Epochenbruchstücke um die Ohren fliegen? Egal – wir wissen längst, politische Redner neigen dazu, ihre durch einen Mangel an Intelligenz verursachten desaströsen rhetorischen Höchstleistungen auszugleichen durch eine mittels Selbstgefälligkeit abgefederte Meinungsstärke…
Ihre subjektive Sicht auf die Ursachen des Ukraine-Krieges und Ihre Anstrengung, Russophobia zu verbreiten, Ihre gelegentlich aufblitzende militaristische Gesinnung und Ihren unsozialen und historisch längst erledigten Vorschlag, nochmal eine Art Reichsarbeitsdienst zu installieren, will ich hier nicht näher beleuchten – so wie Sie denkt man bekanntlich überall im kapitalistisch ausgerichteten Bürgertum.
Aber Ihre Art, Schuld zuzuweisen, Betroffenheit zu verbreiten und Opferbreitschaft bei Ihren Landsleuten anzuheizen – das verrät eine gewisse Könnerschaft. Sie sagten:
„Jeder Mensch in unserem Land, der am 24. Februar aufwachte und die Bilder sah von Raketeneinschlägen in Kiew, von Panzerkolonnen auf ukrainischen Straßen, von der russischen Invasion auf breitester Front – jeder, der mit diesen Bildern erwachte, wusste: An diesem Morgen war die Welt eine andere geworden. Für niemanden ist der Schrecken dieses Morgens so entsetzlich wie für die Menschen in der Ukraine selbst. Mit einigen von ihnen saß ich am Dienstag in Korjukiwka, einer kleinen Stadt nahe der weißrussischen Grenze, zusammen in einem Luftschutzkeller. Diese Menschen erzählten mir ihre Geschichten, sie erzählten mir, wie dieser 24. Februar, wie der Schrecken des Krieges in ihr ganz normales Leben brach: der ungeheure Lärm der Einschläge, der Rauch, das Feuer, ihre jähe, pure Angst – diese Frauen und Männer zitterten, als sie mir davon berichteten“. Eindrucksvoll!
Aber hat der damalige Chef des Kanzleramtes und BND-Oberbefehlshaber, Frank-Walter Steinmeier, sich zum Beispiel auch mit serbischen Menschen in deren Bunkern unterhalten, als 1999 die Nato 70 Tage lang Belgrad bombardierte? Nein, hat er nicht. Oder hat er mal erwogen, den von der Türkei immer wieder bombardierten und massakrierten kurdischen Menschen mal ein paar Haubitzen und Flugabwehr-Gerätschaften zu ihrer Selbstverteidigung zu überlassen? Nein, hat er auch nicht.
Die Welt, Herr Bundespräsident, ist am 24. Februar keine andere geworden – vielmehr sind die Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen, recht ähnlich denen, die uns von den USA und ihren Verbündeten seit dem Korea- und dem Vietnamkrieg aus zahlreichen Ländern der Erde in unsere Wohnzimmer geliefert wurden. Aber erinnern Sie sich? Wer sich darüber empörte, betrieb linksradikale Propaganda und stand ganz schnell nicht mehr auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes…
Damit kommen wir zu der von Ihnen, Herr Staatsoberhaupt, eindringlich beschworenen Haltung.
Sie verkündeten: „Was wir brauchen, ist Widerstandsgeist und Widerstandskraft!“ Und: „Wir brauchen aktive, ja widerstandskräftige Bürgerinnen und Bürger“. Und: „Auch unsere Demokratie gehört zur kritischen Infrastruktur. Und sie steht unter Druck! Sie schützen können nur wir selbst. Das verlangt von uns Demokraten mehr als Bekenntnisse. Es verlangt Engagement und – auch hier wieder – Widerstandskraft und Widerstandsgeist“. Und: „Widerstandskräftige Bürger treten ein für ihre Meinungen und äußern ihre Sorgen – aber sie lassen sich nicht vereinnahmen von denen, die unsere Demokratie attackieren“.
Da haben Sie völlig recht, Herr Steinmeier!
Allerdings – wie Widerstand in unserem Land ganz oben, also auf Ihrer Etage, ankommt – das haben wir seit dem Ende des zweiten Weltkriegs immer wieder gründlich studieren können: Vor dem Bruch der letzten Epoche gab es Widerstand gegen Remilitarisierung und die Gründung einer bundesdeutschen Wehrmacht, Widerstand gegen das KPD-Verbot, Widerstand gegen Berufsverbote und Notstandsgesetze, Widerstand gegen Bildungsnotstand, gegen alte Nazis in Amt und Würden, gegen einen rechtslastigen Verfassungsschutz, gegen Sympathisantenhetze durch BKA und Medien, es gab Widerstand gegen Nachrüstung und Atomkraft, Widerstand gegen staatlich praktizierte Ausländerfeindlichkeit und nächtliche Abschiebungen, es gab den Widerstand der Hausbesetzer gegen die Wohnungspolitik, es gab Widerstand gegen Hartz IV und Lohndrückerei, Widerstand gegen sinnlose Gipfel-Shows, Widerstand gegen Massentierhaltung, Widerstand gegen Klimapolitik. Fällt Ihnen noch was ein, Herr Steinmeier? Richtig: Es gab Widerstand gegen die Privatisierung von Wasser, Energie und Gesundheitswesen. Ein Mangel an Widerstand in diesem Land war nicht festzustellen und ist auch in Zukunft nicht zu erwarten.
Das Problem ist nur: Sie selbst, Herr Feiertagsredner, sind als Widerstandskämpfer ziemlich unbrauchbar, und auch als Spiritus rector sind Sie ein Ausfall – denn allzu durchsichtig ist Ihre Argumentation: „Wir müssen in den nächsten Jahren Einschränkungen hinnehmen. Das spüren die meisten längst. Jeder muss beitragen, wo er kann. Diese Krise verlangt, dass wir wieder lernen, uns zu bescheiden“. Das heißt doch wohl auf Hochdeutsch: Liebe Landsleute, ihr müsst Energie sparen und Einkommenseinbußen hinnehmen für mehr Rüstung, und daran hat nur der Russe Schuld…
Sie, Herr Präsident, instrumentalisieren das Unglück der Menschen in der Ukraine, um angesichts der wirtschaftlichen Talfahrt das Wohlverhalten der deutschen Bevölkerung anzumahnen. Doch zum Glück servieren sie dem Volk auch phantastische Zukunftsaussichten: „Unser Staat lässt Sie auch in dieser Zeit nicht allein! Er setzt seine Kraft ein, um denen zu helfen, die es allein nicht schaffen“. Unseren Staat und seine entscheidenden Repräsentanten kennen wir nur zu gut – sie heißen Söder, Lindner, Habeck, Baerbock, Merz, Scholz und ach du meine Güte. Vielleicht wäre es doch besser, er ließe uns allein…
Und schließlich, Herr Steinmeier, ködern Sie uns mit dem Versprechen: „Wir machen Deutschland zu einer neuen Industrienation – technologisch führend, klimaverantwortlich, in der Mitte Europas… mit mehr und neuen internationalen Partnern“. Mehr und neue? Das wird spannend! Freuen wir uns also auf enge Beziehungen zu Kasachstan, Aserbaidschan und Qatar – danke, Steinmeier!

10. November 22


Zurück auf die Bäume, ihr Affen!

Immanuel Kant erwartete vom Ausbau internationaler Handelsbeziehungen eine Eindämmung kriegerischer Konflikte. Er schrieb: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt.“ Wer will, kann das so sehen.
Die diversen Regierungen der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten waren davon überzeugt, der Staat könne seine Aufgaben nur im Zusammenwirken mit anderen Staaten optimal erfüllen. Eine Politik der Autarkie kam auch deswegen nicht in Frage, weil die nationalen Interessen in der Wirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielten: Nicht der Staat, sondern Konzerne bestimmten über Verlagerungen von Produktionsstätten ins Ausland, Firmenverkäufe oder Penetrationsstrategien. In der globalen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre ging es nicht um einen Konsens, sondern um Profitinteressen, Gewinnsteigerung und Kapitalmaximierung – wie Karl Marx es schon analysiert hatte: Kapitalistische Länder können niemals autark sein, da der Kapitalismus immer auf Expansion angewiesen ist, und deshalb sei „in einer internationalen Produktionsweise jeder Gedanke an das längerfristige Überleben einer autarken Wirtschaftsorganisation ein Hirngespinst“.
Jein… Nehmen wir mal einen anderen Propheten:
Johann Gottlieb Fichte, Vertreter des deutschen Idealismus, predigte den autarken Nationalstaat, also wirtschaftliche und politische Autarkie. Er stand auf dem Standpunkt, die wahre Ursache von Kriegen liege im streitenden Handelsinteresse der Nationen. Dadurch entstehe ein endloser Krieg aller gegen alle, als Krieg zwischen Käufern und Verkäufern, und dieser Krieg werde heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefährlicher, je mehr die Welt sich bevölkere. Die Produktion und der technische Fortschritt] würden immer weiter steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge, was wiederum menschlichen Bedürfnisse vervielfältige. Fichte hat weltweit drei prominente und relativ erfolgreiche Verfechter seiner Theorie: Den russischen, den chinesischen und den nordamerikanischen Präsidenten. Ihre Staaten sind groß genug, die Autarkie auch durchzusetzen. Alle anderen Regierungschefs strampeln mehr oder minder verzweifelt für ein bisschen mehr Unabhängigkeit.
Auch unsere deutsche Heimat erzittert unter der Furcht, versklavt zu werden und strampelt ganz gewaltig, um die Ketten der Abhängigkeit zu zerreißen.  Das muss man sich mal vorstellen: Bis August 2022 zahlte Deutschland für Lieferungen aus Russland bereits rund 28,4 Milliarden Euro… Was musste unser Land darunter leiden, russischer Energie ausgeliefert zu sein – Gas und Öl aus Russland waren zwar relativ günstig, aber nie und nimmer hätten wir uns davon abhängig machen dürfen! Auch die Abhängigkeit von Rohstoffen für den Bau erlesener Automobile oder von Pharmaprodukten, von Kaviar und Pelzmützen, war auf Dauer nicht hinnehmbar. Schluss damit!
Lieber unabhängig gegen Putin frieren, als abhängig im Warmen überwintern!
Und wenn die Chinesen, von denen schon jeder einzelne aufs engste mit der deutschen Wirtschaft verflochten ist, jetzt auch noch ihre gierigen Finger nach einem wenn auch nur kleinen Teil des Hamburger Hafens ausstrecken, obwohl ihnen doch schon große Teile Duisburgs gehören, ist es durchaus angebracht, dass unsere bellizistischen Geostrategen Anton Hofreiter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihr gellendes Katastrophengeschrei erheben!
Deutschland sollte nur eine Abhängigkeit kennen, und zwar die Abhängigkeit vom Wohlwollen der USA.
Alle anderen Abhängigkeiten – von englischer bitter orange Marmelade, französischen Filmen, italienischer Mode, spanischen Stränden, polnischen Handwerkern, griechischem Wein, skandinavischen Krimis, japanischem Sushi und allem, was uns sonst noch so überfremdet und unsere Identität bedroht, werden eliminiert. Deutschlands Ziel ist die absolute Unabhängigkeit:
Vom Wetter – wir schaffen ein eigenes deutsches Klima,
von weltweiten Ernten – wir brauchen keine Nahrungsmittel, sondern Energiepflanzen,
von internationaler Küche – deutscher Schweinebauch ist Delikatesse genug,
von Rohstoffen aus aller Welt – deutsche Mobil-Telefone zum Aufziehen tun es auch,
von Apple + Microsoft – Computer mit Windradantrieb reichen völlig,
vom Export – „made in Germany“ kommt nur noch deutschen Verbrauchern zugute,
vom Internet – Informationen erfolgen durch Ausruf von Herolden und Aushang am Rathaus,
vom € – ein Heller und ein Batzen sind unsere traditionellen Zahlungsmittel,
von Kinderarbeit – ihre Billigklamotten können deutsche Kinder auch selbst herstellen,
von Kaffee und schwarzem Tee – Muckefuck ist sowieso gesünder,
vom Alkohol und anderen Drogen – wir wollen die Dinge doch nüchtern betrachten:
Wir müssen die Globalisierung, in die wir verwickelt sind, konsequent abwickeln, alle globalen Beziehungen, Verträge und Verpflichtungen auf Zero zurücksetzen. Moderne Patrioten wissen: Anders werden wir unsere Autarkie nicht erreichen.

24. Oktober 22


Staatsmänninnen

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff „Nibelungentreue“ als signifikantes Merkmal in unser Nationalbewusstsein eingraviert, weil man die unverbrüchliche Treue der Burgunderkönige zu Siegfrieds Mörder Hagen von Tronje damals für eine wertvolle deutsche Charaktereigenschaft hielt. Heute verstehen wir unter Nibelungentreue eher eine atavistische, bedingungslose, idiotische und potenziell verhängnisvolle Bündnistreue. Führende deutsche Politikerinnen haben das wohl nicht mitgekriegt. Sie halten die von ihnen praktizierte Nibelungentreue zur Nato für eine friedenssichernde Kraft, obwohl das Gegenteil in den vergangenen Jahrzehnten oft genug bewiesen wurde.
Für diese treuen deutschen Politikerinnen steht fest, dass Deutschland sicherheitshalber zu einer antirussischen Einheit zusammengeschweißt werden muss. Entsprechend gestalten sie ihr Denken, Reden und Handeln – sie kennen ja den „Russen an sich“, den primitiven Plünderer, den blutrünstigen Totschläger, und sie haben von ihrer Oma gehört, wie es war, mit Adolf im Herzen vom Iwan vergewaltigt zu werden.
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, das sogenannte Panzer-Mariechen Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, ist die Vorkämpferin gegen die Untermenschen aus Moskau und Umgebung ist. Die aggressive Amazone will die Bundeswehr neu ausrichten, die Soldaten sollen zum Feindbild Russland eine konfrontative Stellung einnehmen: „Sie brauchen ein Bild eines möglichen Feindes, der unsere Freiheit und Demokratie beseitigen will. Und das sehen wir jetzt gerade. Jetzt wissen wir, wie ein Feind aussehen könnte, in diesem Fall aussieht….“
Über dreißig Jahre herrschte gute Nachbarschaft zwischen Deutschland und Russland, im Jahre 2001 hielt Putin eine umjubelte Rede im Bundestag, und die Ära der Politikerin Merkel war geprägt von Handel und Wandel. Wem, zum Teufel, bot diese Zeit eigentlich einen Anreiz, den Status zum Schlechteren zu verändern? Musste die Nato sich immer weiter nach Osten ausdehnen und Russland mit Angriffswaffen einkreisen, musste das Regime in Kiew den hauptsächlich russisch besiedelten Osten der Ukraine seit 2014 immer wieder beschießen, musste sich Putin unbedingt provozieren lassen und einen Krieg anfangen? Offenbar ja: Die Diplomatie wurde erschossen und beerdigt.
Alles, was seit dem Ende des 2. Weltkrieges hochgehalten wurde – „Ohne Mich – Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen – Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin – Schwerter zu Pflugscharen -haben deutsche Politikerinnen abgehakt: Heute ist Krieg, und keine will daran unbeteiligt sein. Sie liefern der Ukraine Waffen und Geld für diesen Krieg, aber eine Krieg-führende Partei sind sie angeblich nicht, weil die Ukraine nicht in der Nato ist.
Die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hat die Produktion neuer Panzerhaubitzen für die Ukraine in Aussicht gestellt, andererseits behauptet sie: „Es ist ganz klar – sowohl für die deutsche Bundesregierung als auch für die gesamte Nato: Wir werden keine Kriegspartei“. Ich nenne das ein übles Lügenkonstrukt, aber die Politikerinnen nennen es Völkerrecht. Verlangen Völkerrecht und Nibelungentreue tatsächlich eine Waffenbrüderschaft mit der Ukraine? Stärkste Kraft dort sind die Kämpfer des Asow-Regiments in der Nationalgarde und etliche andere militärische Verbände, die sich der Leitidee der SS „Meine Ehre heißt Treue“ verpflichtet fühlen. Hilf Himmel, wenn dieses Gesindel siegt, an die Regierung kommt und sich in der EU breit macht…
Innenministerin Nancy Faeser ließ sich immerhin schon mal neben der Leiterin des Stadtrats von Irpin fotografieren, und die trägt auf ihrem T-Shirt ein kreisrundes Logo, in dem sich sich das Abbild eines Sturmgewehrs befindet, darum herum der Schriftzug „Black Rifles Matter“. Diese ultrarechte Symbolik verhöhnt die Bewegung „Black Lives Matter“ und signalisiert Gewaltbereitschaft.
Mecklenburgs Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, zuerst Förderin der sogenannten Klimastiftung, die mit Mitteln von Gazprom finanziert wurde und den Zweck verfolgte, die Gaspipeline Nord Stream 2 in Betrieb zu setzen, ist zügig umgekippt und kappte alle Drähte zu Russland. Den Verein „Deutsch-Russische Partnerschaft“ hat sie „gebeten“, seine Arbeit ruhen zu lassen. So wichtig war das dann wohl doch nicht mit der Völkerverständigung.
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey sagte, der russische Angriff auf die Ukraine müsse rechtliche Konsequenzen haben und „der völkerrechtswidrige Krieg gegen die Ukraine darf nicht ungestraft bleiben“. Alle Russen ins Straflager?
Die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang entwickelte eine neue grüne Logik: „Wer Frieden will, muss Waffen liefern“. Wer keine Waffen liefert, ist für den Krieg?
Außenministerin Annalena Baerbock, die jedesmal, wenn sie den Mund aufmacht, eine Bildungslücke in die Welt setzt, will weitere Milliarden € in die Ukraine pumpen, und sie sagte, man müsse den Russen die Beine wegschlagen, sodass sie „Jahrzehnte“ nicht mehr „auf die Beine“ kämen, womit sie zweifellos die russische Bevölkerung animiert, sich hinter ihren Präsidenten zu stellen. In einem Interview erklärte sie: „Unsere Waffenlieferungen helfen offensichtlich sehr deutlich, Menschenleben zu retten“. Da fällt einem doch gleich die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright ein, die 1996 freimütig bekannte, die durch das US-Sanktionsregime im Irak zu Tode gekommenen 500.000 Kinder seien „es wert“ gewesen… Bundesaußenministerin Baerbock ist klar: „Die Ukraine verteidigt auch unsere Freiheit, unsere Friedensordnung und wir unterstützen sie finanziell und militärisch – und zwar so lange es nötig ist. Punkt.“ Wurde unsere Freiheit nicht bis vor kurzem noch am Hindukusch verteidigt? Vermutlich ist die Ukraine das neue Afghanistan… Für die deutsche Außenministerin gilt – „no matter what my German voters think“ – Ukraine First!
Und auch die deutsche Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula v.d.Leyen will, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Deswegen schlägt sie pro Woche mindestens ein neues EU-Sanktionspaket gegen Russland vor – was uns an längst überholte Erziehungsmaßnahmen denken lässt: „Stell dich in die Ecke – Strafarbeit – Nachsitzen – Taschengeldkürzung – Fernsehverbot – Stubenarrest – ohne Abendbrot ins Bett“. Heute nennt man derartigen Quatsch „Sanktionen“. Um diese Sanktionen abzufedern, unterzeichnete die Scharfmacherin in Aserbaidschan eine Absichtserklärung, wonach innerhalb von fünf Jahren doppelt so viel Gas im Jahr geliefert werden soll wie bisher, obwohl Aserbaidschans Regime, das vor gar nicht langer Zeit einen Krieg mit seinem Nachbarland Armenien ausgefochten hat, zu den unfreiesten, korruptesten und autoritärsten auf der Welt gehört.
Leider sind die deutschen Politikerinnen international keineswegs isoliert –
die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin, die lustige Partymaus, verwehrt Russen die Einreise nach Finnland, und die Ministerpräsidentin Estlands, Kaja Kallas sagte: „Als Tourist nach Europa zu reisen, ist kein Menschenrecht, sondern ein Privileg.“ Na bravo – mit dieser Einstellung feierte schon die DDR-Führung große Erfolge.
Und schließlich Liz Truss, die britische Premierministerin: Sie unterstützt Briten, die als Söldner zum Kämpfen in die Ukraine wollen…
Tja, seit Maggie Thatcher glauben Politikerinnen, sie könnten sich alles erlauben.
Für kontemplativ veranlagte Menschen gilt: Diese nibelungentreuen Politikerinnen sind lediglich Medienaktionistinnen. Verlässt man das Netz, schaltet Fernsehen und Radio aus und liest keine Zeitung, verschwinden sie im OFF.

5. Oktober 22


Zukunftsgestaltung

Planungssicherheit ist die neue Perspektivlosigkeit.
Voraussetzung für Planungssicherheit ist Prognosengewissheit.
Prognosengewissheit beruht auf Prophezeiung mit Garantie.
Prophezeiung mit Garantie gibt Planungssicherheit.
Habeck ist gelebte Perspektivlosigkeit.

5. Oktober 22


NACH DEM ENDE KOMMT DER AUFSCHWUNG

So viele Pakete, wie nötig wären, um Deutschland aus seinem Jammertal zu erlösen, kann kein Mensch schnüren: Die Inflation frisst uns auf, Gas, Strom und Wasser werden abgestellt, ÖPNV-Tickets zwingen zum Schwarzfahren, DB-Verspätungen werden auch immer teurer, Flughäfen befinden sich kurz vor der Schließung, Kindergeld gibt’s für alle statt einer angemessenen Besteuerung der Reichen , immer mehr kulturelle Appropriationen (Winnetou ist kein deutsches FDP-Mitglied!) kommen ans Tageslicht, im NDR und beim RBB herrscht ein ganz mieses Betriebsklima , überhaupt das Klima, insgesamt, ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten, Atomkraftwerke gelten mittlerweile wieder als Friedensinitiative der Stromindustrie, Krankwerden ist ein Luxus, den sich auch Privatversicherte nicht mehr leisten können (ich bin vier Mal gegen Covid 19 geimpft und trotzdem kein Mal krank gewesen!), ganze Städte sind wegen Leerstand auf dem Wohnungsmarkt entvölkert, die ersten wohnungslosen Unternehmer sind wegen des allgegenwärtigen Personalmangels schon verhungert, jetzt sollen die seit 2015 zu uns Geflüchteten, also die mit dem Migrationshintergrund, vom deutschen Staat auch noch genauso großzügig versorgt werden wie die geflohenen Ukrainer*innen, junge Leute wollen nichts mehr lernen, weil sie sowieso Influencer und echt reich werden, und zu allem Überfluss erklären wir ja wohl demnächst Russland zusätzlich zum Wirtschaftskrieg auch noch den richtigen Krieg, also total barbarossamäßig…


Aber das sind noch lange nicht unsere einzigen Probleme – wir müssen auch leben mit den Kriegen in der Ukraine, im Jemen, in Syrien, in Libyen, in Äthiopien, in Mali, dazu kommt der Krieg der Türken gegen die Kurden, der Krieg der iranischen Pfaffen gegen die eigene Bevölkerung, dann die Taliban, die uns alle am liebsten steinigen würden, und schließlich die enorme Belastung, die aus Afrika über das Mittelmeer Geflüchteten von Europas Grenzen fernzuhalten…

Das ist doch alles eine Riesenscheiße! Ich weiß gar nicht, wie das in Zukunft werden soll… Und unsere Regierung? Das ist ein hochqualifiziertes Quartett, bestehend aus einem Geisteswissenschaftler, der den sozialdemokratischen Bluthund Noske verehrt, dann einem Follower der Plutokratie mit Rennlizenz sowie einer intellektuell arg eingeschränkten Trampolinhopserin (wahrscheinlich ein paar Mal zu oft an die Decke geknallt), und dem legendären Veranstalter eines Krisen-Gipfels, den er als Hafengeburtstag und ein „Fest der Demokratie“ ausgab, einem Mann, der zur Absicherung seiner Psychostruktur in seiner Aktentasche einen Zettel mit sich herumträgt, den er sich regelmäßig bei Bedarf ansieht. Darauf steht geschrieben: Ich bin Kanzler! Damit er das (nach seinen Cum-ex-Erfahrungen) nicht auch noch vergisst…

Diese großen 4, die schaffen das: Damit wir nicht wieder solche Hungerzeiten wie 1946/47 erleben, bietet die Bundesregierung zusammen mit den Bundesländern und lokalen Engagierten vom 29.Sept. bis zum 6. Okt. eine Aktionswoche an, in der Ideen gebündelt werden. Alle sind aufgerufen, hierbei mitzumachen. Also: Deutschland rettet jetzt eine Woche lang Lebensmittel – danach dürfen wir dann wieder jährlich etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll schmeißen. Kämpfen Sie für die globale Ernährungssicherung, stemmen Sie sich gegen die Verschwendung, haben Sie Ideen entlang der gesamten Versorgungskette mit Lebensmitteln! Und: Gehen Sie nicht achtlos an Lidl vorbei! Lidl bietet im Rahmen des ganzheitlichen „Rette mich“-Konzepts die Rettertüte an: Mit der Tüte wird äußerlich weniger perfekten, aber verzehrfähigen Obst- und Gemüseprodukten zum rabattierten Einheitspreis von drei Euro pro Tüte eine zweite Chance gegeben. Denn was auf des Filial-Leiters Tisch nicht mehr appetitlich genug aussieht, kann unter den Brücken immer noch ganz gut schmecken. Mahlzeit.

30. September 22


tot! na und?

Sie war bestimmt nett und eine interessante alte Dame, auch vorbildlich selbstbestimmt: Sie hatte schon vor mehreren Jahrzehnten verfügt, wo ihre Hunde platziert werden sollten und wo ihr Lieblingspony zu stehen hatte, wenn sie eines Tages, in einem mit Blei ausgeschlagenen Eichensarg liegend, in einer Spezial-Limousine in ihre Familiengruft einfahren würde. Sie hieß Elisabeth und war eine adlige Ur-Oma, die in ihrem langen Leben hart gearbeitet hatte: Ständig musste sie neue Hüte aufprobieren, Millionen Hände musste sie schütteln und stets höflich lächeln, wenn ihr irgendwelche belanglosen Leute abgenudelte Floskeln und den Mundgeruch der niedrigen Geburt ins Gesicht bliesen.. „Arbeit adelt“ hatte ja schon Friedrich Engels behauptet, und die Umkehrung „Adel arbeitet“ ist eben auch richtig. Und so erwarb sich Elisabeth außerordentlichen Reichtum – sie besaß mehrere Schlösser, ausgedehnte Ländereien und auch einen Dudelsackspieler zur ihrer persönlichen Verfügung. Ihr Beruf war Queen, aber sie war eigentlich ein ganz normaler Mensch aus Sachsen-Coburg-Gotha, also eigentlich eine Deutsche aus den neuen Ländern. Und nun war sie entschlafen und wurde von ihren zahlreichen Verwandten und Bekannten in traditioneller Form, also viktorianisch, entsorgt.
An dieser Stelle möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, dass wir kein republikanisch-demokratisches Fernsehen haben, sondern ein durch und durch monarchistisch gesonnenes, das nach Kräften auf den feudalen Putz haut und jede Chance nutzt, in vollem Ernst die Nachgeburten des Absolutismus zu hofieren. Nicht, dass wir uns missverstehen:
Ich verehre jede blaublütige Personifizierung eines kreisrunden Stammbaums, die Angehörigen eines jeden Herrschergeschlechts und ihre Hofschranzen, Edelmänner und Edelfräuleins allesamt, ich liebe das Defilee der Orden-behangenen Greise mit dem Empire im Herzschrittmacher, ich beuge untertänigst die Knie, wenn mir jemand mit belegter Stimme zuraunt, „das ist Graf Koks von Socken, tausend Morgen Wind hinterm Hof, und hier sehen wir den Cousin 4. Grades von Ernst-August, Nr. 18 in der englischen Thronfolge: Wilhelm-Alexander Fürst-im Eimer zu Grottenolm“. Ich liebe auch die Operetten-Soldaten mit ihren pelzigen Kaffeewärmen auf den Köpfen und ihren Holzgewehren unterm Arm, von einem Fuß auf den anderen schunkelnd, und ja, ich gebe es zu: schon von Kindesbeinen an liebte ich besonders den demütigen und unterwürfigen Tonfall der Adels-Experten und besonders der Adels-Expertinnen, wenn sie mir die näheren Umstände einer Nobilitäten-Hochzeit nahebrachten: „Während das Paar die Marmorstufen hinabsteigt, sehen wir das Brautkleid der Prinzessin, es wurde gefertigt aus weißem Fliegenleder mit Mopsfullbesatz, während die Paradeuniform seiner Hoheit aus einem echten Gobelin handgesägt wurde. Das alte Familien-Zepter, das der Hofmarschall ihnen voranträgt, diente schon Zarin Katharina der Großen als Masturbationshilfe…“
Wenn ich so etwas höre, weiß ich wieder, wofür ich lebe und arbeite: Ja, über 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie in Deutschland alimentieren meine Steuergroschen immer noch unter anderen das Haus Wittelsbach. Für diese Herrschaften hat im Jahr 1923 der Freistaat Bayern den Wittelsbacher Ausgleichsfonds errichtet, und aus dem werden die Mitglieder des Hauses Wittelsbach bis heute mit jährlich mehreren Millionen Euro angemessen versorgt. Kein Wunder also:
Pomp & Circumstances europäischer Königshäuser, Fürstenhochzeiten, Tronbesteigungen, aber auch Taufen und Beerdigungen gekrönter Häupter sind für mich die kulturell wertvollsten Sendungen, also echte Events und sogar Highlights. Mein besonderer Dank gilt daher einem leitenden Doppelnamen vom Norddeutschen Rundfunk – jahrelang setzte er die monarchistischen Glanzlichter im Fernsehen, wenn er sich durch die Arrangements und Anekdoten der Aristokratie stottertete – und man munkelte von ihm in Fachkreisen sogar, er habe schon mal der Queen beigewohnt…
Offenbar gibt es zahlreiche Menschen wie mich mit einer Sehnsucht nach feudalem Prunk, herrschaftlichem Protz, Ehrenwachen, Kronjuwelen und goldenen Löffeln, nach der personifizierten Inzucht mit Habsburger Nasen und steifen Oberlippen, und um die europäischen Adelshäuser zu pampern, geben ZDF und ARD sich die größte Mühe, das Bedürfnis des untertänigen Volkes nach Demut, Verehrung & Kitsch zu befriedigen. Auch sollen wohl „Das Goldene Blatt“ und ähnlich aufpolierte Brechmittel unterstützt werden, die im Dünkel der Hochwohlgeborenen waten und uns das als Dienst an der Gesellschaft verkaufen. Aber irgendwie sind die Medien dieses Mal der Bedeutung des Ereignisses nicht gewachsen: Moderatorinnen und Moderatoren quälen mich mit ausuferndem Geschwätz, sie dreschen jede Phrase, die das Gottesgnadentum zulässt, sie zeigen immer wieder dieselben Bilder. Größtmögliche Betroffenheit vortäuschend erzählen sie mir alles, was ich sowieso gerade sehe, und sie verteilen alle Binsen, die professionelle Plauderer*innen so parat haben: „Diese Tage des Abschieds waren ein langer Weg für alle und ein Jahrhundert-Ereignis! Ob wir solche prunkvollen Bilder jemals wieder sehen werden? So einen historischen Tag werden wir wahrscheinlich nie wieder erleben! Und schließlich: Die berittene Kavallerie ist einmalig diszipliniert“.
Alle an der Berichterstattung Beteiligten sind gehalten, despektierliche Bemerkungen über unmäßiges Schmarotzertum, Verschwendung und eine unerträgliche Parasiten-Plage gefälligst zu unterlassen. Stattdessen präsentieren Königshaus-Expertinnen und – Experten auf allen Kanälen die luzide Erkenntnis, dass dieses einmalige feudale Trauerspiel nicht nur sehr bewegend, sondern auch sehr berührend inszeniert ist, und auf die Frage einer Moderatorin „Was für eine Lücke hinterlässt die Queen?“ antwortet eine Expertin sachkundig: „Zunächst einmal ein große“. Daraufhin erscheint das traurige, aber zu Höherem berufene Antlitz von Oma Elisabeths Enkel William im Bild, und die Moderatorin stellt die Frage in den Raum „Was könnte jetzt wohl in ihm vorgehen?“ Ich denke kurz nach, dann bin ich sicher: Nichts.
Sein Vater Charly hingegen macht ein Gesicht, als würde er in Erwägung ziehen, zurückzutreten und für immer nach Barbados zu gehen – er wäre bestimmt ein lustiger Karnevalsprinz…

21. Sept. 22


Ein echter Fortschritt

Am Freitag, 26. Aug. 2022, meldete die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung):

„Als kulturelle Abkehr von der früheren Vormacht Russland benennt die ukrainische Hauptstadt Kiew 95 Straßen und Plätze um, deren Namen an Russland oder die Sowjetunion erinnerten. Das teilte Bürgermeister Vitali Klitschko mit. So sollen außer den deutschen kommunistischen Vordenkern Karl Marx und Friedrich Engels auch die russischen Schriftsteller Alexander Puschkin, Lew Tolstoi, Anton Tschechow, Iwan Turgenjew und Michail Lermontow aus dem Straßenbild verschwinden.“

Es erfüllt alle literarisch Interessierten mit Begeisterung, dass die Führung der Ukraine den Eintrag in diesem Blog „Kultura nix gutt“ (veröffentlicht 13.Mai 22) nun mit Leben erfüllt und in die Tat umsetzt. Frau Baerbock, Pumps-Model und Busenfreundin der Gebrüder Klitschko, sollte unbedingt zu den großen Umwidmungsfeierlichkeiten anreisen (auch wenn sie nie ein Werk der genannten Autoren gelesen hat). Vielleicht könnte sie bei der Gelegenheit die Georeferenz von Kiew den Gegebenheiten anpassen und einigen kulturschaffenden Russinnen die Ehre eigener Straßennamen prophylaktisch aberkennen – gewiss würden die Gräfin Rostoptschin sowie die Achmatova, die Zwetajewa und auch die Petrushevskaya derlei feministische Friedens-Anstrengungen gut heißen.

26. August 22


Die Wahnsinnigen

Als ob es nicht schon viel zu viele Opfer in der Zivilbevölkerung der Ukraine gegeben hätte… Die Russen werfen den Ukrainern vor, sich in Krankenhäusern und Schulen zu verschanzen und Patienten oder Schulkinder als Geiseln zu nehmen, die Ukrainer werfen den Russen vor, Atomkraftwerke als Schutzschilde zu benutzen, um unangreifbar zu sein. Vermutlich stimmt beides, und die Militärs beider Seiten riskieren nun auch noch die totale Vernichtung der Bevölkerung ganzer Landstriche:

Das Kernkraftwerk Saporischschja am Dnepr ist das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas. Die russische Armee hält es schon seit den ersten Tagen des russisch-ukrainischen Krieges besetzt. Am 1. August 2022 brachte die New York Times eine große Reportage über Nikopol – blickt man von Nikopol aus über den breiten Strom, der hier zu einem See aufgestaut ist, sind die Silhouetten der sechs Reaktoren des Atomkraftwerks und seine beiden Kühltürme gut zu erkennen. Der Bürgermeister von Nikopol sagte der New York Times, russisches Militär habe sich mit voller Absicht im Atomkraftwerk verschanzt, „damit sie nicht getroffen werden können“. Die Russen würden Raketen über den Fluss nach Nikopol und in andere Ziele schicken, und die Ukraine könne den Beschuss „mit ihren von Amerika erhaltenen fortschrittlichen Raketensystemen“ nicht erwidern, ohne zu riskieren, das Atomkraftwerk oder sein Atommülllager zu treffen.
 
Es ist naheliegend, dass eine US-amerikanische Zeitung nur die ukrainische Sicht der Dinge wiedergibt und nach der russischen gar nicht erst fragt. Gleichwohl lässt der Artikel erkennen, dass es unter den Einwohnern von Nikopol sehr unterschiedliche Meinungen gibt: Sie fürchten, wie die Zeitung einräumt, nicht nur die russischen Artillerie, sie sind auch in großer Sorge, dass die eigenen Leute ein Leck in das Atomkraftwerk schiessen könnten. Oder dass sie das Atommülllager treffen, errichtet vom US-Konzern Westinghouse und bestückt mit 167 großen Containern, die jeweils mit einer Betonummantelung versehen sind. Oder es könnte sich, noch gefährlicher, ein Geschoss in die kaum gesicherten Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente verirren. Oder, was vielleicht am schlimmsten wäre: Wenn der Staudamm getroffen würde, könnte sich im worst case eine riesige Flutwelle stromabwärts über Cherson ergiessen, und das stromaufwärts gelegene Atomkraftwerk hätte keine Kühlung mehr…

Mittlerweile hat die oberste ukrainische Heeresleitung bekannt gegeben, ihre Truppen hätten die Brücke über den Staudamm siegreich beschossen. Also nah dran sind sie schon mal…

Es scheint demnach Vorsicht geboten. Wie vorsichtig zumindest die ukrainischen Patrioten mit Atomkraftwerken umgehen, beweist ein Videoclip, den das Verteidigungsministerium in Kiew Ende Juli 2022 ins Netz gestellt hat. Die offizielle Beschreibung lautet: „Eine Kamikaze-Drohne wurde eingesetzt, um die feindliche Stellung und deren Ausrüstung zu treffen, darunter Flugabwehrkanonen und BM-21 Grad-Fahrzeuge. Nach vorliegenden Informationen wurden bei dem Anschlag 3 Menschen getötet und 12 verletzt. Das Lager wurde durch ein Feuer zerstört, das lange Zeit nicht gelöscht werden konnte. Ruhm der Ukraine! Tod dem Feind! (Leiter der Abteilung für Nachrichtendienste des Verteidigungsministeriums der Ukraine)“

Das Video zeigt zunächst den Beschuss eines Fahrzeugs, das inmitten von Sprühanlagen postiert ist, die zur Kühlung des Atomkraftwerks Saporischschja gehören. Dabei handelt es sich nicht um die systemrelevanten primären und sekundären Kühlkreisläufe, sondern um eine spezielle periphere Kühleinrichtung, die man bei einigen Kraftwerken russischer Bauart findet. Und in der nächsten Sequenz des Clips nimmt die Drohne ein Zeltlager ins Visier, das die russischen Truppen auf dem Kraftwerksgelände direkt vor dem doppelt umzäunten Hochsicherheitsbereich errichtet haben. Nach den Bildern zu urteilen befand sich das Lager im nördlichen Bereich des Terrains, 200 bis 250 Meter vom nächstgelegenen Reaktor und ebenso weit entfernt von dem Trockenlager für Atommüll, das an der nordöstlichen Ecke der Anlage gelegen ist. Die Aufnahmen zeigen, wie sich eine Explosion zwischen den Zelten ereignet; anschließend sieht man viele Menschen davonlaufen und schließlich den Einsatz einer Feuerwehr, um den Brand zu löschen. Dass der Clip keine Fälschung ist, bestätigte das Portal Ukrinform, die Nationale Nachrichtenagentur der Ukraine, mit einer Meldung vom 23. Juli. Die mehrsprachige Nachrichtenagentur ergänzte, die Russen hätten 500 Soldaten auf dem Gelände des AKWs stationiert und im Untergeschoss eines Ausbildungszentrums ein Waffenlager eingerichtet.

Eine „Kamikaze“ Drohne also. Ein Selbstmord-Fluggerät nach japanischem Vorbild, erfunden und eingesetzt von durchgeknallten Nationalisten. Ohne Rücksicht auf Verluste programmiert und in Marsch gesetzt auf
das Gelände eines Atomkraftwerks. Offenkundig muss man im Atomzeitalter dem Militär jede Befehlsgewalt
absprechen und alles eigenständige Handeln verbieten – die Gefahr ist einfach zu groß, dass diese Leute denken, sie befänden sich in einem Videospiel… Dort sind sie aber nicht – das wurde recht deutlich, als es wenige Tage später erneut krachte im AKW: eine Hochspannungsleitung wurde beschädigt, sodass ein Reaktor in Notabschaltung ging und die Leistung eines anderen reduziert werden musste. Anscheinend gab es mehrere Granaten-Einschläge, die auch eine Sauerstoff/Stickstoff Anlag beschädigten. Prompt beschuldigten sich beide Seiten gegenseitig. Also:

Die Unzurechnungsfähigkeit eskaliert, und letztlich ist es wohl auch egal, wem Europa es zu verdanken hat, wenn Saporischschja den größten anzunehmenden Unfall meldet… Hauptsache, Herr Söder und Herr Merz ziehen rechtzeitig ihre weißen Schutzanzüge und vor allem ihre gelben Gummistiefel an – wir wollen ja nicht, dass ausgerechnet denen was passiert…
(Danke an Detlef zum Winkel, Physiker und Autor, für Geburtshilfe bei diesem Text)

17. August 22


Saltos gegen die Panik

Zur Jahreswende 2022/23 sollen den letzten drei Kernkraftwerken, die in Deutschland noch Atomstrom produzieren, die Stecker gezogen werden. Einst die Kathedralen des Erfindungsreichtums und des Fortschritts – jetzt nur noch Mahnmale der Vergänglichkeit, der Frustration und menschlicher Holzwege. Doch weiterhin gibt es diese umtriebigen Betonköpfe, deren politischer Horizont in der zwielichtigen Grauzone des Lobbyismus verläuft, und die Konzerne, die auf ihre Atom-Geschäfte keinesfalls verzichten wollten, und auch diese verlogen lächelnden Verfechter von Kompromissen, die allzeit bereit sind, fortschrittliche Maßnahmen zu unterlaufen, sie werden nicht weniger. Diese Leute lauern seit 11 Jahren auf ihre Chance, seit nach der Fujijama-Katastrophe eine Atomgesetznovelle den deutschen Atomausstieg 2011 besiegelte.

Und die Chance kam im Februar 2022, als Russland die Ukraine angriff. Das war zweifellos ein inakzeptabler Völkerrechtsverstoß. Der Westen (Die Guten) reagierte mit „Sanktionen“. Der Osten (Die Bösen) antwortete mit „Erpressungen“. Ein Unterschied war kaum feststellbar. Atomwaffeneinsatz stand drohend im Raum, Lieferketten wurden unterbrochen, es kam zu Versorgungsengpässen, Flugzeuge flogen nicht mehr, der Stillstand von Industrieanlagen wurde befürchtet, Wirtschaftszweige kollabierten, Lebensmittelpreise stiegen rasant, es gab Hungersnöte, und ein kalter Winter stand bevor. Die Spirale des Hasses und der Gewalt drehte immer intensiver, die Opferzahlen stiegen, aber niemand bemühte sich ernsthaft, energisch und mit Phantasie um Frieden. Der Wille und die Intelligenz, sich gegenseitig zu verstehen, waren ausgeschaltet, und die deutsche Außenministerin erklärte kategorisch, Gespräche mit dem russischen Anführer seien sinnlos.

In herzlichem Einverständnis mit der Politik heizten Deutschlands Medien die Ängste der Bevölkerung an: Was, wenn der Gasherd nicht mehr funktioniert und die Heizung ausfällt? Was, wenn’s wieder Stromsperren gibt? Gibt’s dann auch kein Warm-Wasser mehr? Alte Leute haben das schon mal erlebt! Und kann man dann wieder kein Klopapier mehr kaufen? Muss ich Angst um meinen Arbeitsplatz haben? Können wir dann nächstes Jahr nicht nach Teneriffa fliegen? Was, wenn das Klima sich wirklich ändert und das Wetter immer schlechter wird? Ein neues Auto kriegen wir doch trotzdem, oder? Ist es denn besser, unsere alten Wintermäntel noch nicht wegzugeben? Soll ich mich schon mal mit Zigaretten und Schnaps eindecken, für den Schwarzen Markt? Steht Deutschland erneut vor einem Zusammenbruch? Kriegen wir vielleicht sogar wieder Care-Pakete aus Amerika? Oder kümmern sich diesmal die Chinesen um uns? Fragen über Fragen, die Politikern und Medien das Signal lieferten für heftiges Purzelbaum-Schlagen.

Mit Kehrtwendungen, Neu-Orientierungen und Richtungshinweisen als erster in die Schlagzeilen zu kommen ist traditionell der Ehrgeiz und ein wesentlicher Bestandteil bayerischer Polit-Strategie, und so ist auch der frühere Bayerische Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten, des weiteren Bayerischer Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, ferner Bayerischer Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat und heutiger Bayerischer Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Markus Thomas Theodor Söder, mal wieder der schnellste: Gleich nach der Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima forderte er, der so gern ganze Wälder abholzen lässt und dabei von der „Bewahrung der Schöpfung“ spricht, Deutschland müsse aus der Atomenergie aussteigen – „Japan ändert alles!“ – er drohte gar mit seinem Abdanken aus der Politik, sollte Bayern der Kernenergie nicht pfüati sagen, und in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte er, eine Verlängerung der Kernenergie sei „weder gesellschaftlich, noch energiepolitisch wünschenswert“. Ausdauernd und konditionsstark hechelte Salto-Spezialist Söder den eigentlich eher grünen Positionen hinterher. Und nun?

Eines Morgens vor dem Spiegel entdeckte Ministerpräsident Söder den Wendehals in sich. Er rief seine Hofberichterstatter zu sich, guckte so bezwingend und wissend wie möglich, und dann sprach er sich, keinen Widerspruch duldend, für eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke aus. Er persönlich hatte über Nacht erkannt, es gebe „keine Argumente dagegen – außer rein ideologische Basta-Argumenten“. Und Vorschläge wie Fahrverbote oder die Absenkung von Temperaturen, sozusagen „kalt duschen“, seien „für ein Wirtschaftsland wie uns nicht machbar“, verkündete er, und dann ordnete er noch an, eine Verlängerung des bayerischen Atomkraft-Meilers Isar 2 sei auch möglich. So sprach der bayerische Regent, ein Fachmann von Gottes Gnaden.

Dass für die FDP kein Weg an einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland vorbei führt, war keine Überraschung – das hat die Partei ihren bevorzugten Gesprächspartnern von der „Bildzeitung“ mehrmals mitgeteilt. Der Liberallala- Fraktionschef im Bundestag sagte: „Wir erwarten für den Winter europäische Solidarität. Deshalb ist es richtig, dass auch Deutschland Solidarität zeigt. Wir müssen daher alles, was zur Stromproduktion beitragen kann, auch nutzen. Kernkraftwerke gehören dazu.” Solidarität mit der Atom-Industrie also, der angestammten FDP-Klientel. Solidarität mit frierenden Menschen hat diese Partei doch noch nie aufgebracht. Und damit ist auch in Zukunft nicht zu rechnen.

Und schließlich erneuerte CDU-Chef Friedrich Merz die Forderung seiner Partei, eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu ermöglichen. An die grünen Kolleginnen und Kollegen appellierte er, sie müssten beim Thema Atomkraft über ihren Schatten springen. Es dürfe „keine Denkverbote“ geben. „Tut es für Deutschland“, bettelte er. Irgendjemand sollte diesem reaktionären Bereicherungs-Experten mal mitteilen, was wirklich alles für Deutschland zu tun ist, und zwar lange vor einem Atomausstieg…Dazu gehört jedenfalls nicht, die Büchse der Pandora zu öffnen – you remember?

Ein aktueller Mythos aus finsterster Vorzeit:
Pandora (griechisch: „Die, die alles schenkt“ oder „Die mit allem Beschenkte“) besaß eine Büchse, ein Geschenk von Göttervater Zeus – wie alle Göttergeschenke eine zwiespältige Angelegenheit. Ihr wurde dringend geraten, die Büchse niemals zu öffnen – logisch, dass sie’s doch tat. Aus der Büchse entwich alles Üble und Schlechte, was die Menschheit bis dahin gar nicht kannten: Krankheiten, Laster, Mühen, Sorgen und auch der Tod. Bevor am Schluss auch die Hoffnung entfliehen konnte, schloss Pandora die Büchse wieder. Und so wurde die Welt ein trostloser Ort ohne jede Hoffnung…

27. Juli 22


Endlich mal was Positives

Es kommt alles wieder in Ordnung, Leute, wir biegen alles, was uns zur Zeit bekümmert, wieder hin. Alles. Dass die Mineralölkonzerne den Tankrabatt niemals an die Verbraucher weitergeben würden, wusste jeder, der hin und wieder eine Tankstelle aufsucht – nur unser Wirtschaftsminister nicht. Offenbar ist er mit unserem politischen System überfordert. Unser Finanzminister hingegen wusste gleich, dass der Tankrabatt ausschließlich der Wirtschaft zugute kommen würde, deswegen will er ihn auch nicht mittels einer Übergewinnsteuer von den Profiteuren des Russland-Ukraine-Krieges wieder einkassieren. Und unser Kanzler glaubt, dass den meisten Menschen der Spritpreis sowieso egal ist: Jüngere Mitbürger werden sich vom gestiegenen Mindestlohn ein neues Fahrrad anschaffen, um das Klima zu verbessern und den Ausbau der Radwege zu fördern, und ältere Menschen können sich mit Hilfe der Grundsicherung in aller Regel ein E-Bike oder sogar ein batteriebetriebenes Auto leisten. Und das brauchen sie auch: Wenn so ein alter Mensch beispielsweise von Frechenrieden nach Bedernau will, das sind etwa 20 Kilometer von Oberschwaben ins Unterallgäu, dann kann er sich das 9-€-Ticket an den Hintern klatschen, wenn er kein Auto hat. In diesem strukturschwachen Gebiet wie auch in anderen vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Flächen wartet man ja vergeblich auf eine Mitfahrgelegenheit im ÖPNV, weil es nirgends eine Haltestelle gibt…. Also, ohne Auto keine Fußpflege… Und die nächste Metropolregion wartet auch sehnsüchtig auf den Besuch aus dem Umland, den unser Landwirtschaftsminister zuverlässig mit reichlich fließenden Agrar-Subventionen und einem stabilen Milchpfennig unterstützt, um so die allgemein etwas lasche Kauflaune in den not-leidenden Einkaufsmeilen anzukurbeln. Die Parkscheingebühren machen den Hackbraten in der Rathaus-Kantine erschwinglich, was wiederum den Handel ermutigt, die Löhne und Gehälter der Beschäftigten anzuheben, wodurch der allseits beklagte Personalmangel ein Ende hat. Das anschwellende Konsumbedürfnis hilft sogar der trostlos verarmten Gastronomie und den durch Corona pleite gegangenen Tattoo-Läden, denn die Steuerrückzahlungen ermuntern die Menschen auch zum Saufen und zu exzessiver Fassadenkosmetik. Wieso Steuerrückzahlungen? Na, ist doch klar: Von unserem Sondervermögen! Steuerrückzahlungen für alle, die davon leben müssen, was sie wirklich verdienen. (Ja, das ist doppeldeutig, aber das ist normal bei unserer Steuergesetzgebung). Trotzdem: Dank sei unseren Sozialdemokraten, die nach über 100 Jahren endlich mal wieder ihren Patriotismus auf den Markt geworfen und unserem Land ein paar anständige Kriegskredite bewilligt haben. Ein 100-Milliarden-Euro-Aufrüstungsprogramm! Dabei geht es selbstverständlich nicht um Angriffswaffen für einen Angriffskrieg, sondern um Verteidigungswaffen für einen eventuellen Verteidigungskrieg, es geht um die strukturelle Nichtangriffsfähigkeit Deutschlands. Unsere Regierung kennt und beherzigt schließlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere den Artikel 26, wo es heißt: „ Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen“. Dieses kluge Gesetz findet seine Bestätigung in einem Video, das vermutlich ein subversiver Pazifist aus der Bildzeitungs-Redaktion auf YouTube gepostet hat: Es zeigt, irgendwo in der Ukraine, einen Konvoi russischer Panzer, und aus heiterem Himmel schlagen Geschosse in die Panzer ein. Man sieht nicht, wer sie von wo abgefeuert hat. Kein ukrainischer Panzer, keine Haubitze weit und breit. Die noch nicht getroffenen russischen Panzer sind wehrlos, sie wissen nicht, auf wen sie wohin schießen sollen, also drehen sie um und hauen ab, so schnell sie können. Also, wenn man denn unbedingt Krieg führen will – dieses Video ist eine Demonstration intelligenter, sehr erfolgreicher Kriegsführung mit modernen Abwehrwaffen. Ich bin ganz sicher, unsere Verteidigungsministerin wird unter Einsatz ihrer kompletten Frauenpower alsbald ihr Sondervermögen nutzen, um möglichst viele anti-tank guided missiles, also Panzerabwehrlenkwaffen, die im Flug auf das Ziel gelenkt werden, für unsere uniformierten Jungs bereitzustellen. Manche dieser Dinger können ja auch von der Schulter eines Kämpfers, versteckt hinter einer Hecke, am Waldrand oder auf dem Dach hinter dem Schornstein, abgefeuert werden. Noch erfolgreicher als Startplattform sind aber selbstverständlich Hubschrauber und Drohnen. Die Lenkbarkeit ermöglicht auch neue Taktiken wie das „Top-Attack“-System, bei dem die Rakete in einem Bogen die relativ schwach gepanzerte Panzeroberseite ansteuert. Außerdem sind diese Waffen neben dem Boden-Boden-Einsatz auch als Luft-Boden- und als Boden-Luft-Waffe zu verwenden. Wenn wir uns von diesen intelligenten Dingern mehr anschaffen, als der Russe Panzer, Flugzeuge und andere Angriffswaffen besitzt, dann soll er mal kommen – da muss er schon seine Atomwaffen einsetzen, sonst sind wir praktisch unangreifbar….
Außerdem sei der Hinweis gestattet: Diese Abwehrsysteme sind wesentlich preiswerter als das antiquierte Kriegsgerät aus dem letzten Jahrhundert, mit dem Hitler schon die Luftschlacht über England, den U-Boot-Krieg im Atlantik, die Panzerschlacht im Kursker Bogen und den Häuserkampf um Berlin verloren hat.
Die unverzügliche Anschaffung von Panzerabwehrlenkraketen, Antipanzerlenkwaffen oder Antipanzerraketen bedeutet für uns, die wir vom Scheuerlappengeruch des Lebens so arg gebeutelt sind: Überschüsse aus dem Rüstungshaushalt machen es möglich, dass unser Parteien-Staat endlich mal genügend Kohle hat, um überall, wo’s angebracht ist, Hilfe spendend einzugreifen. Zum Beispiel kann er sich die faulen Ausreden sparen und frierenden Rentnern eine ordentliche Heizkostenpauschale zahlen.
Wem das alles zu umständlich oder auch zu unsicher ist, der halte sich an die Regierende Bürgermeisterin unserer Hauptstadt – die wies uns einen großartigen Weg, Frieden zu schaffen mit ungewöhnlichen Waffen, als sie sagte:
„Berlin steht an der Seite der Ukraine. Mit der Beleuchtung des Brandenburger Tors senden wir ein deutliches Signal, gemeinsam mit weiteren europäischen Städten.“
Als der böse Mann im Kreml diese schreckerregende Drohung der Berliner Signalsenderin hörte, soll er sich vor Angst in die Hosen gemacht haben.

15. Juni 22


Tucho ist traurig –

An der Artillerieschule in Ida-Oberstein (sowas gibt’s – 2022!) lernen nationalbewusste und kriegsbereite Menschen aus der Ukraine von uns Deutschen, die Panzerhaubitze 2000 artgerecht einzusetzen: Sechs Granaten so abzufeuern, dass sie in 40 Kilometer Entfernung gleichzeitig einschlagen. Kann man ihnen nichts Vernünftiges beibringen? Leider ist zu vermuten, dass nicht nur die Sachschäden, sondern auch die Kollateralschäden zur Zufriedenheit der deutschen Regierungsmitglieder ausfallen… Tut mir leid, Tucho, es bleibt dabei: Soldatinnen und Soldaten sind Mörderinnen und Mörder.

13. Mai 22


Kultura nix gutt

Vor einigen Wochen konnte man auf ARTE Journal ein Interview mit dem russischen Regisseur Kirill Semjonowitsch Serebrennikow sehen. Am Schluss fragte die Moderatorin den Künstler: Werden Sie denn nun nach Beendigung Ihrer Arbeit nach Russland zurückkehren oder bleiben Sie hier in Europa? Sie hatte also verstanden: Kulturschaffende müssen sich für die richtige, die gute Seite entscheiden, bis der Feind bezwungen ist, genau so, wie sie in den bösen Corona-Lockdown-Zeiten eine Maske getragen und jeden Auftritt verweigert haben, bis die Seuche in die Knie ging.
Gewiss, fast alle Theater- und Konzert – Veranstalter haben erbarmungswürdig gejammert, und viele Künstlerinnen und Künstler beklagten die fehlenden Auftrittsmöglichkeiten, doch das Publikum, seien wir mal ehrlich, atmete erleichtert auf: Endlich keine teuren Eintrittskarten mehr bezahlen zu müssen, nicht mehr im unbequemen Gestühl sitzen und nicht husten zu dürfen, sich nicht mehr um Verständnis bemühen und hinterher was Kluges sagen zu müssen, endlich zugeben zu können, dass menschenwürdiges Leben auch ohne Kultur möglich ist, gemütlich zu Hause zu bleiben, sich endlich alle noch nicht gesehenen Serien reinzuziehen und unwidersprochen feststellen zu können, Netflix macht auch eine ganz prima Kulturarbeit, kulturloses Leben kann ja sooo schön sein…!
Ich bin mit unseren politischen, wirtschaftlichen und moralischen Anführern ganz einer Meinung: Was die europäische Menschheit zum Sieg über Covid geführt hat, wird ihr auch zum Triumph über den russischen Aggressor verhelfen. Wir brauchen einen weiteren kulturellen Abschwung, wir müssen die russische Abteilung endgültig aus der europäischen Kultur ausgliedern und alle kulturellen Kontakte zu Russland löschen.
Kultur in Russland, das ist und war nie europäische, sondern immer russische Kultur, die nicht denkbar ist ohne Erpressung, Krieg, Massenmord, Vergewaltigung, Besetzung und Ausplünderung fremden Territoriums. Also: Russen raus aus der Kultur.
Insofern ist es gut, wenn die Filmfestspiele in Cannes keine russische Delegation einladen, weil man nur zu genau weiß, wie die Russen ihre Hotelzimmer hinterlassen. Aber dass der russische Pavillon auf der Biennale in Venedig nur geschlossen ist, reicht nicht: Er muss auch abgerissen werden! Sehr kulturbewusst ist es, wenn die Kunstsammlungen Dresden die Zusammenarbeit mit staatlichen russischen Stellen, also der Mafia, einfrieren, weil die nur erneut das Grüne Gewölbe ausrauben wollen. Zum Glück gibt es in Luzern kein Festival russischer Kammermusik, denn man weiß ja, dass seit dem Don-Kosaken-Chor akustischer Terror zum Waffenarsenal der Russen gehört, und in London und New York sind Kooperationen mit dem Bolshoi-Ensemble abgesagt, weil westliche Kultur-Bedürfnisse mit Lady Gaga vollauf befriedigt werden. Vorbildlich ist, wie der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz alle Projekte und Zukunftspläne mit Russland auf Eis gelegt hat, denn im Permafrost vergeht jeglicher Kultur das Blühen und Gedeihen, und großartig ist auch, dass nichtstaatliche Galerien in München und Stuttgart alle Leihanfragen aus Russland geblockt haben – man weiß ja schließlich, dass die Russen entliehene Kulturschätze als Beutegut betrachten und nie mehr zurückgeben. Dank auch an die englische BBC, die keine Lizenzen mehr an russische Sender verkauft, und genauso an Hollywood , das alle Geschäfte mit Russland gestoppt hat. Sollen die Russen doch an kulturellen Hungerödemen verrecken!
Überaus sinnvoll ist auch, wenn die internationale Literatur- und Verlagswelt dem Aufruf des Ukrainischen Pen folgt, Bücher aus Russland zu boykottieren – das beweist einmal mehr die Solidarität des Westens mit Stepan Bandera, dem Nationalhelden der Ukraine, und dessen Gesinnungsnachfolger, dem Botschafter Melnyk. Die kulturbeflissenen Menschen in Deutschland wünschen sich dringend eine öffentliche Verbrennung der Werke von Dostojevski, Tolstoi, Gogol, Puschkin und anderen Unterstützern von Putin. Werke wie Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen, Die Brüder Karamasow, Der Spieler – allesamt verdächtig der Beschießung von Mariupol, kommen auf den Index, Theaterstücke wie ,„Die Möwe“, „Onkel Wanja“, „Drei Schwestern“ oder „Der Revisor“ sind wegen Russenversteherei ab sofort verboten. Und was die Malerei betrifft:
Vernissagen zwischen Helsinki und Neapel, Flensburg und San Francisco dürfen nur noch unter dem Titel „Entartete Kunst – Russen Raus!“ stattfinden. Bilder von Vassily Kandinsky, auch wenn er zur Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ gehört hat, und Marc Chagall (d.i. Moische Chazkelewitsch Schagal aus Witebsk, einer russischen Stadt in Belarus) werden als Sanktionsmaßnahmen in allen Museen abgehängt und in den Privatbesitz amerikanischer Oligarchen überstellt, desgleichen aber auch die Werke von Malewitsch, dessen berühmtes „Schwarzes Quadrat“ zwar noch an der Wand der Moskauer Tretjakow-Galerie hängt, dessen späteres Werk „Weiß auf Weiß“ im New Yorker Museum of Modern Art aber bereits mit Warnhinweisen versehen ist.
Lebende Sänger und Sängerinnen sowie Dirigenten aus Russland, die nicht bereit waren, Treueschwüre gegenüber der Nato und den EU-Staatschefs abzugeben, wurden bereits unter allgemeinem öffentlichen Beifall aus dem westlichen Kulturleben hinaus sanktioniert.
Nun werden, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, auch die toten Komponisten aus den Konzertsälen und Rundfunkarchiven eliminiert, u.a. Tschaikowski, Rachmaninoff, Stravinsky und Schostakowitsch, denn niemand braucht eine musikalische Untermalung marschierender russischer Soldatenstiefel. Und was die Opern betrifft: Eugen Onegin, Pique Dame, Boris Godunov und  die gesamte Truppe aus Krieg und Frieden von Sergei Prokofjew dient einzig und allein der Agitation und Förderung der Gewaltbereitschaft russischer Aggressoren. Dieses Gesindel ist auf unseren Bühnen nicht mehr willkommen. Vielmehr begrüßen wir es, dass kulturell hochstehende Konzerne wie Ikea, H&M, Obi, Puma oder Louis Vuitton ihre Geschäftsbeziehungen mit Russland sang- und klanglos beendet haben. Und besonders erfreulich: Die Fédération Internationale Féline hat in Russland gezüchtete Katzen und Kater von all ihren Ausstellungen ausgeschlossen. Vorwärts mit den Kultur-Sanktionen zum ewigen Frieden!

13. Mai 22


Anti-Lump Lobo

Der Kolumnen-Defäkierer Sascha Lobo, jener eitle Typ mit dem albernen, aus dem Haarspray herausgemeißelten Hahnenkamm, ist Jahrgang 1975. Er weiß also alles über den Krieg, und seine mit unerhörter Tapferkeit vor Laptop und Fernseher durchgestandenen Kriegserlebnisse ließen ihn zu einem so formidablen Kriegspatrioten heranreifen, dass er sich nun Strategieberater nennt. Strategos ist die altgriechische Bezeichnung für „Feldherr“ oder „Heerführer“. Voraussetzung, in Athen zum Strategen gewählt zu werden, war die Befähigung zum Amt, d. h. das Wissen um die Kriegskunst. Sascha Lobo hat das: Er ist vermutlich sogar Bundeswehr-tauglich, jedenfalls bei guter psychosozialer Integration, und wenn sein Begutachtungsergebnis ihn als „dienstfähig und verwendungsfähig mit Einschränkungen“ ausweist, darf er in Wittstock/Dosse schon mal Schützengräben ausheben, wenn auf dem Prenzlauer Berg die Russen bereits Berliner massakrieren. Gegebenenfalls wäre eine aktuelle wehrpsychiatrische Zusatzbegutachtung erforderlich, denn Sascha Lobo hat nach eigenen Angaben eine AD(H)S-Diagnose, eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, und das bedeutet: Er ist einer der Erwachsenen, denen es häufig schwer fällt, spontane Einfälle genauer zu bedenken, Dinge abzuwarten und planvoll bei einer Sache vorzugehen. Bei Sascha Lobo muss man auf Desorganisation, emotionale Labilität, Stressintoleranz, gestörtes Sozialverhalten und auf eine ausgeprägte Selbstwertproblematik gefasst sein – er ist also prädestiniert für jede Art von Kriegsvorbereitung und Kriegführung. Und das heißt für friedliebende Zivilisten: Man muss nachsichtig mit ihm und seinen Kolumnen umgehen, denn Sascha Lobo ist gestört, er ist ein „digital Native“, verblödet, verroht und dummgesurft. (Ich darf dass hier schreiben, denn im Internet steht, Sascha Lobo ist für eine „Entkriminalisierung der Herabwürdigung im Netz“.)
Immerhin – seine Schreibversuche sind auch ein Beweis für eine gelungene Inklusion beim „Spiegel“, denn Sascha Lobo hat es in dem neoliberalen Wochenblatt bis zum Vorzeige – Bellizisten gebracht, dessen strategischer Ehrgeiz sich vor allem darauf richtet, Pazifisten niederzumachen. „Aber“, schreibt er, „nicht die Vernunftorientierten“, und damit meint er diejenigen, die im Verteidigungsfall eben doch zur Waffe greifen. Er erfindet also eine völlig neue Spezies: Kriegsbereite Pazifisten. Das allein würde schon reichen, jeden Dialog mit diesem Kasperkopp abzubrechen. Aber Herr Lobo ist ein in seiner Schwere äußerst interessanter Fall, den ein wenig genauer zu begutachten sich lohnt:
Für ihn gibt es akzeptable, weil vernunftgesteuerte Pazifisten, und inakzeptable, weil egozentrische Pazifisten, die „den eigenen Befindlichkeitsstolz über das Leid anderer Menschen“ stellen, selbstgerechte Leute, „die sich eine Jacke anziehen und sofort vergessen, was es heißt zu frieren“. Mit so kruden Hirngespinsten schafft er sich das Feindbild der „Lumpen-Pazifisten“, und zu denen zählt er auch Mahatma ­Gandhi, den er als „eine sagenhafte Knalltüte“ bezeichnet. Bei der Gelegenheit hätte uns der aggressiv behelmte Lobo eigentlich auch mitteilen können, mit welchen Attributen er im Bedarfsfall Nelson Mandela oder Martin Luther King belegen würde…
Zutiefst angeekelt wendet Sascha Lobo sich ab von allen Menschen, die nicht, wie er, sogenannte westliche Werte mit schweren Waffen durchsetzen wollen, sondern ihre ethische Grundhaltung für sinnvoller und effektiver halten als das, was ihnen ein verantwortungsloser Schreibtischtäter als Friedensbemühung verkaufen will, wenn er seiner Tastatur Geschützdonner entlockt und in seiner Landser-Phantasie hinter einem Leopard gen Moskau marschiert. Sascha Lobo hat kein Problem damit, eine Eskalation zum 3. Weltkrieg in Kauf zu nehmen. Dass der Ukraine damit keineswegs geholfen wäre, kümmert ihn nicht, und auch einige tausend ausgebombte oder umgebrachte ukrainische Frauen mehr mit ihren Babies sind ihm Wurscht.
Zu den Lumpen-Pazifisten zählt er selbstverständlich auch die sogenannten Putin – Versteher, denn die müssten eigentlich Putin-Propagandisten heißen. Was er dagegen hat, etwas oder irgendwen zu verstehen, bleibt im Dunklen. „Zu verstehen“ ist doch erstrebenswert, oder? Und „verstehen“ heißt ja noch lange nicht „billigen“…
Der vermeintliche Intellektuelle Lobo schreibt, die Putin-Propagandisten hätten mithilfe von Fake News, Drohkulissen und viel Geld massiven Einfluss genommen, um jede Aktivität gegen Putin zu verwässern, und es sei eine bittere Erkenntnis, welch eine Macht zielgerichtete Propaganda entfalte, wenn sie auf „realitätsaverse Unterstützer*innen vor Ort“ zählen könne. Da fragt man sich doch, wo lebt der Mann, und wo bitte veranstalten Pazifisten in den Medien ihre Putin-Propaganda?
Bei soviel geistiger Schräglage kann es nicht verwundern, wenn Sascha Lobo Pazifisten auch als Antisemiten diffamiert. Er schreibt, man fühle sich an diejenigen erinnert, die aus historischen Gründen stets mit toten, weil von Deutschland ermordeten Juden solidarisch sind – aber nie mit lebenden Juden, etwa in Israel.
Wer solch dumme Verallgemeinerungen absondert, der nennt Putin auch einen russischen Faschistenführer, was zweifellos eine grobe Verharmlosung von Hitler und der Nazi-Nomenklatura ist. Und um seine Russophobia unangreifbar zu machen, erklärt Sascha Lobo ferner, Putins Macht stütze sich maßgeblich auf die Stimmung der Mehrheit der Bevölkerung, und es sei romantischer Unfug zu hoffen, dass Sanktionen die Zivilbevölkerung möglichst nicht treffen sollten, denn unter bestimmten Umständen sei es durchaus sinnvoll, den Druck auf die Bevölkerung zu erhöhen, weil das dann wiederum den Druck auf die Mächtigen erhöhe. Weinende russische Frauen mit ihren Babies sind dem Strategen Lobo also auch wumpe…
Aber zum Glück haben Strategievorschläge à la Sascha Lobo schon in Vietnam geradewegs in die US-amerikanische Niederlage geführt, worüber ich mich heute noch freue…

29. April 22


WANDEL IM HANDEL

Hausaufgabe: Suche den Unterschied auf den beiden Etiketten und beschreibe den Geschmacksunterschied…

Nach 30 Jahren relativ guter Beziehungen, wenn nicht gar Freundschaft, zwischen Deutschland und Russland, leben wir nun in einer Zeit der Umgestaltung der Sprachregelungen.
Dass der russische Zupfkuchen, der gar nicht aus Russland stammt, sondern von einem Backwarenhersteller in Bielefeld, mittlerweile nur noch Zupfkuchen heißt, hat sich schon herumgesprochen. In Russland hieß der russische Zupfkuchen übrigens bislang „Deutscher Quarkkuchen“, aber in Zukunft soll er „Tschetschenische Käsetorte“ heißen.
Russischbrot, jene Knusperkekse für Notzeiten, deren Ursprung auf einen finsteren Slawen-Kult zurückgeht, heißt in Zukunft Bahlsens brauner Buchstabenbruch.
Zahlreiche Fußballvereine, vor allem die aus Dortmund und Mönchengladbach, werden ihren Namen „BoRUSSIA“ ablegen, da dieser Name allzu oft Anlass zu Missverständnissen gibt und die allermeisten Fans sowieso nicht wissen, dass sie den „Preußen“ zujubeln.
Der Schauspieler Russel Crowe wurde bereits aus allen Mediatheken gelöscht, weil er im „Gladiator“ keinen Hut mit blau-gelber Fahne aufgehabt hat.
Und Moskowskaya (Moskauer Wodka), der Marktführer, der bekanntlich keine Fahne macht, und auf dessen Etikett früher mal „Importiert aus der UdSSR“ stand, wird demnächst, nach dem Sitz des deutschen Generalimporteurs, umgetauft in „Jülicher Jubelwasser“.
Es lebe der Provinzialismus, die Piefigkeit, das Spießertum, die Geldgier, der Opportunismus und die Hysterie.

27. April 22


Halt die Klappe, Biden

Würden der Bundespräsident der Schweiz oder der Regierungschef von Andorra dem russischen Präsidenten Kriegsverbrechen, Völkermord und Genozid vorwerfen, würde man ihnen das wohl kaum verübeln. Wenn aber der amerikanische Präsident das macht, stößt einem soviel Bigotterie und Selbstgefälligkeit übel auf. Dann hat man das Bedürfnis, diesem geschichtsvergessenen Patrioten mal die Verbrechens-Chronik seiner Vorgänger im Amt vorzulesen: Von der Ausrottung der indigenen Völker Nordamerikas bis zu den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, von Vietnam und My Lay bis Irak, als die Raketen punktgenau das Schlüsselloch der Bunkertore trafen, von den massiven Angriffen gegen den Libanon und den Bombardierungen der libyschen Städte Tripolis und Bengasi bis zur militärischen Unterstützung der Faschisten in Chile, Argentinien und Griechenland durch die CIA, von den Luftangriffen auf Belgrad und dem Afghanistan-Krieg bis zu den Mörder-Drohnen über Pakistan, vom Folter-Gefängnis Abu Ghraib bis zum menschenrechtswidrigen Kerker von Guantanamo und anderen Waterboarding-Hotspots:
Was von diesen und anderen US-amerikanischen Militäraktionen als Kriegsverbrechen, Völkermord oder als Genozid einzustufen ist, das sollte nach genauer und objektiver Untersuchung ein Gericht be- und verurteilen. Und für das Wüten russischer Truppen in der Ukraine gilt selbstverständlich genau das gleiche: Wessen sich die russische Armee dort schuldig macht, hat jedenfalls nicht der amerikanische Präsident zu entscheiden, sondern der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Aber genau dieses Gericht wird von den USA bis heute nicht anerkannt. Kein Wunder, wenn das Urteilsvermögen des amerikanischen Präsidenten kaum von Belang ist für historische Schuldzuweisungen …

17. April 22


DEUTSCHE MILITÄRTRADITION

Einer der politischen Ahnherren von Annalena Baerbock war wahrscheinlich ein Mann namens Rudolf Albert Scharping. Der war von 1998 bis 2002 Bundesminister der Verteidigung und ein großer Feldherr voller Verteidigungsdrang.
Eines Tages, mitten im Jugoslawienkrieg, wurde Rudolf konfrontiert mit der Zeitungsschlagzeile: Kosovo – Munition ungesund? Und zu seinem Erstaunen erfuhr er: Krieg ist gefährlich und kann zum Tod von Soldaten führen. Besorgte Fragen kamen aus der Bevölkerung: Warum mussten Soldaten mit Risikomaterial hantieren? Ist normale Munition nicht gefährlich genug, muss man sie auch noch mit Uran anreichern? Gottseidank versicherte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD im Deutschlandfunk, sich dafür einsetzen zu wollen, dass „die Nato in Zukunft keine gesundheitsgefährdenden Waffen mehr einsetzen wird“, und Bundeskanzler Schröder sagte, er halte es nicht für richtig, eine Munition zu verwenden, die zur Selbstgefährdung der eigenen Soldaten führen könne. Via Fernsehen erfuhren wir dann:
Die Strahlenbelastung übersteigt zwar das 1000fache des Erlaubten, aber die Bevölkerung ist überhaupt nicht gefährdet, da die betroffenen Gebiete markiert sind. Als Illustration sah man rot-weiß gestreifte Absperrungsbänder im Winde flattern, der eine Staubwolke vor sich hertrieb. Und dann kam raus: Mit Uranmantelgeschossen hat man übungshalber auch schon in Deutschland rumgeballert. Das war der Moment, da Rudolf Scharping ein empörtes Gesicht machte und erklärte:
1. ist Uran-Munition völlig ungefährlich.
2. ist sie in Deutschland nie verschossen worden.
3. hat man, wenn eine Uranmantel-Granate versehentlich doch mal abgeschossen wurde, sofort das kontaminierte Erdreich in weitem Umkreis abgetragen, um akute Gefährdungen durch das ungefährliche Kampfmittel auszuschließen. Helau!

14. April 22


SCHWERE WAFFEN

Wer jetzt noch die Vorgeschichte des Ukraine-Krieges analysiert, dem wird schnell unterstellt, er wolle Wladimir Putin helfen. Na gut, dann eben Fakten-Check.
Bundesaußenministerin Baerbock erklärt: „Die Ukraine braucht weiteres militärisches Material, vor allem schwere Waffen“. Falsch. Es ist sehr zweifelhaft, ob die Rüstungshilfen das Leiden in der Ukraine beenden helfen oder eher verlängern. Wahrscheinlich würde der Einsatz schwerer deutscher Waffen in der Ukraine dazu führen, dass die Russen mit noch schwereren Waffen zurückballern, dass es dann noch mehr Opfer geben wird, die, wenn sie noch laufen können, als not-leidende Flüchtlinge ihr Land verlassen. Dringender als Waffen braucht die Ukraine energische Friedensinitiativen.
„Jetzt ist keine Zeit für Ausreden, sondern jetzt ist Zeit für Kreativität und Pragmatismus“, sagt Baerbock. Warum nutzt sie die Zeit denn nicht? Sind schwere Waffen ihr Ausdruck von Kreativität? Militärhilfe für die Ukraine auf insgesamt 1,5 Milliarden Euro aufstocken – ist das für sie Pragmatismus? Dann hat sie auch von der Philosophie des „Pragmatismus“ keine Ahnung. Welche Ausreden meint sie? Ihre eigenen grünen von früher? Deutschland würde „grundsätzlich“ keine Waffen in Krisengebiete liefern, hieß es noch vor kurzem…
Selten wurde der Denkverzicht der internationalen Politik so deutlich, der Unwille, Unterscheidungen zu treffen, so klar, schon lange nicht mehr war Militarismus so en vogue, und nie gab es eine Diplomatie, die so ohne Argument war wie in figura Baerbock.
Der Intelligenzquotient dieser Frau kann offenkundig von Hand ausgezählt werden, aber der designierte FDP-Generalsekretär begrüßt die Forderungen Baerbocks… Das gönne ich ihr – für eine angeblich fortschrittliche Politikerin kann es nichts Peinlicheres geben als von der FDP beklatscht zu werden.
Man kann den Eindruck gewinnen, der Westen versucht erst gar nicht, den Krieg zu beenden. Im Gegenteil, er steigert ihn, denn endlich hat er den Krieg, den er sich schon lange wünscht. Es ist ein typisch kapitalistischer Krieg zwischen kapitalistischen Staaten, und solchen Staaten ist alles zuzutrauen. Allerdings wäre es wünschenswert und höchst gerecht, wenn es nicht nur den russischen, sondern auch den westlichen Oligarchen an den Kragen ginge…
Die rigide westliche Sanktionspolitik schadet aber nicht den Oligarchen, sondern vor allem den einfachen Leute, deren Yacht bestenfalls in der Badewanne dümpelt: Bei uns steigen die Preise, in Russland wird der Mangel verstärkt, und für die Ukraine ist eine Hungersnot zu befürchten. Also: Wenn Sanktionen und Embargos den dritten Weltkrieg vorbereiten sollen, ok, dann sind diese Mittel durchaus erfolgversprechend. Aber wenn man diesen Weg nicht einschlagen will, was bezweckt der Westen dann damit? Bis sie es erfahren, werden die Bürgerinnen und Bürger, schwankend zwischen Kriegs-Angst und -Euphorie, mit einem 100-Milliarden-Rüstungsprogramm befriedet, das als Erhöhung der Sicherheit verkauft wird…
Ansonsten: militaristische Synapsenversülzung wie schon beim trojanischen Krieg.Drohungen en masse und der Ruf nach Waffen. Traurige Anzeichen von Lernunfähigkeit, Hirnlosigkeit, Gewaltbereitschaft und totaler Phantasielosigkeit. Keine Vorschläge, keine Offerten. Wenn es dem Westen um das Schicksal der bombardierten Menschen in der Ukraine ginge, wenn Mitleid und Fürsorge das Handeln der EU und der Nato bestimmen würden – warum macht man dann kein Angebot? Wir ziehen die Ostflanke der Nato 300 km nach Westen zurück – hört ihr dann auf mit dem Bomben? oder: Wir schließen Rammstein – gebt ihr dann die Krim wieder zurück? Nein. Egal wie viele Menschen dabei umkommen, die Forderungen beider Seiten sind nicht verhandelbar. Bei Kindern nennt man es Trotz.
Die Politiker lassen also weiter morden. Die Armeen verkaufen jedes Gemetzel als militärische Notwendigkeit, die Soldateska nutzt zwanghaft jede Chance, Kriegsverbrechen zu begehen. Der Homo Sapiens ist genetisch wohl eher ein Homo stupidus brutusque, und Deutschland nutzt von altersher jede Gelegenheit, entweder Krieg anzufangen oder wenigstens dabei mitzumachen – allerdings: Der letzte Krieg, bei dem Deutschland auf der Siegerseite stand, ist 150 Jahre her. Vielleicht glaubt Frau Baerbock, sie hätte da was wieder gutzumachen und müsse das deutsche Image aufpolieren…
Wir wollen aber nicht nicht nur meckern: 1878 haben wir auch mal nach Berlin zum Friedenskongress eingeladen: Da beendeten dann die europäischen Mächte ihre Balkankrise und einigten sich auf eine Friedensordnung. Ich empfehle eine Neuauflage!
Ein menschenfreundlicher deutscher Bundeskanzler würde auf so einem Friedenskongress gewiss nicht versprechen, schweren Waffen zu liefern, sondern seinen ganzen Ehrgeiz darauf richten, einen erstklassigen Gastgeber und Moderator abzugeben – er hat das schließlich beim großen Gipfel 2017 in HH schon trainiert….

14. April 22


Bevor der Hase drei Mal gackert

Trotzalledem: Ostern breitet sich immer mehr aus. Jetzt fangen auch schon die Japaner damit an. Nur: Statt Ostereiern werden dort kleine Sushi-Portionen in Jute-Säckchen von Kindern im Garten versteckt, die von Eltern und Großeltern gesucht werden müssen. In Indien dürfen nur die heiligen Kühe Ostereier suchen, im Iran müssen verschleierte Mullahs und ihre Ehefrauen in Moscheen versteckte Spiegeleier aufspüren, auf Jamaika setzt es sich immer mehr durch, Ostereier zu rauchen, und in Saudi Arabien werden Frauen, die sich weigern, ihren Ehemännern an den Ostertagen ununterbrochen die Eier zu kraulen, Hände und Füße abgehackt.
Sollte man nicht endlich einen Schlussstrich unter Ostern ziehen? Dieses ekelhafte Verbrechen, die Kreuzigung, ist über 2.000 Jahre her, und der Glaubens-Hintergrund von Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag ist doch kaum noch jemandem zu vermitteln. Versteckte Jesus damals Eier für die Jünger? Und was meint der Papst, wenn er in seinem Ostergrußwort behauptet: „Bevor der Hase zweimal gekräht hat, wird der Erzbischof von Köln drei goldene Eier legen!“
Also, was die kirchlichen Feiertage betrifft: Die Gläubigen können meinetwegen (unbezahlt) feiern, was und wann sie wollen. Ich plädiere aber dafür, Geburtstagsfeier und Auferstehungsgedenken für den Religionsstifter mit der seltsamen Parthenogenese auf einen Tag zu legen: Dann steht zur Abwechslung mal eine Kompanie Osterhasen um die Krippe. Oder es hängt ein Weihnachtsmann am Kreuz.
(aus „Summa Summarum“, Westend-Verlag)

12. April 22


Der Standort des Betrachters

Mir ist keine einzige anarchistische Theorie bekannt, in der brennende Autos eine Rolle spielen.
Und wären die Leute, die bei den G20- Unruhen 2017 in Hamburg die Geschäfte geplündert haben, Anarchistinnen und Anarchisten gewesen, hätten sie die Läden nicht zerstört, sondern beispielsweise in Genossenschaften übernommen, die Preise und Löhne angepasst und als ausbeutungsfreie Unternehmen geführt… Wenn in dieser G20-Sache damals etwas anarchistisch war, dann die Aktion der Leute, die sich hinterher auf den Straßen zum Aufräumen trafen: Gegenseitige Hilfe ist ein Prinzip des Anarchismus, blinde Zerstörungswut ist es nicht.
Was uns damals unter der Überschrift „Anarchie in der Schanze“ von den Medien erzählt wurde, findet heute angeblich in der Ukraine statt: Anarchie – und gemeint ist damit, Chaos, Desorganisation, Gewalt und Regierungslosigkeit – ohne Recht &Ordnung.
Also, nochmal für alle, die nicht wissen, wovon sie reden:
Im Anarchismus geht es sehr wohl um Ordnung, und zwar um eine Ordnung, die nicht auf Herrschaft, Ausbeutung, Konkurrenz und Egoismus basiert, sondern auf Gleichberechtigung, Vereinbarungen, Hilfe und Solidarität. Der Anarchismus ist eine Utopie, die Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Aber wenn man glaubt, dass Herrschaft von oben nach unten die einzig mögliche Ordnung ist, dann ist Anarchie natürlich Unordnung. Es versteht sich, dass die Umsetzbarkeit der anarchistischen Theorie angezweifelt wird. Und dabei wachsen die Zweifel logischerweise proportional mit dem Wohlstand…
Versuche, eine anarchistische Gesellschaft zu etablieren, gab es einige – im Gedächtnis geblieben ist – neben den Versuchen in Spanien und in Kronstadt – vor allem die Machnowschtschina in der Ukraine: Dort versammelte nach dem 1. Weltkrieg der von den Ideen Michail Bakunins und Peter Kropotkins beeinflusste Nestor Machno Bauern und Arbeiter in einer Gewerkschaftsorganisation, und er gründete eine schnell anwachsende Partisanenarmee aus freiwilligen Kämpfern. Machnos Bewegung vertrieb das vom Deutschen Kaiserreich gestützte Staatsoberhaupt der Ukraine, den General Pawlo Skoropadskyj und machte die bürgerlich-liberale Regierung bedeutungslos. Großgrundbesitzer und Industrielle wurden enteignet, und die befreiten Gebiete wurden in einem Netzwerk selbstverwalteter Kommunen zusammengefasst, in denen ein Rätesystem aufgebaut wurde. Die Räte waren neben der Versorgung und Verteilung der Güter unter der Bevölkerung auch zuständig für Transport, Industrie, Kriegführung und Kultur. Auch der Aufbau von Schulen, eine Alphabetisierungskampagne und die politische Aufklärung der Bauern und Partisanen gehörte zu ihren Aufgaben. Rede-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit wurden etabliert, die Pressezensur wurde aufgehoben, und staatliche Polizei und Gefängnisse wurden aufgelöst.
Dies alles geschah zwischen 1917 und 1922. Wie’s endete, wissen wir: Zuerst verhinderten die zarentreuen Militärverbände der „Weißen Armee“ viele Maßnahmen, und am Ende machte die Rote Armee der Bolschewiki alle anarchistischen Bestrebungen zunichte. Die Ukraine wurde Teil der Sowjetunion. Machno selbst verbrachte sein weiteres Leben im Exil. Er starb 1934 in einem Pariser Armenhospital an Tuberkulose und ist begraben auf dem Père Lachaise.
Der aktuelle Konflikt wiederholt in gewisser Weise diese Tragödie von vor 100 Jahren:
Der russische Präsident Wladimir Putin hat gesagt, Russen und Ukrainer seien Geschwister, aber die Ukrainer seien einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Offenbar schickt der Kreml nun, dieser Argumentation folgend, gut informiertes und klar denkendes Militär in den Kampf gegen die armen, gehirngeschädigten Brüder und Schwestern.
Schade, dass wir nicht wissen, was Nestor Machno heute denken und tun würde – vielleicht: Die Ukraine ist eben eine Maus zwischen zwei großen Katzen. Deshalb fordern wir alle, die nicht gefühllos sind, auf, sich mit der ukrainischen Bevölkerung, aber nicht mit dem Staat zu solidarisieren…
Um etwas klüger zu werden, schlagen wir das deutsche Ober-Intelligenzblatt „Die Zeit“ auf. Darin enthalten ein umfangreicher, aber keinesfalls lesenswerter Artikel der Autorin Anna Sauerbrey mit der Überschrift: „Wladimir Putin – Der Anarchist“. Sie will der Leserschaft einreden, dass Putin dem Rest Europas die Anarchie aufzwingen will, dass er sich für die Anarchie als Weltzustand entschieden hat, dass er aber in seiner „autoritären Anarchie“ noch nicht ganz angekommen ist. Wenn man es geschafft hat, diesen Quatsch bis zum Ende durchzulesen, was nicht ganz leicht ist, bleibt nur eine Frage offen:
Wenn „Die Zeit“ den Präsidenten Putin als autoritären Anarchisten bezeichnet, darf der dann „Die Zeit“ einen Rastplatz für geistig eingeschränkte Journalistinnen nennen?

25. März 22


Bitte etwas unmenschlicher

Ich habe nicht gedacht, dass ich in meinem Leben nach dem Irrsinn des 2. Weltkriegs nochmal mit soviel menschlichem Elend konfrontiert werde. Ich komme immer mehr dahinter: Krieg, Massenmord und Massensterben, Verstümmelungen, Flucht, Hunger und Obdachlosigkeit – das alles ist nichts Unmenschliches, sondern etwas ganz normal Menschliches…
Ursächlich für die aktuelle Kriegssituation scheint mir auch zu sein, dass keine/r der Verantwortlichen in meinem Alter ist, dass keine/r Krieg am eigenen Leib erfahren hat. Die Herrschaften können sich doch gar nicht vorstellen, wie Krieg sich anfühlt und was er vor allem mit Kindern macht. Unsere Erde wird beherrscht von einer Politiker-Generation, die man nur als ahnungslos, infantil und indolent bezeichnen kann.
Für diese Politiker/innen ist Krieg offenkundig etwas Abstraktes, womit sie persönlich nie in Berührung kommen – Namen wie My Lay, Katar, Grozny, Belgrad, Bagdad, Kiew und Mariupol sind für das politische Personal zwar Synonyme für Kriegsverbrechen der Gegenseite, aber nicht tief eingeprägte Erinnerungen für Erlebtes und Erlittenes.
Ganz und gar menschlich ist offenbar auch die feindselige Propaganda beider Seiten: Da ist kaum jemand, der zur Vernunft mahnt, der Vorschläge zur Deeskalation macht, der die verbindende Kraft von Sport oder Kultur beschwört, der von Versöhnung spricht, oder der ganz einfach sagte: Nun kommt mal wieder runter, kriegt euch in den Griff, unsere hysterischen Anfälle bringen uns nicht weiter… Mäßigt mal euern Ton… Die Leute wollen doch eines Tages wieder miteinander auskommen, sich über Grenzen hinweg besuchen, Geschäfte miteinander machen, oder? Ich begreife es nicht…. Die einzige einigermaßen ernstzunehmende Stimme in diesem ganzen Gekreisch und Bohei ist die vom Hamburger Exbürgermeister von Dohnanyi, aber der ist ja auch schon über 90… Es wäre aber kaum überraschend, wenn sich diese scheinbar unversöhnlichen Regierungsmitglieder schon sehr bald lächelnd wieder die Hände schütteln und gemeinsam in die Kameras grinsen. Unter leitenden Angestellten des Kapitals lässt sich schließlich alles finanziell regeln, und ihre Gehilfen aus den Medien werden Beifall klatschen. Aber dann wird man sich alsbald neu aufstellen, um die nächste Meinungsverschiedenheit mit dem nächsten menschlichen Massaker auszuräumen…
Die Politik hat mal wieder auf ganzer Linie versagt – Politiker/innen könnten doch eigentlich längst wissen, dass sie, um ihre Ziele zu erreichen, mit Manipulation, Täuschung, Erpressung, Lügen, Bestechung, Drohungen und den anderen Methoden, auf die sie gewöhnlich zurückgreifen, viel erfolgreicher agieren, als mit Bomben und Raketen…
Ich komme zu dem Schluss: Politische Führer machen nie einen guten Job. Wenn man in einer Position der Macht ist, gibt’s dafür ja auch keine Notwendigkeit. Und Frieden ist ein Privileg für diejenigen, die es sich leisten können, in den Kriegen, für die sie selbst die Verantwortung tragen, nicht kämpfen zu müssen.

24. März 22


O des Diebstahls! O der Lüge!

Als erstes liefen alle Keller voll Wasser. Das Haltbarkeitsende von Stahl- und Spannbeton war in Kürze erreicht, Fundamente wurden mürbe und zerbröselten, Brücken, Bahnhöfe, Wohnblocks und Kathedralen stürzten ein, und schließlich wurden sogar Autos, Flugzeuge und Riesenräder von der Vegetation überwuchert.
Alle Menschen starben, was dann auch ihren Haustieren die Lebensgrundlage entzog.
Als die wenigen überlebenden Wölfe und Bären die letzten mageren Ratten und Mäuse gefressen hatten, versuchten sie, auf einen veganen Speiseplan umzusteigen, was ihnen im Lauf der Evolution dann irgendwann vielleicht auch gelang…
Die Menschen haben nicht die Erde zu Grunde gerichtet – das konnten sie nicht – sie haben nur sich selbst ausgerottet. Erst haben sie ruiniert, was sie zum Leben gebraucht hätten: Luft, Wasser, Grund und Boden, und dann gaben sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Waffen den Rest. Sie führten Krieg, obwohl sie ganz genau wussten: Krieg hat nichts Fortschrittliches an sich. Krieg ist der Triumph einer menschenfeindlichen Ideologie der Macht. Krieg entsteht aus imperialer Gier, aus dem Machthunger der Herrschenden. Angelegenheit der einfachen Leute ist es hingegen nur, in patriotischer Trance über die Erfolge des Fortschritts an den Fronten zu diskutieren und schließlich ohne weitere Umstände zu sterben.
Die Ukraine ist nicht das erste Opfer dieser Konstellation, und sie wird auch nicht das letzte sein. Für massive Aufrüstung und schwere Waffen wird gesorgt, überall werden Pflugscharen zu Schwertern umgeschmiedet, und gern singt man dazu „Give Peace a Chance“. Und warum das Ganze? Warum?  1841 porträtierte Heinrich Heine den Bären Atta Troll, einen edlen Anarchisten, der Auskunft gibt über das Menschenwesen. 

In Caput X erfahren wir: 

Jetzt sind freilich aufgeklärter
Diese Menschen, und sie töten
Nicht einander mehr aus Eifer
Für die himmlischen Intressen; –

Nein, nicht mehr der fromme Wahn,
Nicht die Schwärmerei, nicht Tollheit,
Sondern Eigennutz und Selbstsucht
Treibt sie jetzt zu Mord und Totschlag.

Nach den Gütern dieser Erde
Greifen alle um die Wette,
Und das ist ein ew’ges Raufen,
Und ein jeder stiehlt für sich!

Ja, das Erbe der Gesamtheit
Wird dem einzelnen zur Beute,
Und von Rechten des Besitzes
Spricht er dann, von Eigentum!

Eigentum! Recht des Besitzes!
O des Diebstahls! O der Lüge!
Solch Gemisch von List und Unsinn
Konnte nur der Mensch erfinden.

Keine Eigentümer schuf
Die Natur, denn taschenlos,
Ohne Taschen in den Pelzen,
Kommen wir zur Welt, wir alle.

Keinem von uns allen wurden
Angeboren solche Säckchen
In dem äußern Leibesfelle,
Um den Diebstahl zu verbergen.

Welchen Diebstahl?
Die russische Seite will das Donezbecken einsacken, kurz auch Donbas genannt – ein großes Steinkohle- und Industriegebiet beiderseits der russisch-ukrainischen Grenze. Diese von der Schwerindustrie geprägte Region wurde wegen ihrer Rohstoffvorkommen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industrialisiert. Obwohl das Donbas seine ertragreichste Zeit wohl hinter sich hat, ist da immer noch einiges für Russland zu holen…
Die westliche Seite will die ukrainische Schwarzerde besitzen, die fruchtbarsten Böden der Welt. Die Ukraine ist ja nicht nur die Kornkammer Europas – jährlich werden hier über 60 Millionen Tonnen Getreide produziert, hauptsächlich Weizen, Mais und Gerste – das Land ist auch einer der größten Produzenten von Zuckerrüben in Europa und Weltmarktführer bei den Ölsaaten. Bisher war der Verkauf landwirtschaftlicher Flächen in der Ukraine verboten, aber der Internationale Währungsfond hat als Anwalt der westlichen Agrarkonzerne ganze Arbeit geleistet und Kredite an das verarmte Land daran gebunden, dass das Verbot aufgehoben wird. Das hat prima geklappt, es wurde ein neues Gesetz zum Verkauf der Schwarzerde in einer bemerkenswerten Koalition der Parteien von Präsident Selensky und seines Vorgängers Poroschenko beschlossen. Das soll und wird ohne Zweifel zu einer Konzentration der landwirtschaftlichen Flächen in den Händen einiger weniger westlicher Lebensmittel- Konzerne führen. Zur neoliberalen Weltordnung gehört nunmal der Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte. Deswegen der Wettlauf um die Kontrolle des Landes, darum organisiert die deutsche Regierung im Namen aller europäischen Werte und der deutschen Wirtschaft eine finanz- und handelskriegerische „Ruinierung“ Russlands (eleganter O-Ton Baerbock). Ich wage die Vermutung: Putin hat die Krim annektiert, nur damit der Westen nicht die ganze Ukraine in Besitz nehmen konnte. Atta Troll wusste es schon immer:

Nur der Mensch, das glatte Wesen,
Das mit fremder Wolle künstlich
Sich bekleidet, wußt auch künstlich
Sich mit Taschen zu versorgen.

Eine Tasche! Unnatürlich
Ist sie wie das Eigentum,
Wie die Rechte des Besitzes –
Taschendiebe sind die Menschen!

Aber in großem Stil.

21. März 22


Ultimative Dummheit

Nach der erbärmlichen Flucht der Natokrieger vor den Taliban wandten sich die Hauspapageien der Medien sofort dem nächsten Feind und der passenden toxischen Propaganda zu: Dramatische Appelle, pathetische Beschwörungen, apokalyptische Endzeitathmosphäre besetzten alle Kanäle, Angst steigerte die Einschaltquote. Peinliche Begräbnisrednerinnen beklagten mit ersterbender Stimme kommendes Unheil. Tief betroffene Anchormen&Women mixten als Stimmungsmache erbarmungslos Nachricht und Meinung durcheinander, und Gründe und Möglichkeiten, nach allen Seiten zu schauen und sich objektiv zu äußern, fanden kaum Berücksichtigung. Russia ante Portas! Heuchelei präsentierte sich als seriöse Friedfertigkeit, verzweifelt, aber von Widerstandsgeist beseelt… Der Lieblingssatz der ZDF-Nachrichten war wochenlang: „Die Lage an der ukrainisch-russischen Grenze spitzt sich weiterhin zu“. Die Damen und Herren überspitzten die westliche Propaganda zur hemmungslosen Kriegshetze. Schon seit 2014 tobt in der Ostukraine ein Krieg zwischen pro-ukrainischen Ukrainern und pro-russischen Ukrainern, und dIe deutschen Medien entwickelten in den vergangenen acht Jahren ein beachtliches Geschick, böse Russen von guten Ukrainern zu unterscheiden: Schon gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen zeigte das ZDF Kämpfer des Asow-Regiments, die für das Innenministerium der ukrainische Regierung in der Stadt Mariupol auf Russenjagd waren – unübersehbar und stolz trugen sie an Montur und Helm das schon vom ukrainischen Nationalhelden, dem Nazikollaborateur und Judenmörder Bandera hoch geschätzte Hakenkreuz sowie SS-Runen. Der Sprecher-Kommentar dazu lautete: „Freiwilligenbataillone aus nahezu jedem politischen Spektrum verstärken die Regierungsseite“. Ekelhaft, von was für Leuten die westliche Freiheit mittlerweile verteidigt wird… Das ist natürlich kein hinreichender Grund, den Verstand auszuschalten und den großen Knüppel zu schwingen. Doch bedauerlicherweise glaubte der russische Präsident Putin, tun zu müssen, was er tun zu müssen glaubte: Er handelte nicht rational, sondern genauso, wie kalte Krieger es erwarteten: Komplett irrational. Hätte er nach erfolgtem Manöver seine Soldaten in die Kasernen zurückbeordert, hätte er einen Riesenerfolg eingefahrenhätte er einen Riesenerfolg eingefahren und der Westen eine kolossale Blamage. „Was für ein kluger Politiker!“ – hätte man weltweit gesagt: Die Ostsee-Pipeline geht in Betrieb, Europa muss nicht dreckiges Fracking-Gas aus den USA kaufen, die Treibstoffpreise schießen nicht in die Höhe, und niemand ruft zu den Waffen. Ganz und gar unnötig wäre es gewesen, Putins Freund Schröder in eine Reihe mit dem GröFaZ zu stellen, indem man ihm die Ehrenbürgerwürde aberkennt, absurd, russische Künstler zu unzumutbaren Treueschwüren zu zwingen, anderenfalls man sie nicht singen oder dirigieren lässt, idiotisch, den weltweiten Boykott russischer Bücher und Verlage zu fordern und mir die Angst einzujagen, demnächst müsse ich meine Exemplare von Gorki und Majakowski zur öffentlichen Verbrennung abgeben, lächerlich, den Russischen Zupfkuchen nur noch „Zupfkuchen“ zu nennen, und absolut brutal und unmenschlich, Sportler von den Paralympics auszuschließen, nur weil es russische Krüppel sind… Diesen mehr oder weniger sinnlosen so genannten Sanktionen hätte der russische Präsident locker ausweichen können, doch statt Vernunft walten zu lassen, zeigte sich der russische Präsident so grenzenlos dumm, wie es nur Politiker sein können: Er fühlte sich zum Bruch des Völkerrechts berechtigt, zu Bombardierungen und Artilleriefeuer. Er trieb Menschen in tiefe Trauer um ihre Toten, er zerstörte ihr Land und ihre Wohnungen, er produzierte Mitleid für die Angegriffenen, Solidarität mit den Opfern, Hilfsbereitschaft für unglückliche Flüchtlinge und sogar Besorgnis vor einem Atomkrieg. Und nun? Unsere grüne Außenministerin will Russland „ruinieren“, unser sozialdemokratischer Kanzler nennt sein Aufrüstungsprogramm „eine Zeitenwende“. Was soll das denn heißen? Zeit meines Lebens wurden ständig Kriege geführt – von Korea über Vietnam, von Ungarn und Nicaragua über den Sudan und Jugoslawien bis Afghanistan. Statistiker zählten rund 15 Armee-Einsätze Russlands in fremden Ländern und über 40 Militäroperationen der USA, viele mit Hilfe der Nato und manche davon mit der Unterstützung von Uranmantelgeschossen… Die Milliarden Kriegskosten hätte die Menschheit sehr viel sinnvoller für die Bekämpfung des Hungers und eine Klimaverbesserung verwenden können. Immerhin, Deutschland hat sich nur an Kriegen im Ausland beteiligt und über 70 Jahre Frieden im eigenen Land hinter sich. Diese Art Frieden wurde jungen Leuten, die zum Beispiel gegen soziale Missstände demonstrierten, jahrzehntelang als Grund zur Dankbarkeit vorgehalten. Und letztlich wussten sie auch: Wir, in unserer heilen Welt, mit unserer westlichen Mentalität, haben ein ziemlich angenehmes Leben. Im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika, Südasien und Lateinamerika – bei den Unterentwickelten – ja, da gibt es bittere Armut, da herrschen Militärdiktaturen, sind Massenmorde normal, gehören Massaker zum Alltag, da machen schon Neugeborene ihre Kriegserfahrungen.  Und nun eine Zeitenwende? Also Not & Elend für alle? Schon möglich – wenn der russische Präsident wirklich, wie ihm der deutsche Kanzler unterstellt hat, die Uhren in die Zeit der Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts zurückdreht. Dafür muss er allerdings weiterhin dem Beispiel des preußischen Ministerpräsidenten Otto Eduard Leopold Graf von Bismarck-Schönhausen folgen. Der erklärte 1870: „Die ganze Erwerbung des Elsass und Lothringens geschah ja nicht aus Liebe der Einwohner zu uns und nationaler Gesinnung der deutschen Bewohner, sondern sie war für uns ein rein geographisches Bedürfnis, den Ausgangspunkt der französischen Angriffe weiter wegzurücken, dass man sich wenigstens ausrüsten kann, ehe sie bis Stuttgart vordringen“. Na gut, Bismarck war in diesem Punkt wenigstens ehrlich…  Wenn moderne deutsche Politiker zur Erklärung ihres Weltbildes die deutsche Geschichte bemühen, merkt man nicht selten, dass sie Opfer ihres hausgemachten Bildungssystems sind. Kevin, ein juveniler SPD-Funktionär, machte im Fernsehen deutlich, dass er sein Studium zu Recht abgebrochen hat. Er sagte: „Allein schon die deutsche Geschichte zeigt, dass es Situationen gibt, in denen die Logik des Militärischen als letzte Instanz genutzt werden muss. Deswegen bin ich kein Pazifist“. Das heißt auf Deutsch: Waffen liefern und Soldaten in Marsch setzen, Schützengräben besetzen, Raketen abfeuern, Kesselschlacht schlagen, den Feind niederwerfen, Endsieg! Jawoll! Hilfs-Landser Paul Ronzheimer, Hetzfachmann von der Bildzeitung, angetan mit Stahlhelm und schusssicherer Weste, liegt schon in einem sicheren Fernsehstudio im Hinterhalt, Kriegsreporterinnen in Lwiw (Nein! Lemberg!) versuchen sich im Eifer des Gefechts und mit flackerndem Blick an strategisch bedeutsamen Spekulationen – da hört man dann zum Beispiel so eine skurrile Meldung wie „Granaten haben vermutlich ein Blindenheim lahmgelegt“, und unangenehm knarrende Befehlsorgane deutscher Generale drohen wie in ruhmreichen Barbarossa- Zeiten martialisch mit „Draufhauen“. Da könnte einen die Ankündigung eines Experten, nun zeichne sich am Horizont endlich die Rache für Stalingrad ab, auch nicht mehr überraschen…
Wie man’s dreht und wendet: Auch für diesen Krieg sind nirgends stichhaltige Gründe zu erkennen. Deshalb wäre es ein Zeichen von Restintelligenz, ernsthaft Wege aus der Konfrontation zu suchen. Ich denke, ein erster Schritt könnte der Eintritt Russlands in die Europäische Union sein. Da gehört es nämlich hin, da ergibt sich für die Europäer eine Win-Win-Chance, und wir hätten endlich eine Werte-Union, die den Namen auch verdient. Wenn das nicht bald gelingt, erleben wir vielleicht die letzten Tage der Menschheit. Und dann, wie weiter?
Sicherheitshalber melde ich mich an zur Petrifizierung, und in etwa 50 Millionen Jahren werden postmoderne siebenbeinige Touristen neuester Bauart fossile Partikel von mir aus dem Anthropozän ausgraben, eingeschlossen in einer versteinerten Plastiktüte, was bei den umstehenden Weltraumreisenden hellglühende Begeisterung auslöst…


Genie & Glück

Ein Merkmal von Genie ist die Fähigkeit zu völlig uninteressierter Betrachtung des Weltgeschehens – das weiß man seit Schopenhauer, und diese Kontemplation gilt es zu trainieren.
Dass der Nato nach dem Ende des Warschauer Pakts der Feind abhanden kam und sie sich trotzdem nicht aufgelöst hat, und dass der US-Außenminister, ein autistischer Kompetenzsimulator, dominierend an Konferenzen der EU-Außenminister teilnimmt – was soll’s? Der betrachtet Westeuropa als seinen Satelliten, eine entlegene, altersschwache, depressive und ziemlich lächerliche Provinz. Aber seit Colin Powell 2003 der UNO die Hucke vollgelogen hat über den Irak und dessen Massenvernichtungswaffen, weiß die Welt, welch kriminelle Methoden US-Außenminister anwenden, wenn sie Krieg führen wollen. Also – bei mir wecken die Statements dieser Protagonisten demokratischer Weltbeglückung kein Interesse mehr. Und der Rest des irdischen Führungspersonals geht mir – geographisch korrekt formuliert – erst recht am Arsch vorbei:
Scholz, der führendste Gipfel-Olaf Europas + der ungarische Operetten-Nazi Orban, ein hirnrissiger Dünnbierkutscher + Pascha Erdogan, ein durchgeknallter Duce-Imitator + Mateusz Morawiecki und seine polnischen Klerikalfaschisten in ihrem engstirnigen Inquisitionsmief + der bayerische Randlagenzombie Söder, die Personalunion von Fliege und Klatsche – sie alle habe ich wegen Bedeutungslosigkeit schon abgehakt. Auch der deutsche Bundespräsident, dieser Goldschnittschwätzer, der aussieht wie eine eingeschneite Eule auf dem Fahnenmast, ist obsolet – sein indolentes Verhalten im Fall Murat Kurnaz bewirkt immer noch, dass ich mich angewidert abwende. Endgültig gelöscht habe ich den lächerlichen englischen Kasperkopf Boris Johnson, der nichts so sehr liebt wie Lockdown-Orgien: Wenn dieser Brexit-Tölpel sich mit dem Franzosen, der politisch auch nicht viel kreativer ist als ein Bleistiftanspitzer, um die Heringe im Ärmelkanal streitet, ist mir das völlig wumpe.
Und dann, oh Gott, der Unfehlbarkeitsdogmatiker im Fummel, der Ratzinger Sepp: Seit ich den triefenden Pfaffen-Kitsch in seiner Doktorarbeit gelesen habe, weiß ich, was „hohe Geistlichkeit“ bedeutet. Da hat der Zölibatskasper geschrieben: „Die grundsätzliche Verkehrtheit schließt ein relatives Gutsein nicht aus“ – und das soll wohl heißen: Ein frommer Kinderschänder kann im Vergleich mit heidnischen Menschenfressern immer noch ganz gut dastehen. Ist das so? Ja gewiss, dieser Sankt Lügenbold wird sicher schon bald heilig gesprochen… Verdrängt habe ich schon den mit Überwachungs-Wahnsinn geschlagenen Chef-Chinesen Xi Jinping, der olympische Winterspiele ganz ohne Schnee veranstaltet + den autokratischen Raskolnikow-Epigonen mit dem gestörten Verhältnis zur Meinungsfreiheit, Putin, der so irrational auf LGBTIQ reagiert + den US-Präsidenten, der wie frisch gepresster Haferschleim auftritt und dabei einer Gesellschaft vorsitzt, die vielen Völkern den Speiseplan diktiert, aber selbst die höchste Anzahl an Fettwänsten und Ballonärschen spazieren trägt, und die glaubt, jeder Menschenrechte-Predigt müsse man mit Schusswaffeneinsatz Nachhaltigkeit verschaffen – für Biden, diesen somnambulen Schnarchsack, bleibt nur noch null Interesse.
Von Belang ist aber vielleicht der Hinweis:
Glück ist, von keiner dieser psychopathischen Figuren Notiz nehmen zu müssen.
Das wünsche ich vor allem dem ukrainischen Bühnenkollegen und Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Allerdings – der ist Millionär, und Politiker und Millionär, da ist grundsätzlich Misstrauen angebracht – vor allem, wenn er so ungeniert volksnah auftritt…

22. Februar 22


STINKNORMAL

Natürlich bieten Politikerinnen und Politiker hin und wieder Anlass, sich über sie zu ärgern. Dann hilft ein Blick in die Geschichte, und man stellt fest:
Nicht nur das ertragreiche Zusammenwirken von arabischen Scheichs und afrikanischen Diktatoren mit den Geld scheffelnden Gnomen von Zürich hat sich seit Jahren bestens bewährt, und durch politische Korruption stinkreich gewordene Oligarchen gibt’s nicht nur in Russland oder der Ukraine, nein, auch westliche Amtsinhaber sind ganz normale Leute, die ein sauber strukturiertes Weltbild haben. Sie wollen nur, genau wie wir alle, reich werden, aber nicht dabei erwischt werden.
Also – wir rufen uns mal ins Gedächtnis:US-Präsident Nixon ließ Einbrecher für sich arbeiten. Die französischen Staatspräsidenten Sarkozy und Chirac standen wegen Korruption und Untreue vor Gericht. Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds und US-Präsident Clinton mussten sich wegen ihrer allzu ausgeprägten Triebhaftigkeit rechtfertigen. Der italienische Ministerpräsident Berlusconi wurde wegen Bestechung zu Gefängnis verurteilt. Israels ehemaliger Präsident Mosche Katzav kam wegen Vergewaltigung in den Knast. Dem US-Diplomaten Kissinger werden in verschiedenen Ländern von der Justiz kriminelle Machenschaften vorgeworfen. Der britische Regierungschef Tony Blair hat mit falschen Behauptungen zum Krieg gegen den Irak gehetzt, unterstützt von US-Außenminister Colin Powell, der zum selben Zweck der Vollversammlung der UNO einen Haufen dreister Lügen aufgetischt hat. Dann die deutsche Bonusmeilen-Affäre 2002! Da wurden neun Politiker*innen wegen Untreue und Betrug angezeigt, darunter so ehrenwerte Leute wie der heutige Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin. Und Gregor Gysi ist wegen seiner Bonusmeilen sogar als Berliner Wirtschaftssenator zurückgetreten. Auch gegen den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff ermittelte die Staatsanwaltschaft, und Bundeskanzler Helmut Kohl hat als Empfänger anonymer Spenden gegen das deutsche Grund- und Parteiengesetz verstoßen. Gegen die deutschen Minister Friedrichs, Schäuble und Graf Lambsdorff wurden wegen krummer Machenschaften im Steuer- und Spendenbereich ermittelt. Die kriminelle Energie des US-Präsidenten Trump erregte weltweit Staunen. Auch Englands Premier Johnson brachten seine Lügen vor Gericht. Ganz unsauber waren die einträglichen Geschäfte einiger Bundestagsabgeordneter mit Corona-Masken. Grüne Abgeordnete mussten hurtig ihre unrechtmäßig kassierten Corona-Boni zurückzahlen, sonst wäre wohl ein Staatsanwalt in Aktion getreten. Und schließlich die Cum-EX – Affäre: Die Unschuld von Bundeskanzler Scholz und Hamburgs Bürgermeister Tschentscher würde ich auch nicht beschwören.Aus dieser kleinen Aufzählung können wir schließen:Politiker, Gesetzgeber, Staatenlenker – das sind keine primitiven Straßenräuber, die ihr Leben riskieren, um an Kohle zu kommen und dann im Gefängnis landen, sondern es sind elegante Vorteilsnehmer, die es nicht nötig haben, Gesetze zu brechen, weil sie diese erlassen. Und deswegen haben sie sich, neben den drei klassischen Gewalten – Legislative, Exekutive und Judikative – die vierte Gewalt erschaffen: Die Lukrative.

19. Februar 22


Die Behauptung ist die Wahrheit

„Der Russe ist der Aggressor!“ Der Mainzer Propagandasender, der den russischen Präsidenten mehrmals täglich in die Ukraine einmarschieren lässt, hat’s so gemeldet, also stimmt es. Die deutsche Kriegsministerin, die offiziell Bundesministerin der Verteidigung heißt, schickte 5000 Stahlhelme in die Ukraine und nannte das ein „ganz deutliches Signal“. 5000 Stahlhelme – ich erinnere mich an diese Kopfbedeckung: Nach 1945 lagen die Dinger ja überall rum, viele mit Einschusslöchern, völlig nutzloses Alt-Eisen, bestenfalls dazu geeignet, sie als Behältnis für Alpenveilchen ans Balkongitter zu hängen… Aber Deutschland schickte nicht nur Helme, sondern auch die Köpfe dafür: Zu den 500, die ohnehin dort stationiert sind, wurden nochmal 350 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nach Litauen an die russische Grenze in Marsch gesetzt. „Wir senden damit ein klares Signal der Entschlossenheit an unsere Bündnispartner“, sagte die Ministerin. Zur Beruhigung wies ihr Staatsminister darauf hin, dass das ja wohl von Russland nicht ernsthaft als Bedrohung interpretiert werden könne. Gut, aber warum macht man’s dann? Vielleicht, weil Deutschland ein komplettes Feldlazarett plus Beatmungsgeräte inklusive der nötigen Ausbildung lieferte und schwer verletzte Soldaten der Ukraine in Bundeswehr-Krankenhäusern behandelt werden sollen? Na gut, das ist dann ein Hoffnungsschimmer für die Jungs und Mädels mit den Einschusslöchern im Helm… Das klingt ein bisschen zynisch, macht aber deutlich: Das Missverhältnis zwischen den erklärten Absichten der Politiker und den Konsequenzen ihres Handelns ist immer wieder schädlich für die Gesellschaft. Nur leider ist der Kontrast zwischen den einfachen Soldaten, ihren zivilen Opfern und den Nutznießern im Hintergrund, dieser zum Himmel schreiende Skandal, den meisten Menschen immer noch nicht bewusst. Betrachten wir’s mal ein Stück weit historisch: Die Ukraine war immer eine erstrebenswerte Beute für die habgierigen Herrscher drumherum: Lange vor Stalin, Hitler, dem Warschauer Pakt, der Nato, der EU und dem garstigen Putin rissen sich die mongolischen Khans, die Goldene Tataren-Horde, Moskauer Großfürsten, Kosaken-Atamanen, die Habsburger und die Zaren, polnische Könige und jahrhundertelang auch die Großfürsten von Litauen mehr oder minder große Teile der Ukraine unter den Nagel. Und was uns heute als Kampf für die Wahrung der Menschenrechte verkauft wird, ist auch nur die rabiate Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen. Müssen wir deswegen die tägliche Scharfmacherei in den Medien ertragen, sollen wir ernsthaft denen folgen, die fordern, Russland müsse seine Truppen von seinen eigenen Grenzen abziehen, glauben wir wirklich, deutsche Truppen an den russischen Grenzen seien eine Option für die Zukunft? Ich denke, wenn wir uns schon Militär leisten, können wir es auch sinnvoll einsetzen, also im Inneren. Das heißt, wenn die slawischen Essiggurkenzüchter bei Bautzen plötzlich ihre Autonomie verlangen, ist die Truppe der Garant für unseren inneren Frieden. Nicht nur die Bekämpfung der Kriminalität ist eine Sache des Militärs, sondern auch Steuerhinterzieher, Immobilienhaie, Kinderschänder und alle, die die Lebensqualität in unserem Land beschädigen, kommen vor’s Standgericht. Lohnende Angriffsziele wären ferner die so genannten Querdenker, NPD- und AfD-Kader, Reichsbürger und die Kleinstpartei Freie Sachsen. Ich empfehle zudem, Lallbacke Wolf Biermann und die gusseiserne Jüngerschar, die seinem bellizistischen Appell folgt, einzukesseln und ihnen mit Waffengewalt das warme Wasser abzudrehen. Dann wäre endlich bewiesen: Der deutsche Mann in Uniform ist traditionell der Beschützer des Guten.

10. Februar 22


ES REICHT

Es nervt. 24 Stunden am Tag, wenn nicht Pandemie, dann Ukraine. Ununterbrochenes sinnloses Kriegs-Getöse. Wie eine Schulhofprügelei von sozial geschädigten, gewaltbereiten und intellektuell brutal unterversorgten Vollidioten. Diese ewigen Wiederholungen – allmählich wird’s langweilig:

1960 wird Kuba von den USA wegen sozialistischer Umtriebe mit einem Handels-, Wirtschafts- und Finanzembargo abgestraft, um „dem kubanischen Volk zu Demokratie zu verhelfen“ (Cuban Democracy Act). Diesen gemeingefährlichen und menschenfeindlichen Blockade-Quatsch veranstalten die Amerikaner bis heute.

1962 liefert Russland Raketen nach Kuba. Das macht den Amerikanern schreckliche Angst. Obwohl zwischen Havanna und Washington etwa 2000 km liegen, droht der amerikanische Präsident den Russen mit einem gepfefferten Ultimatum: Entweder ihr baut eure Raketen wieder ab oder wir machen das. Der russische Regierungschef will wegen Kuba keinen Krieg und gibt nach. Das war vernünftig….

Jetzt, 60 Jahre später, findet ein vergleichbares Szenario statt: Nur dieses Mal stationieren die USA und die Nato ihre Raketen gerade mal 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, und sie erklären, sich davon bedroht zu fühlen sei ja wohl übertrieben – jede Rakete trüge schließlich auch eine Friedensglocke in sich… Aber die Russen fühlen sich nunmal bedroht von der „verstärkten vorgeschobenen Präsenz“ der Nato, von multinationalen „Battlegroups“ in Estland, Lettland und Litauen, von der „European Reassurance Inititative“, also den Kampfpanzern, Schützenpanzern und der schweren Artillerie an der Nato-Ostflanke, sowie von der „Operation Atlantic Resolve“, mit der die Vereinigten Staaten Soldaten und Waffen der 3. US-Panzerbrigade auch in Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien rotieren lassen. Kein Wunder, dass der russische Präsident den Rückzug dieser Armada von den russischen Grenzen verlangt, dass er damit droht, sein Land, wenn nötig, militärisch zu verteidigen, und dass er sich nicht vorschreiben lässt, wo seine Armee im eigenen Land ihre Manöver abhalten darf. Er kann ja auch schlecht seine russischen Truppen aus Russland abziehen…

Vielleicht würde der amerikanische Regierungschef dem sogar zustimmen, aber der muss wegen der Wahlen zum Repräsentantenhaus Ende 2022 als unnachgiebiger Terminator auftreten, sonst machen ihn die republikanischen Falken fertig. Da stellt sich nun die Frage: Wer ist an Krieg interessiert?

Die NATO ist in der Ukraine, aber die Ukraine ist nicht in der NATO. Da kommt sie aufgrund alter Vereinbarungen wahrscheinlich auch nicht rein, da kann der NATO-Generalsekretär, ein Hauspapagei des Weißen Hauses, noch so oft verkünden, die NATO könne so viele Partner aufnehmen, wie sie will.

Der Verdacht liegt nahe: Der Westen schürt die Aggressionen, weil Rüstung Kriege braucht, und nach dem Wegfall von Afghanistan und Irak bietet die Ukraine ein ausgezeichnetes Terrain für Waffen-Handel und -Erprobung.

Zum Glück servieren ARD und ZDF uns Bundesbürgern tagtäglich und völlig korrekt die Wahrheit aus dem Reich des Bösen: Was für ein finsterer Schurke der russische Präsident ist, und wie entschlossen die NATO an der russischen Grenze die Friedensglocken läutet. Zum Beweis ihrer Kampfbereitschaft haben unsere deutschen Politiker*innen sogar ihren Marine-Chef ruckzuck gefeuert, weil der den befürchteten Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine als „Nonsens“ bezeichnete und meinte „die Halbinsel Krim ist weg, sie wird nicht zurückkommen“. Diese Sätze sind zwar richtig, gelten aber als enorm „irritierend“, weil die westliche Politik es der Krim verboten hat, dort zu sein, wo sie laut Volksentscheid sein will. Die deutsche Kriegsministerin findet zu all dem klare sozialdemokratische Worte: „Aktuell müssen wir Putin und sein Umfeld ins Visier nehmen. Die für die Aggression Verantwortlichen müssen persönliche Konsequenzen spüren, zum Beispiel, dass sie nicht mehr zum Shoppen auf die Pariser Champs Élysées reisen können!“ Man stelle sich nur mal vor, Russlands Außenminister Lawrow würde erklären, man müsse jetzt mal Scholz und sein Umfeld ins Visier nehmen – da kann man sich die Reaktion der Bildzeitung schon vorstellen: Lawrow will deutschen Bundeskanzler abknallen! Auch die junge Frau aus der ehemaligen Pazifistenpartei, die zur Zeit das deutsche Außenamt bellizistisch lispelnd aufmischt, droht den Russen mit Sanktionen. Wie genau die aussehen sollen, erfährt man nicht. Vielleicht Russland mit einer Blockade à la Kuba quälen (Russian Democracy Act)? Oder muss das gesamte Kreml-Personal ohne Abendessen ins Bett? Gibt’s ein Fernsehverbot und keinen Rubel Taschengeld? Noch wissen wir es nicht.
Andererseits plädieren die beiden knallharten Ministerinnen dafür, die angespannte Lage diplomatisch zu lösen. Wie das geschehen soll, halten sie jedoch streng geheim. Kein akzeptables Angebot, keine pfiffige Idee, keine überlegenswerte Alternative – NIX…

Ich denke – wenn das Wort „Krieg“ in die Alltagssprache Einzug hält, ist es angebracht, dass sich jeder, dem der letzte Weltkrieg noch im Gedächtnis steckt, in die Debatte einmischt. Also – Vorschlag:
Sollte man nicht für die Ukraine ein Modell entwickeln ähnlich dem Beispiel Finnlands, Schwedens oder Österreichs? Eine weitere neutrale Ost-West-Brücke? Zur Abwendung eines „heißen“ Krieges“ in Europa könnte Russland ja möglicherweise mit einer Neutralität der Ukraine einverstanden sein – oder?

Also, mal höflich anfragen…

24. Januar 22


ZUM JAHRESWECHSEL 2021 / 2022

König Rudolph III von Burgund sagte vor 1000 Jahren: „Indem wir den Untergang dieser sinkenden Welt vor uns sehen, erwarten wir voll Furcht das Ende allen Fleisches“.
Das hat sich als ziemlich richtig erwiesen, denn zumindest die Billigfleisch-Tresen in den Supermärkten sind an dieser Jahreswende von den Resten der Massentierhaltung geräumt. Darüberhinaus dürfen wir feststellen: Wir, die Guten, bewirkten seitdem schon viel Gutes auf unserer angeblich sinkenden Welt: Erst gestern hat in den Kasseler Bergen ein Lastwagen nach Jahrzehnten des Bangens ein Überholmanöver siegreich beendet, und in den USA hat ein Afroamerikaner unverletzt eine Polizeikontrolle überstanden. Doch das ist nicht alles! In der hinter uns liegenden Zeit haben wir die organisierte Kriminalität besiegt, die Hasskriminalität im Internet ausgerottet, jegliche Gewalt beendet und die Tötung der Wale mit Plastiktüten unterbunden.

Unser Außenministerium hat begriffen, dass Russland von altersher zu Europa gehört und eine Wiederbelebung der traditionellen deutsch-russischen Freundschaft von großem Nutzen sein könnte. Unser Wirtschaftsministerium hat in einer festbeschworenen Allianz mit China den Hunger in der Welt verboten, unser ADAC hat unseren Verkehrsminister überzeugt, ein Tempolimit von 120 km/h sei eine gute Sache, und unser Justizministerium hat erfolgreich eingesehen, dass Snowden, Assange und Chelsea Manning nun endlich die gleichen Menschenrechte zustehen wie Navalny. Die USA haben mit Zustimmung der UNO beschlossen, alle Herrschaftsansprüche aufzugeben and to make America nicht noch greater.


Das Klima gehorcht jetzt zu unser aller Nutzen dem Kommando der Kinder. Wir haben eine sozialverträgliche Reichensteuer und keine Obdachlosen mehr. „Nein“ heißt nun auch offiziell „Nein“, Vergewaltigung geht gar nicht mehr, und wir bremsen mittlerweile sogar für Flüchtlinge. Die Rechtsradikalen haben sich in Grund und Boden geschämt oder sind bei ihrer Flucht nach Libyen im Mittelmeer untergetaucht, die Querdenker wurden medizinisch allesamt optimal auf Intensivstationen versorgt und abschließend in Massengräbern entsorgt. Wir haben die finalen Fragen – Sterbehilfe, Suizid, Abtreibung – ultimativ geklärt, und schließlich ist es uns gelungen, den Corona-Virus an den Rand der Gesellschaft zu drängen, wo er die Invasion anderer Viren verhindert.
Martin Luthers Satz „Die Welt hat nicht einen solchen Ekel an mir, als mein Ekel an dieser Welt ist“ hat also erstmal seine Gültigkeit verloren, und im Geiste von Vernunft und Tatkraft schreiten wir munter voran ins neue Jahr. Was wird es uns bringen?


Ohne Frage die gesundheitsförderliche Zigarette, ein wirksames Schnupfenmittel, regensichere Fahrradkleidung und für Musikanten einen automatischen Notenblattwender. Ferner ein unkaputtbar nachwachsendes Gebiss, das Ende von allen Stauenden sowie einen absolut geräuschlosen Laubsauger. Am meisten dürfen wir uns aber darüber freuen, dass endlich der ausschließlich individuell nutzbare Traum-Mann und die ego-kompatible Traum-Frau auf den Markt kommen.

Interessant ist natürlich auch, ob sich bewahrheitet, was der US-amerikanische Zukunftsforscher Herman Kahn 1967 der Menschheit in unserer Zeit prophezeit hat:
Die Erzeugung synthetischer Nahrungsmittel, Ackerbau auf dem Meeresboden, gezielte Gewichtskontrolle, wirksame Verjüngungskuren, Verhütung von Erbkrankheiten und phrasenfreie Politikerreden.

Ich denke, die Menschheit hat vorzügliche Zukunftschancen:
Wir werden uns auf unsere Funktionalität reduzieren und als Teil einer globalen Megamaschine einrichten – als Menschen, die sich mit ihrer Rädchenexistenz völlig zufriedengeben und den Kopf nicht hängen lassen. Denn wir wissen: Jedes Fürzlein hat seine eigene Würde, und je ausgestorbener das Mammut, desto eher wird es rückgezüchtet. Also – Gottfried Benn liefert uns das Motto des neuen Jahres: „Morgendämmerung gibt’s alle naselang!“

27. Dezember 21


Ein Original- Schmutzgeier,

liebe nationale Mitstreiter und Freunde, ist das Logo von The Republic, einer völkischen Internet-Plattform. The Republic ist eine CDU-nahe Heimatseite gegen schulschwänzende Kinder, linksextreme Krakeeler, sozio-ökologische Wühler, Mietendeckler, Regenbogenschänder und Silvesternächte in Köln. The Republic stoppt den politischen Linksdrift!
The Republic erklärt Ciceros Res Publica für gescheitert, The Republic will die französische Revolution und ihre Folgen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – endgültig überwinden, The Republic bestreitet die historische Notwendigkeit jener doppelten Ausrufung der Republik in Deutschland 1918 und widerruft den Eintritt von BRD und DDR in die Geschichte 1949.
The Republic wurzelt fest entschlossen in der Tradition der Republikaner und ihres Führers, des untadeligen SS-Mannes Franz Schönhuber. Auf seinem geistigen Fundament strebt The Republic ein reichsbürgerliches Deutschland an, in dem Recht & Ordnung herrschen, insbesondere in Kinderzimmern und Justizvollzugsanstalten. The Republic schlägt Brücken von der Werte-Union zur AfD und von Pegida zum Seeheimer Kreis.
The Republic gibt denen, die unser Land am Laufen halten, eine starke Stimme, also den Shareholdern, den Privatjetfliegern und Aufsichtsräten, den Erben großer Vermögen und selbstverständlich den Offshore-Steuerartisten. Es wird Zeit, auch diese Gruppe mal auf den Balkonen zu beklatschen.
The Republic fordert einen Radikalenerlass gegen alle Menschenrechts-Kampagnen und Seenot-Rettungsorganisationen aus dem linken Lager.
The Republic will im Schulterschluss mit der FDP die Ausplünderung unserer Milliardäre
verhindern und unterstützt den Führungsanspruch unserer nationalen Eliten.
The Republic tritt dafür ein, bei Wahlen die Gewichtung der Stimmen abhängig zu machen von den finanziellen Möglichkeiten des Wählers. (Zensuswahlrecht). Im Umkehrschluss verlangt The Republic den Ausschluss von Bürgerrechten für bestimmte Bevölkerungsgruppen, d.h. Wahlrechtsentzug für Niedriglohn-Sklaven, Frauen ohne eigenes Vermögen, Obdachlose und Abkömmlinge ethnischer, sprachlicher, sexueller oder religiöser Minoritäten. Denn für The Republic bedeutet Republik: Die Mitbestimmung eines Volkes bei der staatlichen Willensbildung ist nun wirklich nicht notwendig.
The Republic bietet dem bürgerfeindlichen Klima die Stirn. Das macht Tempolimit und Kohle-Ausstieg überflüssig. Stattdessen will The Republic den Bau neuer Atomkraftwerke erkämpfen. In deren nächster Umgebung wäre dann, vor allem im Hinblick auf die gesundheitspolitischen Konsequenzen, genügend Raum für den sozialen Wohnungsbau.
The Republic hält die republikanische Internationale hoch, pflegt also einerseits enge Kontakte zu Ungarn, Polen und zu den Kapitolbesetzern in Washington, ist andererseits aber auch kosmopolitisch geprägt, also des Englischen mächtig. Folglich fordert The Republic, dass Deutschland regiert wird von einem Chief Executive Officer namens Freddy Merch.
The Republic ist entschiedener Gegner des Genderns: Für uns ist Mathilde Ludendorff ein Freund klarer Worte und nicht etwa eine Freundin.
The Republic besteht auf einer Reform der Öffentlich-Rechtlichen Medien:
Per Volksempfänger alle politischen Begriffe zu entkernen und so lange der Beliebigkeit auszusetzen, bis das ganze Volk einer Meinung ist, betrachten wir als kulturelle Pflicht christlicher Demokraten. Und um die großartigen Leistungen der deutschen Wehrmacht bei der Bekämpfung des Untermenschentums zu würdigen, fordert The Republic die tägliche Übertragung eines Fackelzuges mit anschließendem Zapfenstreich im TV. Sondereinsatzkommandos der Polizei sollen die Anwesenheit aller Fernseh-Zuschauer vor dem Schirm kontrollieren.
Denen, die das Impfen als Angriff auf ihre Freiheitsrechte verstehen, versichert The Republic:
Wir werden uns stets für ein Verbot der Gurtpflicht im Auto und die Abschaffung aller Ampelanlagen einsetzen, dafür aber das Rauchen im ÖPV wieder gestatten.
The Republic wird bei Bedarf die Hacken aneinander schlagen und den Arm heben.
The Republic ist der letzte Dinosaurier im Widerstand gegen Meteoriten.
The Republic finanziert sich durch Spenden. Am besten, Sie geben uns Ihr Geld freiwillig,
bevor wir gezwungen sind, es uns holen.

(Erstveröffentlichung in Melodie & Rhythmus 1/2022)

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OLYMPIA PEKING

Was Milliarden Chinesen tieftraurig stimmt:
Die USA wollen die Olympischen Spiele in Peking diplomatisch boykottieren, wegen Verletzung der Menschenrechte.
Du fragst, ob und wie…?
Nein, nein! Wenn in den USA weiße Polizisten schwarze Menschen erschießen, verletzen sie doch nicht deren Menschenrechte. Sie verkürzen sie nur. Aber mit Respekt.

8.12.21

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Spaltung der Gesellschaft – Ja bitte!

Beliebt und nahezu allgegenwärtig ist der konsequente Missbrauch des Freiheitsbegriffes.
Dabei ist nach Immanuel Kant Freiheit nur durch Vernunft möglich. Da kommen wir also nicht weiter: Seit AfD, Pegida und Querdenker (ein unangemessener Ausdruck – treffender wäre Intelligenz-Allergiker) mit ihren Verschwörungsgespenstern hausieren gehen, müssen wir einen bizarren Aufschwung von Dummheit ertragen. Impfgegner merken gar nicht, wie absurd es ist, wenn sie von Nazi-Methoden sprechen und sich obszönerweise sogar zu Nazi-Opfern erklären, jammernd und anklagend, ohne dass ihnen auch nur annähernd Vergleichbares geschehen ist.
Es hat sich herausgestellt, dass es zwecklos ist, mit Impfgegnern über „Freiheit“ in einer vom Markt beherrschten Gesellschaft zu diskutieren. Das Thema überfordert deren Denkmittel: Ungeimpfte bestehen darauf, erst mutwillig und skrupellos den Virus im Land zu verbreiten, anschließend lassen sie sich von überlastetem Pflegepersonal bestens versorgen, blockieren auf Intensivstationen, aus dem letzten Beatmungsschlauch pfeifend, die adäquate medizinische Versorgung von Schlaganfall -, Herzinfarkt- und Krebspatienten, und am Ende nehmen sie sich die Freiheit, elend zu verrecken.
Diese Karriere bewältigen mittlerweile jede Woche einige Hundert dieser asozialen Ignoranten. (Die alles betrifft selbstverständlich nicht die Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen!)
Aber nun stelle man sich mal vor, dieses kriminelle Verhalten der Ungeimpften könnten wir den bei uns lebenden Menschen mit Migrationshintergrund anlasten – da kommt aber gewaltig Stimmung auf im Land: Applaus für brennende Flüchtlingsunterkünfte, Abschiebungs-Orgien, Racial-Profiling an jeder Ecke. Notorisch fremdenfeindliche Politiker fordern Konzentrationslager, den verfluchten ausländischen Coronaleugnern werden die Menschenrechte aus dem Leib geprügelt, und die Medien diskutieren eine finale Lösung, den Schießbefehl auf die so genannten „Integrationsverweigerer“.
Zum Glück sind die Corona-Leugner keine Ausländer, sondern anständige Bürgerinnen und Bürger unseres Rechtsstaates, die verantwortungsbewusst angeschnallt in ihren Autos sitzen und bei Rot anhalten, also wahlberechtigte Deutsche, ausgestattet mit einem medizinischen Grundwissen, wie man es nur auf den Universitäten von facebook, twitter oder telegram erwerben kann. Na gut, sie krakeelen manchmal ein bisschen, necken Polizisten oder gehen bei Gelegenheit auf den Stufen des Reichstages spazieren. Aber sonst sind sie astreine Deutsche und echte Demokraten, die zu Recht von der Politik und in Talkshow-Diskussionen wichtiger genommen werden als jede medizinische Forschung oder die Analysen von Pandemie-Experten. Wie sonst ist zu erklären, dass für das Pflege- und das Reinigungspersonal in Senioren-und Behindertenheimen immer noch keine Impfpflicht angeordnet wurde? Das heißt doch: Angestellte, die dafür bezahlt werden, der Gesundheit ihrer Schützlinge zu dienen, tragen den Virus durch die Gänge und von Zimmer zu Zimmer. Ich denke, Politiker, die da nicht einschreiten, machen sich zumindest der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, vielleicht sogar der Anstiftung zum Totschlag. Übrigens – erstaunlich ist, wie viele Politiker sich moralisch aufplustern, wenn es darum geht, unheilbar Kranken den Tod auf Verlangen zu verweigern…
Aber bitte – wenn Herr und Frau Mustermann*frau die Corona- Impfung partout verweigern wollen, ok, dann müssen wir eben daraus die Konsequenz ziehen und unsere Gesellschaft gründlich und handwerklich sauber spalten.
1.) Wir lassen alle Veranstaltungen zwei Mal statt finden – ein Mal für Geimpfte, ein Mal für Ungeimpfte: Sport, Theater, Konzerte, Restaurants, Clubs usw. einerseits mit Maske, andererseits in totaler „Freiheit“. Supermärkte und Behörden stehen an zwei Tagen in der Woche nur für Ungeimpfte zu Diensten, in den Betrieben wird in streng voneinander isoliertem Schichtbetrieb gearbeitet, und auch eigene Fahrradwege, Kinderspielplätze, Autobahnen und sogar Kirchen stellen wir den Ungeimpften zur Verfügung.
Spannend ist dabei nur, welche Künstler sich entschließen können, vor einem ungebremst ansteckenden Publikum aufzutreten, welche Mannschaften für diese Leute kicken wollen, und wer ihnen in Ämtern und Kneipen die benötigten Auskünfte oder das Bier besorgt. Wer mag sich für die an die Supermarktkasse setzen? Gibt es Arbeitgeber, die sich mit Ungeimpften umgeben wollen? Oder Geistliche, die mit Vergnügen Ungeimpfte segnen? Es ist doch sehr fraglich, ob man das alles mit Geld regeln kann, auch wenn es für Veranstalter noch so einträglich ist… Oder –
2.) Die Unvernünftigen, also die Ungeimpften, werden dorthin umgesiedelt, wo die meisten Wohnungen und Häuser schon von Coronaopfern Richtung Friedhof verlassen wurden: in den Erzgebirgskreis und in die Sächsische Schweiz, ins Elbe-Elster-Land oder den Thüringer Saale-Orla-Kreis, also in Gegenden, wo der liebe Gott den Sack zugenäht hat. Ungeimpfte AfD-Gefolgsleute erhalten sogar einen Freifahrtschein nach Sibirien, um dort die landesübliche Freiheit, also eine Komplett-Quarantäne, zu genießen.
Vorher jedoch werden die wenigen vernünftigen Bewohner dieser Landstriche, also die Geimpften, ausgesiedelt – nach Mallorca oder Gran Canaria und meinetwegen auch nach Dresden. Da wartet man schon lange auf einen Zuzug von Vernunft. Irgendwie werden wir diese Seuche doch in den Griff kriegen…

1.12.21


Hommage für den CDU-Chef MERZ

Vor einiger Zeit erklärte Friedrich Merz: „Ich hätte auch längst im Deutschen Bundestag einen Vizepräsidenten der AfD gewählt.“ Heute nun saß der Kaplan von Brilon, wie der Nebenverdienstraffke aus dem Sauerland auch genannt wird, in einer Berliner Bierstube und beschriftete einen Bierdeckel mit seiner großen Vision, wie er den Wirtschaftsstandort Deutschland aus der Versklavung durch seine Einwohner und diese Einwohner von der Unterdrückung durch Überfremdung befreien will. Sein von Herrn Gauland inspirierter Koalitionsvertragsentwurf von CDU und AfD trägt die Überschrift: „Vogelscheiße für alle.“  Darin ist enthalten ein entscheidendes Vorhaben –  nämlich: Besondere Verantwortung aktiv gestalten. Dazu, Herr Merz, eine Frage: Was veranlasst Sie eigentlich, anzunehmen, dass Sie das, was Sie jetzt tun wollen, auch können? Man würde Sie doch in in einer Rosamunde – Pilcher-Verfilmung nicht mal als Olivenspieß besetzen… : „Ich hätte auch längst im Deutschen Bundestag einen Vizepräsidenten der AfD gewählt.“ Heute nun saß der Kaplan von Brilon, wie der Nebenverdienstraffke aus dem Sauerland auch genannt wird, in einer Berliner Bierstube und beschriftete einen Bierdeckel mit seiner großen Vision, wie er den Wirtschaftsstandort Deutschland aus der Versklavung durch seine Einwohner und diese Einwohner von der Unterdrückung durch Überfremdung befreien will. Sein von Herrn Gauland inspirierter Koalitionsvertragsentwurf von CDU und AfD trägt die Überschrift: „Vogelscheiße für alle.“  Darin ist enthalten ein entscheidendes Vorhaben –  nämlich: Besondere Verantwortung aktiv gestalten. Dazu, Herr Merz, eine Frage: Was veranlasst Sie eigentlich, anzunehmen, dass Sie das, was Sie jetzt tun wollen, auch können? Man würde Sie doch in in einer Rosamunde – Pilcher-Verfilmung nicht mal als Olivenspieß besetzen… 

Ach Friedrich! Aus dir wird nix. 

Du kannst machen, was du willst: Aus dir wird nix. 

Deine Führungs-Ambitionen reichen weit hinaus, 

Du stehst an den bedeutendsten Rednerpulten, 

Du bekleidest zahlreiche respektheischende Ämter, 

Viele Stammtischrunden folgen dir ergeben, 

Dein Bierdeckel ist Programm für’s Volk.

Aber: Aus dir wird nix. 

Pflege nur weiter deine Beziehungen, 

Schwinge Reden, biedere dich an,

Stelle Forderungen, übe Druck aus, 

Mach Versprechungen, äußere Befürchtungen, 

Intrigiere, zahle Schmiergelder: 

Aus dir wird trotzdem nix. 

Du bist von dir überzeugt. 

Du verwaltest das Leben, du bildest emsig Vermögen. 

Du hast keine Geldsorgen, sogar deine Zeit gehört dir. 

Du musst dein täglich Brot nicht verdienen.

Und doch: Aus dir wird nix –

Selbst wenn du willst: Es fehlt dir an Können.

Neben denkenden Menschen, die Wirkung entfalten, 

Erscheinst du wie eine kniende Blattlaus neben einem Elefanten.

Eine Volksvertreter-Attrappe mit eigenem Flugzeug. 

Nein, aus dir wird nix.

Sogar deine katholische Studentenverbindung bedauert:

Schade, aus dem wird nix. 

Rolle nur deinen Felsen immer weiter den Berg hinauf… 

Das wird nix mehr! Ach du armer Friedrich du…

25.11.21


RANDNOTIZ (aus den Verhandlungsprotokollen)

Wie kann es in einer Zeit von Produktion und Überproduktion wie der unseren vorkommen, dass es noch arme Leute gibt? Ist es für anständige Bürger und Bürgerinnen nachvollziehbar, wenn sie in einer Epoche, in der jedermann in Samt und Seide gekleidet sein könnte, auf der Straße Elendsgestalten begegnen, die, in unvorteilhafteste Baumwoll-Lumpen gekleidet und übel riechend durch den Tag schlurfen…? Ist es für unsere Wählerinnen und Wähler zumutbar, dass menschliche Kreaturen an Hunger, Kälte, Dürre und Krankheiten krepieren, während sich Lebensmittel jeglicher Art in Hülle &Fülle auf sämtlichen Märkten unseres Globus stapeln, die Pharmakonzerne unermesslich viele Gesundheitsmittel anbieten und Klima-Anlagen alle Schikanen der Natur weltweit aufs Angenehmste ausgleichen?
Wir müssen der Menschheit eine stichhaltige Erklärung dafür liefern, warum inmitten unserer ungenutzten Reichtümer Leute existieren, die stur, steif und verbissen darauf bestehen, arm zu bleiben. Dass es sich dabei um Kriminelle handelt, die in Justizvollzugsanstalten am besten aufgehoben wären, sollten wir aus Kostengründen ausschließen. Wir sollten uns vielmehr darauf verständigen:
Armut ist nicht das Ergebnis eines mangelhaften und ungerechten Zustandes der Gesellschaft, sondern eine individuelle Degeneration physiologischer Art. Das heißt, menschliches Elend ist bedingt durch gestörte Funktionen und Abläufe im Organismus eines Individuums… Armut ist eine Neurose, und die Armen sind Geistesgestörte, Degenerierte, Abartige! Also letztendlich Kranke.
Die Bekämpfung dieses Wahnsinns ist in erster Linie eine Familienangelegenheit und keinesfalls Aufgabe der Politik, und schon gar nicht Gegenstand dieser Koalitionsverhandlungen.

21.10.21


JEFF BEZOS ist ok. Er bekennt:

Meine Burger bestehen ganz&gar aus biologisch kontrolliertem und gestempeltem Blattgold. Ich war immer der Überzeugung, das Schmecken, Kauen und Schlucken von Gold sei der Gipfel des Reichtums, das Optimum guten Geschmacks. Und was musste ich feststellen? Es gibt nichts, gar nichts, was ähnlich schlecht schmeckt. Ungenießbar. Absolut ungenießbar. Aber irgendwie kann ich nicht genug davon kriegen…

21.10.21


Olaf ist die neue Angela

Seine Aufgabe ist es, das Merkel-Erbe zu verwalten. 

Norbert (Röttgen) wird der neue Heiko, Markus (Söder) wird der neue Horst.

Und Friedrich (Merz) wird der neue Olaf. Der war ja auch mal Vizekanzler.

Den Rest erledigen sozialdemokratische Frauen.

Das sollte dem Volk als Wechsel zum Neuanfang genügen, denn wir haben eingesehen: 

Der Gegensatz der „Volksparteien“, CDU/CSU und SPD,  ist verbraucht: Es sind zwei Flügel derselben Partei. „Deutschland gemeinsam machen“ stand ja schon auf den CDU-Wahl-Plakaten. Offenbar ist Deutschland noch nicht fertig. Es muss fertig gemacht werden. Und nicht mal dafür kann man Christian (Lindner) gebrauchen. Er soll oppositionell verdorren. Aber Anna-Lena kaufen wir:  Sie erhält den einflussreichen Posten der Leuchtturm-Wärterin von Westerhever. 

Die Klimaveränderung werden wir verlangsamen, bis  die Bevölkerung sich ausreichend mit angemessener Regenkleidung, Gummistiefeln und Schwimmwesten bevorratet hat.

Mit der Digitalisierung werden wir chinesische Investoren beauftragen.

Wir halten daran fest, dass Nachhaltigkeit sich lohnen muss. Deswegen werden wir auch den Müll in den Meeren, das Gift in den Böden, die Monokulturen und das Artensterben sowie  das Umdenken im Verkehr und beim Wohnen den Marktmechanismen überlassen. 

Um die Di­versität der Gesellschaft voran zu treiben, und um aus der Vielfalt Kreativität zu schöpfen, begrüßen wir es, wenn auch in Zukunft  die reichsten Menschen eher ins All fliegen, als den weltweiten Hunger zu beenden. 

Schwerpunkte unserer neuen Politik bleiben weiterhin Aktienoptionen, Aufsichtsratsposten, Briefkastenfirmen, Steuerhinterziehung, Waffenhandel, Lobbyismus sowie  Schweineschnitzel und Erdöl für jedermann.

Um die „Westliche Wertegemeinschaft“ zu exekutieren, werden wir weiterhin gegen unbotmäßige Länder Sanktionen verhängen oder unsere Friedenstruppen entsenden. 

Also: „Gemeinsam für ein modernes Deutschland.“ Aber ohne den katholischen Fundamentalisten Laschet. Denn Armin wird der neue Frank-Walter (Steinmeier).

Und nicht vergessen: Angela heißt jetzt Olaf. Keine Experimente!

28.9.21


ALTES ERHALTEN – NEUES GESTALTEN: NSFDP

Seit Jahrzehnten widmen wir uns der Ausrottung von Flora und Fauna. Selbst so possierliche Tiere wie den Roten Stummelaffen rotten wir aus. Das Artensterben ist uns anscheinend ein Bedürfnis. Nur den ordinären Nazi lassen wir unbehelligt. Hegend und Pflegend tritt dabei vor allem die FDP in Erscheinung. In dieser Partei sammelten sich nach dem Desaster des 1000jährigen Reiches die Getreuen der Hitlerei.
Zentrale Figur war Dr. Ernst Achenbach, ein Nazi-Diplomat, der in Paris an der Deportation der französischen Juden beteiligt war. Er empfahl: „Um den Nationalsozialisten einen Einfluss auf das politische Geschehen zu ermöglichen, sollten sie in die FDP eintreten, sie unterwandern und die Führung in die Hand nehmen“. Für sein parlamentarisches Wirken erhielt er 1971 das Große Bundesverdienstkreuz.
Zahlreiche Nazi-Funktionäre rotteten sich im Naumann-Kreis der FDP zusammen: Diese Herrschaften waren Feinde einer auf Aussöhnung bedachten Ostpolitik. Besonders lautstark ein mit allen Abwassern gewaschener, vielseitig ungebildeter und geltungssüchtiger Mikrokephalos, der SS-Obersturmführer Siegfried Zoglmann. Diese „Freidemokraten“ forderten eine Generalamnestie für alle Nazis und stimmten im Bundestag gegen das Entnazifizierungsverfahren. Verlangten stattdessen die Freilassung aller „so genannten Kriegsverbrecher“ und begrüßten die Gründung des Verbands deutscher Soldaten aus ehemaligen Wehrmachts- und SS-Angehörigen, um die Integration der nationalistischen Kräfte in die Demokratie voranzubringen.
Das gelang am besten beim Bundestagsfraktionsvositzenden Erich Mende, einer im Volksmund „Brillantine-Erich“ genannten Herrenattrappe, der zwar kein Nazi, aber erst recht kein Widerstandskämpfer war: Die Nazis zeichneten ihn aus mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse, der Nahkampfspange in Bronze, dem Deutschen Kreuz in Gold und dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm obendrein ihr Großkreuz des Verdienstordens.
Diese Bande von Ehrenmännern wurde angeführt von Theodor Heuss, der 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte. Als es nun darum ging, der Adolf-Hitler-Allee und dem Hermann-Göring-Platz wieder anständige Namen zu geben, sprach sich Herr Heuss dagegen aus, Straßen nach antifaschistischen Schriftstellern zu benennen, die von den Nazis umgebracht wurden, zum Beispiel Carl von Ossietzky oder Erich Mühsam. Die Texte dieser Männer liest man heute noch. Die von Herrn Heuss nicht…
1971 schließlich konnten Wählerinnen und Wähler glauben, die FDP sei ein Stück weit zur Vernunft gekommen: Ihre Freiburger Thesen schrieben fest, Liberalismus solle sich auch sozial engagieren, und „Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen.“ Da war der stets gut gelaunte Liberallala-Sangesbruder Walter Scheel Außenminister, später dann Bundespräsident. Dass ein ehemaliges NSDAP-Mitglied dieses Amt bekleidete, störte nicht einmal die SPD.ü
1977 wurden die Freiburger von den Kieler Thesen abgelöst. Das war die Wende der FDP zum Neoliberalismus, Angebot&Nachfrage über alles. Schlichte Gemüter denken seitdem: Liberal – klar, die wollen die Freiheit, die wähle ich. Sie bedenken nicht: Freiheit ohne soziale Sicherheit kann es nicht geben.
Lassen wir mal das bisherige Führungspersonal dieses unappetitlichen Vereins Revue passieren:
Jürgen Möllemann: Fachmann für antisemitische Sprüche, Waffenhandel und Nepotismus. Mit dem offiziellen Briefkopf seines Wirtschaftsministeriums empfahl Möllemann mehreren Handelsketten einen Chip, der als Pfandmünze bei Einkaufswagen zum Einsatz kommen sollte. Hersteller war sein Vetter.
Hausmann, Rexrodt & Kinkel: der personifizierte deutsche Fachkräftemangel.
Bangemann: Die Personalunion von Rollbraten und schwarzem Loch. Der clevere Lobbyist galt in Brüssel als einflussreicher Typ, weil er immer seinen Teller leer aß.
Otto Graf Lambsdorff: Ein verurteilter Steuerhinterzieher.
Hans Friderichs: Noch ein Steuerhinterzieher. Drahtzieher der Flick-Affäre.
Hans-Dietrich Genscher: Buhmann aller progressiven Kräfte wegen Bruchs der sozialliberalen Koalition. Initiator des Jugoslawien-Krieges.
Guido Westerwelle: Zog 2002 mit einer „18“ auf den Schuhsohlen in den Wahlkampf. Die „18“ stand für die zu erreichenden Prozentpunkte. Angeblich wusste er nicht, dass die „1“ und die „8“ in allen Neonazi-Organisationen für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets stehen, also für die Initialen von Adolf Hitler. Den Gipfel politischer Blödheit erklomm Herr Westerwelle mit der Behauptung: „Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet. Alles andere ist Sozialismus!” Ihm war entgangen, dass die Gesellschaftsform, in der man ohne eigene Arbeit das größte Vermögen anhäufen kann, nicht Sozialismus heißt, sondern Kapitalismus.
Philipp Rösler: Er manipulierte den Armutsbericht der Bundesregierung, indem er entscheidende Textpassagen zur Einkommensschere umschreiben bzw. löschen ließ.
Dirk Niebel: Ließ sich einen Teppich aus Afghanistan einfliegen und vergaß, ihn zu verzollen.
Wolfgang Kubicki: Ein windiger Typ. Vermögen und Unvermögen, Liechtensteiner Gelddepots, fragwürdige Finanztransfers und milliardenschwere Schadensersatzverfahren säumen seinen Weg. Herausragend: Die Pleite des Mobilfunkanbieters Mobilcom und die unsauberen Geschäfte bei der Mülldeponie Schönberg.
Christian Lindner: Ließ es „Aus Liebe zur Freiheit“ zu, dass sich ein FDP-Mann von Faschisten zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Denkbar scheint es demnach, dass die FDP unter Lindners Führung eines Tages zwecks Arterhaltung der Spezies Nazi auch den AfD-Gauleiter von Thüringen, einen Herrn Höcke, in ein hohes Staatsamt wählt. Den qualifiziert unter anderem, dass er die deutsche Erinnerungskultur für „dämliche Bewältigungspolitik“ hält…

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(zuerst veröffentlicht in „Melodie&Rhythmus)

20. 9. 21


FS – REGIONALPROGRAMM

Filmaufnahmen, Plakat NDR

14. 9.21


DER SCHRECKLICHE HERR W.

„Ich unterstütze grundsätzlich jeden Streik! Aber wenn er mich beim Reisen stört, hört der Spaß auf… Und eins wollen wir doch mal festhalten: Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen, und die wiederum sind die Arbeitsplätze von übermorgen. Lohnsenkungen führen zum Aufschwung, Gehaltverzicht sichert Arbeitsplätze, Arbeitszeitverlängerung bewirkt den Abbau von Arbeitslosigkeit. Am besten, man würde zwei Drittel der Bevölkerung entlassen.”
Das glaubt jeder neoliberale Welterklärer, und warum das in den vergangenen Jahrzehnten nicht wirklich funktioniert hat, das ist eins der großen Wunder unserer Zeit.
Im Fernsehen spricht eine Moderatorin über den „wahnwitzigen Lokführer-Streik“, in Zeitungsberichten wird der Streik als „Erpressungsversuch“ kriminalisiert, und es gibt Journalisten, die sehen sich des Grundrechts auf Mobilität beraubt. Offensichtlich wissen sie nicht: Im Grundgesetz ist von Mobilität nicht die Rede, vom Streik dagegen schon. Aber in den Medien kommen vorzugsweise wutschnaubende Leute zu Wort, zum Beispiel eine Frau, die keifte, sie arbeite in der Pflege und verdiene viel weniger als die Lokführer. Wie blöde ist das denn? Dann sollten sie und ihre Kollegen und Kolleginnen sich mal schleunigst ein Beispiel an den Lokführern nehmen, denn für den beklagenswerten Zustand unserer Klinik-Konzerne wie Asklepios u.a. gilt dasselbe wie für den erbarmungswürdigen Zustand des Transportkonzerns DB. Hier Bettenmangel und Pflegenotstand, da Unpünktlichkeit, Stilllegung von Strecken, mieser Service und jede Menge lächerlicher Pannen, und all das verdanken Patienten und Reisende auch den windelweichen so genannten Gewerkschaften.
Werfen wir einen Blick auf die Eisenbahn: Weder die GdED, noch TRANSNET noch GDBA (Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten und Anwärter) noch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) – oder wie sich der Klüngel sonst noch so nannte und nennt – setzte der Entlassung von -zigtausend Mitarbeitern einen entschlossenen Widerstand geschweige denn einen wirkungsvollen Streik entgegen. Im Gegenteil:
Man unterstützte einen kapitalfreundlichen Kurs, man befürwortete also die Bahnprivatisierung und fand den Börsengang der Bahn durchaus vertretbar.
Da war keine eigenständige Gewerkschaft mehr am Werk, da kuschelte der verlängerte Arm der Deutschen Bahn AG mit servilen Marktanbetern wie Mehdorn, Grube und Pofalla.
Denen gilt Claus Weselsky, der Anführer der kleinen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), natürlich als rabiater Machtmensch, doch wie genervt man von ihm auch sein mag: Der Mann ist im Gegensatz zu anderen, die sich Gewerkschafter nennen, nicht käuflich, und sein Hinweis, dass es sich bei diesem GdL-Streik um Privatisierungsfolgen handelt, ist völlig richtig. Und alle Arbeitnehmer, die sich über Unbequemlichkeiten als Folge des Streiks aufregen, sollten bedenken, dass es ihnen besser ginge, wenn auch sie von einer Gewerkschaft vertreten würden, die das Wort Arbeitskampf tatsächlich mit Leben erfüllt.

  1. 9. 21



IDEOLOGIE DER BANANE

Die Mitte – das ist der mythische Ort der deutschen Politik. Erfolg hat man nur in der Mitte. Mitte ist, wenn man mittendrin steckt, und alle anderen sind um einen rum.
Mitte ist Zusammengehörigkeitsgefühl und Nestwärme, und alle lachen über dieselben Witze. Mitte ist irre gemütlich, und überall, wo es ein Delikt ist, sich nicht anzupassen, da ist Mitte. Mittenmang zwischen „Bares für Rares“ und Hundescheiße auf dem Bürgersteig – das ist ein einzigartiger Wohlfühl-Hotspot.
Vor einigen Jahren haben die Sozialdemokraten mal behauptet, sie seien die „Neue Mitte“. Das löste Erleichterung aus: Schön, dass die alte Mitte endlich wegkommt. Aber dann fragte man sich: Um welche neue Mitte handelt es sich? Geht es um eine neue rechte Mitte oder um eine neue linke Mitte oder um die neue Mitte des linken Flügels der rechten neuen Mitte oder die neue Mitte des neuen rechten Flügels der linken Mitte, hat die neue Mitte denn überhaupt Flügel, und wer ist denn dieser dunkle Punkt in der Mitte der neuen Mitte? Ist er das Maß aller Dinge, also das Mittelmaß? Dann ist das wohl der Kandidat…
Mittlerweile bezeichnen sich die Sozialdemokraten nur noch als Mitte und nicht etwa als „alte neue Mitte“, weil das den Christdemokraten die Chance bieten würde, sich „neue alte Mitte“ zu nennen.
Entscheidend ist aber die radikale Mitte. In dieser radikalen Mitte – man kann sie auch zentrale Mitte nennen – wird die Macht ausgeübt, von einer Oberschicht aus Industrie, Finanzen und Verwaltung, Verbandsfunktionären und zahllosen Lobbyisten. Diese sog. „Mitte der Gesellschaft“ treibt der Demokratie das Leben aus, die Demokratie verreckt in dieser Mitte. Diese Mitte hat Schuld, dass die Vielfalt politischer Programme schrumpft, und dass sich der politische Horizont vieler Menschen immer mehr verengt. Logisch, dass Politiker, die sich der Mitte zurechnen, gern behaupten, die Mitte sei eine Richtung, und „die Mitte ist vorn!“ Die einzige, die die Mitte bislang philosophisch korrekt verortet hat, ist eine Physikerin namens Dr. Merkel. Die hat festgestellt: Die Mitte ist rechts von links. Genau – das ist das einzige, was man mit Gewissheit von der Mitte sagen kann, außer, dass sie auch links von rechts ist.
Zum Glück kann man einen so schwammigen Begriff wie „die Mitte“ ohne weiteres durch jedes andere Wort ersetzen. Vermutlich würde es auch niemandem auffallen, wenn die Politik nicht „die Mitte“ ins Zentrum ihrer Überlegungen rückte, sondern das Alpenveilchen. Oder die Spreewald-Gurke. Oder die Banane.
Ersetzen wir also mal das Wort „Mitte“ in einem x-beliebigen Politiker-Zitat durch das Wort „Banane“ – dann hat er Folgendes gesagt: „Die politische Banane entstand in Deutschland, und ich bin Vorsitzender einer Partei, die für Maß und Banane steht. Wir wollen die entscheidende Kraft der Banane sein.“
Das habe ich mir gedacht – die Ideologie der Mitte ist Banane.

8. 8. 21


SIEG AM HINDUKUSCH

Als die „kriegsähnlichen Zustände“ Ende 2001 begannen, diente der Bundeswehreinsatz in Afghanistan der Vernichtung von Al Quaida. Als das daneben ging, kämpfte die Truppe für den Schutz der Menschenrechte, also Frauen nicht hauen und so, und das mit durchschlagendem Erfolg: Heute dürfen Frauen nicht nur unverschleiert studieren, sondern sogar betrunken Auto fahren. Und erfreulich ist auch, dass unsere Soldaten bei den eingeborenen Frauen wahnsinnig beliebt sind, weil deren Männer ja meistens in der Moschee sind oder bei einer Steinigung.
Ziel der deutschen Politik war es von Anfang an, „stabile Verhältnisse“ zu schaffen, und heute können wir feststellen: An den Steilhängen des Himalaya ist die optimale Stabilität total stabil !
Um diese Stabilität zu erreichen, bildeten die deutschen Friedensstifter erstmal einen Großteil aller Afghanen zu Polizisten aus, die in Finanzämtern, bei der Straßenreinigung, auf U-Bahnsteigen und bei der Verfolgung von Drogenhändlern für geordnete Verhältnisse sorgen sollten. Unsere Jungs kümmerten sich um die Ansiedlung von Deichmann-Filialen in der Fußgängerzone von Kabul, und als Altenpfleger fütterten sie in Seniorenresidenzen afghanische Greise. Sie überredeten die Bauern, ihre Mohnplantagen aufzugeben und stattdessen Grünkohl anzubauen. Heute gibt es in Afghanistan mehrere Weinköniginnen und Karnevalsprinzen, und RTL erwägt sogar, Afghanen demnächst im Dschungelcamp auftreten zu lassen. In etlichen ländlichen Regionen sind die Taliban-Bürgermeister in die CSU eingetreten und züchten Ammerländer Sattelschweine, und schon bald werden im ganzen Land Schweinske-Filialen aus dem Boden schießen. Ohne Frage wird auch die Korruption sehr bald westliches Niveau erreicht haben…
Längst vergeben und vergessen ist folglich jener Vorfall 2009, als afghanische Kriminelle das Benzin von zwei deutschen Tanklastwagen abzapfen wollten, woraufhin ein deutscher Offizier entschied, das ginge zu weit, was dazu führte, dass kaum noch Human-Material von 142 afghanischen Männern, Frauen und Kindern am Kundus-Fluss aufzufinden war. Der deutsche Verteidigungsminister äußerte subjektiv volles Verständnis für seinen Oberst, der zwar objektiv unangemessen gehandelt habe, aber subjektiv von der objektiven Richtigkeit seines subjektiv richtigen Handelns überzeugt gewesen sei.
Das haben dann auch die Afghanen schnell einzusehen gelernt.
Als andererseits zwei deutsche Soldaten in Afghanistan ums Leben kamen, konnte man im Fernsehen ihre Aufbahrung auf dem Kölner Flughafen sehen. Dazu erklang „Ich hatt’ ein’ Kameraden,” und per Laufschrift wurden am unteren Bildrand die aktuellen Aktienkurse eingeblendet. Das war eine schöne Bestätigung für die Notwendigkeit des militärischen Eingreifens am Hindukusch. Zum Glück muss dort nun nicht mehr unsere deutsche Freiheit verteidigt werden – das machen wir jetzt im Alpenvorland von Mali…

  1. 7. 21

Hinterbänklers Standard-Wahlkampf-Rede

Die existenziellen Probleme in unserer Demokratie, um die es uns geht, meine Damen und Herren, liebe Freunde, und die notwendigen Entscheidungen, das sage ich Ihnen ganz ehrlich, sind doch im Grunde. Das bestreiten zu wollen, gefährdet jeglichen Rückhalt in unserer Bevölkerung. Und das lernen wir doch aus der Geschichte, nicht wahr, gerade in Anbetracht der angespannten Situation inmitten einer Schicksalsfrage! Ich betone das in vollem Ernst, weil erstens einfache Lösungen und zweitens auch nichts anderes. Der deutsche Wald darf auch nicht als Einbahnstraße abgehakt werden wie Schnee von gestern, bloß weil wir uns gesicherte Erkenntnisse ohne Gestaltung der Zukunft nicht länger leisten können. Denn ohne solide Absicherung ins Uferlose sind verantwortungslose Experimente zum Scheitern verurteilt: Wir dürfen nicht länger in dieser Gretchenfrage unserer Nation alle Menetekel in den Wind schreiben, als hätten wir schon und könnten uns mal, nur weil einige extreme Weltverbesserer ihr sozialistisches Süppchen planlos vor die Wand fahren! Wer stürzt denn dann ins Bodenlose bis im Hinblick? Das geht uns doch alle an! Hier nähren die Vorgänge doch die Vermutung! Und es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass die gemachten Vorschläge in Anbetracht nicht reichen, weder hinten noch vorne. Gewiss in Anbetracht! Und wenn Sie mich fragen, wo genau das liegt: Ich weiß es nicht, aber ich gehe davon aus, Anbetracht liegt im Vorfeld, und darin liegt ja auch das Schicksalhafte.

Nun aber frage ich mal zurück: Wo sind sie denn, unsere Alles in Allem? 

Worauf es bei dieser Wahl ankommt, das ist doch die Signalwirkung gerade der Menschen draußen im Lande. Das hat sich hinlänglich erwiesen, vor allem im Einklang hinsichtlich der Auswirkungen für die Zukunft.  Und gerade, wenn möglichst viele Wählerinnen und Wähler in den Städten und Gemeinden in ihren Lebensabschnitten verharren, ist es von großer Bedeutung für alle Teile der Gesellschaft ohne eine einzige eigene Meinung. 

Und nun denken Sie mal ein Stück weiter, meine Damen und Herren, denn das ist  von immenser Wichtigkeit nicht nur im Augenblick, sondern auch mit Blick aufs Klima  – was ich persönlich gern unterstütze, ohne es verhindern zu müssen. Und um den Gestaltungsprozess der Situation entsprechend voranzutreiben, setze ich mich entschieden dafür ein, dass unser aller Zukunft auf der Straße liegt. Reformstau und  eindimensionale Haushaltsplanung müssen wir auch weiterhin mit dem Anspruch verbinden, dass die nachfolgenden Generationen diesbezüglich im luftleeren Raume stehen werden. 

Wir alle dürfen hier auch mal ein Opfer unter dem Strich bringen, meine Damen und Herren, und zwar mit Augenmaß auf Augenhöhe! Es ist ein Grundrecht des deutschen Volkes, vor den Rahmenbedingungen aller Eckdaten nicht die Augen zu verschließen. Und das ist volkswirtschaftlich keine Hinhaltetaktik, auch keine blauäugige Alternative, sondern ein schlichtes Privileg, und zwar für alle Schichten unseres Volkes. 

Und ich verspreche Ihnen: Wir werden dafür kompromisslos einknicken! 

Liebe Freunde, auch wenn ich hier heute vor Ihnen stehe ohne Programm, ohne Konzept, ohne jedes Argument und gegen jede Vernunft zum Wohle für unseren gemeinsamen  Weg – wählen Sie meine Partei, unterstützen Sie mich, vor allem finanziell, und glauben Sie mir: Sie mich auch!

25. 6. 21


Transparenz & Offenheit

Kaum zu glauben, aber es gab ein Leben vor Annalena – ein Gegenmilieu zu den Parteien, eine links-alternative, kapitalismuskritische Szene: Anti-AKW- und Friedensbewegung, Antifa, Umwelt- und Kinder-Initiativen, Dritte-Welt-Gruppen, Frauen-Aktivistinnen, Hausbesetzer*innen usw. Klar, dass da Mitte der 1970er die Idee aufkam, eine Anti-Parteien-Partei zu gründen: Befürworter waren der Ansicht, es wäre sinnvoll, dieses Protestpotential im Parlament zu bündeln, Gegner sprachen vom Ausverkauf der bunten Wehrt-Euch-Ideen. Einig war man sich darin, dass Berufspolitiker und Berufspolitikerinnen den Menschen mehr schaden als nützen und nur Übelkeit verursachen.
Auf dem Gründungsparteitag, 11 Monate vor Annalenas Geburt, mahnte ein misstrauischer Delegierter: „Sägt euch doch nicht das linke Bein ab – ihr wisst doch gar nicht, wie die Krücken aussehen, mit denen ihr uns davon humpeln wollt“. Das Krücken-Argument zog nicht, die sogenannten Ökopaxe gründeten ihre Partei – ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei, aber mit einem Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Kommunisten. Das war die erste Krücke.
Die zweite Krücke hieß „Anpassung“. Dafür schaffte man die Rotation der Abgeordneten ab, die ein grünes Berufspolitikertum verhindern sollte. Damit die Grünen in die Gemeinschaft der etablierten Parteien aufgenommen wurden, mussten nur noch die an den außerparlamentarischen Bewegungen orientierten Ökosozialisten, „Fundis“ genannt, eliminiert werden. Das gelang mittels der üblichen Intrigen, interner Abstimmungsmanipulationen und dem Druck der bürgerlichen Medien. Die Erinnerung an die Fundis ist mittlerweile entsorgt.
Die auf Regierungsbeteiligung fixierten „Realos“ aber humpelten mit Hilfe der Krücken „Ideologie Nein Danke“ und „Beziehungen knüpfen“ weiter Richtung allgemeiner Akzeptanz. Konsens war: Lange Haare ja, aber gepflegt müssen sie sein.
Grüner Gestaltungswille personifizierte sich in einem gewaltbereiten und machtbewussten Ex-Sponti, der es fertig brachte, Auschwitz für den von ihm mitverantworteten Jugoslawien-Krieg zu instrumentalisieren. Seitdem stehen auch ehemalige grüne Pazifisten keinem Waffenhandel mehr im Weg und stimmen, gestützt auf die Krücken „Macht“ und „Kontrolle“, Bundeswehreinsätzen in Kriegsgebieten zu.
Zügig kanalisierten die Grünen jeden bunten Widerstand in parlamentarisch-etablierte Bahnen, bis es so weit kam, dass eine Ex-Bundessprecherin der Grünen im Management der Gelsenwasser AG anheuerte. Die Krücken hießen nun „Professionalisierung“ und „Fernseh-Präsenz“. Stromlinienförmig hielt der bedeutendste Dosenpfandminister aller Zeiten die Castor-Atommüll-Transporte für rechtlich unabwendbar und Protestaktionen dagegen für falsch. Die einst angestrebte Umverteilung von Oben nach Unten holte der Wachtelkönig, und Widerstand gegen Hartz 4 und die Agenda 2010 wurde im nächsten Feuchtbiotop verklappt. Die Krücken „Sozialabbau“ und „Profitstreben“ waren fortan unverzichtbar, und damit Deutschland im Globalisierungswettlauf wirtschaftlich nicht abgehängt wird, ersetzten die Grünen Kapitalismus-Kritik durch neoliberales Marktwirtschaftsgezeter: Massentierhaltung und Fleisch- Industrie durften weiterwursteln, Kohlekraftwerke waren in Ordnung, wenn sie zur Regierungsbeteiligung führten, Industriebetriebe wurden subventioniert, auch wenn sie einerseits Kurzarbeit verfügten, aber andererseits den Aktionären obszöne Dividende zuschoben, und ein bundesweiter Mietendeckel kommt vielleicht eher lieber doch nicht bestimmt. Grüne Funktionäre wissen, der Regierung wie auch der Opposition anzugehören, erhöht die Glaubwürdigkeit, man humpelt immer dynamischer, und die Krücken dafür heißen „Populismus“ und „Fortschrittsgläubigkeit“. Im Fernseh-Talkshow-Karussell wird deutlich: Voller Einsatz für Nawalny, kein Einsatz für Assange oder Snowden, geschweige denn Sanktionen gegen die USA. Gespannt wartet das Volk, dass die grüne Parteiführung einen Russlandfeldzug proklamiert, klimaneutral mit Solarpanzern.
Die Grünen haben alle ehemals rebellischen Gedanken gecancelt. Sie sagen nichts mehr, was man hinterher nicht richtig stellen kann, und Annalena erklärte den 1. Mai-Demonstranten per Bildzeitung:
„Barrikaden anzuzünden und gewaltsam auf Polizistinnen und Polizisten loszugehen, ist kriminell und in keinster Weise akzeptabel“. Dafür wäre sie vor ihrer Zeit aus der Frauengruppe rausgemobbt worden.
Sie ist eine typische Berufspolitikerin: opportunistisch bis auf die Knochen und im Hinblick auf existenzielle Fragen der Menschheit absolut belanglos. Zum Glück besteht ihre Wählerschaft aus Besserverdienenden, die sich vor allem gegen No-Go-Wörter und für Gendersternchen einsetzen. Für diese Klientel hat Annalena schon die passenden Krücken gefunden: „Versprechen“ und „Vergessen“.

(zuerst veröffentlicht in „Melodie&Rhythmus)

16. 6. 21


Zeitgeist

Immanuel Kants Grundfragen zu Metaphysik und Erkenntnistheorie
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?

gerichtet an Facebook-People, Influencer, Instagramheroes und alle Follower,
beantwortete

die Modetante:
1. Schreibt man Mohde eigentlich mit einem oder zwei O?
2. Soll ich etwa auf Schweinebraten und Kartoffelknödel verzichten?
3. In meinem neuen Hosenanzug sehe ich nur noch halb so fett aus.

die Wetterfee:
1. Sollte ich sicherheitshalber einen Schirm mitnehmen?
2. Ist es sinnvoll, heute noch den Garten zu wässern?
3. Vielleicht lässt man mich in Zukunft ja die Börsenkurse vorhersagen.

Reinhold Messner :
1. Muss ich hier etwa auch wieder runter?
2. Soll ich noch ein letztes Mal jodeln?
3. Mal sehen, ob die Kinder das Seil ordentlich zusammengeknotet haben.

Schumacher jr. :
1. Hat diese Karre denn kein Navi?
2. Darf ich hier etwa nur im Kreis rumfahren?
3. Dieses Mal werde ich die Kurve ja wohl kriegen.

der Terrorismus-Experte:
1. Bin ich der einzige Allwissende hier?
2. Muss ich den Mund halten, um niemanden zu verunsichern?
3. Gottseidank gibt es Dinge, die nur ich weiß.

die Friseurin von Boris Johnson:
1. Sind Perücken nicht doch die bessere Lösung?
2. Wäre es nicht ästhetischer, den Leuten die Köpfe abzuschneiden?
3. Ich bin nicht verantwortlich für jedes Haar in der Suppe.

der Zahnarzt von Jürgen Klopp:
1. Habe ich etwa auch so einen mörderischen Mundgeruch?
2. Eins in die Fresse, mein Herzblatt?
3. Heute wird mir mal kein Finger abgebissen.

12. 6. 21


Besser, wir sind mal ganz still

Sie waren vermutlich Zwangsarbeiter beim Bau der Pyramiden in Ägypten, sie waren Jahrzehnte in babylonischer Gefangenschaft, die Römer haben ihren Tempel zerstört, die Gläubigen totgeschlagen und den Rest in alle Welt zerstreut. Ihre Unterdrückung wurde mit dem Aufstieg des Christentums zum Dauerzustand in der Geschichte. Höhepunkt waren die organisierten Pogrome während der Reconquista und die Vertreibung von der iberischen Halbinsel durch die katholischen Majestäten. Zur Zeit der Kreuzzüge stellte man sie vor die Wahl „Taufe oder Tod“. Tausende, die nicht konvertieren wollten, wurden erschlagen.
Besonders schlimm erging es ihnen dann in den sogenannten „Pestpogromen“ zwischen 1348 und 1353. Warum? Abgesehen von mangelnder Aufklärung gab es religiöse, politische und finanzielle Ursachen, initiiert durch Weltverschwörungstheorien und die Unterstellung von Ritualmorden sowie durch Gerüchte über Brunnenvergiftungen und Hostienschändungen.
Bis ins 19. und 20. Jahrhundert mussten sie grausame regionale Verfolgungen ertragen – in Deutschland, Polen, Russland und anderen Teilen der Welt. Immerhin – bis 1920 wurde ihnen im Osmanischen Reich die freie Glaubensauslebung gegen eine Kopfsteuer gewährt, aber zu keiner Zeit waren sie den Muslimen gleichgestellt: Aussagen von Muslimen galten vor Gericht als wesentlich gewichtiger als die von „Ungläubigen“. Schließlich kulminierte der Hass auf sie im Holocaust, einem beispiellosen Verbrechen mit Millionen Opfern. Nichts ist erschütternder als ein Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem…
Die Juden – sie sind zumindest ein einzigartiges Volk. Und jetzt, 2000 Jahre nach ihrer Vertreibung, sind sie endlich wieder in ihrem Land, aber nun von Staaten umzingelt, die drohen, sie ins Meer zu werfen. Angesichts dieser Geschichte: Wer wagt es, sie zu schmähen, wenn sie ihren selbstständigen Nationalstaat verteidigen und eine Stärkung und Vergrößerung des Staates Israel zu erreichen suchen?
Als ich vor einigen Jahrzehnten mit einem Freund in Israel war, wusste ich selbstverständlich alles über israelischen Imperialismus und das unterdrückte palästinensische Volk. Wir saßen in Netanja im Straßencafé und unterhielten uns. Eine sehr alte Dame kam an unseren Tisch und sagte, ich höre, Sie reden deutsch, kommen Sie doch rüber zu mir und meinem Mann, dann können wir ein wenig plaudern, wir haben es 1939 gerade noch geschafft, aus Berlin rauszukommen. Sind Sie zum ersten Mal in Israel? Wie gefällt es Ihnen denn? Ich antwortete, es sei mir zu viel Militär unterwegs. Im Bus, auf dem Hotelflur, im Kino, in jedem Restaurant – überall Militär, hochbewaffnet. Ja, sagte die alte Dame, das sind unsere jungen Leute, die beschützen uns, bei denen fühlen wir uns sicher. Das ist sehr gut…
Und weil das so ist, und weil die Worte der alten Dame jedem Außenstehenden das Maul stopfen sollten, möchte ich all denen, die Transparente hochhalten mit Aufschriften wie „Juden sind die neuen Nazis“ oder „Stoppt den israelischen Holocaust in Palästina“ oder „Wir wollen keine Judenschweine“, empfehlen, nicht länger ihre profund antisemitische Einstellung als angeblich gutgemeinte Kritik am Staat Israel zu verhökern, sondern in aller Demut zur Kenntnis zu nehmen: Als der Staat Israel gegründet wurde, geschah das nur aus einem einzigen Grund: Um jüdisches Leben zu schützen. Das war sein einziger und ganzer Zweck. Beschämend ist es, wie vielen Leuten in unserem Lande das schon wieder nicht mehr passt. Und jene Leute, die mit dem Spruch kommen, „ich hab’ nix gegen die Juden, wirklich nicht, aber der Staat Israel und seine Politik…“ – müssen mal zur Kenntnis nehmen, Israel ist der Staat der Juden. Der Satz „ich hab’ nix gegen, ABER…“ leugnet das Existenzrecht Israels und ist demnach eine antisemitische Äußerung.
Und weil uns die Aufrechnung der Konfliktgeschichte des Nahen Ostens erwiesenermaßen nicht weiter hilft, sollten wir uns auf zwei Lehren aus der Vergangenheit besinnen: Auschwitz fordert meine Solidarität mit Israel, und: Ich soll nie wieder wegsehen, wenn Unrecht geschieht – und das betrifft selbstverständlich auch das palästinensische Volk. Wir sind aufgerufen, beiden Seiten mit aller Kraft zu helfen – aber nicht mit Rüstungsgütern, Geld für Terror-Organisationen und Propagandageschrei. Und erst recht nicht mit gelehrten Experten oder besserwisserischen Diskussionsrunden, die sich, als Nachkommen der Nazigeneration, für berechtigt halten, dem Staat der Juden Verhaltensvorschriften zu machen. Wir Deutschen haben für das Thema keine Prokura.

17. 5. 21


Koinzidenz

Von den knapp 20 000 Schauspielern in Deutschland haben rund 50 Serien-Promis in einem Anfall von Größenwahn gemeint, jetzt sei es an der Zeit, mal per Video mit selbst geschriebenen Texten zum Thema „Corona“ an die Öffentlichkeit zu treten. Warum haben sie nicht Leute, die professionell mit Ironie, Sarkasmus, Zynismus, also mit Satire umgehen, um Rat und Hilfe gebeten? Sind sie wirklich so dumm, wie man es angesichts zahlreicher Fernsehproduktionen vermuten musste? Immerhin durfte die Darsteller-Elite daraus lernen, wie es sich anfühlt, von der falschen Seite rauschenden Beifall zu kassieren. Das ist in dieser einkommensschwachen Zeit ja auch nicht zu verachten…
Dazu fällt mir ein: Im Briefwechsel von Goethe und Schiller gibt es eine aktuelle Passage: Da äußert sich Friedrich Schiller über die Weimarer Theater-Schauspieler, und er erklärt, die einzig sinnvolle Art des Umgangs mit diesen Leuten sei „der kurze Imperativ“. Also die Befehlsform. Vermutlich dachte er da an „Halt’s Maul!“ Hätte Schiller den folgenden Brief von Veli (Mitte 40), geschrieben auf der Intensivstation des Klinikzentrums Nord in Dortmund, gekannt, Schiller hätte den VIdeo-Künstlern und -Künstlerinnen wohl befohlen: „Lest!“

20.04.21
Liebe Familie und Freunde !Ich wollte euch eine sehr wichtige Information geben. Alle die mich kennen sollen sich 5 min Zeit nehmen. Das lesen und die Fotos,Videos von mir anschauen.
Eigentlich wollte ich es geheim halten dass ich seit 2 Wochen Krank bin und seit 1 Woche in der Intensivstation.
Wer weiß was passiert, deswegen wollte ich die mich mögen und kennen wissen sollten und euch bitten sehr aufzupassen. Da auch viele mich telefonisch nicht erreichen konnten wollte Ich Info geben.
DAS LEBEN KANN KURZ SEIN PLÖTZLICH !
KEINER HAT SICHERHEIT UND GARANTIE.
SEIT GOTT DANKBAR GENIEßT ES
Wollte Euch zeigen dass von heute auf morgen alles im Leben passieren
Ich passe sehr gut auf andere und auf mich auf jetzt seit 1 Jahr Corona noch mehr bin auch immer Zuhause gewesen aber man braucht ja Lebensmittel.
Ich habe vor ca 3 Wochen Test gemacht war alles ok NEGATIV
Vor 2 Wochen war ich Einkaufen und kurz vorher Imbiss. Beim bestellen vor dem Fenster waren um mich auf einmal so voll und ausser ich und noch jemand ohne Masken und beim Supermarkt in der Schlange auch nicht so Abstand und voll.Irgendwo von den beiden Stellen hat mich irgendeiner angesteckt.
Der Scheiß Laden Besitzer denkt eher an Umsatz statt an Abstand und Hygiene der Kunden.
Zuhause Nach 2 Tagen dachte ich das ist wäre eine Erkältung aber mein Kopf platze und Fieber starke Halsschmerzen.
Um sicher zu gehen habe ich mich beim Arzt kontrollieren lassen. Ich war leider Positiv. Ich war Geschockt.
Vor 1 Woche bekam ich Atemnot keine Luft mehr.Die Ambulanz kam.
Müsste mich 1 Stunde mit Sauerstoff vollpumpen.
Normalerweise ist die Sauerstoffsättigung 95-99 % bei mir war es nur 80 %
Wäre ich eingeschlafen wäre ich vielleicht Gestorben.
Zum Glück hatte mein Großer Bruder der Arzt ist mich angerufen.
Er sagte dein Gesicht ist weiß wie eine Leiche und du hast keine Stimme.
Ruf direkt RTW .
Im Krankenhaus hatte ich auch außer Atemnot
Blutzucker auf 480
hatte ein Zuckerschock fast am linken Auge erblindet sagte der Arzt also von beiden Seiten Lebensrisiko fast gestorben
Gott hat mich geschützt
Der Arzt sagte weil ich nie geraucht habe und nie Alkohol getrunken habe wäre ich im Vorteil. Das macht viel aus sonst wäre ich direkt ins Koma gekommen
Im Krankenhaus sagten sie nach 6 Stunden Untersuchung Blutentnahme und Computertomographie. Das Covid Virus hat meinen Körper und meine Lungen angegriffen. Eine dicke Lungenentzündung.
Ich bin direkt in die Intensivstation gekommen .
Die haben mich 1 Woche mit harten Medikamenten, Infusionen, Serum High Level Power Sauerstoff voll gepumpt um mich zu retten
Wie ihr ja auf den Bildern, Videos sieht.
Die haben mich durchlöchert und 2 Aterien mit Draht zusammen gemacht.
Die Venen geplatzt. Schaut wie Blau angelaufen mein rechter Arm ist.
Hoffentlich wenn Gott will überstehe ich es.
Ich habe Angst und bin aufgeregt.
Mein Bruder hat mich medizinisch sehr viel unterstützt. Mit den Oberärzten hier telefoniert. Meine Familie hat mir seelisch Kraft gegeben Gott soll den Segen geben.
Mein Fieber war 39.
Bluthochdruck und Zucker auch hoch.
Das wichtigste im Leben ist Gesundheit das habe ich jetzt so mit Schmerzen festgestellt.
Bitte oasst ihr auch auf. Abstand halten und wo keine Maske ist weggehen.
Dann Dauerstress Arbeit und Privat all die Jahre wie ich es hatte vermeiden können.
Die Krankheit der Tod guckt nicht auf das Alter oder was du bist was du hast
Gott soll mich bald Gesund machen und das ich euch und mein normales Leben wieder habe Inşallah
Betet für mich das ist wichtig.
Notiz: Telefonieren geht nicht ist verboten in der Intensivstation aber ihr könnt mir schreiben wenn ich dann Therapiepausen habe versuche ich zurück zu antworten.Bin mal gespannt wer mich mag und alles liest Gruß euer Veli

24. 4. 21


Hier spricht der Fußball-Fan

Herr Löw beendet seine Existenz als Fußball-Bundestrainer. Gut so: Ein Mann, der mit Anfang 60 in der Öffentlichkeit immer noch Jogi genannt wird, hat zweifellos Probleme, ernstgenommen zu werden. Jetzt kriegen wir Hansi. Hansi – wie jeder x-beliebige Wellensittich. Hansi will mit seiner Mannschaft nach Katar., vor allem, weil das Land außer über ausreichend Sand auch über unerschöpfliche Geldreserven verfügt. Außerdem mag er das Klima – er hat gehört, dass dort im Sommer, also zur Anstoßzeit, häufig bis zu 45 Grad Celsius herrschen. Das findet er angenehm mollig. Die Korruption in der FIFA stört ihn nicht weiter, vielleicht wird er ja schon bald angemessen daran beteiligt, es ist aber nicht auszuschließen, dass ihn der Gedanke an die vielen Toten beim Stadionbau stört. Natürlich hat Hansi ein bisschen Angst, die Herrscher der Wüste nicht korrekt ansprechen zu können und dann in Ungnade zu fallen. Deswegen trainiert er jetzt schon emsig Stammbaum und einen tiefen Diener – so, wie Politiker, wenn sie in den arabischen Ländern Waffen verkaufen und Öl oder Gas einkaufen wollen. Und wenn man nach Katar fährt, muss man wissen: In Katar regiert das Haus von Al Thani, denn der Gründer der Dynastie ist der Emir Mohammed bin Thani. Das Sagen hat zur Zeit Hamad bin Khalifa Al Thani. Der hat 1995 seinen Vater Emir Khalifa bin Hamad Al Thani abgesetzt. Hamad bin Khalifa Al Thani hat drei Ehefrauen und vermutlich 27 Kinder, auch den 1980 geborenen Thronfolger Tamīm bin Hamad Al Thānī. Dessen Urgroßvater war der legendäre Ahmad bin Ali Al Thani, und dann geht es immer so weiter bis zu Sheikh Abdullah bin Nasser bin Abdullah Al Ahmed Al Thani, Urenkel von Sheikh Ahmed bin Mohammed Al Thani und Ururenkel von Sheikh Mohammed bin Jassim bin Mohammed Al Thani, dem siebten Sohn und dritten Nachfolger des Gründers des modernen Katar, Sheikh Jassim bin Mohammed Al Thani, der ein Vetter zweiten Grades von Hamad bin Chalifa bin Hamad bin Abdullah bin Jassim bin Muhammed Al Thani war, dem derzeitigen Herrscher von Katar.
Ohne Zweifel wird Bundestrainer Hansi diesen Stammbaum in die Laufwege seiner Mannschaft integrieren, offensiv und defensiv. Die kann jetzt schon im Chor fehlerfrei aufsagen:
Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Das war der, der seinerzeit behauptet hatte: PROFI-FUßBALL IST EIN GLÄNZENDES FURUNKEL AM ARSCH DES KAPITALISMUS.

24. 4. 21


Die schaffen das

Nach Ansicht des Bundespräsidenten Johannes Rau (heimgegangen im Januar 2006) war die Politikverdrossenheit der Bevölkerung vor allem auf die unverständliche Sprache von Politikern und verkürzte Wiedergabe in den Medien zurückzuführen. Immer weniger Menschen verstünden, worum es bei vielen politischen Entscheidungen gehe, meinte er. Und wörtlich:  „Besonders desaströs ist der Eindruck, wenn die Vorgänge im Zusammenhang stehen oder in die Nähe gebracht werden mit Korruption und unzulässiger Einflussnahme wie Bestechung oder Vorteilsannahme.“ Als ob er’s geahnt hätte: 

Was christdemokratische Hinterbänkler sich beim unanständigen Handel mit Atemschutzmasken in die Taschen gestopft haben, erregte in Betrügerkreisen allgemein Anerkennung, und die Bürger fragten sich bewundernd, wie ertragreich wohl der illegale Handel mit abgezweigten Impfstoffen war. Niemand weiß bislang, wem es Millionen eingebracht hat, dass es im Land an Impfstoff mangelte. Und in dieser Legislaturperiode wird das wohl auch nicht mehr geklärt werden. Aber dann…

Zum/zur Kanzler*in wird nicht gewählt, den/die alle für den/die Geeignetste*n halten, sondern der/die, auf den/die sich die meisten einigen können. Der/die Kanzler*in ist also auch immer der/die kleinste gemeinsame Nenner*in.

Söder?  Der lächelt immer so hinterhältig, dass es sogar in einer harmonischen Runde von Geistesgestörten unangenehm auffallen würde. Söder forderte: Vorsicht mit Vernunft! Diese Formulierung kennzeichnet seine Haltung zur Intelligenz.

Laschet hingegen hat ein eher bedrohliches Lächeln, wenn er völlig gedankenfreie, aber wie in Gelee gemeißelte Sätze formuliert. Laschet konterte mit  „Brücken-Lockdown!“  Ist Brücken-Lockdown dasselbe wie Ausgangssperre?

Göring-Eckart keifte :„Wir brauchen jetzt einen radikalen Wellenbrecher.“ Wen meinte sie – Söder? Oder den großen Denker Christian Linder? Der verfügt über ein breit gefächertes Spektrum an Inhalten, um die Aufgaben der Ziele in den Griff zu bekommen und um über ein effektives Programm zu den drängenden Fragen der Zeit klare Antworten zu geben, damit die berechtigten Interessen Deutschlands zukunftsfähig werden im Sinne einer freiheitlichen Gestaltung, auch und gerade für junge Leute.

Dieser Christian Lindner, an dessen Gesicht der Blick des Betrachters einfach abrutscht, behauptet, eine Ausgangssperre sei „unverhältnismäßig“. Das kann aber eigentlich nicht sein, denn das einzige, was wirklich unverhältnismäßig ist, ist die Redezeit, die das Fernsehen diesem Dödel einräumt.

In dieser für uns alle schwierigen Zeit formulierten die Medien eine Fülle einfallsreicher Thesen. Zum Beispiel: Die Politik muss jetzt sofort handeln, d. h., sie darf nicht untätig sein. Oder: Es bringt nichts, mit Horrorgemälden im Trüben zu fischen. Aber niemand kommt auf die Idee, mal die Wahrheit zu sagen: Es werden nur noch Reden gehalten, die nicht der Rede wert sind. 

Vielleicht sollte man mal ein Tier als Kanzler*in ausprobieren, am besten ein weibliches Tier, eine 16-karätige Goldhamsterin zum Beispiel. Das wäre dann mal eine Kanzlerin zum Anfassen.

14. 4. 21


Kein Grund zur Nostalgie

100 Jahre ist es jetzt her, da tagte im Fernsehen „Die letzte Instanz“, ein nationaler deutscher Sachverständigenrat: Einige Magerquarkdenker der WDR-Meinungsmacherei palaverten mit Frau Kunze, einer schrill schnatternden Bauchrednerpuppe, ferner mit  Milski, einem offenkundig fehlerhaft geklonten Schlager-Replikanten, und mit dem Pfauengockel Gottschalk, der als Blackfacing-Spezialist das Gefühlsleben der Schwarzen angeblich gut nachempfinden kann. Das Thema war „Rassismus in der Sprache“. Die weißen Herrschaften, eitel und inkompetent, ignorierten alles, was zu diesem Thema schon x-mal in Talkshows ausdiskutiert worden war. Angesichts von so viel dummer Arroganz schämten sich zahlreiche Zuschauer, denn sie kapierten: Mit ihnen, den Weißen, ging es steil bergab. 

Sie hatten in ihrem Überlegenheitsdünkel im Lauf der Zeit zu viel falsch gemacht: Menschen nach ihrer Hautfarbe eingeteilt, das Deutschsein über das ‚Weißsein‘ definiert, und sie hatten geglaubt, sich zu ihrer Bequemlichkeit Menschen 2. Klasse halten zu können. Die Herrenrasse hatte es versäumt, statt biologischer Kategorien eine gerechte und menschenwürdige soziale Klassifizierung einzurichten. Deswegen steckte in fast allen Absagen für Bewerbungen auf Jobs und Wohnungen ein struktureller Rassismus. In der Verwaltung signalisierte der Staat den Menschen mit den „anderen Namen“, sie hätten als lästige Bittsteller hier nichts zu suchen. 40% der Kinder in den Klassenzimmern hatten einen Migrationshintergrund, wurden aber unterrichtet von einem Lehrkörper, der zu 90% aus Alteingesessenen bestand. Auf dem Arbeitsmarkt kam „erst Horst, dann vielleicht Amadou“. Menschen mit dunklem Teint, dunklen Augen und dunklem Haar waren im Niedriglohnsektor deutlich überrepräsentiert, aber keine 2 Prozent arbeiteten im Journalismus. Bösartiger Antiziganismus verjagte Sinti und Roma von deutschen Campingplätzen, Afrodeutsche wurden bei Racial-Profiling-Kontrollen von weißen Ordnungshütern genussvoll zusammengeschlagen, und Hetze, brutale körperliche Gewalt, brennende Unterkünfte und mörderische Attentate sorgten für die Gewissheit ständiger Bedrohung. Das Braune im Weißen war allgegenwärtig, und die Parteien stimmten darin überein: Konzepte des Empowerments und der Emanzipation lassen sich angesichts der politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland nicht durchsetzen, denn die Unantastbarkeit der Menschenwürde ist im deutschen Wirtschaftssystem eine kleinbürgerliche Illusion, weil die Gesellschaft nicht auf Moral zielt, sondern auf Profit. Der  Slogan „Ausländer bereichern die deutsche Wirtschaft“ sprach sich global als äußerst zweideutige Wahrheit herum, und weil mögliche Interessenten es extrem reizlos fanden, deutschen Aktionären die Taschen zu füllen und dafür dann als minderwertig angesehen zu werden, wollten sie mit der Einwanderung nach Deutschland lieber warten, bis die Eingeborenen verschwunden seien. 

Endlich, nur wenige Jahrzehnte nach jener Sitzung der „Letzten Instanz“, packten alle, die einst mit großen Hoffnungen gekommen waren, ihre Koffer und wanderten wieder aus. Viele kluge weiße Frauen, die das Diskriminierungsmuster nur zu gut kannten, warfen die Gleichberechtigungs-Quote resigniert in den Müll und schlossen sich ihnen an. Die Zurückgebliebenen, in erster Linie einsame weiße Männer, erinnerten sich an einen Satz des Philosophen Nietzsche: „Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen“.  

In einem letzten Ausbruch von so genanntem gesunden Menschenverstand, vulgo Schwarmintelligenz,  kamen sie zu der Einsicht, wertvoller könnten sie ja nun nicht mehr werden, und es sei wohl am deutschesten, sich auf dem Höhepunkt der Evolution vom Acker zu machen. Letztlich mussten sie einsehen:  Leben ist ein postnatales Problem, das zu meistern sie nicht in der Lage waren. Also beschlossen sie, auszusterben. Bis heute vermisst sie niemand…

14. 4. 21


Perspektivlos

Zur Zeit werden wir mit populistischem Unrat überhäuft, und es ist kaum zu glauben, auf welch primitivem Niveau die öffentliche Diskussion abläuft. Seit am 2. Weihnachtsfeiertag 2020 eine 101 Jahre alte Dame zu besichtigen war, der im Fernsehen als erster eine Spritze gegen Corona in den Oberarm gepiekt wurde, quälen uns in jeder, wirklich in jeder Nachrichtensendung Großaufnahmen von Spritzen, die in mehr oder minder welkes Fleisch eindringen. In den rund 70 Tagen seit jenem ersten Impf-Event in Halberstadt präsentierte man zig-tausend Wiederholungen: Spritze spritzt in Oberarm – da kann man Kameraleute und Redakteure nur zu ihrem informativen Einfallsreichtum beglückwünschen.

Zudem belästigen uns die Medien mit ständigen Politiker-Hinweisen auf dringlichst benötigte Perspektiven. Nur Olaf Scholz, das Feldherren-Imitat der SPD, nach seiner Perspektive für die Menschen befragt, spricht generalstabsmäßig von „Strategie“. Immerhin hat er sich für eine Perspektive zur Öffnung des Kulturbereichs ausgesprochen. Das ihm treu ergebene „Hamburger Abendblatt“ stimmt zu : Die Menschen in Hamburg brauchen eine Perspektive. Der nicht minder konservative Weser-Kurier geht noch ein Stück weiter mit der hochintelligenten Frage: Wie viel Perspektive ist möglich? Niemand konnte diese Frage bislang schlüssig beantworten. Nicht mal der Schwadroneur Christian Lindner.

In einem Interview mit dem Fernsehsender der Tageszeitung „Die Welt“, das die Moderatorin einleitete mit dem erstaunlichen Versprechen „Wir wollen das Thema ein bisschen vertiefen – Herr Lindner…“ sagte der FDP-Vordenker: Die Menschen im Land brauchen eine Perspektive. Im nächsten Interview sagte Herr Lindner: Unser Land braucht eine Perspektive auf Öffnung. Mehrmals forderte er zudem eine rasche Öffnungs-Perspektive. Man konnte ihn aber auch schimpfen hören: Öffnungs-Perspektive? Das ist eine Fata Morgana! Und dann, klagend: Die Ministerpräsidentenkonferenz hat überhaupt gar keinen Stufenplan vorgelegt. Das zeigt: Die Bundesregierung hat gar kein Interesse an einer solchen Perspektive! Schließlich stellte Herr Lindner tadelnd fest: Es fehlt eine Perspektive, wie’s denn weitergehen soll. Na, mit den richtungsweisenden Forderungen sogenannter freier Demokraten natürlich:

Sebastian Körber, Mitglied des bayerischen Landtages: Die Menschen brauchen wieder eine echte Perspektive. Das stimmt. Gefälschte Perspektiven braucht kein Mensch… Hans-Ulrich Rülke aus Baden-Württemberg: Die Menschen brauchen eine Perspektive für die Freiheit. Dummes Zeug, brauchen sie nicht… Und Thomas L.Kemmerich, der Beinahe-MP von Thüringen: Die Menschen brauchen eine Perspektive…Wir müssen uns dem Virus nicht unterordnen, sondern mit ihm leben. Der Mann spricht aus Erfahrung: Mit dem Virus AfD wollte er sich auch schon mal ins Bett legen… Da sah er wohl eine Perspektive.
Nicht weit weg von diesen todesmutigen Vaterlandsverteidigern bewegt sich der Chefredakteur des Münchner Merkur, Georg Anastasiadis. Er schreibt: Wichtig ist, dass die erschöpften Bürger endlich eine Ausstiegs-Perspektive erkennen… Eine Null-Covid-Strategie hält unsere Gesellschaft nicht aus. Sie wäre unbezahlbar… Soviel Macht über unser Leben dürfen wir dem Virus nicht geben.
Klar, lieber ein paar Leute mehr verrecken lassen, als weiterhin den Baumarkt zu schließen…

Robert Wüst, Präsident des Handwerkskammertags Brandenburg, spricht für das Friseur- und Kosmetikerhandwerk: Echte Perspektiven sind das, was diese Unternehmer so dringend brauchen. Planungssicherheit und eine verlässliche Öffnungs-Perspektive wünscht sich Sarna Röser, Vorsitzende der Jungen Unternehmer. Die IG Gastro in Köln veranstaltete eine Mahnwache unter dem Motto: Ohne Perspektiven geben wir den Löffel ab! Zum Trost verkündete der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet: Nach vier Monaten des Lockdowns brauchen die Menschen, brauchen die Unternehmen Perspektiven…Und ich bin sicher, dass es uns gelingen wird, den so besonders von den Einschränkungen betroffenen Branchen wieder eine Perspektive aufzuzeigen. Bundeswirtschaftsminister Altmaier bestätigte das in der ihm eigenen Originalität. Er sagte: Insgesamt ist jetzt das vorrangige Ziel, für viele Bereiche der Wirtschaft eine Öffnungs-Perspektive zu entwickeln.

Eine ganz und gar ungewöhnliche Perspektive spricht Marcus Weinberg an, der seniorenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Ältere Menschen und ihre Familien brauchen jetzt eine Perspektive, wie ihr familiäres und soziales Leben unter Einhaltung des Infektionsschutzes in Zukunft stattfinden kann. Ja gut, aber die endliche Perspektivlosigkeit alter Menschen bleibt doch wohl bestehen, oder?
Bundesgesundheitsminister Spahn äußert sich wie immer ein wenig nebulös: Laien-Selbsttests könnten perspektivisch dazu dienen, wieder Besuche von Theatern oder anderen Veranstaltungen zu ermöglichen. Das ist die Perspektive, sagt er. Aber ganz im Sinne der Abonnenten und gewohnt luzide äußert sich „Die Zeit“: Die Menschen brauchen eine Zeit-Perspektive. Witzig, wer kommt denn schon auf sowas…

Die Perspektiven-Beschwörung nimmt kein Ende. Offenbar ist Perspektive ein Begriff, der Wichtigkeit signalisiert. Der Verdacht liegt nahe: Perspektive ist letztlich nur ein anderes Wort für „Subvention“, „sicheres Einkommen“ oder „Liquidität“, für „Umsatz“, „Profit“ und „Kreditwürdigkeit“. In wissenschaftlichen Statements ist von Perspektiven ja eher selten die Rede, die medizinische Wissenschaft stellt vielmehr Prognosen, sie hat’s nicht so mit den Vorhersagen und den Versprechungen. Es sind die politischen Interessenvertreter, die glauben, mit Eloquenz ihre eigene Perspektivlosigkeit verschweigen und dem niederen Volk einreden zu können, als Volksvertreter wisse man, wo’s langgeht. Mit dem Gerede über Perspektiven bauen sie Kompetenz-Attrappen auf, um der Allgemeinheit vorzugaukeln, sie würden Volkes Willen vollstrecken, und es würde sich lohnen, sie zu wählen. Das alles ist Populismus der übelsten Art. Und die SPD? Immer mittenmang dieser Kulissenschieberei.

Der Bundestagsabgeordnete Mützenich: Die Menschen brauchen klare Perspektiven. Ein unbekannter, aber umso aufgeregterer SPD-Abgeordneter im Landtag von Baden-Würtemberg: Es gilt darauf hinarbeiten zu können, dass die Menschen eine Perspektive haben… hier braucht es verlässliche Planungs-Perspektiven. Die Vorsitzende der hessischen SPD: Die Menschen in Hessen und darüber hinaus brauchen eine langfristige Perspektive, wie es in der Corona-Krise weitergeht. Diese Perspektive hätte gern auch Frau Renate Scheichelbauer-Schuster, die österreichischen Gewerbe-Obfrau: Es braucht natürlich Planbarkeit … genauso wie die Menschen eine Perspektive brauchen in Richtung Ende der Pandemie. Und SPÖ-Chef Martin Staudinger verlangt rigoros: Die Menschen brauchen Unterstützung und Perspektiven – und das JETZT! Jawoll, kein Problem:

Perspektive hat viel mit dem Standpunkt des Betrachters zu tun. Von welchem Standpunkt aus man eine perspektivische Sichtweise (wörtlich: Durchblick) offeriert, ob man eine fundamentale Doppel-Perspektive postuliert oder den philosophischen Perspektivismus bevorzugt – Menschen entwerfen je nach Perspektive unterschiedliche Bilder der Wirklichkeit, denn Perspektivismus ist eine erkenntnistheoretische Grundhaltung. Das Problem ist nur: Wenn man sich damit nicht auskennt, ist man schnell ziemlich perspektivlos.

Am besten, Deutschland hält sich an das perspektivische Denken von Altkanzler Gerhard Schröder. Der fasste 2004 seine Eindrücke von einer Afrika-Reise und seine Haltung zur Afrika-Politik so zusammen: Die Menschen brauchen eine positive Perspektive.
Genau – kein Mensch braucht eine negative Perspektive.

5. 3. 21


Grüß Gott, wir sind die Chaoten

(Vor 40 Jahren Demo in Brokdorf. Aus „konkret“ 1981)

Blümchen für die Bullen? Quatsch. Damit verhindern wir kein Atomkraftwerk. Ich ziehe mich warm an. Darüber wasserdicht. Schwimmerbrille, hilfreich gegen Tränengas. Das Tuch, das – mit Zitronensaft besprüht – die Atmung ermöglicht, ohne die ein „vermummter Chaot“ nicht auskommt. Schokolade und Zigaretten in den Taschen. Pinkeln wird schwierig werden – zu viele Hosen… Trockenes Wechselzeug bleibt im Bus. Ein zweifelnder Blick zu den Jungs, die dem Hannoveraner Pkw entsteigen: Helme, Gummiknüppel, beste Polizeiqualität, Schaumgummipolsterung und Schutzbrett am linken Unterarm, Kneifzange in der Gesäßtasche. Dass ich das alles nicht habe, wird mir noch leid tun. Es ist Sonnabend, der 28. Februar ’81. Wir gehen, Ordnung zu schaffen in Brokdorf.


Die IG-Stacheldraht aus Kiel hatte geladen, und alle, alle kamen. Nachts um 1 Uhr, bei eiskaltem Wind, versammelten sie sich da, wo die Hamburger sonst Karussell und Geisterbahn fahren, neben dem Bunker, ruhig und wach, freundlich und entschlossen; alle wußten: zu gleicher Zeit machen sich die anderen auf den Weg, aus allen Teilen des Landes. Erste Nachrichten treffen ein von Auseinandersetzungen mit der bewaffneten Beamtenschaft auf den Autobahnen. Wir werden, wenn sie uns anhalten, den Bus auf keinen Fall durchsuchen lassen.


Der Innenminister von Schleswig-Holstein, der Doppeldoktor Uwe Barschel, Jahrgang 44, schläft um diese Zeit. Vielleicht träumt er von jenen ruhmreichen Tagen im Jahre 1963, da er – Schulsprecher in Geesthacht und Funktionär der Jungen Union – den Naziadmiral Dönitz zur „Aktualisierung des Geschichtsunterrichts“ in der vollbesetzten Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums auftreten ließ. In wenigen Stunden wird Barschel – statt Rühmliches aus der deutschen Geschichte zu hören, Unsinniges über die deutsche Jugend sagen und die Medien in ein Labyrinth von Manipulation, Lügen und Spekulationen treiben. Für die Falschmeldung, Demonstranten hätten einen Polizisten als Geisel genommen, hat sich der Norddeutsche Rundfunk bis heute nicht entschuldigt.


Den wenigen, aber hartleibigen „Welt“-Lesern wird um diese Stunde ein Interview mit Stoltenberg, der höchsten Erhebung Schleswig-Holsteins, angeliefert, in dem er sagt: „Man muß nach den geistigen Vätern der jungen Gewalttäter fragen.“ Richtig, Schnulli: wer hat denn fast alles, was die Menschen 1945 aus diesem Land machen wollten, ins Gegenteil verkehrt? Wer hat sich denn, gerüstet mit einem aus dem Nazismus tradierten Verhältnis zur kritischen Intelligenz, zum Landesvater stilisiert, mit dem keine Unterhaltung mehr lohnt? Wer hat denn diese dynamisch-aktiven Verwalter staatlich organisierter Missstände wie diesen Penner Barschel, der ungeniert als Dönitz-Fan einer umweltbewußten Generation demokratische Spielregeln beibringen will, wer hat die denn gezüchtet? Nein, ganz recht, Schnulli, Sie waren’s nicht allein… Haken Sie meinetwegen Herrn Atomkanzler Schmidt kreuzweise unter.


Der Konvoi kommt allmählich in Gang. Es ist halb vier, im Bus schläft niemand. Klaus, hinter mir, stellt fest, dass seine Schuhsohle durchgebrochen ist. Sie kriegt einen Verband aus Isolierband. Gehalten hat’s dann nicht. Ich habe vergessen, mir die Telefonnummer eines Anwalts auf dem Handgelenk zu notieren und hole das mit Krakelzahlen nach. „Lass uns mal einen Apfel essen, die sind sowieso zu schade zum Schmeißen.“ – „Mir haben sie mal eine Tüte Äppel beschlagnahmt, gegen Quittung!“ – „Das ist noch gar nix, mir hat so’n Bulle mal ’ne Schachtel Tampons geklaut, weil man damit werfen kann, und ich habe gesagt, aber nur, wenn sie benutzt sind, und der hat gesagt, das ist ihm ganz egal.“ Und dann gibt’s Nachrichten und anschließend den Verkehrsfunk, der uns die wichtigsten Straßensperren der Polizei mitteilt. Das ist sehr freundlich, unsere Route ist frei, sie lassen uns kommen.


Kellinghusen. Hier hat die Bundeswehr ein Atomwaffenlager. Deutsche und amerikanische Soldaten liegen in Stellung mit pro Mann 100 Schuss Munition, falls wir anhalten und dem Platz einen Besuch abstatten wollen.
O-Ton Nato-Offizier in „Die Welt“: „Dann wird gezielt geschossen, aber nicht nach Polizeivorschriften, um einen Rechtsbrecher außer Gefecht zu setzen. Man wird schießen, um zu töten, damit die Atomwaffen geschützt werden. Fragen werden hinterher beantwortet…“ Wir fahren daran vorbei. Diesmal.


Schlafen bis zur Abzweigung nach Wilster. Motorradfahrer erkunden: das Städtchen ist eine Falle, total verstopft. Und etwas weiter, bei Dammfleth, ist völlig Schluß, da steht der Joseph Leinen, Stratege und Demonstrationschef des BBU, vor einer Polizeisperre und versucht, einen mit Sand gefüllten Container mit einer ehemaligen Kaffeebüchse leer zu schaufeln. Er fordert die AKW-Gegner auf, sich einzeln à la Flughafen durchsuchen zu lassen. „Das ist unsere einzige Chance, zum Bauplatz zu kommen“, ruft er aus. Das Fernsehen hat die entwürdigende Prozedur ausgiebig gewürdigt. Es gibt Leute, die haben eben nichts gegen grapschende Polizistenfinger in Achselhöhlen und an ihren Beinkleidern…


Wir fahren weiter. Wir wollen unkontrolliert zum Bauzaun. Wir sind eben richtige Kriminelle. „Wer nach Brokdorf geht, ist ein Rechtsbrecher“, sagte Hamburgs Innensenator Knallfons Pawelczyk. Und um die Mittagsstunde steht fest: der politisch aktive, der umweltbewußte, der fortschrittliche Teil der bundesdeutschen Jugend macht sich bewusst strafbar. Ein paar sinistren Gestalten in Karlsruhe passt das ins Kalkül. Aber uns ist das (legal, illegal-)scheißegal. Wir haben die demokratischen Grundrechte auf unserer Seite.

Der Hamburger Zug ist 25 Kilometer lang. Er rollt er auf St. Margarethen zu. Im Polizeifunk kann man um diese Zeit die Frage eines zweifellos besonders qualifizierten Beamten hören: „Wo kommen denn die vielen Autos her? Da muß doch irgendwo ein Loch sein…“ Die Straße ist frei. Laut „Bildzeitung“ sind wir unterwegs, den Bauern um Brokdorf mit unseren Molotow-Cocktails Haus und Hof abzufackeln. Wo, zum Teufel, stecken denn bloß die uniformierten Staatsdiener, die auch durch meine Steuern existieren, um die total verängstigten Dorfbewohner vor mir zu schützen? Sollten sie mich nicht weiträumig abfangen? Wirksam kontrollieren und aufsplittern?


Anhalten, aussteigen, fertigmachen zum Marsch auf den Zaun. Kein Helm, wie gesagt, kein Knüppel.Man kann mir die Friedfertigkeit nicht absprechen. Andere sind schlauer, sie haben Konsequenzen gezogen aus dem, was sie gesehen und erlebt haben: wie die mobilen Einsatzkommandos 1977 -Tücher vorm Gesicht, Schusswaffen in den Händen – heimfahrende Menschen aus den Autos zerrten, ihnen die Hände auf den Rücken fesselten und sie bäuchlings auf die Straßen der Wilster Marsch warfen; wie die verbeamteten Schlägerkolonnen in Kalkar wüteten; auch, wie scharf dressierte Greiftrupps Straßenzüge von Demoteilnehmern auf dem Heimweg säuberten. Und für die sogenannten Ordnungskräfte gilt: ob bewaffnet oder nicht – nur ein niedergeschlagener Demonstrant ist ein guter Demonstrant. Die Trennung zwischen „friedlichen“ und „gewalttätigen“ Demonstranten findet ein Ende beim Kommando „Knüppel frei“. Nicht vor dem Gesetz, sondern vor der Polizeigewalt sind alle Menschen gleich.


Wir gehen los Richtung Konfrontation. Die Menge der Menschen ist unübersehbar. Es wäre interessant zu erfahren, wie viele wirklich hier sind. Keine Frage – die Zahl wird offiziell wieder heruntergelogen werden. Ein paar hundert Meter weiter steht unser Lautsprecherwagen. Wir erfahren, dass die beiden Straßen zum Bauplatz gesperrt sind. „Wer dafür ist, dass wir zum Bauplatz gehen, soll über den Graben auf die Wiese springen. Wer dagegen ist, soll pfeifen und hierbleiben.“ Keiner pfeift, alle springen. Die schmalen Gräben sind zugefroren, die breiten nicht. Mancher holt sich eiskalte Schlammfüße. Jemand soll sich ein Bein gebrochen haben. Beim Laufen wird uns warm. Die Sperren interessieren nicht. Der nicht endende Zug läßt einfach die eine links, die andere rechts liegen. Am Horizont ist er zu erkennen – der Platz, der wieder Wiese werden muss.


Was wäre wohl, hätte der herrschende Apparat diese Demonstration nicht verboten und hätten die Medien vorurteilslos, ja vielleicht sogar überwiegend positiv darüber berichtet? Nur noch viel mehr Mensch? Nein, ein anderer Staat… Denn „unser“ Staat macht zu seinen vielen Fehlern auch noch den der Unterschätzung und der Arroganz. Demonstrationsteilnehmer kurz und bündig als „Rechtsbrecher“ zu bezeichnen, mag kurzfristig dazu führen, dass einige potentielle Demonstranten zu Haus bleiben. Aber es geraten auch immer mehr Menschen in immer deutlicher erkennbaren Gegensatz zur Staatsgewalt. Und immer mehr geraten ins Nachdenken über den Satz „Alle Gewalt geht vom Volke aus“.


Ich habe noch keinen Polizisten zu Gesicht bekommen und bin doch schon einige Kilometer gewandert. Gelegentlich ein einsamer Hubschrauber. Darüber, Mindesthöhe 450 Meter (darunter Sperrbezirk), die kleinen Flugzeuge mit den Fotografen. Gute Sicht. Das muß imponierende Bilder geben…


Die Rechtsbrecher nähern sich dem Zaun. Hierzulande muß man Recht brechen, wenn man gegen Atomkraftwerke oder Atomraketen ist. Mehrheiten, Minderheiten – seien sie „relevant“ oder radikal – alle diese Spielregeln der sog. freiheitlich-demokratischen Grundordnung sollen sich die Herrschaften gefaltet in den Hintern stecken: Es gibt Fehlentwicklungen, die zum Verbrechen führen, und da darf eine Minderheit, die das erkennt, nicht mehr mitspielen. Von energischem Protestgemurmel allein fällt dieser Bauzaun nicht um. Da steht er.


Seine Gegner strömen von allen Seiten herbei. Das Monstrum ist umzingelt. Die aus Wilster sind auch angekommen. Als sie das Schaufeln mit der Kaffeedose nicht mehr mit ansehen konnten, haben sie die Sandcontainer mit Seilen zur Seite gezogen, haben sich untergehakt und sind an den Ordnungshütern einfach vorbeigewandert. Der Schock der Spaltung zwischen den Brokdorfgegnern, am deutlichsten sichtbar 1977, als die einen glaubten, fernab in Itzehoe etwas erreichen zu können, während die anderen vor Ort auf längere Reden verzichteten und sich ans Schleifen machten, ist überwunden. Was sich in Kalkar abzeichnete, der Wille zum Widerstand, hat die Leute hier an der Staatsgrenze Brokdorf wieder zusammengeführt. Trotz unterschiedlicher Ansichten ist es nicht gelungen, sie auseinander zu dividieren. Und es sind viel mehr, als sich die zwischen Statement und Interview hin- und herbarschelnden Politiker haben träumen lassen. Hatten sie nicht eindringlich gewarnt und ernstlich abgeraten, hierher zu kommen? Vielleicht sind deswegen ja tatsächlich zweihundert Leute zu Hause geblieben… Und nun stehen wir Unbotmäßigen da, sind dreimal so viele wie 1977, stehen da und gucken, und ich denke: Hier wird es irgendwann mal Tote geben.


Eben noch standen nur wenige Polizisten, hochgerüstet, hinter ihrem Zaun und wehrten mit den Plastikschildern lässig ein paar tieffliegende Kartoffeln oder Steine ab; eben noch machten die fest installierten Wasserkanonen einen tiefgefrorenen Eindruck, aber plötzlich zeigt der Staat, was er drauf hat: Überraschungsangriff, Blitzkrieg, Wasser marsch, hau den Lukas, alles Gute kommt von oben: Kranich und Elster, die beiden Hubschrauber, üben Formationsflug, nur wenige Meter über unseren Köpfen. Das macht wirklich Angst.

Die Bullen sind ordentlich heißgemacht. Aber auch das Sportive kommt nicht zu kurz: Hat ein Schütze Arsch vom Dienst eine Tränengasgranate besonders treffend in eine Demonstrantengruppe geschossen, klopfen die Kollegen anerkennend mit den Stöcken auf den Schilden Beifall. Wir alle haben dicke Augen. Diese Granaten springen unkontrolliert wie Silvesterschwärmer durch die Gegend und sind immer für eine schlimme Verletzung gut. Tapfere Leute mit dicken Handschuhen schmeißen die Dinger zurück. Hustende, weinende Polizisten – was für ein hoffnungsvoller Anblick…


Ein deutscher Uniformträger, fern der Heimat, wird nicht schlaff – auch wenn er die Nacht in einem kalten Zugabteil auf dem Lüneburger Rangierbahnhof verbracht hat. Er ist wütend über die Überstunden und das versaute Wochenende, er hat einen Diensteid geschworen, und er hat Angst. Ihm gegenüber, das hat er gelernt, stehen nicht Staatsbürger, die ihre Rechte wahrnehmen; ihm gegenüber stehen Verfassungsfeinde, Chaoten, Studenten, die in die höhere Laufbahn wollen, Flintenweiber, kurz: Mongolen und Tataren. Er muß das Vaterland und Frau und Kinder verteidigen. Ich denke, wenn jetzt der Befehl kommt „Feuer frei“, werden sich nur wenige weigern, zu schießen. Sie werden ihre Pistolen rausholen, sorgfältig zielen und abdrücken. In meine Richtung. Ich fühle mich nicht sicher in der Gegenwart dieser Leute. Bin froh, dass es kräftige, gut ausgerüstete Demonstranten gibt, die einen vor Übergriffen dieser Büttel schützen können, einen zur Not sogar raushauen. Die nicht weglaufen, sondern dagegenhalten. „Endlich erwische ich dich!“ schreit einer dieser Standhaften triumphierend, bleibt stehen, gibt ordentlich Saures, zieht sich dann gemessenen Schrittes unbehelligt zurück. In seiner Gegenwart kann man sich schon eher sicher fühlen. Solange nicht geschossen wird. Und dann? Ich weiß nicht.

Die Schlacht hat drei Stunden gedauert. Die gut organisierte Truppe aus Göttingen ordnet den Rückmarsch. Ganz ruhig, Zehnerreihen, untergehakt. Warten, dass keiner allein zurückbleibt. Alle wissen, was die Staatsmacht für Einzelgänger und kleinere Gruppen vorsieht: Hasenjagd, den Sport für wohltrainierte Beamte, die immer noch Lust haben, auf Schwächere loszugehen. Fakt ist: Kein Hamburger Innensenator kann den Schutz der Demonstranten vor der Polizei garantieren…


Langsam Richtung Omnibus zurückziehen. Nochmal 10 Kilometer Fußmarsch. Alle sind kaputt, müde und hungrig. Die meisten sind seit 36 Stunden wach, haben eine strapaziöse Anreise hinter sich. Sie haben für ihre Verhältnisse sehr viel Geld ausgegeben und sich dafür die Klamotten versaut. Aber sie haben nicht nachgegeben, sondern ihr Recht durchgesetzt, gegen eine Horde größenwahnsinniger Hierarchen zu demonstrieren. Für heute ist es genug.

Und dann plötzlich dieser hinterhältige Angriff: Hubschrauber im Tiefflug, dass einen der Wind der Rotoren zu Boden reißt, sausende Knüppel der Hundertschaften, Materialschlacht der Wasserwerfer. Der abrückende Zug soll von hinten aufgerollt werden. Warum? Niemanden hier verwundert dieser irrationale Ausbruch von Staatsterrorismus. Meine Freundin und ich rennen um unser Leben quer über die Wiese. Ein einzelner Bulle, offenbar im Blutrausch, keucht hinter uns her. Er ist schneller als wir, das wird bedrohlich. Es tut mir leid, dass ich keinen Helm aufhabe und nichts in der Hand. Jetzt wäre es Zeit, sich umzudrehen und das Recht auf Notwehr in Anspruch zu nehmen… Plötzlich taucht Freund Ernst auf, mit Motorradhelm und solidem Eichenknüppel, stellt sich zwischen uns und den Bullen. Der bleibt stehen, grinst unschlüssig, dreht sich dann um und stapft zurück. Warum nicht gleich so…?

28. 2. 21


Einfache Fragen

Alexei Anatoljewitsch Nawalny hat darauf hingewiesen, dass Menschen aus dem Kaukasus Kakerlaken sind, die „wie Vieh zu leben“ wünschten, dass Arbeitsmigranten das brisanteste Problem Russlands sind, dass man alle Georgier deportieren und „das Hauptquartier dieser Nagetiere“ mit Marschflugkörpern zerstören müsse. Das ist gewiss kein Grund, ihn zu ermorden, aber, Herr Robert Habeck von Grünzeug: Wer zu Nawalnys Sprüchen schweigt und stattdessen nur die gegen Lukaschenko demonstrierenden Frauen von Weißrussland anfeuert – ist das ein wählbarer Politiker?

Der nahezu allmächtige russische Präsident muss sich fragen lassen: Wenn er seinen gefährlichsten Feind, den Herrn Nawalny, unbedingt umbringen lassen will, warum hat er’s dann nicht längst getan? Wenn er ihn aber nicht umbringen lassen will – wer treibt da eigentlich warum ständig diese Propaganda-Enten durch unser Dorf?

Vom deutschen Außenminister Heiko Maas erfuhr die Welt, dass Deutschland „eine wertebasierte Außenpolitik betreibt“. Die Wertebasiertheit von Heiko Maas basiert auf der wertvollen Erkenntnis, dass wertebasierte Werte in der marktkonformen Werte-Gesellschaft auf der „Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte“ beruhen. Also – ökonomische Werte spielen da gottseidank keine Rolle. Wäre er sonst auch permanent im Einsatz, um soviel Flüchtlinge wie möglich aus den Flüchtlingscamps auf dem Balkan oder vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten?

Seit anderthalb Jahren ist der WikiLeaks-Gründer Julian Assange in Londons Hochsicherheitsgefängnis eingekerkert, weil er interne Unterlagen des US-Militärs an die Öffentlichkeit brachte und so amerikanische Kriegsverbrechen aufgedeckt hat. Dazu hat Außenminister Maas erklärt, nicht, wer Kriegsverbrechen enthüllt, gehört ins Gefängnis, sondern wer sie anordnet und begeht. Deswegen werde er veranlassen, den Friedensnobelpreisträger in spe demnächst nach Hamburg ausfliegen zu lassen. Assange werde dann im Universitätskrankenhaus behandelt, anschließend erhielte er einen Kuraufenthalt in Bad Pyrmont, und danach werde Deutschland ihn ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen. Zeitgleich bedankte sich Herr Maas per Einschreiben bei Herrn Putin für die Edward Snowden gewährte Gastfreundschaft und stellte sich und der deutschen Bundesregierung die Frage: wem schadet es eigentlich, wenn wir dem Snowden Asyl und eine Ehrenrente geben und ihm die Villa von Schalk-Golodkowsky am Starnberger See zur Verfügung stellen?

Auf all diesen globalen Fragen lastet schwer wie eine meterdicke Filzdecke der Coronavirus, woraus sich eine weitere Frage ergibt: Warum werden der AfD-Flügel und die mit ihm sympathisierenden Coronaleugner nicht endlich aktiv? Sie wissen doch ganz genau: Die Opfer von Corona sind Drückeberger, Simulanten, arbeitsscheues Gesindel und Hypochonder, also vaterlandsloses Gesindel, das sich durch Flucht in eine vorgetäuschte Krankheit allen gesellschaftlichen Verpflichtungen entzieht. Warum fordern unsere völkischen Patrioten nicht endlich, dass zur Rettung der Nation alle Virologen, Ärzte, das Pflegepersonal, die Bettlägerigen auf den Intensivstationen und zur Abschreckung auch alle Covid-19-Toten vor den Volksgerichtshof gestellt und standrechtlich erschossen werden?

Und noch eine letzte Frage: Wenn das Erdklima sich eines Tages von uns Menschen erholt hat: Lebt dann noch jemand, um es zu genießen…?

31. 1. 21


Vertrauen?

Parteichefin Karrenbauer präsentierte der Öffentlichkeit als ihren Nachfolger einen Laschet. Was ist ein Laschet? Wir wissen es nicht. Offenbar ist ein Laschet das, was übrig bleibt, wenn ein Merz verschwunden ist.

Immerhin wissen wir:
Laschet hat gesagt, sein Vater hat gesagt, „sag den Leuten, sie können Dir vertrauen“. Folglich sagte der Laschet nach der Wahl artig, „danke zunächst für das große Vertrauen, ich bin mir der Verantwortung bewusst.“ Das klang überzeugend.

„Es muss ja Leute geben“, höre ich die Nachdenklichen sagen, „die die Verantwortung für alles tragen, auch vor der Nachwelt“. Muss es? Ich kenne keinen Menschen, der persönlich vor die Nachwelt hingetreten ist und verkündet hat, ich trage die Verantwortung. Bestenfalls hat mal einer gesagt, „die Leute sind doch selbst Schuld, wenn sie so blöd sind, mir zu vertrauen.“ (Still! Mir war, als hörte ich gerade die Gebeine von Konrad Adenauer leise kichern…)

Vor einiger Zeit bat der Bundespräsident, die Bürger sollten Vertrauen haben zu denen, „die in unserem Lande Verantwortung tragen“. Wenig später forderte der Innenminister einen Vertrauensvorschuss, als ob er den jemals zurückzahlen könnte. Dann erklärte ein Ministerpräsident, sie vertraue den Kräften der Wirtschaft, und ein Hinterbänkler rief dazwischen, die Menschen müssten verlorenes Vertrauen in die Zukunft zurück gewinnen. Ausgerechnet der Verkehrsminister wollte Vertrauen geschenkt haben, und eine Dame aus der Opposition beklagte den immensen Vertrauensverlust. Aus tiefster Überzeugung behauptete ein Sozialdemokrat, Vertrauen sei eine wesentliche Grundlage rechtsstaatlicher Demokratie, während die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung bei den Angehörigen von Opfern des Nazi-Terrors „um Vertrauen werben wollte“.

Ein Regierungssprecher gab zu, die Krise im Euro-Raum sei „vor allem eine Vertrauenskrise.“ In der Presse hieß es daraufhin, die Politik habe „jedes Vertrauen verspielt“ – als ob zwischen ihr und mir jemals ein Vertrauensverhältnis bestanden hätte. Der Präsident des Bundestages redete seinen üblichen Klartext: „Demokratie braucht Vertrauen, sie gründet auch und vor allem auf dem Vertrauen in ihre Repräsentanten. Ein auf Dauer gesetztes Misstrauen zerstört nicht nur jede persönliche Beziehung, sondern macht auch die Wahrnehmung öffentlicher Ämter unmöglich.“ Dabei ließ er außer Acht: Ein „auf Dauer gesetztes Misstrauen“ gehört zu den Notwendigkeiten einer Demokratie und nicht zu ihren Problemen, denn Demokratie bedarf der ständigen Überprüfung, ob die führenden Demokraten auch vertrauenswürdig sind.

Die Idee vom intakten Vertrauensverhältnis zwischen Berufspolitikern und Bürgern hat der Wirklichkeit in der Bundesrepublik noch nie entsprochen. (Vertrauen wird dadurch erschöpft, dass es in Anspruch genommen wird – sagte Bertolt Brecht.) Ich vertraue keinem dieser Leute.
Das politische Personal benutzt den Begriff „Vertrauen“, als handle es sich um recycelbares Klopapier, das man zum Trocknen auf die Leine hängen kann… Also: Misstrauen ist die erste Bürgerpflicht! Als Fußgänger sollte man ja auch keinesfalls darauf vertrauen, dass auf jedem Gully in der Straße ein Deckel liegt…

17. 1. 21



2020

An Silvester ist es sinnvoll, sich Fragen zu stellen, auf die man keine Antwort weiß:

Wer hat angeordnet, dass Solidarität keine Einbahnstraße ist?
Warum kann ich mir ein leeres Universum nur begrenzt vorstellen?
Warum wird Gegenwind nicht verboten?
Geht man beim Einschlafen durch eine Wand?
Warum ist alles immer nur halb so schlimm?
Gibt es die Welt auch ohne mich?
Erledigt sich alles von selbst?
Wäre ich wohl auch ein guter Japaner?
Sollte ich mich überwachen lassen?
Kann man sich alles denken?
Ab wann ist die Polizei dümmer, als die Polizei erlaubt?
Kann man die Dinge überhaupt nüchtern betrachten?

Ich würde meine Zeit auf Erden gerne nutzbringend vergeuden. Doch jedes Mal, wenn ich damit beginne, merke ich: Ich habe mir nichts Neues mitzuteilen. Dann habe ich natürlich auch keine Lust mehr, mir zuzuhören, und schließlich fällt mir auf, wie sehr ich mich in meiner Gegenwart langweile…

Soll ich mich jetzt etwa in meine eigene Lage versetzen?

* * *

Dezember: Das ist lustig

In Ernst Lubitschs Film von 1942 „Sein oder nicht sein“ sagt der Darsteller des Shylock, der wunderbare Felix Bressart: „Einen guten Lacher sollte man nicht verachten“. Ganz recht – einen guten Lacher.

Die große Comedy-Fangemeinde aber lacht nicht, sondern johlt und kreischt und stößt vor Begeisterung jaulende, spitze Schreie aus – bei kompletter Abwesenheit von witziger Raffinesse und am liebsten, wenn der sogenannte Künstler ein weit verbreitetes Vorurteil bestätigt.

Wissend, was einen erwartet, guckt man sich im 1. einen humoristischen Jahresrückblick an und wird nicht enttäuscht. Der im zuschauerfreien Saal auftretende Zeitgeistrepräsentant hat seine eigene TV-GmbH, und produziert seine Sendung im Auftrag des RBB. Ein Redakteur namens Jürgen Stark ist laut Abspann auch beteiligt. Aber der schwänzt wohl einen anderen Beruf. Angestrebt ist demnach ein Niveau, das es Zuschauern schwer macht, eine FS-Gebührenerhöhung zu verteidigen. Folgerichtig lautet ein Kommentar auf der ARD-Internet-Seite:

Ulla Tittenfick am 20.12.2020 um 9:22 Uhr: Eigenurin: Habe mich selbst eingeschissen und mir dabei versehentlich selbst ins eigene Fötzchen gekotet. Es ist herrlich.

Das kommt also dabei heraus, wenn die ARD versucht, dem auf dem Feld der Satire weit enteilten ZDF hinterher zu hecheln und Sendezeit füllt mit einem white old man, der dem white trash in den Hintern kriecht… Dieser als Humorist getarnte ARD-Magerquark-Verkäufer bedient seine Follower seit Jahren, indem er über Political Correctness und so genannte Gutmenschen herzieht. Er liefert antisemitische, nationalistische, schwulen- und islamfeindliche Vorurteile, und er geigt mit Denunziationen und Hohn den Schwachen der Gesellschaft ordentlich die Meinung. Er nimmt für sich die Deutungshoheit beim rituellen Beschimpfen alter Leute in Anspruch, und am liebsten beleidigt er Politiker, die nicht einflussreich genug sind, um ihm schaden zu können. Dass er bei Themen wie Bisexualität oder Transgender besonders eklig aufblüht, versteht sich von selbst – Solidarität ist nicht sein Ding. Selbstgefällig, arrogant, satt und arriviert, aber nur mit einer höchst mittelmäßigen Bühnenpräsenz ausgerüstet, trippelt er mit kleinen Schritten auf der Bühne hin und her und serviert mit verschwörerisch gesenkter Flüsterstimme eine Aneinanderreihung von schlecht recherchierten Anfeindungen gegen engagierte Linke, oberflächliche Verhöhnungen leidenschaftlicher Weltverbesserer, miese Bloßstellungen unbeholfener Ausländer und Feindseligkeiten gegen unangepasste Außenseiter. Bei seinen Strafpredigten gegen das Zeitgeschehen und das Versagen aller Verantwortlichen grimassiert er so komödiantisch, als sei er der Schmerzensmann vom Obersalzberg, der seine eigenen hinkenden Nazi-Vergleiche zurücknehmen muss. Zerebral fühlt er sich wahrscheinlich dem kapitalistischen System verbunden, seine Interviews werden in der AfD-Presse abgedruckt, und er geniert sich auch nicht, ein 16-jähriges Mädchen, das sich höchst erfolgreich und überzeugend für den Klimawandel einsetzt, mit seiner Häme zu überschütten. Er ist der permanente Friedhofsprediger der Fridays-for-Future-Bewegung. Eitel inszeniert er sich als Experte, der der Jugend an Alter und Weisheit hoch überlegen ist. Dabei ist sein Bild der Jugend nicht entstanden durch ernsthafte Betrachtung, sondern klischeehaft und mit altersmatt-bitterem Lächeln lackiert. Sein Lieblingsthema ist die Heuchelei. Dabei kommt er dann ins große Raunen: Greta Thunberg ist mit dem Auto vom Hotel zum UN-Gebäude gefahren – ganz schlimme Heuchelei!

Er verurteilt alle und alles außer der eigenen Passivität und Mittelmäßigkeit, denn bei aller unerbittlichen Härte seines Auftretens ist er dünnhäutig und schnell gekränkt. Ihn auf seiner eigenen Wertskala zu beurteilen, das hält er für extrem unfair. Stößt er auf Ablehnung, reklamiert er seine Meinungsfreiheit: Er „will ja nur sagen, was er denkt!“, doch leider „darf man in diesem Land schon lange nicht mehr alles sagen.“ Und leider muss er, der mutige Possenreißer, sogar feststellen: „Es ist das erste Mal seit 1945 so, dass man befürchten muss, dass man umgebracht wird, weil man was Falsches sagt.“ Nun, einstweilen hat es niemand der Mühe für Wert befunden, diesen Grützbeutel der Unterhaltungsindustrie zum Schweigen zu bringen. Und auch sein diesjähriger Jahresrückblick bietet dafür mal wieder keinen Anlass…

Vielmehr wird am Ende seines Auftritts die ARD den Erfolg nach folgendem Schlüssel ermitteln: Medienpräsenz mal Witzdichte geteilt durch die Anzahl der Lacher plus Einflussnahme von Außen minus politische Haltung im Quadrat zur Menge der Zweideutigkeiten multipliziert mit dem Marktwert des Künstlers, das ergibt den Quotensieger. Er ist ein erstklassiger Kabarettist – für ein zweitklassiges Publikum.

* * *

Spannende Story 2

Nawalny hält sich im Gespräch – die deutschen Medien (ARD, ZDF, Spiegel usw.) überschlagen sich vor lauter Reporterglück. Dabei werden die Wörter „anscheinend“, „offenbar“, „vermutlich“ u.ä., wie es bei uns Sitte und Brauch ist, nur hin und wieder, wenn der Inhalt allzu unglaubwürdig ausfällt, verwendet. Wenn sie aber verwendet werden, fragt man sich: Was hat denn diese Meldung in seriösen Nachrichten zu suchen?

Acht Agenten also sollen Herrn Nawalny bei seinen zahlreichen Reisen beschattet haben. (Naja, das ist bei radikalen Regimegegnern auch im Westen wohl nichts Besonderes.) Mit einem dieser Agenten will Herr Nawalny telefoniert haben, und der soll ihm den Giftanschlag gestanden haben. Am Telefon. Laut „Spiegel“-Bericht sind dieser Agent sowie der mutmaßliche Koordinator der Operation zur Vergiftung Nawalnys vor dem Anschlag in die russische Küstenstadt Sotschi geflogen, und Handy-Daten belegen nun angeblich, dass sie sich dort in der Nähe der Residenz von Russlands Präsident Wladimir Putin aufgehalten haben. Oha.

Daraus folgt ja wohl: Sie haben sich mit Putin im Garten getroffen, und Putin hat seinen Agenten zu einer rektalen Vergiftung geraten, woraufhin die Agenten dem Herrn Nawalny das Nervengift in die Unterhose geschmiert haben. (In Russland gibt’s sowas Elegantes wie Zäpfchen ja noch nicht.) Moment mal: Unterhosen? Nawalnys Giftration war im Juni doch noch in einer Mineralwasser-Flasche…! Auf einem Tisch in einem Hotel, ich erinnere mich genau! Erstaunlich, mit was für einem unglaubwürdigen Scheißdreck unsere Medien glauben, die Russophobia ihrer Kundschaft düngen zu müssen. Es könnte allerdings auch sein, der Putin unterhält im Krem eine geheime Bespaßungs-Abteilung, um unser aller Unterhaltungsbedürfnis zu beglücken…

* * *

Basta La Musica

Als die Seuche immer mehr Opfer forderte, war politisches Handeln geboten. Also wurden alle Bühnen, Restaurants und Clubs dichtgemacht. Gesundheitsbewusste Menschen verstanden den Sinn dieser Maßnahme: Man musste die Mobilität des Publikums verringern, die Leute sollten zu Hause bleiben. Sie sollten einsehen: Der Weg zu den Vergnügungsstätten war gefährlich, der Virus lauerte überall, und am Ende des Weges fand sowieso nix statt.

Leute mit fortgeschrittener Synapsenverödung konnten diesem Gedankengang nicht folgen:

Sich unverwundbar dünkende Seuchenleugner und Desinfektionsignoranten füllten die Gassen, rücksichtslos hustende Maskenverweigerer besetzten alle Parkbänke, pubertäre Eckensteher veranstalteten das, was sie feiern oder cornern nannten, trostlos dämliche Reichsbannerträger rotteten sich zusammen, autoritäre kleine Trumps, Höcke-Apostel, imbezile Verschwörungstheoretiker, intellektuell verschlissene Querdenker und viele vernagelte Mitläufer sorgten auf den Partymeilen für eine rasante Ausbreitung der Seuche, und mit Vorliebe proklamierten sie bei ihren voluminösen Hochzeits- und Geburtstagsfesten ein Menschenrecht auf Ansteckung.

Neben diesen unterbelichteten Asozialen mit ihrem Protest-Gelalle füllten tüchtige Gewerbetreibende ununterbrochen mit ihren Hilfeschreien die Nachrichten. Gastronomen, Taxifahrer, Reisebüros, Boutiquenchefinnen, Puffbesitzer und andere wichtige Leistungsträger mussten sich entscheiden, was ihnen wichtiger war: Auskömmliche Umsatzzahlen oder die steigenden Todesmeldungen aus den Krankenhäusern. Ja, da war unermessliches Leid im deutschen Einzelhandel.

Ganz schlimm aber traf es die ihrer Auftrittsmöglichkeiten beraubten Künstler und das dazu gehörende Backstage-Personal. Die standen vor der Frage: Wovon soll ich meine Miete bezahlen? Die Kinder füttern? Mein Auto betanken? Raten abstottern? In Urlaub fahren? Die Krankenkasse bezahlen?

Tausende wussten nicht mehr weiter… Einst starteten sie als junge Menschen ihre hoffnungsvollen Karrieren, weil sie „ein freies Künstlerleben“ führen wollten, weil sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten ausrechneten, weil sie auf keinen Fall als spießige Staatsbedienstete oder Angestellte enden wollten. (Oder vielleicht auch, weil sie ihr Talent und ihre Durchsetzungskraft für ein freies Künstlerleben überschätzten?) Und nun dieses Flehen aus tiefster Not: „Rettet die Kultur! Hilfe, die Kultur bricht zusammen!“

Aber kaum jemand fleht ehrlicherweise: „Hilfe, ich bin pleite, rettet meinen Lebensstandard!“

Allenthalben erhob man Forderungen gegen den Staat, er müsse die Kultur retten, indem er dem Künstlervolk einen Einkommensausgleich bot. Manche Kleinkünstler wollten am liebsten sofort zu Kleinkunstbeamten befördert werden, Musiker zu Instrumentalangestellten, Sänger zu Vokalexperten mit Beratervertrag. Und als der Trompeter Till Brönner einmal nicht trompetete, sondern mit seinen Gedanken an die Öffentlichkeit trat, erfuhr man aus seinem Munde: „Wenn ein ganzer Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutz der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass diese Menschen auch nach Corona noch da sind. Oder was habe ich übersehen? Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld 2 anbieten?“ Till Brönner hat so ziemlich alles übersehen, und leider hat es die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali im Interview unterlassen, mal kritisch nachzufragen…

Wäre ich der deutsche Finanzminister, würde ich dem Trompeter Folgendes in die Partitur schreiben: „Was spricht eigentlich dagegen, auch der Veranstaltungsbranche den vom Staat vorgesehenen Notgroschen anzubieten? In Deutschland leben rund 4 Millionen Menschen von Hartz IV. Sind Sie, Herr Brönner, was Besseres? Unser Staat liebt die Kultur, keine Frage, vor allem die Hochkultur – er finanziert sogar Opernhäuser von den Lohnsteuern derer, die gar nicht in die Oper gehen, und er subventioniert auch Jazzfestivals oder die Tragödie des Schwarzafrikaners Othello im Staatstheater – das ist eben unser demokratisches System: Demokratie mit menschlichem Antlitz! Doch unsere Kultur besteht nicht nur aus Spiel, Musik und Tanz, Malerei, und Speis’ und Trank. Kultur ist die gesamte Lebensweise eines Volkes. Die klassischen Kulturen in Ägypten, Griechenland und Rom sind mitsamt ihren bewundernswerten Kulturdenkmälern entstanden aus Kriegswirtschaft, einer mörderischen Sklavenwirtschaft und einer ausbeuterischen Bauwirtschaft. Unser moderner Kulturstaat hingegen sieht seine vornehmste Aufgabe darin, Industrie und Konzerne, Landwirtschaft und Banken zu pflegen. Unsere Kulturdenkmäler bestehen aus Stahl, Beton und Plastik…Und sind vermutlich noch dauerhafter als die Akropolis“.

(Was sonst noch zu dieser unserer modernen Kultur gehört, unterschlägt der Finanzminister gewissenhaft: Wir sind von barbarischer Fremdenfeindlichkeit, wir lassen ungerührt Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, wir pferchen nachts acht Leute, die wir tagsüber mit der Herstellung minderwertigen Fleisches ausbeuten, in einem miesen kleinen Zimmer ein, wir lösen unsere gesellschaftlichen Probleme vorzugsweise mit Gewalt, wir sind rassistisch oder antisemitisch, und wir bedrohen wegen einer Polizei-Satire missliebige Journalistinnen mit der Strafjustiz. Wir fördern die Rüstung, wir beliefern Terroristen mit Waffen, wir führen Kriege und singen dazu „Ich bete an die Macht der Liebe“. Es ist eine Schlachthof-Kultur, gesponsert von Schweinebaronen…)

Weiter schreibt der Finanzminister:

„Unser demokratisches System hat erwiesenermaßen auch die eher alternative Kultur im Blick – also Pantomimen, Witzeerzähler, Liedermacher, Alphornbläser, Zauberkünstler, a-capella-Gruppen, DJs, Puppenspieler, Folkbands und sogar Kabarettisten, selbst, wenn sie in der Vergangenheit noch so oppositionell auftraten. Kulturzentren und andere Veranstaltungsräume werden am Leben erhalten, gelegentlich gibt’s sogar Produktionszuschüsse, die Künstler haben ihre ZBF, GEMA und GVL im Rücken, und die gesetzliche Sozialhilfe steht ihnen zur Verfügung. Das alles ist großartig und beweist den Primat des Humanismus in unserer Politik.

Wir leben nicht mehr im Mittelalter, wo ein Hofpoet oder Musikus oder Gaukler oder Hofnarr, der bei seinem Fürsten in Ungnade fiel, sofort vom Hungertod bedroht war. Die Branche hat seit Til Eulenspiegel-Zeiten erhebliche Fortschritte gemacht. Für das Kunstgewerbe der Gaukler, Musikanten, Mimen und Possenreißer ist ein Überlebens-Minimum gesichert. Aber eben nur das Minimum. Und dieses Minimum entspricht dem Stellenwert der Kunst in unserem Staat: Kunst hat eine dienende Funktion, sie dient dem Wohlbefinden, Kunst ist Girlande, hält die Untertanen bei Laune, Kunst ist meinetwegen auch Seelenbalsam, aber vor allem ist sie ein lukrativer Werbeträger. Kunst lohnt Investitionen, so lange sie sich als profitabel erweist. Ist sie das nicht, wird sie von Sponsoren und anderen Kulturträgern selbstverständlich als finanzielle Einbuße betrachtet und nicht als geistiger Mehrwert. Künstler müssen also wissen: Ihre Ideale von Kultur und ihr demokratisches Selbstverständnis entsprechen keineswegs immer den Bedürfnissen des wirtschaftlichen Aufschwunges und der Konjunktur. Insofern ist es durchaus zutreffend, wenn zwei junge Damen in einer ZDF-Kabarett-Sendung immer wieder singen „Wir sind nicht systemrelevant“: Sie sind es wirklich nicht.

Als Finanzminister sage ich Ihnen, der Lebensstandard der Kunstschaffenden ist abhängig von unserer gesamtwirtschaftlichen Situation, und sie sollen mal dankbar sein, dass sie sich in den Jahren vor dieser Corona-Seuche in ihrem ganz privaten, von staatlicher, gewerkschaftlicher, umweltschützerischer Einmischung befreiten, völlig eigenverantwortlichen Bereicherungssystem häuslich einrichten konnten. Es tut mir leid, wenn Künstlerinnen und Künstler nun bitterlich enttäuscht sind von unserer Demokratie. Ich verstehe das, denn sie haben natürlich nicht erwartet, dass unser Staat sie absolut demokratisch gleich behandelt wie andere aus dem sozialen Netz Gefallene auch – Obdachlose, Langzeitarbeitslose, chronisch Kranke oder die arbeitslosen alleinerziehenden Mütter…

Und wenn ich nun aus Künstlerkreisen daran erinnert werde, dass auch die Veranstaltungsbranche Steuern bezahlt und deswegen gerechterweise vom Staat alimentiert werden muss, genauso wie die Lufthansa oder die wegen der Abschaltung ihrer Betriebe notleidenden Betreiber von Atomkraftwerken, entgegne ich ihnen: Haben Sie immer noch nicht begriffen, in was für einer „marktkonformen Demokratie“ (Merkel) Sie leben? Nie was von Ich-AGs gehört? Nix mitgekriegt von der sich stetig weiter öffnenden sozialen Schere, und wie das bei uns gehandhabt wird mit der Verteilung des Reichtums? Wer hier Anspruch auf Steuersenkungen hat und wer nicht? Und nun erwarten Sie, der Staat soll Ihnen wenigstens teilweise Ihr Steuer-Geld wiedergeben, das er dringend für Landwirtschaft, Straßenbau, Gesundheitssystem, Rüstung und andere Investitionen benötigt? Sie kommen diesem Staat also mit einem moralischen Ansinnen: Gerechtigkeit! Genauso erfolgversprechend könnten Sie einen Karnickelbock auf’s Zölibat verpflichten. Tja.

Ich will Ihnen mal ganz ehrlich was sagen: Eine allseits akzeptable Demokratie ist in einem kapitalistischen System nicht möglich… Und wenn Sie nun nicht wissen, wie es weitergeht, kann ich ihnen jetzt schon verraten: Wir sozialdemokratischen Finanzpolitiker werden der Allgemeinheit bei den nächsten Haushaltsberatungen auf Druck der Christenunion vorrechnen, dass die Kürzung aller Kulturetats unumgänglich ist und die Gelder für kulturelle Einrichtungen drastisch zusammengestrichen werden müssen. Daraufhin wird sich unsere bürgerliche Demokratie zähneknirschend, aber bereitwillig, großer Teile ihrer als überflüssig erachteten Kultureinrichtungen entledigen, um wirklich wichtige Kapitalanlagen zu retten.

Zur Aufmunterung unserer Kulturschaffenden sei aber auch gesagt: Letztendlich wird das Publikum für sie sorgen. Nach 1945, mitten im schlimmsten gesellschaftlichen Zusammenbruch, brachten kunsthungrige Menschen ihren Künstlern als Eintritt beispielsweise zwei Kartoffeln oder ein Brikett an die Bühne, weil sie ihren Lessing kannten, der schrieb: Die Kunst geht nach Brot…

Herzliche Grüße und alles Gute!
Ihr Freund Olaf, der Finanzminister.“

Summa summarum: Jeder soziale Ausgleich stört die Reichen beim Reicherwerden.

* * *

November: Gedenken ohne sich zu erinnern

Vor 82 Jahren brannten Synagogen und Bücher, wurden Menschen auf den Straßen geschlagen und ermordet oder kamen ins KZ. Deutscher Pöbel wütete gegen deutsche Kultur. Wir heute leben mitten in einer Pandemie. Wieder sterben Menschen. Deswegen sagt die Stadt Leipzig ihre offizielle Veranstaltung zum Gedenken an die Nazi-Opfer ab. Aber dieselbe Stadt gestattet es den Nachfahren der Nazimörder, die sich Pegida nennen, durch Leipzig zu marschieren und Hetzreden zu halten sowie Hakenkreuze und Reichskriegsflaggen durch die Straßen zu tragen…

In Karlsruhe stand auf der Rednerbühne der querdenkenden Corona-Leugner eine Elfjährige und schilderte ihr schweres Schicksal: Staatliche Zwangsmaßnahmen würden verhindern, dass ihre Familienmitglieder gleichzeitig zu ihrem Geburtstag zusammenkommen könnten. So war sie gezwungen, fünfmal zu feiern – das sei „anstrengend“ gewesen, „aber auch sehr schön“. Doch sie habe sich „wie Anne Frank gefühlt“, wegen der Nachbarn, die sie hätten verpetzen können. Ja, das verstehen wohl nur Querdenker: Fünf Mal Kuchen essen und fünf Mal Geschenke erhalten, das ist wie jahrelang in einem engen Kabuff versteckt sein und anschließend mit 15 Jahren im Konzentrationslager sterben… Auf was für eine Schule geht diese blöde Göre, und warum zieht man die Eltern nicht wegen Kindesmisshandlung aus dem Verkehr?

In Hannover verglich sich wenig später eine junge Erwachsene auf der Rednerbühne der Corona-Leugner mit Sophie Scholl. Sie sei seit geraumer Zeit „im aktiven Widerstand“, unter anderem melde sie Demos an. (Eine Demo anzumelden ist ein ganz ziviler Vorgang, bei dem man ein Formular ausfüllt, und niemand hindert einen am friedlichen Weiterleben.) Sophie Scholl, die unter Einsatz ihres Lebens mit Flugblättern gegen den Nationalsozialismus kämpfte, wurde mit dem Fallbeil der Kopf abgeschlagen.

Was für bodenlose Unverschämtheit dieser querdenkenden Dummköpfe, ihr bisschen Rebellion gegen Flüchtlinge oder den Mund-Nasen-Schutz zu vergleichen mit dem Widerstand der Weißen Rose.

Und das geht schon eine ganze Weile so: Als 2018 ein von Rechtsextremen organisierter Schweigemarsch für einen vermutlich von einem Flüchtling erstochenen Deutschen durch Chemnitz zog, trugen die führenden AfD-Häuptlinge weiße Rosen mit sich. Die Medien nahmen das mehr oder minder missbilligend zur Kenntnis, und durch das Medienecho fühlten sich die Neonazis nicht geohrfeigt, sondern eher wie tollkühne Widerständler in einem Folterstaat. Doch in Wahrheit konnten sie ungehindert ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, eine Landeszentrale für politische Bildung servierte Schnittchen, und bei Sandra Maischberger durften sie auch noch rumsitzen und die Luft verpesten…

Also, AfD-Wähler, Pegida, Reichsbürger, Querdenker – auch wenn man euch (einstweilen noch) nicht zur Rechenschaft zieht, ob ihr es glaubt oder nicht: Ihr seid nicht das Volk, sondern nur ein anachronistisches Überbleibsel des NS-Volkssturms. Ihr seid Helfer der Despoten, die Krieg zur Durchsetzung ihrer Machtinteressen als legitim erachten. Ihr seid Handlager derer, die Unfrieden, Elend und Verwüstung anstreben. Ihr seid gegen alles, was es der Mehrheit der Menschen ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Ihr seid die Hampelmänner und -frauen eines asozialen Systems. Ihr pöbelt und hetzt, ihr fördert das Schlechteste im Menschen zutage. Den Klimawandel nehmt Ihr nicht zur Kenntnis, weil Eure reichen Arbeitgeber sich vor einer Umrüstung von Industrie und Wirtschaft fürchten. Ihr seid gegen gute Bildung, denn kluge BürgerInnen sind eine Gefahr für neoliberale Kapitalisten. Ihr seid gegen ein gutes Gesundheitswesen, weil ihr glaubt, wer kein Geld hat, gehört nicht zur Elite und sollte am besten ganz schnell aussterben. Das Einzige, was Ihr habt, ist Angst: Angst, dass man Euch nach euren Plänen fragt. Pläne habt Ihr nämlich nicht. Ihr habt nicht einen einzigen Plan, wie man unsere Welt zu einer besseren Welt machen kann. Aber zum Glück ist die Gefahr, die von euch ausgeht, berechenbar, denn alle verstandesbegabten, friedliebenden und sozial denkenden Menschen sind gegen euch.

* * *

Wer hätte das gedacht…

Es ist ja leider nicht nur die Seuche, die einen einschränkt und missgelaunt stimmt. Vielmehr sind es der rechte Pöbel, das Pegida-„Volk“ und die strunzdummen Quer-„Denker“, die einen täglich immer lauter krakeelend belästigen. Aber auch die vielen Interviews mit medizinisch mehr oder minder gebildeten Seuchenexperten tragen wenig zur Erheiterung bei – die rechthaberischen und vor Selbstgerechtigkeit triefenden Tiraden „Diese Maßnahmen kommen viel zu spät, das hätte man damals schon machen müssen, da wäre schon viel früher eine langfristige Strategie nötig gewesen“ nerven gewaltig… Als hätten diese Alleswisser zum fraglichen Zeitpunkt schon irgendwelche praktikablen Maßnahmen anzubieten gehabt… Tja… Und nun?

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich mich eines Tages an Angela Merkels Seite positionieren werde… Zuerst war ich einverstanden, wie sie gegen den erbitterten Widerspruch der Wirtschaft den Ausstieg aus der Atomkraft anging. Dann gefiel mir, wie sie mit ihrem „Wir schaffen das!“ den Flüchtlingen die Tore öffnete und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch in ihrem eigenen Verein widerstand. Beim Thema Antisemitismus bezog sie dankenswerterweise ebenfalls eindeutig Stellung, und gelassen blockte sie Trumps ständiges Drängen auf Erhöhung der Militärausgaben ab. Und jetzt, bei der Bekämpfung von Corona, freut mich ihre klare Linie gegen die Interessen der Ministerpräsidenten: Offenkundig versucht Angela Merkel mittlerweile nur noch durchzusetzen, was sie selbst für richtig hält. Sie hat ja nichts zu verlieren. Die MPs hingegen wollen durchsetzen, was ihnen möglicherweise Wählerstimmen bringen könnte. Sie haben ja ihre lukrativen Ämter zu verlieren.

Also, Angela Merkel, deren Kompetenz und Charakter wir immer wieder angezweifelt haben, über die wir jahrelang unflätig hergezogen sind, und die für die übelsten und auch frauenfeindlichsten Witze herhalten musste – für Kanzlerin Merkel ist eine Alternative nirgends in Sicht. Respekt, Madame!

Leider müssen wir demnächst versuchen, ohne Sie, aber mit Laschet, Merz & Rüttgers oder mit Söder, Scholz, den grünen Opportunisten oder den neoliberalen Schwätzern die Zukunft gewinnen zu können. Gut, dass unumstößlich feststeht: Mit den Nazis haben wir schon in der Vergangenheit nur verloren.

* * *

Oktober: Depression am Wochenende

Besonders bemitleidenswert und jammervoll war der Anblick junger Leute mit ihren  Depressionen am Wochenende  – da bejammerten sie den Verlust ihrer „Normalität“ – eines Zustandes, in dem sie die Richtlinien der Vernunft, wenn sie diese überhaupt je zur Kenntnis genommen haben, zumeist auch als Fessel empfanden. Sie schlichen mit gebeugten Rücken durchs Land, sie warfen misstrauische Blicke um sich, ob fremde Eroberer oder der Staat ihnen an der nächsten Ecke die Butter vom Brot nehmen wollte, und sie grunzten deutschnational, weil sie sich einreden ließen, sie seien die Opfer einer schrecklichen Nazidiktatur… „Ach, ich bin 18, was kann das Leben mir schon noch bieten“, stöhnte so mancher Halbstarke, und dann ging er bei Schweinske ein Steak essen, das nach Schwein, das nach geschreddertem Hammel, der nach Huhn, das nach Fisch, der nach Schweröl geschmeckt hat…

Den herzerweichenden Klagen nachgehend sprach ich an einer Bushaltestelle einen jungen Menschen an: Entschuldigung – ich hätte da mal eine Frage: „Du lebst seit Jahren irgendwo im Weltall in einer Balkenspiralgalaxie, im Zeitalter des Kapitalismus, bei schlechtem Wetter nicht weit von den Russen, in einer Dürreperiode, in einer Klimakrise, im Schoß der Christenheit, angesichts der chinesischen Bedrohung, im Schatten kriegerischer Konflikte, am Rande des moralischen Verfalls, nicht weit von Hungergebieten, in Reichweite von Millionen Flüchtlingen, unter dem Druck sozialer Ungerechtigkeit und umgeben von Holocaustleugnern, Klimaleugnern, Pandemieleugnern, Rassismusleugnern und anderen Verschwörungs-Idioten – da mittendrin lebst du, und damit damit wirst du seit Jahren einigermaßen fertig. Aber jetzt, diese Corona, die das alles überlagert, die ruiniert dich…? Echt?  Und du willst jetzt endlich zurück zur „Normalität“?  Also, zurück zur Gewohnheit, das heißt, weiter mit der brutalen Marktwirtschaft ohne soziales Gewissen, zurück zur Flüchtlingspolitik, die keine Politik ist, sondern ein Desaster, zurück zur Überproduktion von Waren, die zur Armut auf dem afrikanischen Kontinent führt, zurück zu den Betrügereien einer Auto-Industrie, die bei ihren Geschäften von der Allgemeinheit finanziell ausgehalten wird, zurück zu einem Unterhaltungs-Betrieb unter dem denkbar niedrigsten Plafond – wirklich? Zurück zum Irrsinn?“  – „Ja“.  – „Aha.Vielen Dank!“ – „Gerne“. Man nennt es Regression. Fast hätte ich ihm einen Therapeuten empfohlen…

* * *

Putzlappen

Tucholsky sagte: „Soldaten sind Mörder.“

Wolfgang Borchert schrieb: „Ich bin der Mörder? Wer schützt uns davor, dass wir nicht Mörder werden?“

Erich Kästner äußerte sich zum 1. Weltkrieg: „Vier Jahre Mord und dann ein schön Geläute.“

Der desertierte Dichter Georg Herwegh stöhnte: „Du bist im ruhmgekrönten Morden das erste Land der Welt geworden. Germania, mir graut vor dir.“

Heinrich Heine maulte: „Wir brauchen aus wechselseitigem Mißtrauen keine stehenden Heere von vielen hunderttausend Mördern zu füttern.“

Christoffel von Grimmelshausen schließlich fasste das allgemeine Schlachten so zusammen: „Im Treffen suchte ein jeder seinen Tod mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, zuvorzukommen.“

Und nun sehen wir Frau Karrenbauer, das führende Flintenweib der Christenunion, bei der Arbeit: Sie will wieder mal den Rüstungs-Etat erhöhen, mehr Subventionen an die Nato zahlen, Hubschrauber kaufen und Atombomber anschaffen. (Der Quatsch mit dem Flugzeugträger ist ja wohl vom Tisch…) Weiß denn diese Frau Karrenbauer nicht: Bei der Bundeswehr steht zunächst mal eine Putzlappenreform an, weil der Bundesrechnungshof schon vor Jahren angemahnt hat, die Bundeswehr solle die bei ihr verwendeten Einwegputzlappen auf Mehrwegputzlappen umstellen. Ein Putzlappenbeauftragter des Bundesverteidigungsministeriums sagte dazu, die Umstellung von Einweg- auf Mehrwegputzlappen sei gar nicht so einfach. Und dass diese Umstellung Geld kostet, ist sowieso klar: Am Anfang stand ein Pilotversuch, der ergab, dass tatsächlich rund 60% der Einwegputzlappen durch Mehrwegputzlappen zu ersetzen wären. Daraufhin erfolgte ein Erlass, auf Mehrwegputzlappen umzustellen, an den sich zeitaufwendige Vorbereitungen und Prüfungen anschlossen. Es mussten, wie der Putzlappenbeauftragte mitteilte, die Belange der verschiedenen militärischen Bedarfsträger berücksichtigt, die Bestände an Einweg- und Mehrwegputzlappen ermittelt und ein Mustervertrag für einen Miet- und Reinigungsservice von Mehrwegputzlappen erarbeitet werden. Trotzdem sollen sie nun kommen, die Mehrwegputzlappen, allerdings erst, wenn die umfangreichen Depotbestände an Einwegputzlappen aufgebraucht sind, und die haben, wie der militärisch gehaltenen Mitteilung des Putzlappenbeauftragten zu entnehmen ist, eine logistische Reichweite von mehreren Jahren.

Im Generalstab der Bundeswehr herrscht zur Zeit die Meinung vor, wenn unsere Streitkräfte auf neue bewaffnete Drohnen verzichten und den Russen und den Chinesen stattdessen mit ihren Putzlappenrichtlinien bombardieren, ergeben die sich sofort. Dann können wir sie in Ruhe mit nassen Putzlappen erschlagen…

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November: Europa

Ich bezweifle, dass die mehrsprachig nichts-sagende Ursula von der Leyen in Brüssel zu irgendetwas nütze ist. Besser gefällt mir da schon die EU-Kommissarin Vera Jourova. Von der konnte man Klartext hören: Die Rechtsstaatlichkeit – also Gewaltenteilung, Medienvielfalt, Unabhängigkeit der Justiz usw. – müsse von allen EU-Ländern vollständig eingehalten werden. Alles andere sei krank. Sie sagte das, um zu erreichen, dass die EU ihre Subventionszahlungen von der Respektierung der Grundrechte abhängig macht. Ob Frau Jourova sich damit durchsetzt, ist allerdings fraglich, denn es gibt europäische Regierungen, die meinen, ihr Umgang mit den Menschenrechten ginge niemanden etwas an, und die Prinzipien der Mitgliedschaft in einem Club wie der EU bestimme jedes Clubmitglied selbst. Der rassistische, antisemitische, faschistische Diktator Ungarns, Viktor Orbán, praktiziert also mitten in unserem demokratischen Club seine eigene und recht individuelle Rechtsstaatlichkeit, und hinter diesem Führer sammeln sich andere Länder der EU: Polen, Tschechien und die Slowakei verweigern ebenfalls allen, in deren Herkunftsländern Gefahr für Leib und Leben besteht, das Anrecht auf Asyl. Sie verhindern die Verteilung von Asylbewerbern proportional über alle Mitgliedstaaten, und man kann getrost behaupten: Das Feuer im Flüchtlingslager auf Lesbos haben die Regierungen dieser Länder angezündet…

Die Europäische Union ist ein Staatenverbund aus 27 europäischen Ländern mit etwa 450 Millionen Einwohnern, also ein ziemlich großer Club. Da provozieren Austritte oder Rauswürfe einzelner Mitglieder weltweites Krisengerede und Aktienabstürze. Aber Subventionen erhalten die Mitgliedschaft. Doch in wessen Taschen die fließen, bestimmen die Herrschenden ganz allein. Eine Zweckentfremdung der Subventionen kann zwar erfasst, aber nicht sanktioniert werden. (Ich empfehle dringend eine Steuerprüfung aller Regierungsmitglieder und ihrer Familienbetriebe.) Und in dem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen: Subventions-Milliarden europäischer Steuerzahler haben traditionell nichts mit der europäischen Idee zu tun.

Ein schöner Anfang für die Gesundung der EU wäre es, Viktor Orban und seine Spießgesellen von Subventionen jeglicher Art auszuschließen und ihnen das Stimmrecht im Europarat abzuerkennen. Sonst hat es in Zukunft wenig Sinn, sich an Europawahlen zu beteiligen.

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September: Moria

Eine Woche ist der Brand von Moria nun her und die Reaktionen machen sprachlos. Wenn deutsche Ferienreisende nicht pünktlich die Heimreise antreten können, wird binnen Stunden Hilfe organisiert und mit der Evakuierung begonnen. Wenn aber Flüchtlinge nicht mehr wissen, wohin, zeigt Europa ihnen den Stinkefinger. „Pro Asyl“ berichtet, die Schutzsuchenden von Moria leben auf der Straße, viele haben tagelang nichts zu essen, sogar das Wasser ist bei vielen Familien knapp. Diese Menschen müssen sofort evakuiert werden – in andere EU-Staaten, denn auf dem griechischen Festland ist die Situation mittlerweile ähnlich katastrophal wie auf Lesbos. Doch Deutschland schlägt bislang nur peinliche Minimallösungen vor. Aber es kann doch eigentlich nicht sein, dass europäische Politik nur den Richtlinien einer engstirnigen bayerischen Regionalpolitik folgt. Europäisch denkende Menschen bringen kein Verständnis dafür auf, dass die EU-Behörden den Tod von Flüchtlingen in einem Flüchtlingslager oder ihren Tod auf einer Fahrt mit einem maroden Kahn billigend in Kauf nehmen, weil sie unfähig sind, diesen Flüchtlingen ein menschenwürdiges Überleben zu sichern. Denn das oberste Sittengesetz Europas lautet nicht: Absaufen lassen – ja, Reinkommen lassen – nein. Also: Protest und Widerstand bei jeder Gelegenheit!

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August: Spannende Story

Der so genannte Kremlkritiker Alexej Nawalny ist nach Darstellung seines Teams nachweislich in Russland vergiftet worden, und zwar in einem Hotel in der sibirischen Stadt Tomsk. Das Gift soll ihm demnach in einer Flasche mit Mineralwasser in seinem Zimmer verabreicht worden sein. Nawalnys Team zeigte ein Video von den Flaschen der Marke „Swjatoj Istotschnik“ („Heilige Quelle“). Die Berichterstattung in den deutschen Medien ließ nur wenig Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Räuberpistole. Aber: Kann schon sein, dass Nawalny sowas Ähnliches ist wie der Höcke von Russland. Kann auch sein, dass Putin ihn für wahnsinnig gefährlich hält. Möglich auch, dass Putin ihn am liebsten final entsorgen möchte.

Aber da ergeben sich einige Fragen: Wenn Putin seinen Oppositionellen Nawalny umbringen wollte, warum gestattete er dann, ihn zwecks medizinischer Rettung nach Deutschland auszufliegen? Seit wann liefern Täter der Polizei die Beweise? Was beweist eine Ausreise auf Drängen der Familie? Haben Oppositionelle neuerdings mehr Einfluss als der Kreml? Warum melden die Medien, Nawalny sei ins Koma gefallen und warum nicht, dass die russischen Ärzte ihn in ein künstliches Koma versetzt haben, um lebensrettende Maßnahmen vornehmen zu können? Hätten Putins Moskauer Ärzte nicht militärisch knapp einen systemischen Kollaps diagnostizieren können, um ihn dann – spurlos – einäschern zu lassen? Warum hat Putin das Nervengift Nowitschok verwendet, das für unsere schlichten Medien das bequemste Navi zum Kreml ist? Warum kann man einen dubiosen Anschlag auf Nawalny nur mit zwei unaufgeklärten Anschlägen – Anna Politkowskaja (2006) und Skripal (2018) – beweisen? (Im Fall Skripal wurde als Täter ein russischer Militärarzt mit dem von Dostojewski gestohlenen Namen Mischkin identifiziert. Dieser Vollprofi infizierte nicht das Opfer, sondern den Türknauf. Wollte Putin damals alle Briefträger und Milchmänner vergiften?) Weiß der dumme Putin nicht, dass ein so primitiver Nowitschok-Anschlag auf einen Oppositionellen das internationale Projekt der Erdgaslieferung gefährdet? Leitet Putin im Kreml ein Sonderdezernat für die eigene Rufschädigung?

Und warum kommt eigentlich niemand auf den Gedanken, hier könne die einschlägig vorbelastete Mörderbande CIA im Spiel sein? Kämpfen die USA nicht mit harten Sanktionen gegen unser Erdgasgeschäft mit Russland, weil sie ihr Flüssiggas an die EU verkaufen wollen? Wird nicht immer wieder versucht, von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land abzulenken, indem man auf andere zeigt? Das sind eine Menge Fragen, die wir alle gern beantwortet hätten, um nicht auf unsere Vorurteile angewiesen zu sein. Ich gebe sie zur Beantwortung weiter an unsere Spitzenpolitiker Norbert Röttgen, Heiko Josef Maas und JürgenTrittin, die sich in der Beurteilung des Falles Nawalny und ihrer Russophobia von niemandem an Borniertheit übertreffen lassen…

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Nichts gelernt und noch mehr vergessen

Die regierenden Herrschaften der Bundesrepublik Deutschland sind, wie sie uns wissen lassen, „empört“ oder „erschreckt“ oder „bestürzt“ oder sogar „beschämt“. Die Zusammenrottung der Reichsbürger auf der Treppe vor dem Reichstag hat sie ganz fassungslos gemacht. Warum eigentlich?

Hinter uns liegen 75 Jahre politischen Versagens von CDU/CSU, SPD und FDP. 75 Jahre, in denen die regierenden Parteien es versäumt haben, das Weltbild und die Verbrechen der Nazis so anzuprangern, zu verurteilen und bestrafen zu lassen, dass man noch in vielen Generationen einen Riesenbogen um das Gesindel machen wird. (Die Grünen können meinetwegen „die Gnade der späten Geburt“ in Anspruch nehmen.)

Nazis saßen schon im ersten Bundestag, Nazis bauten den Verfassungsschutz mit auf, Nazis kommandierten in der Bundeswehr, Nazi-Juristen und Nazi-Mediziner wurden nicht vor Gericht gestellt, Nazi-Beamte wurden locker entnazifiziert, Nazi-Verbrechen verjährten ungesühnt, Nazis kamen in höchste Staatsämter, Nazis saßen in etlichen Landesparlamenten, Nazi-Massaker in Griechenland, Italien usw. wurden bagatellisiert und Nazis schrieben in Zeitschriften Leitartikel.

Als die ersten Asylantenheime brannten, leugnete man „einen politischen Hintergrund“, die Attentate vom Münchner Oktoberfest über den NSU bis zur Ermordung Walter Lübckes und den Anschlägen in Halle oder Hanau schob man immer wieder Einzeltätern in die Schuhe. Die Existenz rechtsradikaler Netzwerke wurde abgestritten, entsprechende Fahndungen unterblieben. Bis heute werden das Zeigen von Nazisymbolen, antisemitische Äußerungen oder rassistische Gewalttaten verharmlost, und rechtsradikales Verhalten in der Polizei oder auch im Justizapparat wird kaum bestraft.

Seit 75 Jahren wurde und wird in der Bildungspolitik, im Geschichts- und im gesellschaftspolitischen Unterricht viel zu wenig getan, um junge Menschen gegen den Faschismus zu immunisieren. Im Gegenteil: Als die sogenannte 68er Generation sich daran machte, die Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration aufzuarbeiten, verweigerten die Regierungsparteien ihre Unterstützung und beriefen sich auf die Staatsraison. Faschisten waren als beamtete Geschichtslehrer tätig, antifaschistische Lokführer oder Friedhofsgärtner bekamen Berufsverbot.

Nazis haben bis heute keine Angst, von unserer Gesellschaft verfolgt oder gar zur Rechenschaft gezogen zu werden, und so verwundert es nicht, dass der bildungsferne und von keinerlei Geschichtsbewusstsein geprägte Teil der Bevölkerung keine Berührungsängste hat und den Nazi-Agitatoren nachläuft. (Es gibt auch bildungsferne Zeitgenossen mit Hochschulabschluss!)

Der randalierende Pöbel ist die Quittung für 75 Jahre Kuscheln mit Nazis. Insofern ist es erfreulich, wenn unsere regierenden Herrschaften nun „empört“ oder „erschreckt“ oder „bestürzt“ oder sogar „beschämt“ sind. Schön wär’s, wenn ihnen in Zukunft ein verordneter Antifaschismus doch lieber wäre als ein erlaubter Faschismus…

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Juli: Hömma

Der Kognitionswissenschaftler Kai Magnus Sting lebt in Duisburg, einem bezaubernden Ruhrgebiets-Städtchen zwischen Duissern und Neuenkamp. Dort lehrt er an der Volkshochschule Ruhrpöttisch. Seine wissenschaftliche These lautet, die Fähigkeit des Ruhrgebietlers, ruhrpöttisch sprechen zu können, beruhe auf anatomischen und feinmotorischen Fähigkeiten, die andere Primaten außerhalb des Ruhrgebiets nicht aufweisen, zum Beispiel den abgesenkten Kehlkopf, der die Voraussetzung sei für die Verwendung einer komplexen Sprache. Ruhrpöttisch sei eine flektierende Sprache, bei der die grammatische Form das Wort vollständig überprägt und ihm so eine stärkere Individualität, hohen ästhetischen Reiz und größere Ausdruckskraft verleiht. Insofern habe Ruhrpöttisch eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Sanskrit. Prof. Sting sagt: „Wenn die außerhalb des Ruhrgebiets lebenden Primaten die angeblich mangelnde Weltgewandtheit der Ruhrgebietsbewohner zum Markenzeichen der Ruhrgebietskultur emporzustilisieren trachten, dann beweist das nur deren immer noch unterentwickeltes Humorverständnis.“

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Holt den Bismarck vom Sockel

Dem eisernen Kanzler, dem Reichsgründer, dem ehrlichen Makler, einer 15 Meter hohen Statue auf einem 20 Meter hohen Sockel mit Blick über den Hamburger Hafen Richtung Erzfeind Frankreich, soll für mehrere Millionen Renovierungskosten die Taubenscheiße von der Glatze gekratzt werden. Er soll weiterhin ein imposantes Denkmal sein. Durchaus auch für deutschen Rassismus und deutschen Kolonialismus.

Allerdings: Bismarck war gar kein Freund des deutschen Kolonialismus. Er hatte zwar einflussreiche antisemitische Freunde, aber als Rassismus-Propagandist trat er kaum in Erscheinung. Wenn man ihn also demontieren will, dann doch bitte mit den richtigen Argumenten, zum Beispiel: Bismarck war ein Freund des Krieges. Er erklärte 1850, dass der „staatliche Egoismus“ einen Krieg rechtfertige. 1862 prägte er den Satz, dass die grossen Fragen der Zeit durch „Eisen und Blut“ entschieden würden. 1863 sprach er sich für eine „waffenmässige Grossmachtpolitik“ aus. Bismarck schuf die Voraussetzungen für die Kriege gegen Dänemark 1864 (10000 Tote), gegen Österreich 1866 (7700 Tote) und gegen Frankreich 1870 (183 500 Tote).

Im Ausland betrieb Bismarck eine gezielte Destabilisierungspolitik. 1866 versuchte er ungarische, tschechische, serbische und rumänische Revolutionäre im Habsburgerreich zu Aufständen zu bewegen. Entsprechende politische Tendenzen in Deutschland unterdrückte er mit aller Macht: Die Sozialversicherung führte er nicht aus Menschenliebe ein, sondern um einer Revolution von unten durch eine Revolution von oben zuvorzukommen.

Zur Rechtsstaatlichkeit hatte Bismarck ein recht gestörtes Verhältnis – er verantwortete etliche Verfassungsbrüche, umging das Parlament in Budgetfragen, schränkte die Pressefreiheit ein und sicherte sich selbst Straffreiheit zu. Bismarck war ein Großmachtpolitiker par excellence. Sein innen- wie aussenpolitischer Weg ist mit Leichen gepflastert, und gerade Sozialdemokraten hätten gute Gründe, ihn zum Teufel zu wünschen.

Eine besondere Zuneigung zu Bismarck hegen die Politiker der AfD. Auf Wahlplakaten ist Bismarck ein beliebtes Sujet, das mit Slogans wie „Sein Vorbild ist uns Verpflichtung“ untermalt wird. Das allein ist schon ein guter Grund, diesem Denkmal einen Strick um den Hals zu legen und es vom Sockel zu stürzen.

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Juni: Black lives matter

Am 25. Mai 2020 wurde George Perry Floyd in Minneapolis von US-amerikanischen Polizisten ermordet. Die Videoaufnahme der Tat erregte weltweites Aufsehen, denn der schwarze George Floyd ist weder das erste noch vermutlich das letzte Opfer weißer Polizeigewalt. Es ist zu bedenken: Schwarze sind nicht freiwillig ins „Land der Freien“ gekommen wie etwa Trumps Opa, der vor dem bayerischen Wehrdienst nach Amerika desertierte. Die Afrikaner musste man holen. Auch nach dem Ende der Sklaverei hatten sie in den USA keine faire Chance. Folglich sollten die Unruhen in den USA als sozialer Aufruhr verstanden werden: Was wir sehen, ist der kontinuierliche Krieg Reich gegen Arm, und die mordenden Polizisten gehören zur unteren Mittelschicht, die, weit entfernt von der Erfüllung ihres amerikanischen Traumes, die Schmutzarbeit der oberen Zehntausend erledigen – sie sind genauso uninformiert und kurzsichtig wie jene Schwarzen, die einst im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Südstaaten für den Erhalt der Sklaverei kämpften. Die Reichen in den USA haben bei Gott ihre Gründe, kein Geld in Bildung zu investieren…

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April: Ununterbrochenes Geschwafel

Der Eingangssatz der ZDF-Fernsehsendung „Lanz“ lautete: „Die große Frage dieser Tage ist, ist es unethisch, sozusagen, Wirtschaft gegen Menschenleben abzuwägen“. Das ist keine große, sondern eine unmenschliche Frage.

Die Ethik kann allgemeine Prinzipien und Normen guten oder bösen Handelns begründen. Für eine situationsspezifische Anwendung dieser Prinzipien auf neue Lebenslagen taugt sie nicht. Da ist der Mensch nämlich angewiesen auf seine Vernunft, Urteilskraft und sein Gewissen. Der sogenannte Moderator verpasst seiner Show einen moralphilosophisch verbrämten Überbau namens „unethisch“, um zu verdecken, dass es letztlich mal wieder nur um Geld geht: „Wollen wir weltweit Milliarden Menschen ins Existenzelend stürzen, um vielleicht Todkranke zu retten“ – das ist keine ethische Frage. Das ist auch keine Frage, die die Dezisions-Ethik beschäftigen könnte. Das ist nur eine rechnerische Frage und eine Frage des Kalküls, das ist – in Frageform – nur das Produkt neoliberaler Agitation, und die ist von jeher bei Herrn Lanz zu Hause. Diese Leute wollen immer mit großen Zahlen beeindrucken und die kleinen Zahlen abwerten. Wenn man an dieser Stelle einen Vergleich braucht: Auschwitz steht nicht für eine Zahl, Auschwitz steht für Auschwitz. Mit so ungeklärten Begriffen wie „weltweit“, „Existenzelend“, „vielleicht“ und „Todkranke“ kann man keine philosophische Debatte anstoßen. Wer ernsthaft „Die große Frage dieser Tage“ stellt, ist von Ethik ziemlich weit entfernt. Er sollte besser keine weiteren Versuche unternehmen, das Thema zu simplifizieren…

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Unsere liebe Frau

Ein Jahr nach dem Brand im April 2019 hat Corona vernünftigerweise den Wiederaufbau von Notre-Dame gestoppt. Ich denke, der französische Staat, dem Notre Dame gehört, sollte das ruinierte Bauwerk so belassen, wie es sich jetzt präsentiert: Ein Mahnmal, das für Bereicherung im Kolonialismus steht, für Inquisition und Frauenfeindlichkeit, für Antisemitismus, Schwulenverfolgung, für Kindesmissbrauch und letztlich für den Niedergang der katholischen Kirche… Die bisher eingegangenen Spenden können in in der 3. Welt verwendet werden. Das wäre dann mal eine sinnvolle Form von Ablassbriefen.

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Ab in den Keller

Auf seinem Weg vom Alter zum Tod kam der alte Schamane in seiner Höhle immer wieder an einer ausgetretenen steinernen Treppe vorbei. Sie führte abwärts ins Finstere, und er wagte es nie, auch nur die oberste Stufe zu betreten. Zwar lockte das Abenteuer, aber der Abgrund war allzu abschreckend. Erst, als er so alt war, dass er keine Angst mehr verspürte, vor nichts und niemandem, stieg er die Kellertreppe hinab, eine Stufe nach der anderen, geleitet von einem schmiedeeisernen Handlauf. Immer tiefer. Manchmal blieb er stehen und betete um ein gnädiges Ende. Aber da war immer noch eine Stufe, und dann noch eine, und dann unzählige weitere Stufen. Der alte Schamane stieg immer tiefer hinab in die unergründliche Tiefe, und er fragte sich: Was kommt wohl nach der Zukunft? Nie war ein Mensch tiefer gestiegen als er. Stufe um Stufe. Der alte Schamane wollte nicht aufgeben, er wollte die Tiefe ergründen. Sein Glaube an sich selbst reichte tiefer als diese Treppe, also stieg er immer tiefer hinab. Jahr um Jahr, jahrelang. Und dann, eines nachts, als er mal wieder kurz daran dachte, umzukehren und all die vielen Stufen wieder hinaufzusteigen, wurde dem alten Schamanen sein himmlischer Lohn zuteil: Ein alter Maulwurf zeigte ihm einen geheimen Gang ins Licht… Australien!

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Der Hochrisiko-Opa

Aus jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit dem Gesundheitswesen weiß ich: Die vordringlichste Aufgabe des Gesundheitsministers ist es, die Leichen der Patienten so wirtschaftsfreundlich wie möglich zu präsentieren, während die pharmazeutische Industrie alles tut, um die Lieferbedingungen für den Reparaturbetrieb Mensch marktkonform zu gestalten. Seit 1975, der ersten großen Gesundheitsreform, steht die moderne Gesundheitspolitik im Spannungsfeld des Christentums: Einerseits Fürsorge und Barmherzigkeit mit den Siechen und Hinfälligen, andererseits das berechtigte Streben nach Dividende und Einsparungen. Deswegen heißt das Krankenhaus im modernen Sprachgebrauch „Finalservice“. Um den Staat finanziell zu entlasten (die Rüstung, alle möglichen Subventionen, Sozialausgaben – was das kostet…!) erfanden die Gesundheitspolitiker die „Kostendämpfung“. Damit erlaubten sie sich, die Krankenhäuser an Privat zu verkaufen, obwohl sie ganz genau wussten: Aktiengesellschaften wollen vor allem reich werden, und die Shareholder hoffen natürlich, sich auf Kosten der Kranken finanziell gesundzustoßen. Nun ist offenkundig: Ausreichend Ärztinnen und Ärzte, genügend Pflegepersonal und die notwendige Anzahl von Betten wurden nicht bereit gehalten, es wurde nicht rechtzeitig in die Forschung investiert, es wurde keine entsprechende Reserve an Medikamenten bereit gehalten. Die privaten Klinikbetreiber sind für eine Pandemie nur unzureichend gerüstet.

Fazit: Man sollte die privaten Klinikbetreiber schleunigst enteignen. Aber der aktuelle Gesundheitsminister irrlichtert durch die Gegend ohne jede medizinische Kompetenz – er kann nicht eine einzige Lungenmaschine in Betrieb setzen oder ein einziges Bett belegen. Er hat keine Ressourcen, die er einsetzen kann. Deshalb fordere ich die zuständigen Anklagebehörden auf, gegen die Mitarbeiter in sämtlichen Gesundheitsministerien vom Abteilungsleiter aufwärts bis zum/r Minister/in (Senator/in), die seit Mitte der 1970er Jahre und bei allen folgenden Gesundheitsreformen leitend im Bereich „Kostendämpfung“ mitgearbeitet haben, juristisch vorzugehen und wegen schwerer Dienstvergehen in Regress zu nehmen. Die Delikte lauten Diebstahl und Hehlerei (Verschleuderung öffentlichen Eigentums), gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung und Störung des öffentlichen Lebens. Das Strafmaß sollte sich aber sehr deutlich unterscheiden von dem, was eine obdachlose alte Frau für ihren dritten Ladendiebstahl kassiert…

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März: Alarm

Die täglichen Warnungen des deutschen Außenministers muss man ernst nehmen:

Maas warnt: „Deutschland hat ein Problem mit rechtem Terror“,
Maas warnt vor „neuen Spielräumen“ für den IS im Irak ,
Maas warnt vor „Krise der internationalen Solidarität“,
Maas warnt USA vor Sanktionen gegen den Irak,
Maas warnt vor Rassismus wegen neuem Virus,
Maas warnt Iran im Atomstreit,
Maas warnt Großbritannien vor einem Unterlaufen von EU-Standards.
Und die neueste Warnung:
Maas warnt vor Destabilisierung.

Und morgen: Maas warnt vor zu engen Schuhen.

Und hoffentlich bald: Maas warnt vor Bundesaußenminister Heiko Maas.

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Lechts und Rinks auseinanderhalten

Auch nationalkonservative Journalisten und Journalistinnen, Verfassungsschutzangestellte, mehrfach gewendete Sachsen, Pegida-Sympathisantinnen und Xavier-Naidoo-Gläubige können mit ein bisschen gutem Willen verstehen: Es macht einen deutlichen Unterschied, ob zum Totschlag entschlossene Rassisten eine Nazi-Diktatur anstreben, oder ob sozial engagierte Leute für die Enteignung der Banken und eine gerechtere Verteilung irdischer Reichtümer demonstrieren, und es ist auch nicht dasselbe, ob Nazi-Glatzen nachts Obdachlose totschlagen oder Punks mit bunten Haaren leer stehende Häuser besetzen. Eine Trense ist nämlich noch lange kein Hufeisen!

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Angemessene Umgangsformen

Die Menschen, die derzeit behaupten, sie wären Konservative, sind keine Konservativen – sie sind radikale Reaktionäre. Die Position des Reaktionären ist nicht die des Handelnden, sondern die des Opfers. Der Reaktionär tendiert immer in Richtung Paranoia, er betrachtet sich selbst als das obsessiv verfolgte Objekt unermesslich feindseliger Mächte und Kräfte. So ein Typ sieht überall Feinde, in jedem, den er nicht versteht und nicht beherrschen kann, in jedem Fremden, in seiner eigenen Regierung. Das ist auch der Grund dafür, dass ihre Partei , die AfD, keine positive Agenda vorzuweisen hat.

Es empfiehlt sich daher, folgende Umgangsformen mit diesen Leuten einzuhalten:

Wer mit AfD-Politikern eine Koalition eingeht, ist ein Nazi-Kollaborateur.
Wer diese Leute als „Kolleginnen und Kollegen“ anspricht, ist ein Nazi-Unterstützer.
Wer diesen Leuten die Hand gibt, ist ein Nazi-Sympathisant.
Wer ihnen einen guten Tag wünscht, ist ein Nazi-Freund..
Wer sie zu einer Talkshow einlädt, ist ein Nazi-Propagandist.
Wer auf ihre Argumente eingeht, ist ein Nazi-Versteher.
Wer ihnen vertraut, ist ein Idiot,
und wer ihnen auch nur die geringste Freundlichkeit erweist, ist mitverantwortlich für die Folgen faschistischer Politik.

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Februar: Die Umweltsau

Der Russe hat Schuld. An allem. Das weiß man. Der Russe ist verantwortlich für den Tod Jesu, den Dreißigjährigen Krieg, die Pest und die Deutsche Bahn. Der Russe hat die Völkerwanderung und den Untergang von Atlantis verursacht, er hat das World Trade Center in New York nachhaltig destabilisiert, den Iran gegründet, er hat sich in Leipzig-Connewitz eingenistet, Adolf Hitler überfallen und das Hamburger Polizeigesetz entworfen. Der Russe steckt auch hinter der deutschen Diesel-Affäre. Denn solche abscheulichen Betrügereien, ausgerechnet in der deutschen Auto-Industrie, nein, das macht der Deutsche nicht… Das weiß jede(r). Natürlich hatte die deutsche Industrie schon immer ein besonderes Verhältnis zum Gas, aber der Russe hat Schuld, wenn jetzt die ganze Welt glaubt, die Deutschen betrügen sie auch noch mit den Abgaswerten…

Zu allem Überfluss hat der Russe vor 200 Jahren auch die Satire erfunden – federführend war ein gewisser Никола́й Васи́льевич Го́голь. Seit den Aufzeichnungen dieses Wahnsinnigen weiß man: Satire analysiert und interpretiert, Satire vermutet und kombiniert. Satire will wichtige Inhalte thematisieren und sich an gesellschaftlichen Problemen mit Phantasie und Witz abarbeiten. Satire gibt die Realität der Lächerlichkeit preis. Satire, die sich nicht der Aufklärung verpflichtet fühlt, ist keine. Satire, sei sie geschrieben, gezeichnet oder komponiert, ist eine Kunstform. Schlechte Satire gibt es nicht, denn: Schlechte Satire ist keine. Satire sagt immer die Wahrheit. Diese Definition der Satire ist der Grund, warum es in Deutschland so wenige Satiriker gibt, aber so viele Satire-Sachverständige. Die traten kürzlich in Aktion, als im Rundfunk die -zigste Variation des alten Gassenhauers „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ erklang – sofort bellte der aufklärungsresistente Ministerpräsident von NRW seine Missbilligung, dann säuselte der Obrigkeits-beflissene Intendant des WDR seine Reue, und viel zu viele faschistisch grundierte Spießbürger rotteten sich zusammen wie die Wildschweine, dokumentierten mit Gebrüll ihre Ahnungslosigkeit und nahmen so ihr Grundrecht auf Blamage wahr.

All den national-erregten Saustall-Experten sei versichert: Es ist eine erstklassige Satire, wenn ein Kinderchor singt „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. Für einen Großteil aller modernen Omas trifft dieser Satz nämlich zu, und singend lernen die kleinen Ferkel die ironische Betrachtung der Wahrheit am besten. („Unsere Landwirtschaftsministerin ist ’ne doofe Glyphosatsau“ hätte auch gepasst, aber leider nicht ins Versmaß.) Noch präziser trifft natürlich die Textzeile „Mein Opa ist ein dummes Nazischwein“ ins Braune, und die deutschen Hungerleider, die 1945 von Ost nach West flüchteten, würden gewiss aggressiv jubeln, könnten sie im Radio mal den Choral hören „Die Bauern sind eine gottverdammte Schweinebande“.

Satire-Kundige wissen: Diese Sätze sind eine Fortschreibung der satirischen Dichtung „Farm der Tiere“. Darin charakterisierte George Orwell die autoritären Politschweine, die den Menschen immer ähnlicher werden: sie wälzen sich in der Suhle der herrschenden Realsatire – einem trost-, hirn- und kunstlosen Morast aus Profitstreben, Machtgeilheit, Eitelkeit und Lust an der Manipulation der kleinen Schweinchen von der Straße. Aber an dieser deutschen Realsatire hat der Russe nun wirklich keine Schuld, es ist nur immer wieder eine Freude, sie ihm zu geben und schon mal für den Ernstfall gegen ihn aufzurüsten.

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Heimat

Wenn intelligente Migranten sehen, wie rassistische Nationalisten bei ihren Demonstrationen die Reichskriegsflagge schwenken, und wenn sie hören, wie der nationalistische Pöbel, der alles Fremde ausgrenzen und im Mittelmeer ersaufen lassen will, heimatverbunden singt „Kein schöner Land in dieser Zeit“ – dann wird es schwierig mit der Integration.

Ich weiß nicht, ob unser Innenminister schon mal bei einer kurdischen Familie mit vier Kindern zum Abendbrot eingeladen war, und ob die Vorsitzende der deutschen Christdemokraten schon mal mit einer Frau aus Kobane zusammen Bolani zubereitet hat – aber aus ihrer Politik schließe ich: diese leitenden Angestellten der Bundesrepublik haben keine Ahnung, mit was für intelligenten, begabten und fleißigen Menschen wir es zu tun haben, sie wissen nichts von ihren Gewohnheiten, von ihren Umgangsformen, von ihrer Sauberkeit, von ihrer Ernährung, und schon gar nichts von den Bildern, die sich ihnen auf der Flucht eingeprägt haben, von ihren Träumen oder ihren Ängsten, und sie wissen auch nicht, welche Schwierigkeiten Geflüchtete überwinden müssen, um sich im fremden Land zurecht zu finden. Sie wissen es nicht – und aus dieser Ignoranz wächst ihre Inkompetenz.

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Januar: Notwendige Korrekturen

Dem Grundgesetz muss eine neue, zeitgemäße Präambel vorangestellt werden:

In der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland geht es ausschließlich um Geld.

Es geht nicht um irgendeinen idealistisch verbrämten Überbau wie Kultur, Kirche, Olympia oder irgendwelche karitativen Netzwerke, sondern nur um Geld. Sinn und Ziel der Gesellschaft ist die Bewahrung und Vermehrung des Geldes, und wo es um Geld geht, da hat die Demokratie nichts zu suchen.

Artikel 1und 2 GG werden der Realität angepasst: Die Würde des Menschen ist antastbar. Der Grad der Würde ist standardisierbar. Die Würde des Menschen ist abzulesen an seinem Lebensstandard. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit steht in Relation zum Lebensstandard des Menschen. Unantastbar ist lediglich die Würde aller Haus- und Grundbesitzer. Sie haben das Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit, denn die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit ist deckungsgleich mit ihren Mieteinnahmen.

Artikel 14 GG wird entsprechend präzisiert: Die Sozialbindung des Eigentums bezieht sich nur auf Verwandte und gute Bekannte des Eigentümers.

Artikel 22 GG muss zur Zeit nicht geändert werden, weil die aktuelle Bundesflagge mit ihrer Farbkombination Schwarz-Rot-Gold den Zustand Deutschlands optimal symbolisiert: Eine verkohlte Bratwurst an Ketchup mit einem Häufchen Senf.

Bei entsprechenden Mehrheitsverhältnissen werden allerdings die Präambel und die Artikel 1, 2 und 14 möglichst bald gestrichen. Artikel 22 lautet dann: Jeder Mensch hat seine eigene Fahne.

Abgeschafft wird auch die „Mitwirkung“ der Parteien „bei der politischen Willensbildung des Volkes“. Der Missbrauch dieser Erlaubnis führte dazu, dass die Parteien nicht nur das Parlament und die Regierung gestellt, sondern auch die Justiz, die Rechnungshöfe, die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehanstalten, sowie den öffentlichen Dienst kontrolliert haben und zudem das Sagen hatten in Schulen und Universitäten.

Artikel 21 GG lautet deshalb in Zukunft: Die Mitgliedschaft in einer Partei führt auf Grund der damit verbundenen Koalitionen und Kompromisse zu einem Leben in moralischem Elend. Politische Parteien sind verboten. Ferner werden alle Ergänzungen, Verweise, Klauseln und monströsen Schachtelsätze, mit denen um ihre Wiederwahl besorgte Politikerinnen und Politiker das Grundrecht auf Asyl abgeschafft haben, gestrichen.

Artikel 16 GG lautet in Zukunft unmissverständlich: „Politisch Verfolgte genießen Asyl. Kriegsflüchtlinge werden als Gäste behandelt“.

Artikel 26 (2) GG wird folgendermaßen korrigiert: Zur Kriegführung bestimmte Waffen dürfen auch mit Genehmigung der Bundesregierung nicht hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden. Handfeuerwaffen dürfen nur benutzt werden zum Umrühren einer Suppe und um sich auf dem Rücken zu kratzen.

Artikel 87 GG regelt den Schusswaffengebrauch: Der Einsatz der Bundeswehr im Inneren ist nur gestattet, wenn es darum geht, auf militaristische, korrupte, asoziale, rassistische und auch noch renitente Politiker, die das GG nicht achten, zu schießen. Eine Forderung der französischen Revolution lautete, Machthaber ohne „öffentliche Tugend“ dürften weder die Sicherheit, die Freiheit, die Existenz noch das Eigentum unserer Mitmenschen beeinträchtigen. Genau das aber geschieht, wenn eine Regierung der Teuerung nicht entgegenwirkt, die „Mittel zum Leben“, also Wohnung, Nahrung, Energie, Wasser, Krankenversorgung, Bildung und öffentliche Verkehrsmittel nicht sicherstellt und sogar die Luftverpestung fördert.

Artikel 7 GG, betreffend Schulwesen und Erziehungsrecht, fordert deshalb: In jeder Stadt und jeder Gemeinde muss mindestens eine Schule den Namen „La Bastille“ tragen. Robespierres Rede „Über die Grundsätze der politischen Moral“ wird in in den Lehrplan aufgenommen.

Alle Kommentare zum GG, vor allem die Forderung an die Parteien: „Eine ausreichende Gewähr für Ernsthaftigkeit muss gegeben sein“, entfallen. Das können diese Leute gar nicht leisten…

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Meine Meinung – Deine Deinung

Kaum ein Mensch fordert noch Gedankenfreiheit. Muss ja auch nicht sein – in Deutschland herrscht schließlich Meinungsfreiheit. Die ist von allen Freiheiten die beliebteste Freiheit. Folglich hat jeder deutsche Mensch zu allen Fragen des Lebens eine eigene Meinung. Eine eigene Meinung kann man aber nur haben auf Grund von Wissen. Also sind Informationen die Grundlage jeder Meinung. Eine Meinungsbildung findet statt, wenn sich die Informationen, denen wir ausgesetzt sind, in unseren Köpfen zu Meinungen zusammenfügen. Da aber jede Information einen bestimmten Zweck verfolgt, ist sie entsprechend manipuliert. Demzufolge haben alle Informationen, die uns erreichen, einen zweifelhaften Wahrheitsgehalt. Und wie viele Informationen uns tagtäglich vorenthalten werden, wissen wir nicht einmal. In Ermangelung einer Alternative gilt die Einschätzung des Soziologen Niklas Luhmann, dass wir das, was wir über die Welt wissen, aus den Medien erfahren, also auch aus den Echokammern der sozialen Netzwerke.

Dass die Medien sich in ihrer Auswahl immer mehr an der Nachfrage der Nutzer orientieren, muss kein Nachteil sein: Die Algorithmen steuern den Informationsprozess so, dass wir einigermaßen entspannt und glücklich existieren können – im festen Glauben, wir seien gut informiert, weil alle Leute um uns herum, die die gleichen Zeitungen lesen, die gleichen Nachrichten hören, dieselben Fernsehsendungen sehen und die gleichen sozialen Medien nutzen, auch keine anderen Informationen haben. Die Leute mit anderer Meinung sind selbstverständlich gefährlich oder doof oder beides, denn sie ziehen aus den gleichen Informationen ständig die falschen Schlüsse. Das Kommunikationsaufkommem der Gesellschaft – hochdeutsch: Community – enthält also vor allem Public Trash und Meinungs-Schrott, ein zänkisches oder sogar explosives Gemisch von dummen und angstgesteuerten Glaubensbekundungen.

Die Gedankenfreiheit, die der Marquis von Posa in Schillers „Don Carlos“ vom spanischen König fordert, setzt voraus, dass es Menschen mit unabhängigen Gedanken gibt. Unsere Meinungsfreiheit kann er also wohl kaum gemeint haben – schließlich heißt es im Volkslied ja auch „Die Gedanken sind frei“, und sogar permanent besoffene Burschenschafter singen beim Kommers nicht „Die Meinungen sind frei“…

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War’s das? Das war’s!


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