Das war’s! — War’s das? (Eine Art Chronik)

Rabe und Herr V.

Als Angehöriger der drittletzten Generation…

… mit 83 Jahren möchte ich der letzten Generation sagen: Lasst Euch nicht beirren! Angesichts des Desasters, in das unser Lebensstil führt, sind Eure Wut, Energie und Mut notwendig und eine Sache von Moral und Verantwortungsbewusstsein. Es geht darum, den Alltag zu stören, um massiven Druck auf die Regierungen auszuüben. Jede Demonstration, jede Aktion des zivilen Ungehorsams, ist Notwehr, und ohne Lautstärke geht’s nicht, wenn man mediale Aufmerksamkeit erreichen will. Und deswegen: Glückwunsch! Die Bildzeitung hat schon Schaum vor der großen Schnauze…
Ihr von der Letzten Generation könnt ganz sicher sein: Ihr stört zu Recht.
Hört nicht auf Leute, die erzählen, Eure Aktionen lenken vom eigentlichen Problem ab.
Hört auch nicht auf Gottesfrauen wie Margot Käßmann, die jungen Leuten „eine furchtbar traurige Verzagtheit“ unterstellt.
Hört nicht auf diejenigen, die behaupten, Ihr tötet den durchaus vorhandenen guten Willen vieler Bürger. Das ist Quatsch – wer guten Willens ist, kann Eure Aktionen nur begrüßen.
Hört nicht auf Automobilfetischisten und Geschwindigkeitsanbeter, die Euch Erpressung vorwerfen, wenn Ihr „Tempo 100“ auf der Autobahn durchsetzen wollt.
Hört nicht auf grüne Politiker*innen, die meinen, Ihr schadet dem Anliegen mehr, als es nützt, und Eure Ultimaten hätten mit Demokratie nicht viel zu tun. Das Ultimatum stellt die Natur, und die aktuell praktizierte Demokratie ist offenkundig für den bevorstehenden Luftmangel der Erdbewohner kein adäquates Beatmungsgerät.
Hört nicht auf das wie immer substanzlose Gerede von FDP-Häuptlingen, die Euch als „Klima-Kriminelle“ bezeichnen und die „volle Härte des Rechtsstaates“ anmahnen.
Hört auch nicht auf die wie so oft angepassten Stimmen aus der SPD, die klagen, Eure Aktionen zerstören wichtige gesellschaftliche Akzeptanz für den Kampf gegen den Klimawandel“. Die Partei hat, wenn sie sich auf eure Seite stellt, Angst um ihr Wahlergebnis.
Hört nicht auf reaktionäre CDU-Granden, die verlangen, „von den Chaoten der ‚letzten Generation‘ darf sich der Rechtsstaat nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen“, und die vom Staat „klare Kante und entschiedenes Vorgehen gegen diese Unruhestifter“ fordern. 
Hört nicht auf rechtsradikale Führer aus der AfD, die Euch „apokalyptische und wohlstandsverwahrloste Klima-Extremisten“ nennen, und hört vor allem nicht auf die Vollidioten, die vor Euch als einer Klima-RAF warnen. Diesen Law&Order-Figuren geht es nur darum, ihre grundsätzlich restriktiven Handlungen zu legitimieren.
Hört nicht auf das aufgeregte Geschnatter der „Freie Fahrt für freie Bürger“ – Anhänger anlässlich Eurer Straßenblockaden, das Geschrei kommt von denselben Leuten, die meistens zu blöde oder zu egoistisch sind, auf den Autobahnen eine Rettungsgasse zu bilden.
Hört nicht auf das Geschimpfe der Flugpassagiere, wenn Ihr eine Landebahn blockiert – das sind die, von denen man immer wieder hört „ich fliege ganz ganz wenig, aber ein Mal im Jahr in den Urlaub, das muss sein“.
Und hört auch nicht auf die, die sich echauffieren über Kartoffelbrei auf den Ohren von Van Gogh – am lautesten protestieren Leute, die nie ins Museum gehen. (Aber vielleicht könnt Ihr Kunstwerke wirklich unbeschadet lassen – Künstler stehen doch schon auf Eurer Seite!)
Hört bitte auch nicht auf die bayerische Regierung: In Bayern können Bürgerinnen und Bürgern schon bis zu zwei Monate eingesperrt werden, angeblich, um zu verhindern, dass sie „eine schwere Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat“ begehen. Offenbar glaubt man dort, mit heißer juristischer Luft das Klima beeinflussen zu können.
Hört schließlich keinesfalls auf die unerträglich bigotten Spießbürger in unserem Land, die sich rasend empören über das Vorgehen des iranischen Staates gegen demonstrierende und protestierende Bürgerinnen und Bürger im Iran, und die jetzt unsere Demokratie kaputt machen wollen, indem sie „Konsequente Strafen“ verlangen für Menschen, die ihr Recht zu demonstrieren wahrnehmen und durch die Androhung von „Vorbeugehaft, Aufenthaltsverboten und Bußgeldern“ eingeschüchtert werden sollen.
Wie meistens – die Pointe kommt am Schluss:
Ausgerechnet der deutsche Verfassungsschutz-Präsident gab zum Thema „Letzte Generation“ zu Protokoll, Extremismus sei, wenn der Staat, die Gesellschaft, die freiheitlich demokratische Grundordnung infrage gestellt werde – „und genau das tun die Leute ja eigentlich nicht“. Er verwies darauf, dass die Klima-Aktivisten der Gruppe ein Handeln der Regierung fordern. „Also anders kann man eigentlich gar nicht ausdrücken, wie sehr man dieses System eigentlich respektiert, wenn man eben die Funktionsträger zum Handeln auffordert.“
Touché !


Özdemir macht ein Geschäft

In diesen Tagen ist eine ukrainische „Weizenspende“ nach Äthiopien unterwegs: 25 000 Tonnen Weizen. Damit könnten 1,6 Millionen Menschen einen ganzen Monat lang ernährt werden. Das Frachtschiff „Nord Vind“ mit der Getreidespende fährt von Odessa aus über das Schwarze Meer nach Istanbul, dort wird die Ladung inspiziert, und dann geht die Reise weiter nach Dschibuti. Dort wird das Getreide umgeladen und auf dem Landweg weitertransportiert.

Der grüne deutsche Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir finanziert den Schiffstransport mit rund 13,5 Millionen Euro, das heißt, er bezahlt, was die Ukraine spendet. Das ist nett und verdient Respekt. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) teilte mit, das von Deutschland zur Verfügung gestellte Geld decke sowohl die Kosten, um das Getreide von der Ukraine über Dschibuti nach Äthiopien zu bringen, als auch die, den Weizen an Hungernde zu verteilen.
Na, da wollen wir doch mal nachrechnen:

Der Weltmarktpreis für Weizen beträgt zur Zeit 320 € pro Tonne. Der Warenwert beläuft sich also auf (25 000 x 320) 8 Millionen €. Die Charterrate für ein Schiff, das 25 000 t Getreide transportiert, beträgt 12 000 € pro Tag.
Die Seereise von Odessa nach Äthiopien dauert etwa 15 Tage.
Das ergibt (12.000×15) Transportkosten von 180 000 €.
Warenwert und Transport kosten also rund 8.180.000 €.
Die Ukraine kassiert aber von Deutschland 13 500 000 €. Die Differenz ist offenbar auch eine Spende, und zwar eine besonders großzügige.

Natürlich ist das Geld den Not leidenden Menschen zu gönnen, aber man muss bezweifeln, dass es sie erreicht. Handelt es sich also um unumgängliche Schmiergeldzahlungen? Oder um illegale Transaktionen zur Sanierung des Agrarhaushalts? Um Subventionsbetrug oder eine private Initiative des Ministers zur Aufbesserung seiner Alterssicherung? Oder handelt es sich um eine verdeckte Finanzierung von Waffen aus dem Etat des deutschen Landwirtschaftsministeriums? Und wer stellt dann die (steuerlich interessante) Spendenbescheinigung aus? Fragen über Fragen… Aber: Die Politik darf keinen Schaden nehmen, der sich nicht rechnet!


Toller Witz

Anton Hofreiter im Felde

Es geschah beim letzten Parteitag: Schreitet doch da der bedeutende grüne Staatsmann Anton Hofreiter, immer kenntlich an seinem fettigen, aber gepflegten Kopfbewuchs, an einem einfachen Parteimitglied vorbei. Dieser Grünling denkt sich, oha, das ist doch mein Wehrkraftoptimierer, der Panzerexperte und Haubitzenliebhaber, der vehemente Befürworter deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine und Unterstützer der Asowregimenter, dazu noch bester Kamerad des FDP-Schrapnells Agnes Strack-Zimmermann – oha, der ist ja gar nicht artgerecht angezogen, da kann man doch eigentlich einen Ghillie-Tarnanzug für Scharfschützen erwarten oder auch das Universal Camouflage Pattern. Aber nix da – der Hofreiter hat sich als durch und durch zivile Erscheinung verkleidet. Also sagt der Grünling freundlich: „Moin Toni, was ist denn mit dir los? Ich dachte, du läufst hier im Tarnanzug auf.“
Für einen schlecht gelaunten Militaristen ist eine solche Bemerkung Grund genug, das Standrecht anzuwenden: „Ich kann auch gleich mein Gewehr holen und dir die Birne wegschießen“, bellte Kommandant Hofreiter, woraufhin die Umstehenden erblassten oder in Deckung gingen.
Ich denke, um Verständnis für die Gewaltphantasie dieses grünen Spitzenpolitikers aufzubringen, muss man sich seine Initialen betrachten.

Angeregt von Detlef zum Winkel und
https://extradienst.net/2022/11/17/muss-man-simon-lissner-erschiessen/


Blabla an die Nation

Sehr geehrter Herr Frank-Walter Steinmeier,

Sie waren einer der Erfinder der „Agenda 2010“, Sie verhandelten in Kiew mit den Maidan-Faschisten, und Sie unternahmen nichts gegen die Folter von Murat Kurnaz in den US-Käfigen von Guantanamo. Das und Ihre SPD-Mitgliedschaft qualifizierten Sie für das höchste deutsche Staatsamt.
Ihre Reden, Herr Steinmeier, liefern auch in Krisen-Zeiten den Beweis: Die Kontinuität ist gesichert, und die Negativauslese des deutschen Establishments funktioniert nach wie vor tadellos. Bestimmt wird schon bald eine Fernsehpflaume in einem Quiz die Frage stellen: Wie hieß nochmal der deutsche Bundespräsident, der auch im Sommer immer aussah wie ein eingeschneiter Uhu auf dem Scheunendach…? Und irgendjemand wird sich dann erinnern und erklären, „das war doch der, der mit bloßem Auge einen europäischen Epochenbruch diagnostiziert hat, was sowas Ähnliches ist wie ein Leistenbruch der Geschichte“, und gewiss hat dann auch jemand den Hinweis parat, dass die von Herrn Scholz festgestellte „Zeitenwende“ noch viel gravierender ist, weil damit die Astrophysik endlich der Richtlinienkompetenz des deutschen Bundeskanzlers unterworfen wurde.
Selbstverständlich haben Sie keine ihrer „wichtigen“ Reden selbst geschrieben, Sie sagen diese Reden nur auf, was schlimm genug ist, denn die Manuskripte, die sich Ihre Redenschreiber so zusammensalbadern – weitschweifig, salbungsvoll, langatmig gedrechselt, auch großsprecherisch, feierlich-verheißungsvoll, stets um ein gepflegtes Vokabular bemüht, in das sich abgelatschte Floskeln und trübe Allgemeinplätze leicht einbauen lassen – die könnten auch in jeder psychiatrischen Anstalt als Sedativum Verwendung finden. Beispiele? Gern! Hier Perlen präsidialer Formulierungskunst im Steinmeier-Original-Ton, aus keinerlei Zusammenhang brutal herausgerissen:
„Wagen wir doch ruhig öfter einmal den Blick über den eigenen Tellerrand und die eigene Wirklichkeit hinweg!“ oder „Das Wesentliche wird wieder wichtig, und es verdient unsere ganze Kraft“. Und „Politik kann keine Wunder vollbringen“, oder „Wir leben nicht in einer idealen Welt“. Und so weiter ad infinitum. „Ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“ – so hat schon der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther (13,1) Ihre Rede an die Nation vom 28. Oktober 2022 abgewatscht.
Ich will nun nicht alle Belanglosigkeiten, Ungereimtheiten und fragwürdigen Behauptungen in Ihrer Rede an den Pranger stellen – mir reichte schon Ihre Erkenntnis „Die Jahre vor dem 24. Februar waren für Deutschland eine Epoche mit Rückenwind“. Dieser Rückenwind blies ja wohl nach der friedlichen Eingemeindung der DDR aus dem Osten. Nun aber, sagen Sie, „beginnt für Deutschland eine Epoche im Gegenwind“. Und der bläst offenbar auch aus dem Osten. Bedeutet dieser von Ihnen angerichtete meteorologische Metaphernsalat, dass wir Deutsche uns um 180 Grad gedreht haben? Oder wollten Sie uns mitteilen, dass in dem von Ihnen wahrgenommenen Epochenbruch der kleine Mann den Wind immer von vorne kriegt, so dass ihm die Epochenbruchstücke um die Ohren fliegen? Egal – wir wissen längst, politische Redner neigen dazu, ihre durch einen Mangel an Intelligenz verursachten desaströsen rhetorischen Höchstleistungen auszugleichen durch eine mittels Selbstgefälligkeit abgefederte Meinungsstärke…
Ihre subjektive Sicht auf die Ursachen des Ukraine-Krieges und Ihre Anstrengung, Russophobia zu verbreiten, Ihre gelegentlich aufblitzende militaristische Gesinnung und Ihren unsozialen und historisch längst erledigten Vorschlag, nochmal eine Art Reichsarbeitsdienst zu installieren, will ich hier nicht näher beleuchten – so wie Sie denkt man bekanntlich überall im kapitalistisch ausgerichteten Bürgertum.
Aber Ihre Art, Schuld zuzuweisen, Betroffenheit zu verbreiten und Opferbreitschaft bei Ihren Landsleuten anzuheizen – das verrät eine gewisse Könnerschaft. Sie sagten:
„Jeder Mensch in unserem Land, der am 24. Februar aufwachte und die Bilder sah von Raketeneinschlägen in Kiew, von Panzerkolonnen auf ukrainischen Straßen, von der russischen Invasion auf breitester Front – jeder, der mit diesen Bildern erwachte, wusste: An diesem Morgen war die Welt eine andere geworden. Für niemanden ist der Schrecken dieses Morgens so entsetzlich wie für die Menschen in der Ukraine selbst. Mit einigen von ihnen saß ich am Dienstag in Korjukiwka, einer kleinen Stadt nahe der weißrussischen Grenze, zusammen in einem Luftschutzkeller. Diese Menschen erzählten mir ihre Geschichten, sie erzählten mir, wie dieser 24. Februar, wie der Schrecken des Krieges in ihr ganz normales Leben brach: der ungeheure Lärm der Einschläge, der Rauch, das Feuer, ihre jähe, pure Angst – diese Frauen und Männer zitterten, als sie mir davon berichteten“. Eindrucksvoll!
Aber hat der damalige Chef des Kanzleramtes und BND-Oberbefehlshaber, Frank-Walter Steinmeier, sich zum Beispiel auch mit serbischen Menschen in deren Bunkern unterhalten, als 1999 die Nato 70 Tage lang Belgrad bombardierte? Nein, hat er nicht. Oder hat er mal erwogen, den von der Türkei immer wieder bombardierten und massakrierten kurdischen Menschen mal ein paar Haubitzen und Flugabwehr-Gerätschaften zu ihrer Selbstverteidigung zu überlassen? Nein, hat er auch nicht.
Die Welt, Herr Bundespräsident, ist am 24. Februar keine andere geworden – vielmehr sind die Bilder, die uns aus der Ukraine erreichen, recht ähnlich denen, die uns von den USA und ihren Verbündeten seit dem Korea- und dem Vietnamkrieg aus zahlreichen Ländern der Erde in unsere Wohnzimmer geliefert wurden. Aber erinnern Sie sich? Wer sich darüber empörte, betrieb linksradikale Propaganda und stand ganz schnell nicht mehr auf dem Boden des deutschen Grundgesetzes…
Damit kommen wir zu der von Ihnen, Herr Staatsoberhaupt, eindringlich beschworenen Haltung.
Sie verkündeten: „Was wir brauchen, ist Widerstandsgeist und Widerstandskraft!“ Und: „Wir brauchen aktive, ja widerstandskräftige Bürgerinnen und Bürger“. Und: „Auch unsere Demokratie gehört zur kritischen Infrastruktur. Und sie steht unter Druck! Sie schützen können nur wir selbst. Das verlangt von uns Demokraten mehr als Bekenntnisse. Es verlangt Engagement und – auch hier wieder – Widerstandskraft und Widerstandsgeist“. Und: „Widerstandskräftige Bürger treten ein für ihre Meinungen und äußern ihre Sorgen – aber sie lassen sich nicht vereinnahmen von denen, die unsere Demokratie attackieren“.
Da haben Sie völlig recht, Herr Steinmeier!
Allerdings – wie Widerstand in unserem Land ganz oben, also auf Ihrer Etage, ankommt – das haben wir seit dem Ende des zweiten Weltkriegs immer wieder gründlich studieren können: Vor dem Bruch der letzten Epoche gab es Widerstand gegen Remilitarisierung und die Gründung einer bundesdeutschen Wehrmacht, Widerstand gegen das KPD-Verbot, Widerstand gegen Berufsverbote und Notstandsgesetze, Widerstand gegen Bildungsnotstand, gegen alte Nazis in Amt und Würden, gegen einen rechtslastigen Verfassungsschutz, gegen Sympathisantenhetze durch BKA und Medien, es gab Widerstand gegen Nachrüstung und Atomkraft, Widerstand gegen staatlich praktizierte Ausländerfeindlichkeit und nächtliche Abschiebungen, es gab den Widerstand der Hausbesetzer gegen die Wohnungspolitik, es gab Widerstand gegen Hartz IV und Lohndrückerei, Widerstand gegen sinnlose Gipfel-Shows, Widerstand gegen Massentierhaltung, Widerstand gegen Klimapolitik. Fällt Ihnen noch was ein, Herr Steinmeier? Richtig: Es gab Widerstand gegen die Privatisierung von Wasser, Energie und Gesundheitswesen. Ein Mangel an Widerstand in diesem Land war nicht festzustellen und ist auch in Zukunft nicht zu erwarten.
Das Problem ist nur: Sie selbst, Herr Feiertagsredner, sind als Widerstandskämpfer ziemlich unbrauchbar, und auch als Spiritus rector sind Sie ein Ausfall – denn allzu durchsichtig ist Ihre Argumentation: „Wir müssen in den nächsten Jahren Einschränkungen hinnehmen. Das spüren die meisten längst. Jeder muss beitragen, wo er kann. Diese Krise verlangt, dass wir wieder lernen, uns zu bescheiden“. Das heißt doch wohl auf Hochdeutsch: Liebe Landsleute, ihr müsst Energie sparen und Einkommenseinbußen hinnehmen für mehr Rüstung, und daran hat nur der Russe Schuld…
Sie, Herr Präsident, instrumentalisieren das Unglück der Menschen in der Ukraine, um angesichts der wirtschaftlichen Talfahrt das Wohlverhalten der deutschen Bevölkerung anzumahnen. Doch zum Glück servieren sie dem Volk auch phantastische Zukunftsaussichten: „Unser Staat lässt Sie auch in dieser Zeit nicht allein! Er setzt seine Kraft ein, um denen zu helfen, die es allein nicht schaffen“. Unseren Staat und seine entscheidenden Repräsentanten kennen wir nur zu gut – sie heißen Söder, Lindner, Habeck, Baerbock, Merz, Scholz und ach du meine Güte. Vielleicht wäre es doch besser, er ließe uns allein…
Und schließlich, Herr Steinmeier, ködern Sie uns mit dem Versprechen: „Wir machen Deutschland zu einer neuen Industrienation – technologisch führend, klimaverantwortlich, in der Mitte Europas… mit mehr und neuen internationalen Partnern“. Mehr und neue? Das wird spannend! Freuen wir uns also auf enge Beziehungen zu Kasachstan, Aserbaidschan und Qatar –

danke, Steinmeier!


Zurück auf die Bäume, ihr Affen!

Immanuel Kant erwartete vom Ausbau internationaler Handelsbeziehungen eine Eindämmung kriegerischer Konflikte. Er schrieb: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt.“ Wer will, kann das so sehen.
Die diversen Regierungen der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten waren davon überzeugt, der Staat könne seine Aufgaben nur im Zusammenwirken mit anderen Staaten optimal erfüllen. Eine Politik der Autarkie kam auch deswegen nicht in Frage, weil die nationalen Interessen in der Wirtschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielten: Nicht der Staat, sondern Konzerne bestimmten über Verlagerungen von Produktionsstätten ins Ausland, Firmenverkäufe oder Penetrationsstrategien. In der globalen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre ging es nicht um einen Konsens, sondern um Profitinteressen, Gewinnsteigerung und Kapitalmaximierung – wie Karl Marx es schon analysiert hatte: Kapitalistische Länder können niemals autark sein, da der Kapitalismus immer auf Expansion angewiesen ist, und deshalb sei „in einer internationalen Produktionsweise jeder Gedanke an das längerfristige Überleben einer autarken Wirtschaftsorganisation ein Hirngespinst“.
Jein… Nehmen wir mal einen anderen Propheten:
Johann Gottlieb Fichte, Vertreter des deutschen Idealismus, predigte den autarken Nationalstaat, also wirtschaftliche und politische Autarkie. Er stand auf dem Standpunkt, die wahre Ursache von Kriegen liege im streitenden Handelsinteresse der Nationen. Dadurch entstehe ein endloser Krieg aller gegen alle, als Krieg zwischen Käufern und Verkäufern, und dieser Krieg werde heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefährlicher, je mehr die Welt sich bevölkere. Die Produktion und der technische Fortschritt] würden immer weiter steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge, was wiederum menschlichen Bedürfnisse vervielfältige. Fichte hat weltweit drei prominente und relativ erfolgreiche Verfechter seiner Theorie: Den russischen, den chinesischen und den nordamerikanischen Präsidenten. Ihre Staaten sind groß genug, die Autarkie auch durchzusetzen. Alle anderen Regierungschefs strampeln mehr oder minder verzweifelt für ein bisschen mehr Unabhängigkeit.
Auch unsere deutsche Heimat erzittert unter der Furcht, versklavt zu werden und strampelt ganz gewaltig, um die Ketten der Abhängigkeit zu zerreißen.  Das muss man sich mal vorstellen: Bis August 2022 zahlte Deutschland für Lieferungen aus Russland bereits rund 28,4 Milliarden Euro… Was musste unser Land darunter leiden, russischer Energie ausgeliefert zu sein – Gas und Öl aus Russland waren zwar relativ günstig, aber nie und nimmer hätten wir uns davon abhängig machen dürfen! Auch die Abhängigkeit von Rohstoffen für den Bau erlesener Automobile oder von Pharmaprodukten, von Kaviar und Pelzmützen, war auf Dauer nicht hinnehmbar. Schluss damit!
Lieber unabhängig gegen Putin frieren, als abhängig im Warmen überwintern!
Und wenn die Chinesen, von denen schon jeder einzelne aufs engste mit der deutschen Wirtschaft verflochten ist, jetzt auch noch ihre gierigen Finger nach einem wenn auch nur kleinen Teil des Hamburger Hafens ausstrecken, obwohl ihnen doch schon große Teile Duisburgs gehören, ist es durchaus angebracht, dass unsere bellizistischen Geostrategen Anton Hofreiter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihr gellendes Katastrophengeschrei erheben!
Deutschland sollte nur eine Abhängigkeit kennen, und zwar die Abhängigkeit vom Wohlwollen der USA.
Alle anderen Abhängigkeiten – von englischer bitter orange Marmelade, französischen Filmen, italienischer Mode, spanischen Stränden, polnischen Handwerkern, griechischem Wein, skandinavischen Krimis, japanischem Sushi und allem, was uns sonst noch so überfremdet und unsere Identität bedroht, werden eliminiert. Deutschlands Ziel ist die absolute Unabhängigkeit:
Vom Wetter – wir schaffen ein eigenes deutsches Klima,
von weltweiten Ernten – wir brauchen keine Nahrungsmittel, sondern Energiepflanzen,
von internationaler Küche – deutscher Schweinebauch ist Delikatesse genug,
von Rohstoffen aus aller Welt – deutsche Mobil-Telefone zum Aufziehen tun es auch,
von Apple + Microsoft – Computer mit Windradantrieb reichen völlig,
vom Export – „made in Germany“ kommt nur noch deutschen Verbrauchern zugute,
vom Internet – Informationen erfolgen durch Ausruf von Herolden und Aushang am Rathaus,
vom € – ein Heller und ein Batzen sind unsere traditionellen Zahlungsmittel,
von Kinderarbeit – ihre Billigklamotten können deutsche Kinder auch selbst herstellen,
von Kaffee und schwarzem Tee – Muckefuck ist sowieso gesünder,
vom Alkohol und anderen Drogen – wir wollen die Dinge doch nüchtern betrachten:
Wir müssen die Globalisierung, in die wir verwickelt sind, konsequent abwickeln, alle globalen Beziehungen, Verträge und Verpflichtungen auf Zero zurücksetzen. Moderne Patrioten wissen: Anders werden wir unsere Autarkie nicht erreichen.


Staatsmänninnen

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff „Nibelungentreue“ als signifikantes Merkmal in unser Nationalbewusstsein eingraviert, weil man die unverbrüchliche Treue der Burgunderkönige zu Siegfrieds Mörder Hagen von Tronje damals für eine wertvolle deutsche Charaktereigenschaft hielt. Heute verstehen wir unter Nibelungentreue eher eine atavistische, bedingungslose, idiotische und potenziell verhängnisvolle Bündnistreue. Führende deutsche Politikerinnen haben das wohl nicht mitgekriegt. Sie halten die von ihnen praktizierte Nibelungentreue zur Nato für eine friedenssichernde Kraft, obwohl das Gegenteil in den vergangenen Jahrzehnten oft genug bewiesen wurde.
Für diese treuen deutschen Politikerinnen steht fest, dass Deutschland sicherheitshalber zu einer antirussischen Einheit zusammengeschweißt werden muss. Entsprechend gestalten sie ihr Denken, Reden und Handeln – sie kennen ja den „Russen an sich“, den primitiven Plünderer, den blutrünstigen Totschläger, und sie haben von ihrer Oma gehört, wie es war, mit Adolf im Herzen vom Iwan vergewaltigt zu werden.
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist die Vorkämpferin gegen die Untermenschen aus Moskau und Umgebung ist. Die aggressive Amazone will die Bundeswehr neu ausrichten, die Soldaten sollen zum Feindbild Russland eine konfrontative Stellung einnehmen: „Sie brauchen ein Bild eines möglichen Feindes, der unsere Freiheit und Demokratie beseitigen will. Und das sehen wir jetzt gerade. Jetzt wissen wir, wie ein Feind aussehen könnte, in diesem Fall aussieht….“
Über dreißig Jahre herrschte gute Nachbarschaft zwischen Deutschland und Russland, im Jahre 2001 hielt Putin eine umjubelte Rede im Bundestag, und die Ära der Politikerin Merkel war geprägt von Handel und Wandel. Wem, zum Teufel, bot diese Zeit eigentlich einen Anreiz, den Status zum Schlechteren zu verändern? Musste die Nato sich immer weiter nach Osten ausdehnen und Russland mit Angriffswaffen einkreisen, musste das Regime in Kiew den hauptsächlich russisch besiedelten Osten der Ukraine seit 2014 immer wieder beschießen, musste sich Putin unbedingt provozieren lassen und einen Krieg anfangen? Offenbar ja: Die Diplomatie wurde erschossen und beerdigt.
Alles, was seit dem Ende des 2. Weltkrieges hochgehalten wurde – „Ohne Mich – Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen – Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin – Schwerter zu Pflugscharen -haben deutsche Politikerinnen abgehakt: Heute ist Krieg, und keine will daran unbeteiligt sein. Sie liefern der Ukraine Waffen und Geld für diesen Krieg, aber eine Krieg-führende Partei sind sie angeblich nicht, weil die Ukraine nicht in der Nato ist.
Die deutsche Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hat die Produktion neuer Panzerhaubitzen für die Ukraine in Aussicht gestellt, andererseits behauptet sie: „Es ist ganz klar – sowohl für die deutsche Bundesregierung als auch für die gesamte Nato: Wir werden keine Kriegspartei“. Ich nenne das ein übles Lügenkonstrukt, aber die Politikerinnen nennen es Völkerrecht. Verlangen Völkerrecht und Nibelungentreue tatsächlich eine Waffenbrüderschaft mit der Ukraine? Stärkste Kraft dort sind die Kämpfer des Asow-Regiments in der Nationalgarde und etliche andere militärische Verbände, die sich der Leitidee der SS „Meine Ehre heißt Treue“ verpflichtet fühlen. Hilf Himmel, wenn dieses Gesindel siegt, an die Regierung kommt und sich in der EU breit macht…
Innenministerin Nancy Faeser ließ sich immerhin schon mal neben der Leiterin des Stadtrats von Irpin fotografieren, und die trägt auf ihrem T-Shirt ein kreisrundes Logo, in dem sich sich das Abbild eines Sturmgewehrs befindet, darum herum der Schriftzug „Black Rifles Matter“. Diese ultrarechte Symbolik verhöhnt die Bewegung „Black Lives Matter“ und signalisiert Gewaltbereitschaft.
Mecklenburgs Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, zuerst Förderin der sogenannten Klimastiftung, die mit Mitteln von Gazprom finanziert wurde und den Zweck verfolgte, die Gaspipeline Nord Stream 2 in Betrieb zu setzen, ist zügig umgekippt und kappte alle Drähte zu Russland. Den Verein „Deutsch-Russische Partnerschaft“ hat sie „gebeten“, seine Arbeit ruhen zu lassen. So wichtig war das dann wohl doch nicht mit der Völkerverständigung.
Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey sagte, der russische Angriff auf die Ukraine müsse rechtliche Konsequenzen haben und „der völkerrechtswidrige Krieg gegen die Ukraine darf nicht ungestraft bleiben“. Alle Russen ins Straflager?
Die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang entwickelte eine neue grüne Logik: „Wer Frieden will, muss Waffen liefern“. Wer keine Waffen liefert, ist für den Krieg?
Außenministerin Annalena Baerbock, die jedesmal, wenn sie den Mund aufmacht, eine Bildungslücke in die Welt setzt, will weitere Milliarden € in die Ukraine pumpen, und sie sagte, man müsse den Russen die Beine wegschlagen, sodass sie „Jahrzehnte“ nicht mehr „auf die Beine“ kämen, womit sie zweifellos die russische Bevölkerung animiert, sich hinter ihren Präsidenten zu stellen. In einem Interview erklärte sie: „Unsere Waffenlieferungen helfen offensichtlich sehr deutlich, Menschenleben zu retten“. Da fällt einem doch gleich die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright ein, die 1996 freimütig bekannte, die durch das US-Sanktionsregime im Irak zu Tode gekommenen 500.000 Kinder seien „es wert“ gewesen… Bundesaußenministerin Baerbock ist klar: „Die Ukraine verteidigt auch unsere Freiheit, unsere Friedensordnung und wir unterstützen sie finanziell und militärisch – und zwar so lange es nötig ist. Punkt.“ Wurde unsere Freiheit nicht bis vor kurzem noch am Hindukusch verteidigt? Vermutlich ist die Ukraine das neue Afghanistan… Für die deutsche Außenministerin gilt – „no matter what my German voters think“ – Ukraine First!
Und auch die deutsche Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula v.d.Leyen will, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Deswegen schlägt sie pro Woche mindestens ein neues EU-Sanktionspaket gegen Russland vor – was uns an längst überholte Erziehungsmaßnahmen denken lässt: „Stell dich in die Ecke – Strafarbeit – Nachsitzen – Taschengeldkürzung – Fernsehverbot – Stubenarrest – ohne Abendbrot ins Bett“. Heute nennt man derartigen Quatsch „Sanktionen“. Um diese Sanktionen abzufedern, unterzeichnete die Scharfmacherin in Aserbaidschan eine Absichtserklärung, wonach innerhalb von fünf Jahren doppelt so viel Gas im Jahr geliefert werden soll wie bisher, obwohl Aserbaidschans Regime, das vor gar nicht langer Zeit einen Krieg mit seinem Nachbarland Armenien ausgefochten hat, zu den unfreiesten, korruptesten und autoritärsten auf der Welt gehört.
Leider sind die deutschen Politikerinnen international keineswegs isoliert –
die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin, die lustige Partymaus, verwehrt Russen die Einreise nach Finnland, und die Ministerpräsidentin Estlands, Kaja Kallas sagte: „Als Tourist nach Europa zu reisen, ist kein Menschenrecht, sondern ein Privileg.“ Na bravo – mit dieser Einstellung feierte schon die DDR-Führung große Erfolge.
Und schließlich Liz Truss, die britische Premierministerin: Sie unterstützt Briten, die als Söldner zum Kämpfen in die Ukraine wollen…
Tja, seit Maggie Thatcher glauben Politikerinnen, sie könnten sich alles erlauben.
Für kontemplativ veranlagte Menschen gilt: Diese nibelungentreuen Politikerinnen sind lediglich Medienaktionistinnen. Verlässt man das Netz, schaltet Fernsehen und Radio aus und liest keine Zeitung, verschwinden sie im OFF.


Zukunftsgestaltung

Planungssicherheit ist die neue Perspektivlosigkeit.
Voraussetzung für Planungssicherheit ist Prognosengewissheit.
Prognosengewissheit beruht auf Prophezeiung mit Garantie.
Prophezeiung mit Garantie gibt Planungssicherheit.
Habeck ist gelebte Perspektivlosigkeit.


NACH DEM ENDE KOMMT DER AUFSCHWUNG

So viele Pakete, wie nötig wären, um Deutschland aus seinem Jammertal zu erlösen, kann kein Mensch schnüren: Die Inflation frisst uns auf, Gas, Strom und Wasser werden abgestellt, ÖPNV-Tickets zwingen zum Schwarzfahren, DB-Verspätungen werden auch immer teurer, Flughäfen befinden sich kurz vor der Schließung, Kindergeld gibt’s für alle statt einer angemessenen Besteuerung der Reichen , immer mehr kulturelle Appropriationen (Winnetou ist kein deutsches FDP-Mitglied!) kommen ans Tageslicht, im NDR und beim RBB herrscht ein ganz mieses Betriebsklima , überhaupt das Klima, insgesamt, ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten, Atomkraftwerke gelten mittlerweile wieder als Friedensinitiative der Stromindustrie, Krankwerden ist ein Luxus, den sich auch Privatversicherte nicht mehr leisten können (ich bin vier Mal gegen Covid 19 geimpft und trotzdem kein Mal krank gewesen!), ganze Städte sind wegen Leerstand auf dem Wohnungsmarkt entvölkert, die ersten wohnungslosen Unternehmer sind wegen des allgegenwärtigen Personalmangels schon verhungert, jetzt sollen die seit 2015 zu uns Geflüchteten, also die mit dem Migrationshintergrund, vom deutschen Staat auch noch genauso großzügig versorgt werden wie die geflohenen Ukrainer*innen, junge Leute wollen nichts mehr lernen, weil sie sowieso Influencer und echt reich werden, und zu allem Überfluss erklären wir ja wohl demnächst Russland zusätzlich zum Wirtschaftskrieg auch noch den richtigen Krieg, also total barbarossamäßig…


Aber das sind noch lange nicht unsere einzigen Probleme – wir müssen auch leben mit den Kriegen in der Ukraine, im Jemen, in Syrien, in Libyen, in Äthiopien, in Mali, dazu kommt der Krieg der Türken gegen die Kurden, der Krieg der iranischen Pfaffen gegen die eigene Bevölkerung, dann die Taliban, die uns alle am liebsten steinigen würden, und schließlich die enorme Belastung, die aus Afrika über das Mittelmeer Geflüchteten von Europas Grenzen fernzuhalten…

Das ist doch alles eine Riesenscheiße! Ich weiß gar nicht, wie das in Zukunft werden soll… Und unsere Regierung? Das ist ein hochqualifiziertes Quartett, bestehend aus einem Geisteswissenschaftler, der den sozialdemokratischen Bluthund Noske verehrt, dann einem Follower der Plutokratie mit Rennlizenz sowie einer intellektuell arg eingeschränkten Trampolinhopserin (wahrscheinlich ein paar Mal zu oft an die Decke geknallt), und dem legendären Veranstalter eines Krisen-Gipfels, den er als Hafengeburtstag und ein „Fest der Demokratie“ ausgab, einem Mann, der zur Absicherung seiner Psychostruktur in seiner Aktentasche einen Zettel mit sich herumträgt, den er sich regelmäßig bei Bedarf ansieht. Darauf steht geschrieben: Ich bin Kanzler! Damit er das (nach seinen Cum-ex-Erfahrungen) nicht auch noch vergisst…

Diese großen 4, die schaffen das: Damit wir nicht wieder solche Hungerzeiten wie 1946/47 erleben, bietet die Bundesregierung zusammen mit den Bundesländern und lokalen Engagierten vom 29.Sept. bis zum 6. Okt. eine Aktionswoche an, in der Ideen gebündelt werden. Alle sind aufgerufen, hierbei mitzumachen. Also: Deutschland rettet jetzt eine Woche lang Lebensmittel – danach dürfen wir dann wieder jährlich etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel in den Müll schmeißen. Kämpfen Sie für die globale Ernährungssicherung, stemmen Sie sich gegen die Verschwendung, haben Sie Ideen entlang der gesamten Versorgungskette mit Lebensmitteln! Und: Gehen Sie nicht achtlos an Lidl vorbei! Lidl bietet im Rahmen des ganzheitlichen „Rette mich“-Konzepts die Rettertüte an: Mit der Tüte wird äußerlich weniger perfekten, aber verzehrfähigen Obst- und Gemüseprodukten zum rabattierten Einheitspreis von drei Euro pro Tüte eine zweite Chance gegeben. Denn was auf des Filial-Leiters Tisch nicht mehr appetitlich genug aussieht, kann unter den Brücken immer noch ganz gut schmecken. Mahlzeit.


tot! na und?

Sie war bestimmt nett und eine interessante alte Dame, auch vorbildlich selbstbestimmt: Sie hatte schon vor mehreren Jahrzehnten verfügt, wo ihre Hunde platziert werden sollten und wo ihr Lieblingspony zu stehen hatte, wenn sie eines Tages, in einem mit Blei ausgeschlagenen Eichensarg liegend, in einer Spezial-Limousine in ihre Familiengruft einfahren würde. Sie hieß Elisabeth und war eine adlige Ur-Oma, die in ihrem langen Leben hart gearbeitet hatte: Ständig musste sie neue Hüte aufprobieren, Millionen Hände musste sie schütteln und stets höflich lächeln, wenn ihr irgendwelche belanglosen Leute abgenudelte Floskeln und den Mundgeruch der niedrigen Geburt ins Gesicht bliesen.. „Arbeit adelt“ hatte ja schon Friedrich Engels behauptet, und die Umkehrung „Adel arbeitet“ ist eben auch richtig. Und so erwarb sich Elisabeth außerordentlichen Reichtum – sie besaß mehrere Schlösser, ausgedehnte Ländereien und auch einen Dudelsackspieler zur ihrer persönlichen Verfügung. Ihr Beruf war Queen, aber sie war eigentlich ein ganz normaler Mensch aus Sachsen-Coburg-Gotha, also eigentlich eine Deutsche aus den neuen Ländern. Und nun war sie entschlafen und wurde von ihren zahlreichen Verwandten und Bekannten in traditioneller Form, also viktorianisch, entsorgt.
An dieser Stelle möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, dass wir kein republikanisch-demokratisches Fernsehen haben, sondern ein durch und durch monarchistisch gesonnenes, das nach Kräften auf den feudalen Putz haut und jede Chance nutzt, in vollem Ernst die Nachgeburten des Absolutismus zu hofieren. Nicht, dass wir uns missverstehen:
Ich verehre jede blaublütige Personifizierung eines kreisrunden Stammbaums, die Angehörigen eines jeden Herrschergeschlechts und ihre Hofschranzen, Edelmänner und Edelfräuleins allesamt, ich liebe das Defilee der Orden-behangenen Greise mit dem Empire im Herzschrittmacher, ich beuge untertänigst die Knie, wenn mir jemand mit belegter Stimme zuraunt, „das ist Graf Koks von Socken, tausend Morgen Wind hinterm Hof, und hier sehen wir den Cousin 4. Grades von Ernst-August, Nr. 18 in der englischen Thronfolge: Wilhelm-Alexander Fürst-im Eimer zu Grottenolm“. Ich liebe auch die Operetten-Soldaten mit ihren pelzigen Kaffeewärmen auf den Köpfen und ihren Holzgewehren unterm Arm, von einem Fuß auf den anderen schunkelnd, und ja, ich gebe es zu: schon von Kindesbeinen an liebte ich besonders den demütigen und unterwürfigen Tonfall der Adels-Experten und besonders der Adels-Expertinnen, wenn sie mir die näheren Umstände einer Nobilitäten-Hochzeit nahebrachten: „Während das Paar die Marmorstufen hinabsteigt, sehen wir das Brautkleid der Prinzessin, es wurde gefertigt aus weißem Fliegenleder mit Mopsfullbesatz, während die Paradeuniform seiner Hoheit aus einem echten Gobelin handgesägt wurde. Das alte Familien-Zepter, das der Hofmarschall ihnen voranträgt, diente schon Zarin Katharina der Großen als Masturbationshilfe…“
Wenn ich so etwas höre, weiß ich wieder, wofür ich lebe und arbeite: Ja, über 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie in Deutschland alimentieren meine Steuergroschen immer noch unter anderen das Haus Wittelsbach. Für diese Herrschaften hat im Jahr 1923 der Freistaat Bayern den Wittelsbacher Ausgleichsfonds errichtet, und aus dem werden die Mitglieder des Hauses Wittelsbach bis heute mit jährlich mehreren Millionen Euro angemessen versorgt. Kein Wunder also:
Pomp & Circumstances europäischer Königshäuser, Fürstenhochzeiten, Tronbesteigungen, aber auch Taufen und Beerdigungen gekrönter Häupter sind für mich die kulturell wertvollsten Sendungen, also echte Events und sogar Highlights. Mein besonderer Dank gilt daher einem leitenden Doppelnamen vom Norddeutschen Rundfunk – jahrelang setzte er die monarchistischen Glanzlichter im Fernsehen, wenn er sich durch die Arrangements und Anekdoten der Aristokratie stottertete – und man munkelte von ihm in Fachkreisen sogar, er habe schon mal der Queen beigewohnt…
Offenbar gibt es zahlreiche Menschen wie mich mit einer Sehnsucht nach feudalem Prunk, herrschaftlichem Protz, Ehrenwachen, Kronjuwelen und goldenen Löffeln, nach der personifizierten Inzucht mit Habsburger Nasen und steifen Oberlippen, und um die europäischen Adelshäuser zu pampern, geben ZDF und ARD sich die größte Mühe, das Bedürfnis des untertänigen Volkes nach Demut, Verehrung & Kitsch zu befriedigen. Auch sollen wohl „Das Goldene Blatt“ und ähnlich aufpolierte Brechmittel unterstützt werden, die im Dünkel der Hochwohlgeborenen waten und uns das als Dienst an der Gesellschaft verkaufen. Aber irgendwie sind die Medien dieses Mal der Bedeutung des Ereignisses nicht gewachsen: Moderatorinnen und Moderatoren quälen mich mit ausuferndem Geschwätz, sie dreschen jede Phrase, die das Gottesgnadentum zulässt, sie zeigen immer wieder dieselben Bilder. Größtmögliche Betroffenheit vortäuschend erzählen sie mir alles, was ich sowieso gerade sehe, und sie verteilen alle Binsen, die professionelle Plauderer*innen so parat haben: „Diese Tage des Abschieds waren ein langer Weg für alle und ein Jahrhundert-Ereignis! Ob wir solche prunkvollen Bilder jemals wieder sehen werden? So einen historischen Tag werden wir wahrscheinlich nie wieder erleben! Und schließlich: Die berittene Kavallerie ist einmalig diszipliniert“.
Alle an der Berichterstattung Beteiligten sind gehalten, despektierliche Bemerkungen über unmäßiges Schmarotzertum, Verschwendung und eine unerträgliche Parasiten-Plage gefälligst zu unterlassen. Stattdessen präsentieren Königshaus-Expertinnen und – Experten auf allen Kanälen die luzide Erkenntnis, dass dieses einmalige feudale Trauerspiel nicht nur sehr bewegend, sondern auch sehr berührend inszeniert ist, und auf die Frage einer Moderatorin „Was für eine Lücke hinterlässt die Queen?“ antwortet eine Expertin sachkundig: „Zunächst einmal ein große“. Daraufhin erscheint das traurige, aber zu Höherem berufene Antlitz von Oma Elisabeths Enkel William im Bild, und die Moderatorin stellt die Frage in den Raum „Was könnte jetzt wohl in ihm vorgehen?“ Ich denke kurz nach, dann bin ich sicher: Nichts.
Sein Vater Charly hingegen macht ein Gesicht, als würde er in Erwägung ziehen, zurückzutreten und für immer nach Barbados zu gehen – er wäre bestimmt ein lustiger Karnevalsprinz…


Ein echter Fortschritt

Am Freitag, 26. Aug. 2022, meldete die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung):

„Als kulturelle Abkehr von der früheren Vormacht Russland benennt die ukrainische Hauptstadt Kiew 95 Straßen und Plätze um, deren Namen an Russland oder die Sowjetunion erinnerten. Das teilte Bürgermeister Vitali Klitschko mit. So sollen außer den deutschen kommunistischen Vordenkern Karl Marx und Friedrich Engels auch die russischen Schriftsteller Alexander Puschkin, Lew Tolstoi, Anton Tschechow, Iwan Turgenjew und Michail Lermontow aus dem Straßenbild verschwinden.“

Es erfüllt alle literarisch Interessierten mit Begeisterung, dass die Führung der Ukraine den Eintrag in diesem Blog „Kultura nix gutt“ (veröffentlicht 13.Mai 22) nun mit Leben erfüllt und in die Tat umsetzt. Frau Baerbock, Pumps-Model und Busenfreundin der Gebrüder Klitschko, sollte unbedingt zu den großen Umwidmungsfeierlichkeiten anreisen (auch wenn sie nie ein Werk der genannten Autoren gelesen hat). Vielleicht könnte sie bei der Gelegenheit die Georeferenz von Kiew den Gegebenheiten anpassen und einigen kulturschaffenden Russinnen die Ehre eigener Straßennamen prophylaktisch aberkennen – gewiss würden die Gräfin Rostoptschin sowie die Achmatova, die Zwetajewa und auch die Petrushevskaya derlei feministische Friedens-Anstrengungen gut heißen.


Die Wahnsinnigen

Als ob es nicht schon viel zu viele Opfer in der Zivilbevölkerung der Ukraine gegeben hätte… Die Russen werfen den Ukrainern vor, sich in Krankenhäusern und Schulen zu verschanzen und Patienten oder Schulkinder als Geiseln zu nehmen, die Ukrainer werfen den Russen vor, Atomkraftwerke als Schutzschilde zu benutzen, um unangreifbar zu sein. Vermutlich stimmt beides, und die Militärs beider Seiten riskieren nun auch noch die totale Vernichtung der Bevölkerung ganzer Landstriche:

Das Kernkraftwerk Saporischschja am Dnepr ist das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas. Die russische Armee hält es schon seit den ersten Tagen des russisch-ukrainischen Krieges besetzt. Am 1. August 2022 brachte die New York Times eine große Reportage über Nikopol – blickt man von Nikopol aus über den breiten Strom, der hier zu einem See aufgestaut ist, sind die Silhouetten der sechs Reaktoren des Atomkraftwerks und seine beiden Kühltürme gut zu erkennen. Der Bürgermeister von Nikopol sagte der New York Times, russisches Militär habe sich mit voller Absicht im Atomkraftwerk verschanzt, „damit sie nicht getroffen werden können“. Die Russen würden Raketen über den Fluss nach Nikopol und in andere Ziele schicken, und die Ukraine könne den Beschuss „mit ihren von Amerika erhaltenen fortschrittlichen Raketensystemen“ nicht erwidern, ohne zu riskieren, das Atomkraftwerk oder sein Atommülllager zu treffen.
 
Es ist naheliegend, dass eine US-amerikanische Zeitung nur die ukrainische Sicht der Dinge wiedergibt und nach der russischen gar nicht erst fragt. Gleichwohl lässt der Artikel erkennen, dass es unter den Einwohnern von Nikopol sehr unterschiedliche Meinungen gibt: Sie fürchten, wie die Zeitung einräumt, nicht nur die russischen Artillerie, sie sind auch in großer Sorge, dass die eigenen Leute ein Leck in das Atomkraftwerk schiessen könnten. Oder dass sie das Atommülllager treffen, errichtet vom US-Konzern Westinghouse und bestückt mit 167 großen Containern, die jeweils mit einer Betonummantelung versehen sind. Oder es könnte sich, noch gefährlicher, ein Geschoss in die kaum gesicherten Abklingbecken für verbrauchte Brennelemente verirren. Oder, was vielleicht am schlimmsten wäre: Wenn der Staudamm getroffen würde, könnte sich im worst case eine riesige Flutwelle stromabwärts über Cherson ergiessen, und das stromaufwärts gelegene Atomkraftwerk hätte keine Kühlung mehr…

Mittlerweile hat die oberste ukrainische Heeresleitung bekannt gegeben, ihre Truppen hätten die Brücke über den Staudamm siegreich beschossen. Also nah dran sind sie schon mal…

Es scheint demnach Vorsicht geboten. Wie vorsichtig zumindest die ukrainischen Patrioten mit Atomkraftwerken umgehen, beweist ein Videoclip, den das Verteidigungsministerium in Kiew Ende Juli 2022 ins Netz gestellt hat. Die offizielle Beschreibung lautet: „Eine Kamikaze-Drohne wurde eingesetzt, um die feindliche Stellung und deren Ausrüstung zu treffen, darunter Flugabwehrkanonen und BM-21 Grad-Fahrzeuge. Nach vorliegenden Informationen wurden bei dem Anschlag 3 Menschen getötet und 12 verletzt. Das Lager wurde durch ein Feuer zerstört, das lange Zeit nicht gelöscht werden konnte. Ruhm der Ukraine! Tod dem Feind! (Leiter der Abteilung für Nachrichtendienste des Verteidigungsministeriums der Ukraine)“

Das Video zeigt zunächst den Beschuss eines Fahrzeugs, das inmitten von Sprühanlagen postiert ist, die zur Kühlung des Atomkraftwerks Saporischschja gehören. Dabei handelt es sich nicht um die systemrelevanten primären und sekundären Kühlkreisläufe, sondern um eine spezielle periphere Kühleinrichtung, die man bei einigen Kraftwerken russischer Bauart findet. Und in der nächsten Sequenz des Clips nimmt die Drohne ein Zeltlager ins Visier, das die russischen Truppen auf dem Kraftwerksgelände direkt vor dem doppelt umzäunten Hochsicherheitsbereich errichtet haben. Nach den Bildern zu urteilen befand sich das Lager im nördlichen Bereich des Terrains, 200 bis 250 Meter vom nächstgelegenen Reaktor und ebenso weit entfernt von dem Trockenlager für Atommüll, das an der nordöstlichen Ecke der Anlage gelegen ist. Die Aufnahmen zeigen, wie sich eine Explosion zwischen den Zelten ereignet; anschließend sieht man viele Menschen davonlaufen und schließlich den Einsatz einer Feuerwehr, um den Brand zu löschen. Dass der Clip keine Fälschung ist, bestätigte das Portal Ukrinform, die Nationale Nachrichtenagentur der Ukraine, mit einer Meldung vom 23. Juli. Die mehrsprachige Nachrichtenagentur ergänzte, die Russen hätten 500 Soldaten auf dem Gelände des AKWs stationiert und im Untergeschoss eines Ausbildungszentrums ein Waffenlager eingerichtet.

Eine „Kamikaze“ Drohne also. Ein Selbstmord-Fluggerät nach japanischem Vorbild, erfunden und eingesetzt von durchgeknallten Nationalisten. Ohne Rücksicht auf Verluste programmiert und in Marsch gesetzt auf
das Gelände eines Atomkraftwerks. Offenkundig muss man im Atomzeitalter dem Militär jede Befehlsgewalt
absprechen und alles eigenständige Handeln verbieten – die Gefahr ist einfach zu groß, dass diese Leute denken, sie befänden sich in einem Videospiel… Dort sind sie aber nicht – das wurde recht deutlich, als es wenige Tage später erneut krachte im AKW: eine Hochspannungsleitung wurde beschädigt, sodass ein Reaktor in Notabschaltung ging und die Leistung eines anderen reduziert werden musste. Anscheinend gab es mehrere Granaten-Einschläge, die auch eine Sauerstoff/Stickstoff Anlag beschädigten. Prompt beschuldigten sich beide Seiten gegenseitig. Also:

Die Unzurechnungsfähigkeit eskaliert, und letztlich ist es wohl auch egal, wem Europa es zu verdanken hat, wenn Saporischschja den größten anzunehmenden Unfall meldet… Hauptsache, Herr Söder und Herr Merz ziehen rechtzeitig ihre weißen Schutzanzüge und vor allem ihre gelben Gummistiefel an – wir wollen ja nicht, dass ausgerechnet denen was passiert…
(Danke an Detlef zum Winkel, Physiker und Autor, für Geburtshilfe bei diesem Text)


Saltos gegen die Panik

Zur Jahreswende 2022/23 sollen den letzten drei Kernkraftwerken, die in Deutschland noch Atomstrom produzieren, die Stecker gezogen werden. Einst die Kathedralen des Erfindungsreichtums und des Fortschritts – jetzt nur noch Mahnmale der Vergänglichkeit, der Frustration und menschlicher Holzwege. Doch weiterhin gibt es diese umtriebigen Betonköpfe, deren politischer Horizont in der zwielichtigen Grauzone des Lobbyismus verläuft, und die Konzerne, die auf ihre Atom-Geschäfte keinesfalls verzichten wollten, und auch diese verlogen lächelnden Verfechter von Kompromissen, die allzeit bereit sind, fortschrittliche Maßnahmen zu unterlaufen, sie werden nicht weniger. Diese Leute lauern seit 11 Jahren auf ihre Chance, seit nach der Fujijama-Katastrophe eine Atomgesetznovelle den deutschen Atomausstieg 2011 besiegelte.

Und die Chance kam im Februar 2022, als Russland die Ukraine angriff. Das war zweifellos ein inakzeptabler Völkerrechtsverstoß. Der Westen (Die Guten) reagierte mit „Sanktionen“. Der Osten (Die Bösen) antwortete mit „Erpressungen“. Ein Unterschied war kaum feststellbar. Atomwaffeneinsatz stand drohend im Raum, Lieferketten wurden unterbrochen, es kam zu Versorgungsengpässen, Flugzeuge flogen nicht mehr, der Stillstand von Industrieanlagen wurde befürchtet, Wirtschaftszweige kollabierten, Lebensmittelpreise stiegen rasant, es gab Hungersnöte, und ein kalter Winter stand bevor. Die Spirale des Hasses und der Gewalt drehte immer intensiver, die Opferzahlen stiegen, aber niemand bemühte sich ernsthaft, energisch und mit Phantasie um Frieden. Der Wille und die Intelligenz, sich gegenseitig zu verstehen, waren ausgeschaltet, und die deutsche Außenministerin erklärte kategorisch, Gespräche mit dem russischen Anführer seien sinnlos.

In herzlichem Einverständnis mit der Politik heizten Deutschlands Medien die Ängste der Bevölkerung an: Was, wenn der Gasherd nicht mehr funktioniert und die Heizung ausfällt? Was, wenn’s wieder Stromsperren gibt? Gibt’s dann auch kein Warm-Wasser mehr? Alte Leute haben das schon mal erlebt! Und kann man dann wieder kein Klopapier mehr kaufen? Muss ich Angst um meinen Arbeitsplatz haben? Können wir dann nächstes Jahr nicht nach Teneriffa fliegen? Was, wenn das Klima sich wirklich ändert und das Wetter immer schlechter wird? Ein neues Auto kriegen wir doch trotzdem, oder? Ist es denn besser, unsere alten Wintermäntel noch nicht wegzugeben? Soll ich mich schon mal mit Zigaretten und Schnaps eindecken, für den Schwarzen Markt? Steht Deutschland erneut vor einem Zusammenbruch? Kriegen wir vielleicht sogar wieder Care-Pakete aus Amerika? Oder kümmern sich diesmal die Chinesen um uns? Fragen über Fragen, die Politikern und Medien das Signal lieferten für heftiges Purzelbaum-Schlagen.

Mit Kehrtwendungen, Neu-Orientierungen und Richtungshinweisen als erster in die Schlagzeilen zu kommen ist traditionell der Ehrgeiz und ein wesentlicher Bestandteil bayerischer Polit-Strategie, und so ist auch der frühere Bayerische Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten, des weiteren Bayerischer Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, ferner Bayerischer Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat und heutiger Bayerischer Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Markus Thomas Theodor Söder, mal wieder der schnellste: Gleich nach der Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima forderte er, der so gern ganze Wälder abholzen lässt und dabei von der „Bewahrung der Schöpfung“ spricht, Deutschland müsse aus der Atomenergie aussteigen – „Japan ändert alles!“ – er drohte gar mit seinem Abdanken aus der Politik, sollte Bayern der Kernenergie nicht pfüati sagen, und in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte er, eine Verlängerung der Kernenergie sei „weder gesellschaftlich, noch energiepolitisch wünschenswert“. Ausdauernd und konditionsstark hechelte Salto-Spezialist Söder den eigentlich eher grünen Positionen hinterher. Und nun?

Eines Morgens vor dem Spiegel entdeckte Ministerpräsident Söder den Wendehals in sich. Er rief seine Hofberichterstatter zu sich, guckte so bezwingend und wissend wie möglich, und dann sprach er sich, keinen Widerspruch duldend, für eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke aus. Er persönlich hatte über Nacht erkannt, es gebe „keine Argumente dagegen – außer rein ideologische Basta-Argumenten“. Und Vorschläge wie Fahrverbote oder die Absenkung von Temperaturen, sozusagen „kalt duschen“, seien „für ein Wirtschaftsland wie uns nicht machbar“, verkündete er, und dann ordnete er noch an, eine Verlängerung des bayerischen Atomkraft-Meilers Isar 2 sei auch möglich. So sprach der bayerische Regent, ein Fachmann von Gottes Gnaden.

Dass für die FDP kein Weg an einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland vorbei führt, war keine Überraschung – das hat die Partei ihren bevorzugten Gesprächspartnern von der „Bildzeitung“ mehrmals mitgeteilt. Der Liberallala- Fraktionschef im Bundestag sagte: „Wir erwarten für den Winter europäische Solidarität. Deshalb ist es richtig, dass auch Deutschland Solidarität zeigt. Wir müssen daher alles, was zur Stromproduktion beitragen kann, auch nutzen. Kernkraftwerke gehören dazu.” Solidarität mit der Atom-Industrie also, der angestammten FDP-Klientel. Solidarität mit frierenden Menschen hat diese Partei doch noch nie aufgebracht. Und damit ist auch in Zukunft nicht zu rechnen.

Und schließlich erneuerte CDU-Chef Friedrich Merz die Forderung seiner Partei, eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu ermöglichen. An die grünen Kolleginnen und Kollegen appellierte er, sie müssten beim Thema Atomkraft über ihren Schatten springen. Es dürfe „keine Denkverbote“ geben. „Tut es für Deutschland“, bettelte er. Irgendjemand sollte diesem reaktionären Bereicherungs-Experten mal mitteilen, was wirklich alles für Deutschland zu tun ist, und zwar lange vor einem Atomausstieg…Dazu gehört jedenfalls nicht, die Büchse der Pandora zu öffnen – you remember?

Ein aktueller Mythos aus finsterster Vorzeit:
Pandora (griechisch: „Die, die alles schenkt“ oder „Die mit allem Beschenkte“) besaß eine Büchse, ein Geschenk von Göttervater Zeus – wie alle Göttergeschenke eine zwiespältige Angelegenheit. Ihr wurde dringend geraten, die Büchse niemals zu öffnen – logisch, dass sie’s doch tat. Aus der Büchse entwich alles Üble und Schlechte, was die Menschheit bis dahin gar nicht kannten: Krankheiten, Laster, Mühen, Sorgen und auch der Tod. Bevor am Schluss auch die Hoffnung entfliehen konnte, schloss Pandora die Büchse wieder. Und so wurde die Welt ein trostloser Ort ohne jede Hoffnung…


Endlich mal was Positives

Es kommt alles wieder in Ordnung, Leute, wir biegen alles, was uns zur Zeit bekümmert, wieder hin. Alles. Dass die Mineralölkonzerne den Tankrabatt niemals an die Verbraucher weitergeben würden, wusste jeder, der hin und wieder eine Tankstelle aufsucht – nur unser Wirtschaftsminister nicht. Offenbar ist er mit unserem politischen System überfordert. Unser Finanzminister hingegen wusste gleich, dass der Tankrabatt ausschließlich der Wirtschaft zugute kommen würde, deswegen will er ihn auch nicht mittels einer Übergewinnsteuer von den Profiteuren des Russland-Ukraine-Krieges wieder einkassieren. Und unser Kanzler glaubt, dass den meisten Menschen der Spritpreis sowieso egal ist: Jüngere Mitbürger werden sich vom gestiegenen Mindestlohn ein neues Fahrrad anschaffen, um das Klima zu verbessern und den Ausbau der Radwege zu fördern, und ältere Menschen können sich mit Hilfe der Grundsicherung in aller Regel ein E-Bike oder sogar ein batteriebetriebenes Auto leisten. Und das brauchen sie auch: Wenn so ein alter Mensch beispielsweise von Frechenrieden nach Bedernau will, das sind etwa 20 Kilometer von Oberschwaben ins Unterallgäu, dann kann er sich das 9-€-Ticket an den Hintern klatschen, wenn er kein Auto hat. In diesem strukturschwachen Gebiet wie auch in anderen vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Flächen wartet man ja vergeblich auf eine Mitfahrgelegenheit im ÖPNV, weil es nirgends eine Haltestelle gibt…. Also, ohne Auto keine Fußpflege… Und die nächste Metropolregion wartet auch sehnsüchtig auf den Besuch aus dem Umland, den unser Landwirtschaftsminister zuverlässig mit reichlich fließenden Agrar-Subventionen und einem stabilen Milchpfennig unterstützt, um so die allgemein etwas lasche Kauflaune in den not-leidenden Einkaufsmeilen anzukurbeln. Die Parkscheingebühren machen den Hackbraten in der Rathaus-Kantine erschwinglich, was wiederum den Handel ermutigt, die Löhne und Gehälter der Beschäftigten anzuheben, wodurch der allseits beklagte Personalmangel ein Ende hat. Das anschwellende Konsumbedürfnis hilft sogar der trostlos verarmten Gastronomie und den durch Corona pleite gegangenen Tattoo-Läden, denn die Steuerrückzahlungen ermuntern die Menschen auch zum Saufen und zu exzessiver Fassadenkosmetik. Wieso Steuerrückzahlungen? Na, ist doch klar: Von unserem Sondervermögen! Steuerrückzahlungen für alle, die davon leben müssen, was sie wirklich verdienen. (Ja, das ist doppeldeutig, aber das ist normal bei unserer Steuergesetzgebung). Trotzdem: Dank sei unseren Sozialdemokraten, die nach über 100 Jahren endlich mal wieder ihren Patriotismus auf den Markt geworfen und unserem Land ein paar anständige Kriegskredite bewilligt haben. Ein 100-Milliarden-Euro-Aufrüstungsprogramm! Dabei geht es selbstverständlich nicht um Angriffswaffen für einen Angriffskrieg, sondern um Verteidigungswaffen für einen eventuellen Verteidigungskrieg, es geht um die strukturelle Nichtangriffsfähigkeit Deutschlands. Unsere Regierung kennt und beherzigt schließlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere den Artikel 26, wo es heißt: „ Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen“. Dieses kluge Gesetz findet seine Bestätigung in einem Video, das vermutlich ein subversiver Pazifist aus der Bildzeitungs-Redaktion auf YouTube gepostet hat: Es zeigt, irgendwo in der Ukraine, einen Konvoi russischer Panzer, und aus heiterem Himmel schlagen Geschosse in die Panzer ein. Man sieht nicht, wer sie von wo abgefeuert hat. Kein ukrainischer Panzer, keine Haubitze weit und breit. Die noch nicht getroffenen russischen Panzer sind wehrlos, sie wissen nicht, auf wen sie wohin schießen sollen, also drehen sie um und hauen ab, so schnell sie können. Also, wenn man denn unbedingt Krieg führen will – dieses Video ist eine Demonstration intelligenter, sehr erfolgreicher Kriegsführung mit modernen Abwehrwaffen. Ich bin ganz sicher, unsere Verteidigungsministerin wird unter Einsatz ihrer kompletten Frauenpower alsbald ihr Sondervermögen nutzen, um möglichst viele anti-tank guided missiles, also Panzerabwehrlenkwaffen, die im Flug auf das Ziel gelenkt werden, für unsere uniformierten Jungs bereitzustellen. Manche dieser Dinger können ja auch von der Schulter eines Kämpfers, versteckt hinter einer Hecke, am Waldrand oder auf dem Dach hinter dem Schornstein, abgefeuert werden. Noch erfolgreicher als Startplattform sind aber selbstverständlich Hubschrauber und Drohnen. Die Lenkbarkeit ermöglicht auch neue Taktiken wie das „Top-Attack“-System, bei dem die Rakete in einem Bogen die relativ schwach gepanzerte Panzeroberseite ansteuert. Außerdem sind diese Waffen neben dem Boden-Boden-Einsatz auch als Luft-Boden- und als Boden-Luft-Waffe zu verwenden. Wenn wir uns von diesen intelligenten Dingern mehr anschaffen, als der Russe Panzer, Flugzeuge und andere Angriffswaffen besitzt, dann soll er mal kommen – da muss er schon seine Atomwaffen einsetzen, sonst sind wir praktisch unangreifbar….
Außerdem sei der Hinweis gestattet: Diese Abwehrsysteme sind wesentlich preiswerter als das antiquierte Kriegsgerät aus dem letzten Jahrhundert, mit dem Hitler schon die Luftschlacht über England, den U-Boot-Krieg im Atlantik, die Panzerschlacht im Kursker Bogen und den Häuserkampf um Berlin verloren hat.
Die unverzügliche Anschaffung von Panzerabwehrlenkraketen, Antipanzerlenkwaffen oder Antipanzerraketen bedeutet für uns, die wir vom Scheuerlappengeruch des Lebens so arg gebeutelt sind: Überschüsse aus dem Rüstungshaushalt machen es möglich, dass unser Parteien-Staat endlich mal genügend Kohle hat, um überall, wo’s angebracht ist, Hilfe spendend einzugreifen. Zum Beispiel kann er sich die faulen Ausreden sparen und frierenden Rentnern eine ordentliche Heizkostenpauschale zahlen.
Wem das alles zu umständlich oder auch zu unsicher ist, der halte sich an die Regierende Bürgermeisterin unserer Hauptstadt – die wies uns einen großartigen Weg, Frieden zu schaffen mit ungewöhnlichen Waffen, als sie sagte:
„Berlin steht an der Seite der Ukraine. Mit der Beleuchtung des Brandenburger Tors senden wir ein deutliches Signal, gemeinsam mit weiteren europäischen Städten.“
Als der böse Mann im Kreml diese schreckerregende Drohung der Berliner Signalsenderin hörte, soll er sich vor Angst in die Hosen gemacht haben.


Tucho ist traurig –

An der Artillerieschule in Ida-Oberstein (sowas gibt’s – 2022!) lernen nationalbewusste und kriegsbereite Menschen aus der Ukraine von uns Deutschen, die Panzerhaubitze 2000 artgerecht einzusetzen: Sechs Granaten so abzufeuern, dass sie in 40 Kilometer Entfernung gleichzeitig einschlagen. Kann man ihnen nichts Vernünftiges beibringen? Leider ist zu vermuten, dass nicht nur die Sachschäden, sondern auch die Kollateralschäden zur Zufriedenheit der deutschen Regierungsmitglieder ausfallen… Tut mir leid, Tucho, es bleibt dabei:
Soldatinnen und Soldaten sind Mörderinnen und Mörder.


Kultura nix gutt

Vor einigen Wochen konnte man auf ARTE Journal ein Interview mit dem russischen Regisseur Kirill Semjonowitsch Serebrennikow sehen. Am Schluss fragte die Moderatorin den Künstler: Werden Sie denn nun nach Beendigung Ihrer Arbeit nach Russland zurückkehren oder bleiben Sie hier in Europa? Sie hatte also verstanden: Kulturschaffende müssen sich für die richtige, die gute Seite entscheiden, bis der Feind bezwungen ist, genau so, wie sie in den bösen Corona-Lockdown-Zeiten eine Maske getragen und jeden Auftritt verweigert haben, bis die Seuche in die Knie ging.
Gewiss, fast alle Theater- und Konzert – Veranstalter haben erbarmungswürdig gejammert, und viele Künstlerinnen und Künstler beklagten die fehlenden Auftrittsmöglichkeiten, doch das Publikum, seien wir mal ehrlich, atmete erleichtert auf: Endlich keine teuren Eintrittskarten mehr bezahlen zu müssen, nicht mehr im unbequemen Gestühl sitzen und nicht husten zu dürfen, sich nicht mehr um Verständnis bemühen und hinterher was Kluges sagen zu müssen, endlich zugeben zu können, dass menschenwürdiges Leben auch ohne Kultur möglich ist, gemütlich zu Hause zu bleiben, sich endlich alle noch nicht gesehenen Serien reinzuziehen und unwidersprochen feststellen zu können, Netflix macht auch eine ganz prima Kulturarbeit, kulturloses Leben kann ja sooo schön sein…!
Ich bin mit unseren politischen, wirtschaftlichen und moralischen Anführern ganz einer Meinung: Was die europäische Menschheit zum Sieg über Covid geführt hat, wird ihr auch zum Triumph über den russischen Aggressor verhelfen. Wir brauchen einen weiteren kulturellen Abschwung, wir müssen die russische Abteilung endgültig aus der europäischen Kultur ausgliedern und alle kulturellen Kontakte zu Russland löschen.
Kultur in Russland, das ist und war nie europäische, sondern immer russische Kultur, die nicht denkbar ist ohne Erpressung, Krieg, Massenmord, Vergewaltigung, Besetzung und Ausplünderung fremden Territoriums. Also: Russen raus aus der Kultur.
Insofern ist es gut, wenn die Filmfestspiele in Cannes keine russische Delegation einladen, weil man nur zu genau weiß, wie die Russen ihre Hotelzimmer hinterlassen. Aber dass der russische Pavillon auf der Biennale in Venedig nur geschlossen ist, reicht nicht: Er muss auch abgerissen werden! Sehr kulturbewusst ist es, wenn die Kunstsammlungen Dresden die Zusammenarbeit mit staatlichen russischen Stellen, also der Mafia, einfrieren, weil die nur erneut das Grüne Gewölbe ausrauben wollen. Zum Glück gibt es in Luzern kein Festival russischer Kammermusik, denn man weiß ja, dass seit dem Don-Kosaken-Chor akustischer Terror zum Waffenarsenal der Russen gehört, und in London und New York sind Kooperationen mit dem Bolshoi-Ensemble abgesagt, weil westliche Kultur-Bedürfnisse mit Lady Gaga vollauf befriedigt werden. Vorbildlich ist, wie der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz alle Projekte und Zukunftspläne mit Russland auf Eis gelegt hat, denn im Permafrost vergeht jeglicher Kultur das Blühen und Gedeihen, und großartig ist auch, dass nichtstaatliche Galerien in München und Stuttgart alle Leihanfragen aus Russland geblockt haben – man weiß ja schließlich, dass die Russen entliehene Kulturschätze als Beutegut betrachten und nie mehr zurückgeben. Dank auch an die englische BBC, die keine Lizenzen mehr an russische Sender verkauft, und genauso an Hollywood , das alle Geschäfte mit Russland gestoppt hat. Sollen die Russen doch an kulturellen Hungerödemen verrecken!
Überaus sinnvoll ist auch, wenn die internationale Literatur- und Verlagswelt dem Aufruf des Ukrainischen Pen folgt, Bücher aus Russland zu boykottieren – das beweist einmal mehr die Solidarität des Westens mit Stepan Bandera, dem Nationalhelden der Ukraine, und dessen Gesinnungsnachfolger, dem Botschafter Melnyk. Die kulturbeflissenen Menschen in Deutschland wünschen sich dringend eine öffentliche Verbrennung der Werke von Dostojevski, Tolstoi, Gogol, Puschkin und anderen Unterstützern von Putin. Werke wie Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen, Die Brüder Karamasow, Der Spieler – allesamt verdächtig der Beschießung von Mariupol, kommen auf den Index, Theaterstücke wie ,„Die Möwe“, „Onkel Wanja“, „Drei Schwestern“ oder „Der Revisor“ sind wegen Russenversteherei ab sofort verboten. Und was die Malerei betrifft:
Vernissagen zwischen Helsinki und Neapel, Flensburg und San Francisco dürfen nur noch unter dem Titel „Entartete Kunst – Russen Raus!“ stattfinden. Bilder von Vassily Kandinsky, auch wenn er zur Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ gehört hat, und Marc Chagall (d.i. Moische Chazkelewitsch Schagal aus Witebsk, einer russischen Stadt in Belarus) werden als Sanktionsmaßnahmen in allen Museen abgehängt und in den Privatbesitz amerikanischer Oligarchen überstellt, desgleichen aber auch die Werke von Malewitsch, dessen berühmtes „Schwarzes Quadrat“ zwar noch an der Wand der Moskauer Tretjakow-Galerie hängt, dessen späteres Werk „Weiß auf Weiß“ im New Yorker Museum of Modern Art aber bereits mit Warnhinweisen versehen ist.
Lebende Sänger und Sängerinnen sowie Dirigenten aus Russland, die nicht bereit waren, Treueschwüre gegenüber der Nato und den EU-Staatschefs abzugeben, wurden bereits unter allgemeinem öffentlichen Beifall aus dem westlichen Kulturleben hinaus sanktioniert.
Nun werden, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, auch die toten Komponisten aus den Konzertsälen und Rundfunkarchiven eliminiert, u.a. Tschaikowski, Rachmaninoff, Stravinsky und Schostakowitsch, denn niemand braucht eine musikalische Untermalung marschierender russischer Soldatenstiefel. Und was die Opern betrifft: Eugen Onegin, Pique Dame, Boris Godunov und  die gesamte Truppe aus Krieg und Frieden von Sergei Prokofjew dient einzig und allein der Agitation und Förderung der Gewaltbereitschaft russischer Aggressoren. Dieses Gesindel ist auf unseren Bühnen nicht mehr willkommen. Vielmehr begrüßen wir es, dass kulturell hochstehende Konzerne wie Ikea, H&M, Obi, Puma oder Louis Vuitton ihre Geschäftsbeziehungen mit Russland sang- und klanglos beendet haben. Und besonders erfreulich: Die Fédération Internationale Féline hat in Russland gezüchtete Katzen und Kater von all ihren Ausstellungen ausgeschlossen.
Vorwärts mit den Kultur-Sanktionen zum ewigen Frieden!


Anti-Lump Lobo

Der Kolumnen-Defäkierer Sascha Lobo, jener eitle Typ mit dem albernen, aus dem Haarspray herausgemeißelten Hahnenkamm, ist Jahrgang 1975. Er weiß also alles über den Krieg, und seine mit unerhörter Tapferkeit vor Laptop und Fernseher durchgestandenen Kriegserlebnisse ließen ihn zu einem so formidablen Kriegspatrioten heranreifen, dass er sich nun Strategieberater nennt. Strategos ist die altgriechische Bezeichnung für „Feldherr“ oder „Heerführer“. Voraussetzung, in Athen zum Strategen gewählt zu werden, war die Befähigung zum Amt, d. h. das Wissen um die Kriegskunst. Sascha Lobo hat das: Er ist vermutlich sogar Bundeswehr-tauglich, jedenfalls bei guter psychosozialer Integration, und wenn sein Begutachtungsergebnis ihn als „dienstfähig und verwendungsfähig mit Einschränkungen“ ausweist, darf er in Wittstock/Dosse schon mal Schützengräben ausheben, wenn auf dem Prenzlauer Berg die Russen bereits Berliner massakrieren. Gegebenenfalls wäre eine aktuelle wehrpsychiatrische Zusatzbegutachtung erforderlich, denn Sascha Lobo hat nach eigenen Angaben eine AD(H)S-Diagnose, eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, und das bedeutet: Er ist einer der Erwachsenen, denen es häufig schwer fällt, spontane Einfälle genauer zu bedenken, Dinge abzuwarten und planvoll bei einer Sache vorzugehen. Bei Sascha Lobo muss man auf Desorganisation, emotionale Labilität, Stressintoleranz, gestörtes Sozialverhalten und auf eine ausgeprägte Selbstwertproblematik gefasst sein – er ist also prädestiniert für jede Art von Kriegsvorbereitung und Kriegführung. Und das heißt für friedliebende Zivilisten: Man muss nachsichtig mit ihm und seinen Kolumnen umgehen, denn Sascha Lobo ist gestört, er ist ein „digital Native“, verblödet, verroht und dummgesurft. (Ich darf dass hier schreiben, denn im Internet steht, Sascha Lobo ist für eine „Entkriminalisierung der Herabwürdigung im Netz“.)
Immerhin – seine Schreibversuche sind auch ein Beweis für eine gelungene Inklusion beim „Spiegel“, denn Sascha Lobo hat es in dem neoliberalen Wochenblatt bis zum Vorzeige – Bellizisten gebracht, dessen strategischer Ehrgeiz sich vor allem darauf richtet, Pazifisten niederzumachen. „Aber“, schreibt er, „nicht die Vernunftorientierten“, und damit meint er diejenigen, die im Verteidigungsfall eben doch zur Waffe greifen. Er erfindet also eine völlig neue Spezies: Kriegsbereite Pazifisten. Das allein würde schon reichen, jeden Dialog mit diesem Kasperkopp abzubrechen. Aber Herr Lobo ist ein in seiner Schwere äußerst interessanter Fall, den ein wenig genauer zu begutachten sich lohnt:
Für ihn gibt es akzeptable, weil vernunftgesteuerte Pazifisten, und inakzeptable, weil egozentrische Pazifisten, die „den eigenen Befindlichkeitsstolz über das Leid anderer Menschen“ stellen, selbstgerechte Leute, „die sich eine Jacke anziehen und sofort vergessen, was es heißt zu frieren“. Mit so kruden Hirngespinsten schafft er sich das Feindbild der „Lumpen-Pazifisten“, und zu denen zählt er auch Mahatma ­Gandhi, den er als „eine sagenhafte Knalltüte“ bezeichnet. Bei der Gelegenheit hätte uns der aggressiv behelmte Lobo eigentlich auch mitteilen können, mit welchen Attributen er im Bedarfsfall Nelson Mandela oder Martin Luther King belegen würde…
Zutiefst angeekelt wendet Sascha Lobo sich ab von allen Menschen, die nicht, wie er, sogenannte westliche Werte mit schweren Waffen durchsetzen wollen, sondern ihre ethische Grundhaltung für sinnvoller und effektiver halten als das, was ihnen ein verantwortungsloser Schreibtischtäter als Friedensbemühung verkaufen will, wenn er seiner Tastatur Geschützdonner entlockt und in seiner Landser-Phantasie hinter einem Leopard gen Moskau marschiert. Sascha Lobo hat kein Problem damit, eine Eskalation zum 3. Weltkrieg in Kauf zu nehmen. Dass der Ukraine damit keineswegs geholfen wäre, kümmert ihn nicht, und auch einige tausend ausgebombte oder umgebrachte ukrainische Frauen mehr mit ihren Babies sind ihm Wurscht.
Zu den Lumpen-Pazifisten zählt er selbstverständlich auch die sogenannten Putin – Versteher, denn die müssten eigentlich Putin-Propagandisten heißen. Was er dagegen hat, etwas oder irgendwen zu verstehen, bleibt im Dunklen. „Zu verstehen“ ist doch erstrebenswert, oder? Und „verstehen“ heißt ja noch lange nicht „billigen“…
Der vermeintliche Intellektuelle Lobo schreibt, die Putin-Propagandisten hätten mithilfe von Fake News, Drohkulissen und viel Geld massiven Einfluss genommen, um jede Aktivität gegen Putin zu verwässern, und es sei eine bittere Erkenntnis, welch eine Macht zielgerichtete Propaganda entfalte, wenn sie auf „realitätsaverse Unterstützer*innen vor Ort“ zählen könne. Da fragt man sich doch, wo lebt der Mann, und wo bitte veranstalten Pazifisten in den Medien ihre Putin-Propaganda?
Bei soviel geistiger Schräglage kann es nicht verwundern, wenn Sascha Lobo Pazifisten auch als Antisemiten diffamiert. Er schreibt, man fühle sich an diejenigen erinnert, die aus historischen Gründen stets mit toten, weil von Deutschland ermordeten Juden solidarisch sind – aber nie mit lebenden Juden, etwa in Israel.
Wer solch dumme Verallgemeinerungen absondert, der nennt Putin auch einen russischen Faschistenführer, was zweifellos eine grobe Verharmlosung von Hitler und der Nazi-Nomenklatura ist. Und um seine Russophobia unangreifbar zu machen, erklärt Sascha Lobo ferner, Putins Macht stütze sich maßgeblich auf die Stimmung der Mehrheit der Bevölkerung, und es sei romantischer Unfug zu hoffen, dass Sanktionen die Zivilbevölkerung möglichst nicht treffen sollten, denn unter bestimmten Umständen sei es durchaus sinnvoll, den Druck auf die Bevölkerung zu erhöhen, weil das dann wiederum den Druck auf die Mächtigen erhöhe. Weinende russische Frauen mit ihren Babies sind dem Strategen Lobo also auch wumpe…
Aber zum Glück haben Strategievorschläge à la Sascha Lobo schon in Vietnam geradewegs in die US-amerikanische Niederlage geführt, worüber ich mich heute noch freue…


WANDEL IM HANDEL

Hausaufgabe: Suche den Unterschied auf den beiden Etiketten und beschreibe den Geschmacksunterschied…

Nach 30 Jahren relativ guter Beziehungen, wenn nicht gar Freundschaft, zwischen Deutschland und Russland, leben wir nun in einer Zeit der Umgestaltung der Sprachregelungen.
Dass der russische Zupfkuchen, der gar nicht aus Russland stammt, sondern von einem Backwarenhersteller in Bielefeld, mittlerweile nur noch Zupfkuchen heißt, hat sich schon herumgesprochen. In Russland hieß der russische Zupfkuchen übrigens bislang „Deutscher Quarkkuchen“, aber in Zukunft soll er „Tschetschenische Käsetorte“ heißen.
Russischbrot, jene Knusperkekse für Notzeiten, deren Ursprung auf einen finsteren Slawen-Kult zurückgeht, heißt in Zukunft Bahlsens brauner Buchstabenbruch.
Zahlreiche Fußballvereine, vor allem die aus Dortmund und Mönchengladbach, werden ihren Namen „BoRUSSIA“ ablegen, da dieser Name allzu oft Anlass zu Missverständnissen gibt und die allermeisten Fans sowieso nicht wissen, dass sie den „Preußen“ zujubeln.
Der Schauspieler Russel Crowe wurde bereits aus allen Mediatheken gelöscht, weil er im „Gladiator“ keinen Hut mit blau-gelber Fahne aufgehabt hat.
Und Moskowskaya (Moskauer Wodka), der Marktführer, der bekanntlich keine Fahne macht, und auf dessen Etikett früher mal „Importiert aus der UdSSR“ stand, wird demnächst, nach dem Sitz des deutschen Generalimporteurs, umgetauft in „Jülicher Jubelwasser“.
Es lebe der Provinzialismus, die Piefigkeit, das Spießertum, die Geldgier, der Opportunismus und die Hysterie.


Halt die Klappe, Biden

Würden der Bundespräsident der Schweiz oder der Regierungschef von Andorra dem russischen Präsidenten Kriegsverbrechen, Völkermord und Genozid vorwerfen, würde man ihnen das wohl kaum verübeln. Wenn aber der amerikanische Präsident das macht, stößt einem soviel Bigotterie und Selbstgefälligkeit übel auf. Dann hat man das Bedürfnis, diesem geschichtsvergessenen Patrioten mal die Verbrechens-Chronik seiner Vorgänger im Amt vorzulesen: Von der Ausrottung der indigenen Völker Nordamerikas bis zu den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, von Vietnam und My Lay bis Irak, als die Raketen punktgenau das Schlüsselloch der Bunkertore trafen, von den massiven Angriffen gegen den Libanon und den Bombardierungen der libyschen Städte Tripolis und Bengasi bis zur militärischen Unterstützung der Faschisten in Chile, Argentinien und Griechenland durch die CIA, von den Luftangriffen auf Belgrad und dem Afghanistan-Krieg bis zu den Mörder-Drohnen über Pakistan, vom Folter-Gefängnis Abu Ghraib bis zum menschenrechtswidrigen Kerker von Guantanamo und anderen Waterboarding-Hotspots:
Was von diesen und anderen US-amerikanischen Militäraktionen als Kriegsverbrechen, Völkermord oder als Genozid einzustufen ist, das sollte nach genauer und objektiver Untersuchung ein Gericht be- und verurteilen. Und für das Wüten russischer Truppen in der Ukraine gilt selbstverständlich genau das gleiche: Wessen sich die russische Armee dort schuldig macht, hat jedenfalls nicht der amerikanische Präsident zu entscheiden, sondern der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Aber genau dieses Gericht wird von den USA bis heute nicht anerkannt. Kein Wunder, wenn das Urteilsvermögen des amerikanischen Präsidenten kaum von Belang ist für historische Schuldzuweisungen …


DEUTSCHE MILITÄRTRADITION

Einer der politischen Ahnherren von Annalena Baerbock war wahrscheinlich ein Mann namens Rudolf Albert Scharping. Der war von 1998 bis 2002 Bundesminister der Verteidigung und ein großer Feldherr voller Verteidigungsdrang.
Eines Tages, mitten im Jugoslawienkrieg, wurde Rudolf konfrontiert mit der Zeitungsschlagzeile: Kosovo – Munition ungesund? Und zu seinem Erstaunen erfuhr er: Krieg ist gefährlich und kann zum Tod von Soldaten führen. Besorgte Fragen kamen aus der Bevölkerung: Warum mussten Soldaten mit Risikomaterial hantieren? Ist normale Munition nicht gefährlich genug, muss man sie auch noch mit Uran anreichern? Gottseidank versicherte der verteidigungspolitische Sprecher der SPD im Deutschlandfunk, sich dafür einsetzen zu wollen, dass „die Nato in Zukunft keine gesundheitsgefährdenden Waffen mehr einsetzen wird“, und Bundeskanzler Schröder sagte, er halte es nicht für richtig, eine Munition zu verwenden, die zur Selbstgefährdung der eigenen Soldaten führen könne. Via Fernsehen erfuhren wir dann:
Die Strahlenbelastung übersteigt zwar das 1000fache des Erlaubten, aber die Bevölkerung ist überhaupt nicht gefährdet, da die betroffenen Gebiete markiert sind. Als Illustration sah man rot-weiß gestreifte Absperrungsbänder im Winde flattern, der eine Staubwolke vor sich hertrieb. Und dann kam raus: Mit Uranmantelgeschossen hat man übungshalber auch schon in Deutschland rumgeballert. Das war der Moment, da Rudolf Scharping ein empörtes Gesicht machte und erklärte:
1. ist Uran-Munition völlig ungefährlich.
2. ist sie in Deutschland nie verschossen worden.
3. hat man, wenn eine Uranmantel-Granate versehentlich doch mal abgeschossen wurde, sofort das kontaminierte Erdreich in weitem Umkreis abgetragen, um akute Gefährdungen durch das ungefährliche Kampfmittel auszuschließen. Helau!


SCHWERE WAFFEN

Wer jetzt noch die Vorgeschichte des Ukraine-Krieges analysiert, dem wird schnell unterstellt, er wolle Wladimir Putin helfen. Na gut, dann eben Fakten-Check.
Bundesaußenministerin Baerbock erklärt: „Die Ukraine braucht weiteres militärisches Material, vor allem schwere Waffen“. Falsch. Es ist sehr zweifelhaft, ob die Rüstungshilfen das Leiden in der Ukraine beenden helfen oder eher verlängern. Wahrscheinlich würde der Einsatz schwerer deutscher Waffen in der Ukraine dazu führen, dass die Russen mit noch schwereren Waffen zurückballern, dass es dann noch mehr Opfer geben wird, die, wenn sie noch laufen können, als not-leidende Flüchtlinge ihr Land verlassen. Dringender als Waffen braucht die Ukraine energische Friedensinitiativen.
„Jetzt ist keine Zeit für Ausreden, sondern jetzt ist Zeit für Kreativität und Pragmatismus“, sagt Baerbock. Warum nutzt sie die Zeit denn nicht? Sind schwere Waffen ihr Ausdruck von Kreativität? Militärhilfe für die Ukraine auf insgesamt 1,5 Milliarden Euro aufstocken – ist das für sie Pragmatismus? Dann hat sie auch von der Philosophie des „Pragmatismus“ keine Ahnung. Welche Ausreden meint sie? Ihre eigenen grünen von früher? Deutschland würde „grundsätzlich“ keine Waffen in Krisengebiete liefern, hieß es noch vor kurzem…
Selten wurde der Denkverzicht der internationalen Politik so deutlich, der Unwille, Unterscheidungen zu treffen, so klar, schon lange nicht mehr war Militarismus so en vogue, und nie gab es eine Diplomatie, die so ohne Argument war wie in figura Baerbock.
Der Intelligenzquotient dieser Frau kann offenkundig von Hand ausgezählt werden, aber der designierte FDP-Generalsekretär begrüßt die Forderungen Baerbocks… Das gönne ich ihr – für eine angeblich fortschrittliche Politikerin kann es nichts Peinlicheres geben als von der FDP beklatscht zu werden.
Man kann den Eindruck gewinnen, der Westen versucht erst gar nicht, den Krieg zu beenden. Im Gegenteil, er steigert ihn, denn endlich hat er den Krieg, den er sich schon lange wünscht. Es ist ein typisch kapitalistischer Krieg zwischen kapitalistischen Staaten, und solchen Staaten ist alles zuzutrauen. Allerdings wäre es wünschenswert und höchst gerecht, wenn es nicht nur den russischen, sondern auch den westlichen Oligarchen an den Kragen ginge…
Die rigide westliche Sanktionspolitik schadet aber nicht den Oligarchen, sondern vor allem den einfachen Leute, deren Yacht bestenfalls in der Badewanne dümpelt: Bei uns steigen die Preise, in Russland wird der Mangel verstärkt, und für die Ukraine ist eine Hungersnot zu befürchten. Also: Wenn Sanktionen und Embargos den dritten Weltkrieg vorbereiten sollen, ok, dann sind diese Mittel durchaus erfolgversprechend. Aber wenn man diesen Weg nicht einschlagen will, was bezweckt der Westen dann damit? Bis sie es erfahren, werden die Bürgerinnen und Bürger, schwankend zwischen Kriegs-Angst und -Euphorie, mit einem 100-Milliarden-Rüstungsprogramm befriedet, das als Erhöhung der Sicherheit verkauft wird…
Ansonsten: militaristische Synapsenversülzung wie schon beim trojanischen Krieg.Drohungen en masse und der Ruf nach Waffen. Traurige Anzeichen von Lernunfähigkeit, Hirnlosigkeit, Gewaltbereitschaft und totaler Phantasielosigkeit. Keine Vorschläge, keine Offerten. Wenn es dem Westen um das Schicksal der bombardierten Menschen in der Ukraine ginge, wenn Mitleid und Fürsorge das Handeln der EU und der Nato bestimmen würden – warum macht man dann kein Angebot? Wir ziehen die Ostflanke der Nato 300 km nach Westen zurück – hört ihr dann auf mit dem Bomben? oder: Wir schließen Rammstein – gebt ihr dann die Krim wieder zurück? Nein. Egal wie viele Menschen dabei umkommen, die Forderungen beider Seiten sind nicht verhandelbar. Bei Kindern nennt man es Trotz.
Die Politiker lassen also weiter morden. Die Armeen verkaufen jedes Gemetzel als militärische Notwendigkeit, die Soldateska nutzt zwanghaft jede Chance, Kriegsverbrechen zu begehen. Der Homo Sapiens ist genetisch wohl eher ein Homo stupidus brutusque, und Deutschland nutzt von altersher jede Gelegenheit, entweder Krieg anzufangen oder wenigstens dabei mitzumachen – allerdings: Der letzte Krieg, bei dem Deutschland auf der Siegerseite stand, ist 150 Jahre her. Vielleicht glaubt Frau Baerbock, sie hätte da was wieder gutzumachen und müsse das deutsche Image aufpolieren…
Wir wollen aber nicht nicht nur meckern: 1878 haben wir auch mal nach Berlin zum Friedenskongress eingeladen: Da beendeten dann die europäischen Mächte ihre Balkankrise und einigten sich auf eine Friedensordnung. Ich empfehle eine Neuauflage!
Ein menschenfreundlicher deutscher Bundeskanzler würde auf so einem Friedenskongress gewiss nicht versprechen, schweren Waffen zu liefern, sondern seinen ganzen Ehrgeiz darauf richten, einen erstklassigen Gastgeber und Moderator abzugeben – er hat das schließlich beim großen Gipfel 2017 in HH schon trainiert….


Bevor der Hase drei Mal gackert

Trotzalledem: Ostern breitet sich immer mehr aus. Jetzt fangen auch schon die Japaner damit an. Nur: Statt Ostereiern werden dort kleine Sushi-Portionen in Jute-Säckchen von Kindern im Garten versteckt, die von Eltern und Großeltern gesucht werden müssen. In Indien dürfen nur die heiligen Kühe Ostereier suchen, im Iran müssen verschleierte Mullahs und ihre Ehefrauen in Moscheen versteckte Spiegeleier aufspüren, auf Jamaika setzt es sich immer mehr durch, Ostereier zu rauchen, und in Saudi Arabien werden Frauen, die sich weigern, ihren Ehemännern an den Ostertagen ununterbrochen die Eier zu kraulen, Hände und Füße abgehackt.
Sollte man nicht endlich einen Schlussstrich unter Ostern ziehen? Dieses ekelhafte Verbrechen, die Kreuzigung, ist über 2.000 Jahre her, und der Glaubens-Hintergrund von Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag ist doch kaum noch jemandem zu vermitteln. Versteckte Jesus damals Eier für die Jünger? Und was meint der Papst, wenn er in seinem Ostergrußwort behauptet: „Bevor der Hase zweimal gekräht hat, wird der Erzbischof von Köln drei goldene Eier legen!“
Also, was die kirchlichen Feiertage betrifft: Die Gläubigen können meinetwegen (unbezahlt) feiern, was und wann sie wollen. Ich plädiere aber dafür, Geburtstagsfeier und Auferstehungsgedenken für den Religionsstifter mit der seltsamen Parthenogenese auf einen Tag zu legen: Dann steht zur Abwechslung mal eine Kompanie Osterhasen um die Krippe. Oder es hängt ein Weihnachtsmann am Kreuz.
(aus „Summa Summarum“, Westend-Verlag)


Der Standort des Betrachters

Mir ist keine einzige anarchistische Theorie bekannt, in der brennende Autos eine Rolle spielen.
Und wären die Leute, die bei den G20- Unruhen 2017 in Hamburg die Geschäfte geplündert haben, Anarchistinnen und Anarchisten gewesen, hätten sie die Läden nicht zerstört, sondern beispielsweise in Genossenschaften übernommen, die Preise und Löhne angepasst und als ausbeutungsfreie Unternehmen geführt… Wenn in dieser G20-Sache damals etwas anarchistisch war, dann die Aktion der Leute, die sich hinterher auf den Straßen zum Aufräumen trafen: Gegenseitige Hilfe ist ein Prinzip des Anarchismus, blinde Zerstörungswut ist es nicht.
Was uns damals unter der Überschrift „Anarchie in der Schanze“ von den Medien erzählt wurde, findet heute angeblich in der Ukraine statt: Anarchie – und gemeint ist damit, Chaos, Desorganisation, Gewalt und Regierungslosigkeit – ohne Recht &Ordnung.
Also, nochmal für alle, die nicht wissen, wovon sie reden:
Im Anarchismus geht es sehr wohl um Ordnung, und zwar um eine Ordnung, die nicht auf Herrschaft, Ausbeutung, Konkurrenz und Egoismus basiert, sondern auf Gleichberechtigung, Vereinbarungen, Hilfe und Solidarität. Der Anarchismus ist eine Utopie, die Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Aber wenn man glaubt, dass Herrschaft von oben nach unten die einzig mögliche Ordnung ist, dann ist Anarchie natürlich Unordnung. Es versteht sich, dass die Umsetzbarkeit der anarchistischen Theorie angezweifelt wird. Und dabei wachsen die Zweifel logischerweise proportional mit dem Wohlstand…
Versuche, eine anarchistische Gesellschaft zu etablieren, gab es einige – im Gedächtnis geblieben ist – neben den Versuchen in Spanien und in Kronstadt – vor allem die Machnowschtschina in der Ukraine: Dort versammelte nach dem 1. Weltkrieg der von den Ideen Michail Bakunins und Peter Kropotkins beeinflusste Nestor Machno Bauern und Arbeiter in einer Gewerkschaftsorganisation, und er gründete eine schnell anwachsende Partisanenarmee aus freiwilligen Kämpfern. Machnos Bewegung vertrieb das vom Deutschen Kaiserreich gestützte Staatsoberhaupt der Ukraine, den General Pawlo Skoropadskyj und machte die bürgerlich-liberale Regierung bedeutungslos. Großgrundbesitzer und Industrielle wurden enteignet, und die befreiten Gebiete wurden in einem Netzwerk selbstverwalteter Kommunen zusammengefasst, in denen ein Rätesystem aufgebaut wurde. Die Räte waren neben der Versorgung und Verteilung der Güter unter der Bevölkerung auch zuständig für Transport, Industrie, Kriegführung und Kultur. Auch der Aufbau von Schulen, eine Alphabetisierungskampagne und die politische Aufklärung der Bauern und Partisanen gehörte zu ihren Aufgaben. Rede-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit wurden etabliert, die Pressezensur wurde aufgehoben, und staatliche Polizei und Gefängnisse wurden aufgelöst.
Dies alles geschah zwischen 1917 und 1922. Wie’s endete, wissen wir: Zuerst verhinderten die zarentreuen Militärverbände der „Weißen Armee“ viele Maßnahmen, und am Ende machte die Rote Armee der Bolschewiki alle anarchistischen Bestrebungen zunichte. Die Ukraine wurde Teil der Sowjetunion. Machno selbst verbrachte sein weiteres Leben im Exil. Er starb 1934 in einem Pariser Armenhospital an Tuberkulose und ist begraben auf dem Père Lachaise.
Der aktuelle Konflikt wiederholt in gewisser Weise diese Tragödie von vor 100 Jahren:
Der russische Präsident Wladimir Putin hat gesagt, Russen und Ukrainer seien Geschwister, aber die Ukrainer seien einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Offenbar schickt der Kreml nun, dieser Argumentation folgend, gut informiertes und klar denkendes Militär in den Kampf gegen die armen, gehirngeschädigten Brüder und Schwestern.
Schade, dass wir nicht wissen, was Nestor Machno heute denken und tun würde – vielleicht: Die Ukraine ist eben eine Maus zwischen zwei großen Katzen. Deshalb fordern wir alle, die nicht gefühllos sind, auf, sich mit der ukrainischen Bevölkerung, aber nicht mit dem Staat zu solidarisieren…
Um etwas klüger zu werden, schlagen wir das deutsche Ober-Intelligenzblatt „Die Zeit“ auf. Darin enthalten ein umfangreicher, aber keinesfalls lesenswerter Artikel der Autorin Anna Sauerbrey mit der Überschrift: „Wladimir Putin – Der Anarchist“. Sie will der Leserschaft einreden, dass Putin dem Rest Europas die Anarchie aufzwingen will, dass er sich für die Anarchie als Weltzustand entschieden hat, dass er aber in seiner „autoritären Anarchie“ noch nicht ganz angekommen ist. Wenn man es geschafft hat, diesen Quatsch bis zum Ende durchzulesen, was nicht ganz leicht ist, bleibt nur eine Frage offen:
Wenn „Die Zeit“ den Präsidenten Putin als autoritären Anarchisten bezeichnet, darf der dann „Die Zeit“ einen Rastplatz für geistig eingeschränkte Journalistinnen nennen?


Bitte etwas unmenschlicher

Ich habe nicht gedacht, dass ich in meinem Leben nach dem Irrsinn des 2. Weltkriegs nochmal mit soviel menschlichem Elend konfrontiert werde. Ich komme immer mehr dahinter: Krieg, Massenmord und Massensterben, Verstümmelungen, Flucht, Hunger und Obdachlosigkeit – das alles ist nichts Unmenschliches, sondern etwas ganz normal Menschliches…
Ursächlich für die aktuelle Kriegssituation scheint mir auch zu sein, dass keine/r der Verantwortlichen in meinem Alter ist, dass keine/r Krieg am eigenen Leib erfahren hat. Die Herrschaften können sich doch gar nicht vorstellen, wie Krieg sich anfühlt und was er vor allem mit Kindern macht. Unsere Erde wird beherrscht von einer Politiker-Generation, die man nur als ahnungslos, infantil und indolent bezeichnen kann.
Für diese Politiker/innen ist Krieg offenkundig etwas Abstraktes, womit sie persönlich nie in Berührung kommen – Namen wie My Lay, Katar, Grozny, Belgrad, Bagdad, Kiew und Mariupol sind für das politische Personal zwar Synonyme für Kriegsverbrechen der Gegenseite, aber nicht tief eingeprägte Erinnerungen für Erlebtes und Erlittenes.
Ganz und gar menschlich ist offenbar auch die feindselige Propaganda beider Seiten: Da ist kaum jemand, der zur Vernunft mahnt, der Vorschläge zur Deeskalation macht, der die verbindende Kraft von Sport oder Kultur beschwört, der von Versöhnung spricht, oder der ganz einfach sagte: Nun kommt mal wieder runter, kriegt euch in den Griff, unsere hysterischen Anfälle bringen uns nicht weiter… Mäßigt mal euern Ton… Die Leute wollen doch eines Tages wieder miteinander auskommen, sich über Grenzen hinweg besuchen, Geschäfte miteinander machen, oder? Ich begreife es nicht…. Die einzige einigermaßen ernstzunehmende Stimme in diesem ganzen Gekreisch und Bohei ist die vom Hamburger Exbürgermeister von Dohnanyi, aber der ist ja auch schon über 90… Es wäre aber kaum überraschend, wenn sich diese scheinbar unversöhnlichen Regierungsmitglieder schon sehr bald lächelnd wieder die Hände schütteln und gemeinsam in die Kameras grinsen. Unter leitenden Angestellten des Kapitals lässt sich schließlich alles finanziell regeln, und ihre Gehilfen aus den Medien werden Beifall klatschen. Aber dann wird man sich alsbald neu aufstellen, um die nächste Meinungsverschiedenheit mit dem nächsten menschlichen Massaker auszuräumen…
Die Politik hat mal wieder auf ganzer Linie versagt – Politiker/innen könnten doch eigentlich längst wissen, dass sie, um ihre Ziele zu erreichen, mit Manipulation, Täuschung, Erpressung, Lügen, Bestechung, Drohungen und den anderen Methoden, auf die sie gewöhnlich zurückgreifen, viel erfolgreicher agieren, als mit Bomben und Raketen…
Ich komme zu dem Schluss: Politische Führer machen nie einen guten Job. Wenn man in einer Position der Macht ist, gibt’s dafür ja auch keine Notwendigkeit. Und Frieden ist ein Privileg für diejenigen, die es sich leisten können, in den Kriegen, für die sie selbst die Verantwortung tragen, nicht kämpfen zu müssen.


O des Diebstahls! O der Lüge!

Als erstes liefen alle Keller voll Wasser. Das Haltbarkeitsende von Stahl- und Spannbeton war in Kürze erreicht, Fundamente wurden mürbe und zerbröselten, Brücken, Bahnhöfe, Wohnblocks und Kathedralen stürzten ein, und schließlich wurden sogar Autos, Flugzeuge und Riesenräder von der Vegetation überwuchert.
Alle Menschen starben, was dann auch ihren Haustieren die Lebensgrundlage entzog.
Als die wenigen überlebenden Wölfe und Bären die letzten mageren Ratten und Mäuse gefressen hatten, versuchten sie, auf einen veganen Speiseplan umzusteigen, was ihnen im Lauf der Evolution dann irgendwann vielleicht auch gelang…
Die Menschen haben nicht die Erde zu Grunde gerichtet – das konnten sie nicht – sie haben nur sich selbst ausgerottet. Erst haben sie ruiniert, was sie zum Leben gebraucht hätten: Luft, Wasser, Grund und Boden, und dann gaben sie sich mit allen zur Verfügung stehenden Waffen den Rest. Sie führten Krieg, obwohl sie ganz genau wussten: Krieg hat nichts Fortschrittliches an sich. Krieg ist der Triumph einer menschenfeindlichen Ideologie der Macht. Krieg entsteht aus imperialer Gier, aus dem Machthunger der Herrschenden. Angelegenheit der einfachen Leute ist es hingegen nur, in patriotischer Trance über die Erfolge des Fortschritts an den Fronten zu diskutieren und schließlich ohne weitere Umstände zu sterben.
Die Ukraine ist nicht das erste Opfer dieser Konstellation, und sie wird auch nicht das letzte sein, jedenfalls nicht, wenn es nach Jan Ludwig aus Cottbus geht. Der ist, wie er sagt, aktiver Reservist der Bundeswehr, um das Soldatenhandwerk nicht zu verlernen.
Im Rundfunksender rbb|24 machte er sich so seine Gedanken:
Die Aussetzung der Wehrpflicht war für mich der schrecklichste Schritt, den man hätte machen können. Auch was in den letzten Jahren an Material gespart wurde, ist grauenhaft. Zum Beispiel die Tornados, die teilweise am Boden stehen, weil keine Ersatzteile da sind. Oder das Sturmgewehr G36, was angeblich um die Ecke schießt. Wenn wir jetzt wirklich in den Krieg gehen sollten und dann – sag ich mal – Panzer ausfallen und wir keinen Nachschub haben, weil irgendwelche Ersatzteile fehlen, dann stehen wir auf dem Schlachtfeld, und nichts geht mehr… Die Politik sollte sich wirklich überlegen, ob man nicht wieder den Wehrdienst aktiviert. Denn wenn der Ukraine-Krieg sich ausweiten sollte, sind wir diejenigen, die die deutsche Bevölkerung retten…
Aha, also für massive Aufrüstung und schwere Waffen sorgen, Pflugscharen zu Schwertern umschmieden und dabei „Give Peace a Chance“ singen. Und warum das Ganze? Warum? 1841 porträtierte Heinrich Heine den Bären Atta Troll, einen edlen
Anarchisten, der Auskunft gibt über das Menschenwesen. In Caput X erfahren wir:

Jetzt sind freilich aufgeklärter
Diese Menschen, und sie töten
Nicht einander mehr aus Eifer
Für die himmlischen Intressen; –

Nein, nicht mehr der fromme Wahn,
Nicht die Schwärmerei, nicht Tollheit,
Sondern Eigennutz und Selbstsucht
Treibt sie jetzt zu Mord und Totschlag.

Nach den Gütern dieser Erde
Greifen alle um die Wette,
Und das ist ein ew’ges Raufen,
Und ein jeder stiehlt für sich!

Ja, das Erbe der Gesamtheit
Wird dem einzelnen zur Beute,
Und von Rechten des Besitzes
Spricht er dann, von Eigentum!

Eigentum! Recht des Besitzes!
O des Diebstahls! O der Lüge!
Solch Gemisch von List und Unsinn
Konnte nur der Mensch erfinden.

Keine Eigentümer schuf
Die Natur, denn taschenlos,
Ohne Taschen in den Pelzen,
Kommen wir zur Welt, wir alle.

Keinem von uns allen wurden
Angeboren solche Säckchen
In dem äußern Leibesfelle,
Um den Diebstahl zu verbergen.

Welchen Diebstahl?
Die russische Seite will das Donezbecken einsacken, kurz auch Donbas genannt – ein großes Steinkohle- und Industriegebiet beiderseits der russisch-ukrainischen Grenze. Diese von der Schwerindustrie geprägte Region wurde wegen ihrer Rohstoffvorkommen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industrialisiert. Obwohl das Donbas seine ertragreichste Zeit wohl hinter sich hat, ist da immer noch einiges für Russland zu holen…
Die westliche Seite will die ukrainische Schwarzerde besitzen, die fruchtbarsten Böden der Welt. Die Ukraine ist ja nicht nur die Kornkammer Europas – jährlich werden hier über 60 Millionen Tonnen Getreide produziert, hauptsächlich Weizen, Mais und Gerste – das Land ist auch einer der größten Produzenten von Zuckerrüben in Europa und Weltmarktführer bei den Ölsaaten. Bisher war der Verkauf landwirtschaftlicher Flächen in der Ukraine verboten, aber der Internationale Währungsfond hat als Anwalt der westlichen Agrarkonzerne ganze Arbeit geleistet und Kredite an das verarmte Land daran gebunden, dass das Verbot aufgehoben wird. Das hat prima geklappt, es wurde ein neues Gesetz zum Verkauf der Schwarzerde in einer bemerkenswerten Koalition der Parteien von Präsident Selensky und seines Vorgängers Poroschenko beschlossen. Das soll und wird ohne Zweifel zu einer Konzentration der landwirtschaftlichen Flächen in den Händen einiger weniger westlicher Lebensmittel- Konzerne führen. Zur neoliberalen Weltordnung gehört nunmal der Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte. Deswegen der Wettlauf um die Kontrolle des Landes, darum organisiert die deutsche Regierung im Namen aller europäischen Werte und der deutschen Wirtschaft eine finanz- und handelskriegerische „Ruinierung“ Russlands (eleganter O-Ton Baerbock). Ich wage die Vermutung: Putin hat die Krim annektiert, nur damit der Westen nicht die ganze Ukraine in Besitz nehmen konnte.
Atta Troll wusste es schon immer:

Nur der Mensch, das glatte Wesen,
Das mit fremder Wolle künstlich
Sich bekleidet, wußt auch künstlich
Sich mit Taschen zu versorgen.

Eine Tasche! Unnatürlich
Ist sie wie das Eigentum,
Wie die Rechte des Besitzes –
Taschendiebe sind die Menschen!

Aber in großem Stil.


Ultimative Dummheit

Nach der erbärmlichen Flucht der Natokrieger vor den Taliban wandten sich die Hauspapageien der Medien sofort dem nächsten Feind und der passenden toxischen Propaganda zu: Dramatische Appelle, pathetische Beschwörungen, apokalyptische Endzeitathmosphäre besetzten alle Kanäle, Angst steigerte die Einschaltquote. Peinliche Begräbnisrednerinnen beklagten mit ersterbender Stimme kommendes Unheil. Tief betroffene Anchormen&Women mixten als Stimmungsmache erbarmungslos Nachricht und Meinung durcheinander, und Gründe und Möglichkeiten, nach allen Seiten zu schauen und sich objektiv zu äußern, fanden kaum Berücksichtigung. Russia ante Portas! Heuchelei präsentierte sich als seriöse Friedfertigkeit, verzweifelt, aber von Widerstandsgeist beseelt… Der Lieblingssatz der ZDF-Nachrichten war wochenlang: „Die Lage an der ukrainisch-russischen Grenze spitzt sich weiterhin zu“. Die Damen und Herren überspitzten die westliche Propaganda zur hemmungslosen Kriegshetze. Schon seit 2014 tobt in der Ostukraine ein Krieg zwischen pro-ukrainischen Ukrainern und pro-russischen Ukrainern, und dIe deutschen Medien entwickelten in den vergangenen acht Jahren ein beachtliches Geschick, böse Russen von guten Ukrainern zu unterscheiden: Schon gleich zu Beginn der Auseinandersetzungen zeigte das ZDF Kämpfer des Asow-Regiments, die für das Innenministerium der ukrainische Regierung in der Stadt Mariupol auf Russenjagd waren – unübersehbar und stolz trugen sie an Montur und Helm das schon vom ukrainischen Nationalhelden, dem Nazikollaborateur und Judenmörder Bandera hoch geschätzte Hakenkreuz sowie SS-Runen. Der Sprecher-Kommentar dazu lautete: „Freiwilligenbataillone aus nahezu jedem politischen Spektrum verstärken die Regierungsseite“. Ekelhaft, von was für Leuten die westliche Freiheit mittlerweile verteidigt wird… Das ist natürlich kein hinreichender Grund, den Verstand auszuschalten und den großen Knüppel zu schwingen. Doch bedauerlicherweise glaubte der russische Präsident Putin, tun zu müssen, was er tun zu müssen glaubte: Er handelte nicht rational, sondern genauso, wie kalte Krieger es erwarteten: Komplett irrational. Hätte er nach erfolgtem Manöver seine Soldaten in die Kasernen zurückbeordert, hätte er einen Riesenerfolg eingefahrenhätte er einen Riesenerfolg eingefahren und der Westen eine kolossale Blamage. „Was für ein kluger Politiker!“ – hätte man weltweit gesagt: Die Ostsee-Pipeline geht in Betrieb, Europa muss nicht dreckiges Fracking-Gas aus den USA kaufen, die Treibstoffpreise schießen nicht in die Höhe, und niemand ruft zu den Waffen. Ganz und gar unnötig wäre es gewesen, Putins Freund Schröder in eine Reihe mit dem GröFaZ zu stellen, indem man ihm die Ehrenbürgerwürde aberkennt, absurd, russische Künstler zu unzumutbaren Treueschwüren zu zwingen, anderenfalls man sie nicht singen oder dirigieren lässt, idiotisch, den weltweiten Boykott russischer Bücher und Verlage zu fordern und mir die Angst einzujagen, demnächst müsse ich meine Exemplare von Gorki und Majakowski zur öffentlichen Verbrennung abgeben, lächerlich, den Russischen Zupfkuchen nur noch „Zupfkuchen“ zu nennen, und absolut brutal und unmenschlich, Sportler von den Paralympics auszuschließen, nur weil es russische Krüppel sind… Diesen mehr oder weniger sinnlosen so genannten Sanktionen hätte der russische Präsident locker ausweichen können, doch statt Vernunft walten zu lassen, zeigte sich der russische Präsident so grenzenlos dumm, wie es nur Politiker sein können: Er fühlte sich zum Bruch des Völkerrechts berechtigt, zu Bombardierungen und Artilleriefeuer. Er trieb Menschen in tiefe Trauer um ihre Toten, er zerstörte ihr Land und ihre Wohnungen, er produzierte Mitleid für die Angegriffenen, Solidarität mit den Opfern, Hilfsbereitschaft für unglückliche Flüchtlinge und sogar Besorgnis vor einem Atomkrieg. Und nun? Unsere grüne Außenministerin will Russland „ruinieren“, unser sozialdemokratischer Kanzler nennt sein Aufrüstungsprogramm „eine Zeitenwende“. Was soll das denn heißen? Zeit meines Lebens wurden ständig Kriege geführt – von Korea über Vietnam, von Ungarn und Nicaragua über den Sudan und Jugoslawien bis Afghanistan. Statistiker zählten rund 15 Armee-Einsätze Russlands in fremden Ländern und über 40 Militäroperationen der USA, viele mit Hilfe der Nato und manche davon mit der Unterstützung von Uranmantelgeschossen… Die Milliarden Kriegskosten hätte die Menschheit sehr viel sinnvoller für die Bekämpfung des Hungers und eine Klimaverbesserung verwenden können. Immerhin, Deutschland hat sich nur an Kriegen im Ausland beteiligt und über 70 Jahre Frieden im eigenen Land hinter sich. Diese Art Frieden wurde jungen Leuten, die zum Beispiel gegen soziale Missstände demonstrierten, jahrzehntelang als Grund zur Dankbarkeit vorgehalten. Und letztlich wussten sie auch: Wir, in unserer heilen Welt, mit unserer westlichen Mentalität, haben ein ziemlich angenehmes Leben. Im Nahen und Mittleren Osten, in Afrika, Südasien und Lateinamerika – bei den Unterentwickelten – ja, da gibt es bittere Armut, da herrschen Militärdiktaturen, sind Massenmorde normal, gehören Massaker zum Alltag, da machen schon Neugeborene ihre Kriegserfahrungen.  Und nun eine Zeitenwende? Also Not & Elend für alle? Schon möglich – wenn der russische Präsident wirklich, wie ihm der deutsche Kanzler unterstellt hat, die Uhren in die Zeit der Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts zurückdreht. Dafür muss er allerdings weiterhin dem Beispiel des preußischen Ministerpräsidenten Otto Eduard Leopold Graf von Bismarck-Schönhausen folgen. Der erklärte 1870: „Die ganze Erwerbung des Elsass und Lothringens geschah ja nicht aus Liebe der Einwohner zu uns und nationaler Gesinnung der deutschen Bewohner, sondern sie war für uns ein rein geographisches Bedürfnis, den Ausgangspunkt der französischen Angriffe weiter wegzurücken, dass man sich wenigstens ausrüsten kann, ehe sie bis Stuttgart vordringen“. Na gut, Bismarck war in diesem Punkt wenigstens ehrlich…  Wenn moderne deutsche Politiker zur Erklärung ihres Weltbildes die deutsche Geschichte bemühen, merkt man nicht selten, dass sie Opfer ihres hausgemachten Bildungssystems sind. Kevin, ein juveniler SPD-Funktionär, machte im Fernsehen deutlich, dass er sein Studium zu Recht abgebrochen hat. Er sagte: „Allein schon die deutsche Geschichte zeigt, dass es Situationen gibt, in denen die Logik des Militärischen als letzte Instanz genutzt werden muss. Deswegen bin ich kein Pazifist“. Das heißt auf Deutsch: Waffen liefern und Soldaten in Marsch setzen, Schützengräben besetzen, Raketen abfeuern, Kesselschlacht schlagen, den Feind niederwerfen, Endsieg! Jawoll! Hilfs-Landser Paul Ronzheimer, Hetzfachmann von der Bildzeitung, angetan mit Stahlhelm und schusssicherer Weste, liegt schon in einem sicheren Fernsehstudio im Hinterhalt, Kriegsreporterinnen in Lwiw (Nein! Lemberg!) versuchen sich im Eifer des Gefechts und mit flackerndem Blick an strategisch bedeutsamen Spekulationen – da hört man dann zum Beispiel so eine skurrile Meldung wie „Granaten haben vermutlich ein Blindenheim lahmgelegt“, und unangenehm knarrende Befehlsorgane deutscher Generale drohen wie in ruhmreichen Barbarossa- Zeiten martialisch mit „Draufhauen“. Da könnte einen die Ankündigung eines Experten, nun zeichne sich am Horizont endlich die Rache für Stalingrad ab, auch nicht mehr überraschen…
Wie man’s dreht und wendet: Auch für diesen Krieg sind nirgends stichhaltige Gründe zu erkennen. Deshalb wäre es ein Zeichen von Restintelligenz, ernsthaft Wege aus der Konfrontation zu suchen. Ich denke, ein erster Schritt könnte der Eintritt Russlands in die Europäische Union sein. Da gehört es nämlich hin, da ergibt sich für die Europäer eine Win-Win-Chance, und wir hätten endlich eine Werte-Union, die den Namen auch verdient. Wenn das nicht bald gelingt, erleben wir vielleicht die letzten Tage der Menschheit. Und dann, wie weiter?
Sicherheitshalber melde ich mich an zur Petrifizierung, und in etwa 50 Millionen Jahren werden postmoderne siebenbeinige Touristen neuester Bauart fossile Partikel von mir aus dem Anthropozän ausgraben, eingeschlossen in einer versteinerten Plastiktüte, was bei den umstehenden Weltraumreisenden hellglühende Begeisterung auslöst…


Genie & Glück

Ein Merkmal von Genie ist die Fähigkeit zu völlig uninteressierter Betrachtung des Weltgeschehens – das weiß man seit Schopenhauer, und diese Kontemplation gilt es zu trainieren.
Dass der Nato nach dem Ende des Warschauer Pakts der Feind abhanden kam und sie sich trotzdem nicht aufgelöst hat, und dass der US-Außenminister, ein autistischer Kompetenzsimulator, dominierend an Konferenzen der EU-Außenminister teilnimmt – was soll’s? Der betrachtet Westeuropa als seinen Satelliten, eine entlegene, altersschwache, depressive und ziemlich lächerliche Provinz. Aber seit Colin Powell 2003 der UNO die Hucke vollgelogen hat über den Irak und dessen Massenvernichtungswaffen, weiß die Welt, welch kriminelle Methoden US-Außenminister anwenden, wenn sie Krieg führen wollen. Also – bei mir wecken die Statements dieser Protagonisten demokratischer Weltbeglückung kein Interesse mehr. Und der Rest des irdischen Führungspersonals geht mir – geographisch korrekt formuliert – erst recht am Arsch vorbei:
Scholz, der führendste Gipfel-Olaf Europas + der ungarische Operetten-Nazi Orban, ein hirnrissiger Dünnbierkutscher + Pascha Erdogan, ein durchgeknallter Duce-Imitator + Mateusz Morawiecki und seine polnischen Klerikalfaschisten in ihrem engstirnigen Inquisitionsmief + der bayerische Randlagenzombie Söder, die Personalunion von Fliege und Klatsche – sie alle habe ich wegen Bedeutungslosigkeit schon abgehakt. Auch der deutsche Bundespräsident, dieser Goldschnittschwätzer, der aussieht wie eine eingeschneite Eule auf dem Fahnenmast, ist obsolet – sein indolentes Verhalten im Fall Murat Kurnaz bewirkt immer noch, dass ich mich angewidert abwende. Endgültig gelöscht habe ich den lächerlichen englischen Kasperkopf Boris Johnson, der nichts so sehr liebt wie Lockdown-Orgien: Wenn dieser Brexit-Tölpel sich mit dem Franzosen, der politisch auch nicht viel kreativer ist als ein Bleistiftanspitzer, um die Heringe im Ärmelkanal streitet, ist mir das völlig wumpe.
Und dann, oh Gott, der Unfehlbarkeitsdogmatiker im Fummel, der Ratzinger Sepp: Seit ich den triefenden Pfaffen-Kitsch in seiner Doktorarbeit gelesen habe, weiß ich, was „hohe Geistlichkeit“ bedeutet. Da hat der Zölibatskasper geschrieben: „Die grundsätzliche Verkehrtheit schließt ein relatives Gutsein nicht aus“ – und das soll wohl heißen: Ein frommer Kinderschänder kann im Vergleich mit heidnischen Menschenfressern immer noch ganz gut dastehen. Ist das so? Ja gewiss, dieser Sankt Lügenbold wird sicher schon bald heilig gesprochen… Verdrängt habe ich schon den mit Überwachungs-Wahnsinn geschlagenen Chef-Chinesen Xi Jinping, der olympische Winterspiele ganz ohne Schnee veranstaltet + den autokratischen Raskolnikow-Epigonen mit dem gestörten Verhältnis zur Meinungsfreiheit, Putin, der so irrational auf LGBTIQ reagiert + den US-Präsidenten, der wie frisch gepresster Haferschleim auftritt und dabei einer Gesellschaft vorsitzt, die vielen Völkern den Speiseplan diktiert, aber selbst die höchste Anzahl an Fettwänsten und Ballonärschen spazieren trägt, und die glaubt, jeder Menschenrechte-Predigt müsse man mit Schusswaffeneinsatz Nachhaltigkeit verschaffen – für Biden, diesen somnambulen Schnarchsack, bleibt nur noch null Interesse.
Von Belang ist aber vielleicht der Hinweis:
Glück ist, von keiner dieser psychopathischen Figuren Notiz nehmen zu müssen.
Das wünsche ich vor allem dem ukrainischen Bühnenkollegen und Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Allerdings – der ist Millionär, und Politiker und Millionär, da ist grundsätzlich Misstrauen angebracht – vor allem, wenn er so ungeniert volksnah auftritt…


STINKNORMAL

Natürlich bieten Politikerinnen und Politiker hin und wieder Anlass, sich über sie zu ärgern. Dann hilft ein Blick in die Geschichte, und man stellt fest: Das sind ganz normale Leute, die ein sauber strukturiertes Weltbild haben. Sie wollen nur, genau wie wir alle, reich werden, aber nicht dabei erwischt werden. Also – wir rufen uns mal ins Gedächtnis:
US-Präsident Nixon ließ Einbrecher für sich arbeiten. Die französischen Staatspräsidenten Sarkozy und Chirac standen wegen Korruption und Untreue vor Gericht. Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds und US-Präsident Clinton mussten sich wegen ihrer allzu ausgeprägten Triebhaftigkeit rechtfertigen. Der italienische Ministerpräsidenten Berlusconi wurde wegen Bestechung zu Gefängnis verurteilt. Israels ehemaliger Präsident Mosche Katzav kam wegen Vergewaltigung in den Knast. Dem US-Diplomaten Kissinger werden in verschiedenen Ländern von der Justiz zwielichtige Machenschaften vorgeworfen. Der britische Regierungschef Tony Blair hat mit falschen Behauptungen zum Krieg gegen den Irak gehetzt, unterstützt von US-Außenminister Colin Powell, der zum selben Zweck der Vollversammlung der UNO einen Haufen dreister Lügen aufgetischt hat. Gegen den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff ermittelte die Staatsanwaltschaft. Bundeskanzler Helmut Kohl hat als Empfänger anonymer Spenden gegen das deutsche Grund- und Parteiengesetz verstoßen. Gegen die deutschen Minister Friedrichs, Schäuble und Graf Lambsdorff wurden wegen krummer Machenschaften im Steuer- und Spendenbereich ermittelt. Die kriminelle Energie des US-Präsidenten Trump erregte weltweit Staunen. Auch Englands Premier Johnson brachten seine Lügen vor Gericht. Ganz unsauber waren die einträglichen Geschäfte einiger Bundestagsabgeordneter mit Corona-Masken. Grüne Abgeordnete mussten hurtig ihre unrechtmäßig kassierten Corona-Boni zurückzahlen, sonst wäre wohl ein Staatsanwalt in Aktion getreten. Und schließlich: Ob Bundeskanzler Scholz und Hamburgs Bürgermeister Tschentscher aus ihrer Cum-EX – Affäre heil rauskommen, das bleibt spannend.
Aus dieser kleinen Aufzählung können wir schließen:
Politiker, Gesetzgeber, Staatenlenker – das sind keine primitiven Straßenräuber, die ihr Leben riskieren, um an Kohle zu kommen und dann im Gefängnis landen, sondern es sind elegante Vorteilsnehmer, die es nicht nötig haben, Gesetze zu brechen, weil sie diese erlassen. Und deswegen haben sie sich, neben den drei klassischen Gewalten – Legislative, Exekutive und Judikative – die vierte Gewalt erschaffen: Die Lukrative. Und das ertragreiche Zusammenwirken von arabischen Scheichs und afrikanischen Diktatoren mit den geldscheffelnden Gnomen von Zürich hat sich seit Jahren sehr bewährt. 
Ich sage dazu: Man muss auch gönne könne…


Die Behauptung ist die Wahrheit

„Der Russe ist der Aggressor!“ Der Mainzer Propagandasender, der den russischen Präsidenten mehrmals täglich in die Ukraine einmarschieren lässt, hat’s so gemeldet, also stimmt es. Die deutsche Kriegsministerin, die offiziell Bundesministerin der Verteidigung heißt, schickte 5000 Stahlhelme in die Ukraine und nannte das ein „ganz deutliches Signal“. 5000 Stahlhelme – ich erinnere mich an diese Kopfbedeckung: Nach 1945 lagen die Dinger ja überall rum, viele mit Einschusslöchern, völlig nutzloses Alt-Eisen, bestenfalls dazu geeignet, sie als Behältnis für Alpenveilchen ans Balkongitter zu hängen… Aber Deutschland schickte nicht nur Helme, sondern auch die Köpfe dafür: Zu den 500, die ohnehin dort stationiert sind, wurden nochmal 350 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr nach Litauen an die russische Grenze in Marsch gesetzt. „Wir senden damit ein klares Signal der Entschlossenheit an unsere Bündnispartner“, sagte die Ministerin. Zur Beruhigung wies ihr Staatsminister darauf hin, dass das ja wohl von Russland nicht ernsthaft als Bedrohung interpretiert werden könne. Gut, aber warum macht man’s dann? Vielleicht, weil Deutschland ein komplettes Feldlazarett plus Beatmungsgeräte inklusive der nötigen Ausbildung lieferte und schwer verletzte Soldaten der Ukraine in Bundeswehr-Krankenhäusern behandelt werden sollen? Na gut, das ist dann ein Hoffnungsschimmer für die Jungs und Mädels mit den Einschusslöchern im Helm… Das klingt ein bisschen zynisch, macht aber deutlich: Das Missverhältnis zwischen den erklärten Absichten der Politiker und den Konsequenzen ihres Handelns ist immer wieder schädlich für die Gesellschaft. Nur leider ist der Kontrast zwischen den einfachen Soldaten, ihren zivilen Opfern und den Nutznießern im Hintergrund, dieser zum Himmel schreiende Skandal, den meisten Menschen immer noch nicht bewusst. Betrachten wir’s mal ein Stück weit historisch: Die Ukraine war immer eine erstrebenswerte Beute für die habgierigen Herrscher drumherum: Lange vor Stalin, Hitler, dem Warschauer Pakt, der Nato, der EU und dem garstigen Putin rissen sich die mongolischen Khans, die Goldene Tataren-Horde, Moskauer Großfürsten, Kosaken-Atamanen, die Habsburger und die Zaren, polnische Könige und jahrhundertelang auch die Großfürsten von Litauen mehr oder minder große Teile der Ukraine unter den Nagel. Und was uns heute als Kampf für die Wahrung der Menschenrechte verkauft wird, ist auch nur die rabiate Wahrnehmung wirtschaftlicher Interessen. Müssen wir deswegen die tägliche Scharfmacherei in den Medien ertragen, sollen wir ernsthaft denen folgen, die fordern, Russland müsse seine Truppen von seinen eigenen Grenzen abziehen, glauben wir wirklich, deutsche Truppen an den russischen Grenzen seien eine Option für die Zukunft? Ich denke, wenn wir uns schon Militär leisten, können wir es auch sinnvoll einsetzen, also im Inneren. Das heißt, wenn die slawischen Essiggurkenzüchter bei Bautzen plötzlich ihre Autonomie verlangen, ist die Truppe der Garant für unseren inneren Frieden. Nicht nur die Bekämpfung der Kriminalität ist eine Sache des Militärs, sondern auch Steuerhinterzieher, Immobilienhaie, Kinderschänder und alle, die die Lebensqualität in unserem Land beschädigen, kommen vor’s Standgericht. Lohnende Angriffsziele wären ferner die so genannten Querdenker, NPD- und AfD-Kader, Reichsbürger und die Kleinstpartei Freie Sachsen. Ich empfehle zudem, Lallbacke Wolf Biermann und die gusseiserne Jüngerschar, die seinem bellizistischen Appell folgt, einzukesseln und ihnen mit Waffengewalt das warme Wasser abzudrehen. Dann wäre endlich bewiesen: Der deutsche Mann in Uniform ist traditionell der Beschützer des Guten.


ES REICHT

Es nervt. 24 Stunden am Tag, wenn nicht Pandemie, dann Ukraine. Ununterbrochenes sinnloses Kriegs-Getöse. Wie eine Schulhofprügelei von sozial geschädigten, gewaltbereiten und intellektuell brutal unterversorgten Vollidioten. Diese ewigen Wiederholungen – allmählich wird’s langweilig:

1960 wird Kuba von den USA wegen sozialistischer Umtriebe mit einem Handels-, Wirtschafts- und Finanzembargo abgestraft, um „dem kubanischen Volk zu Demokratie zu verhelfen“ (Cuban Democracy Act). Diesen gemeingefährlichen und menschenfeindlichen Blockade-Quatsch veranstalten die Amerikaner bis heute.

1962 liefert Russland Raketen nach Kuba. Das macht den Amerikanern schreckliche Angst. Obwohl zwischen Havanna und Washington etwa 2000 km liegen, droht der amerikanische Präsident den Russen mit einem gepfefferten Ultimatum: Entweder ihr baut eure Raketen wieder ab oder wir machen das. Der russische Regierungschef will wegen Kuba keinen Krieg und gibt nach. Das war vernünftig….

Jetzt, 60 Jahre später, findet ein vergleichbares Szenario statt: Nur dieses Mal stationieren die USA und die Nato ihre Raketen gerade mal 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, und sie erklären, sich davon bedroht zu fühlen sei ja wohl übertrieben – jede Rakete trüge schließlich auch eine Friedensglocke in sich… Aber die Russen fühlen sich nunmal bedroht von der „verstärkten vorgeschobenen Präsenz“ der Nato, von multinationalen „Battlegroups“ in Estland, Lettland und Litauen, von der „European Reassurance Inititative“, also den Kampfpanzern, Schützenpanzern und der schweren Artillerie an der Nato-Ostflanke, sowie von der „Operation Atlantic Resolve“, mit der die Vereinigten Staaten Soldaten und Waffen der 3. US-Panzerbrigade auch in Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien rotieren lassen. Kein Wunder, dass der russische Präsident den Rückzug dieser Armada von den russischen Grenzen verlangt, dass er damit droht, sein Land, wenn nötig, militärisch zu verteidigen, und dass er sich nicht vorschreiben lässt, wo seine Armee im eigenen Land ihre Manöver abhalten darf. Er kann ja auch schlecht seine russischen Truppen aus Russland abziehen…

Vielleicht würde der amerikanische Regierungschef dem sogar zustimmen, aber der muss wegen der Wahlen zum Repräsentantenhaus Ende 2022 als unnachgiebiger Terminator auftreten, sonst machen ihn die republikanischen Falken fertig. Da stellt sich nun die Frage: Wer ist an Krieg interessiert?

Die NATO ist in der Ukraine, aber die Ukraine ist nicht in der NATO. Da kommt sie aufgrund alter Vereinbarungen wahrscheinlich auch nicht rein, da kann der NATO-Generalsekretär, ein Hauspapagei des Weißen Hauses, noch so oft verkünden, die NATO könne so viele Partner aufnehmen, wie sie will.

Der Verdacht liegt nahe: Der Westen schürt die Aggressionen, weil Rüstung Kriege braucht, und nach dem Wegfall von Afghanistan und Irak bietet die Ukraine ein ausgezeichnetes Terrain für Waffen-Handel und -Erprobung.

Zum Glück servieren ARD und ZDF uns Bundesbürgern tagtäglich und völlig korrekt die Wahrheit aus dem Reich des Bösen: Was für ein finsterer Schurke der russische Präsident ist, und wie entschlossen die NATO an der russischen Grenze die Friedensglocken läutet. Zum Beweis ihrer Kampfbereitschaft haben unsere deutschen Politiker*innen sogar ihren Marine-Chef ruckzuck gefeuert, weil der den befürchteten Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine als „Nonsens“ bezeichnete und meinte „die Halbinsel Krim ist weg, sie wird nicht zurückkommen“. Diese Sätze sind zwar richtig, gelten aber als enorm „irritierend“, weil die westliche Politik es der Krim verboten hat, dort zu sein, wo sie laut Volksentscheid sein will. Die deutsche Kriegsministerin findet zu all dem klare sozialdemokratische Worte: „Aktuell müssen wir Putin und sein Umfeld ins Visier nehmen. Die für die Aggression Verantwortlichen müssen persönliche Konsequenzen spüren, zum Beispiel, dass sie nicht mehr zum Shoppen auf die Pariser Champs Élysées reisen können!“ Man stelle sich nur mal vor, Russlands Außenminister Lawrow würde erklären, man müsse jetzt mal Scholz und sein Umfeld ins Visier nehmen – da kann man sich die Reaktion der Bildzeitung schon vorstellen: Lawrow will deutschen Bundeskanzler abknallen! Auch die junge Frau aus der ehemaligen Pazifistenpartei, die zur Zeit das deutsche Außenamt bellizistisch lispelnd aufmischt, droht den Russen mit Sanktionen. Wie genau die aussehen sollen, erfährt man nicht. Vielleicht Russland mit einer Blockade à la Kuba quälen (Russian Democracy Act)? Oder muss das gesamte Kreml-Personal ohne Abendessen ins Bett? Gibt’s ein Fernsehverbot und keinen Rubel Taschengeld? Noch wissen wir es nicht.
Andererseits plädieren die beiden knallharten Ministerinnen dafür, die angespannte Lage diplomatisch zu lösen. Wie das geschehen soll, halten sie jedoch streng geheim. Kein akzeptables Angebot, keine pfiffige Idee, keine überlegenswerte Alternative – NIX…

Ich denke – wenn das Wort „Krieg“ in die Alltagssprache Einzug hält, ist es angebracht, dass sich jeder, dem der letzte Weltkrieg noch im Gedächtnis steckt, in die Debatte einmischt. Also – Vorschlag:
Sollte man nicht für die Ukraine ein Modell entwickeln ähnlich dem Beispiel Finnlands, Schwedens oder Österreichs? Eine weitere neutrale Ost-West-Brücke? Zur Abwendung eines „heißen“ Krieges“ in Europa könnte Russland ja möglicherweise mit einer Neutralität der Ukraine einverstanden sein – oder?

Also, mal höflich anfragen…


OPAS LAMENT

Wir fahren schwarz. Ich erkläre meiner Enkelin: „Mit dem Auto zu fahren ist Quatsch. Erstens findet man keinen Parkplatz. Und Wenn man doch einen findet, kostet er zu viel.Das nennt man Wegelagerei. Zweitens ist der Benzinpreis zu hoch. Das ist Wucher. Und drittens: Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren ist auch Quatsch, weil es noch teurer ist als mit dem Auto“ – das ist Verkehrspolitik. „Warum kaufst du uns kein E-Auto?“ fragt meine Enkelin. „Aus Protest! Dann wird mein alter Benziner nach Afrika oder Osteuropa verkauft und verpestet von dort aus das Klima. Außerdem ist die Herstellung von Batterien sehr umweltschädlich“.
Ende der Unterhaltung.
Ich tue alles, um Krampfadern, Arthrose, die drohende Tüddeligkeit, den Zahnersatz, den unweigerlichen Gehör- und Sehverlust sowie den allgemeinen Tatterich in eine Rentnerrevolution zu transferieren. Ich möchte wenigstens 75% des Einkommens der Erben-Generation überwiesen bekommen, ich will mir regelmäßig einen neuen E-Rollator kaufen können, ich habe es satt, kein Geld für Luxus zu haben, ich wäre gerne wieder sexy und und möchte hemmungslos geküsst werden. Die Welt muss endlich lernen:
Es ist nicht Omas und Opas einzige Daseinsberechtigung, auf die Kinder ihrer Kinder aufzupassen. Und deshalb rufe ich allen Jungen zu: Auch ihr seid nichts anderes als Alte im Wartestand!
Ok, die Vorwürfe, die die Jungen den Alten über die “geklaute Zukunft der Jugend” machen, nehme ich zur Kenntnis. Opfer und Täter stehen demnach fest:
Schuld tragen die, die zwischen 1930 und 1964 geboren wurden, denn sie sind die Generation mit den höchsten CO2-Emissionen. Sie sind die Generation, die jahrzehntelang alle Warnungen der Wissenschaft in Bezug auf den Klimawandel ignoriert hat. Sie sind Schuld an Atom- und Kohlekraftwerken, Benzinschleudern, Dieselfahrzeugen und allen anderen Klima- und Umweltsünden.
Die absolut Unschuldigen und somit die Leidtragenden sind die, die nach 1980 geboren wurden. Folgerichtig lautet ein beliebter Demo-Spruch „Im Westen wie im Osten – ihr lebt auf unsere Kosten!“ Und ich muss es ertragen, wenn ein hoher Prozentsatz der Jungen glaubt, dass es den Alten völlig egal ist, wenn sie Deutschland in einem Zustand hinterlassen, in dem kein Schwein mehr leben möchte.
Das ist natürlich dummes Zeug, denn ich alter Mann weiß genau: Beim Klima geht es um die Wurst – daher tendiert mein Fleischkonsum gegen Null. Und ich weiß auch:
Ein fahrradfahrender Fleischfresser ist mindestens genauso klimaschädlich wie ein autofahrender Vegetarier. Aber es ist schwierig, wir alten Leute waren ja nicht immer nur böse: Wir kauften in unserer Jugend Milch mit einer Milchkanne, wir hatten eine Einkaufstasche, die wir immer wieder benutzten, um beim Schlachter und  im Lebensmittelladen einzukaufen, wobei nichts in Plastik verpackt war. Die Elektro- oder Haushaltsgeräte, die wir uns vor 50 Jahren anschafften, waren meist so teuer, dass es eine Investition für Jahrzehnte war, neue Socken gab’s zum Geburtstag, auf die erste Italienreise haben wir lange sparen müssen, unsere Echtholz – Schrankwand überlebte ein Dutzend Umzüge, und der Plattenspieler funktioniert heute noch. Wir erinnern uns ganz gut – vor allem, wie es in der vordigitalen Welt zuging – mit einem Festnetzanschluss pro Familie, höchstens. Verglichen damit ist U 30 heute eine Generation des globalen Überflusses, die schon als Klimasünder geboren wurde: Es ist IN, sich alle paar Monate für unter 50 Euro in Billigläden neu einzukleiden oder per Online-Shopping Sneaker als unsinniges Statussymbol im Regal zu stapeln. Konsum ist geil, Flugmeilen machen happy. Junge Leute kaufen tolle Multifunktions- Elektro-Geräte mit Sollbruchstellen, die nicht nur in der Anschaffung, sondern auch in ihrer Fertigung so billig sind, dass sie nach wenigen Jahren auf Elektro-Schrotthalden landen, wo sie die Umwelt endgültig versauen. Was mal länger als zwei Jahre hält, wird ausgetauscht, weil es eine minimal bessere Auflösung oder eine höhere Speicherkapazität besitzt. Unserer U 30 ist es völlig gleichgültig, dass jedes Upload und jeder Instagram-Post eine gravierende Klimasünde ist, dass Internet und Social Media einen Energieverbrauch wie Millionenstädte verursachen. Aber auch daran sind die Alten schuld: Sie sind es doch, die den Lebensstandard der Jungen finanzieren. Und bei beiden gibt’s Flug-Mangos zum Nachtisch… Was also tun?
Wenn eine Lösung des Problems wirklich nur als marktwirtschaftliche Wachstumsinitiative vorstellbar ist, wenn Shopping und Fit&Fun als Maxime des eigenen Handelns und höchste Werte gesetzt werden, empfehle ich, als effektivste Art, den Klimawandel zu bekämpfen, eine strenge Geburtenkontrolle. Außerdem: Kinderabteilungen der Krankenhäuser und alle Geburtshäuser dicht machen, Kindergärten abreißen, Schulen und Universitäten abfackeln, Discotheken und Clubs in Senioren-Begegnungsstätten umwandeln, Autobahnen renaturieren, Film, Funk, Fernsehen streichen, alle Werbe-Initiativen verhindern, die Herstellung von Zahnspangen verbieten und Kinderarbeit obligatorisch machen. Erben & Vererben werden bestraft. Und wer soll’s durchsetzen? Wieder mal die Alten. Und wie? Ganz einfach: Alles platt machen. Das ganze Land auf Zero. Und dann nochmal alles von vorn. Soll heißen?
Wieder mal Krieg führen. Krieg sorgt anschließend immer für Konjunktur, Aufschwung und neue Energien. Aber wie soll ich das meiner geliebten Enkelin erklären…?

Enkelin und Opa

ZUM JAHRESWECHSEL 2021 / 2022

König Rudolph III von Burgund sagte vor 1000 Jahren: „Indem wir den Untergang dieser sinkenden Welt vor uns sehen, erwarten wir voll Furcht das Ende allen Fleisches“.
Das hat sich als ziemlich richtig erwiesen, denn zumindest die Billigfleisch-Tresen in den Supermärkten sind an dieser Jahreswende von den Resten der Massentierhaltung geräumt. Darüberhinaus dürfen wir feststellen: Wir, die Guten, bewirkten seitdem schon viel Gutes auf unserer angeblich sinkenden Welt: Erst gestern hat in den Kasseler Bergen ein Lastwagen nach Jahrzehnten des Bangens ein Überholmanöver siegreich beendet, und in den USA hat ein Afroamerikaner unverletzt eine Polizeikontrolle überstanden. Doch das ist nicht alles! In der hinter uns liegenden Zeit haben wir die organisierte Kriminalität besiegt, die Hasskriminalität im Internet ausgerottet, jegliche Gewalt beendet und die Tötung der Wale mit Plastiktüten unterbunden.

Unser Außenministerium hat begriffen, dass Russland von altersher zu Europa gehört und eine Wiederbelebung der traditionellen deutsch-russischen Freundschaft von großem Nutzen sein könnte. Unser Wirtschaftsministerium hat in einer festbeschworenen Allianz mit China den Hunger in der Welt verboten, unser ADAC hat unseren Verkehrsminister überzeugt, ein Tempolimit von 120 km/h sei eine gute Sache, und unser Justizministerium hat erfolgreich eingesehen, dass Snowden, Assange und Chelsea Manning nun endlich die gleichen Menschenrechte zustehen wie Navalny. Die USA haben mit Zustimmung der UNO beschlossen, alle Herrschaftsansprüche aufzugeben and to make America nicht noch greater.


Das Klima gehorcht jetzt zu unser aller Nutzen dem Kommando der Kinder. Wir haben eine sozialverträgliche Reichensteuer und keine Obdachlosen mehr. „Nein“ heißt nun auch offiziell „Nein“, Vergewaltigung geht gar nicht mehr, und wir bremsen mittlerweile sogar für Flüchtlinge. Die Rechtsradikalen haben sich in Grund und Boden geschämt oder sind bei ihrer Flucht nach Libyen im Mittelmeer untergetaucht, die Querdenker wurden medizinisch allesamt optimal auf Intensivstationen versorgt und abschließend in Massengräbern entsorgt. Wir haben die finalen Fragen – Sterbehilfe, Suizid, Abtreibung – ultimativ geklärt, und schließlich ist es uns gelungen, den Corona-Virus an den Rand der Gesellschaft zu drängen, wo er die Invasion anderer Viren verhindert.
Martin Luthers Satz „Die Welt hat nicht einen solchen Ekel an mir, als mein Ekel an dieser Welt ist“ hat also erstmal seine Gültigkeit verloren, und im Geiste von Vernunft und Tatkraft schreiten wir munter voran ins neue Jahr. Was wird es uns bringen?


Ohne Frage die gesundheitsförderliche Zigarette, ein wirksames Schnupfenmittel, regensichere Fahrradkleidung und für Musikanten einen automatischen Notenblattwender. Ferner ein unkaputtbar nachwachsendes Gebiss, das Ende von allen Stauenden sowie einen absolut geräuschlosen Laubsauger. Am meisten dürfen wir uns aber darüber freuen, dass endlich der ausschließlich individuell nutzbare Traum-Mann und die ego-kompatible Traum-Frau auf den Markt kommen.

Interessant ist natürlich auch, ob sich bewahrheitet, was der US-amerikanische Zukunftsforscher Herman Kahn 1967 der Menschheit in unserer Zeit prophezeit hat:
Die Erzeugung synthetischer Nahrungsmittel, Ackerbau auf dem Meeresboden, gezielte Gewichtskontrolle, wirksame Verjüngungskuren, Verhütung von Erbkrankheiten und phrasenfreie Politikerreden.

Ich denke, die Menschheit hat vorzügliche Zukunftschancen:
Wir werden uns auf unsere Funktionalität reduzieren und als Teil einer globalen Megamaschine einrichten – als Menschen, die sich mit ihrer Rädchenexistenz völlig zufriedengeben und den Kopf nicht hängen lassen. Denn wir wissen: Jedes Fürzlein hat seine eigene Würde, und je ausgestorbener das Mammut, desto eher wird es rückgezüchtet. Also – Gottfried Benn liefert uns das Motto des neuen Jahres: „Morgendämmerung gibt’s alle naselang!“


Ein Original- Schmutzgeier,

liebe nationale Mitstreiter und Freunde, ist das Logo von The Republic, einer völkischen Internet-Plattform. The Republic ist eine CDU-nahe Heimatseite gegen schulschwänzende Kinder, linksextreme Krakeeler, sozio-ökologische Wühler, Mietendeckler, Regenbogenschänder und Silvesternächte in Köln. The Republic stoppt den politischen Linksdrift!
The Republic erklärt Ciceros Res Publica für gescheitert, The Republic will die französische Revolution und ihre Folgen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – endgültig überwinden, The Republic bestreitet die historische Notwendigkeit jener doppelten Ausrufung der Republik in Deutschland 1918 und widerruft den Eintritt von BRD und DDR in die Geschichte 1949.
The Republic wurzelt fest entschlossen in der Tradition der Republikaner und ihres Führers, des untadeligen SS-Mannes Franz Schönhuber. Auf seinem geistigen Fundament strebt The Republic ein reichsbürgerliches Deutschland an, in dem Recht & Ordnung herrschen, insbesondere in Kinderzimmern und Justizvollzugsanstalten. The Republic schlägt Brücken von der Werte-Union zur AfD und von Pegida zum Seeheimer Kreis.
The Republic gibt denen, die unser Land am Laufen halten, eine starke Stimme, also den Shareholdern, den Privatjetfliegern und Aufsichtsräten, den Erben großer Vermögen und selbstverständlich den Offshore-Steuerartisten. Es wird Zeit, auch diese Gruppe mal auf den Balkonen zu beklatschen.
The Republic fordert einen Radikalenerlass gegen alle Menschenrechts-Kampagnen und Seenot-Rettungsorganisationen aus dem linken Lager.
The Republic will im Schulterschluss mit der FDP die Ausplünderung unserer Milliardäre
verhindern und unterstützt den Führungsanspruch unserer nationalen Eliten.
The Republic tritt dafür ein, bei Wahlen die Gewichtung der Stimmen abhängig zu machen von den finanziellen Möglichkeiten des Wählers. (Zensuswahlrecht). Im Umkehrschluss verlangt The Republic den Ausschluss von Bürgerrechten für bestimmte Bevölkerungsgruppen, d.h. Wahlrechtsentzug für Niedriglohn-Sklaven, Frauen ohne eigenes Vermögen, Obdachlose und Abkömmlinge ethnischer, sprachlicher, sexueller oder religiöser Minoritäten. Denn für The Republic bedeutet Republik: Die Mitbestimmung eines Volkes bei der staatlichen Willensbildung ist nun wirklich nicht notwendig.
The Republic bietet dem bürgerfeindlichen Klima die Stirn. Das macht Tempolimit und Kohle-Ausstieg überflüssig. Stattdessen will The Republic den Bau neuer Atomkraftwerke erkämpfen. In deren nächster Umgebung wäre dann, vor allem im Hinblick auf die gesundheitspolitischen Konsequenzen, genügend Raum für den sozialen Wohnungsbau.
The Republic hält die republikanische Internationale hoch, pflegt also einerseits enge Kontakte zu Ungarn, Polen und zu den Kapitolbesetzern in Washington, ist andererseits aber auch kosmopolitisch geprägt, also des Englischen mächtig. Folglich fordert The Republic, dass Deutschland regiert wird von einem Chief Executive Officer namens Freddy Merch.
The Republic ist entschiedener Gegner des Genderns: Für uns ist Mathilde Ludendorff ein Freund klarer Worte und nicht etwa eine Freundin.
The Republic besteht auf einer Reform der Öffentlich-Rechtlichen Medien:
Per Volksempfänger alle politischen Begriffe zu entkernen und so lange der Beliebigkeit auszusetzen, bis das ganze Volk einer Meinung ist, betrachten wir als kulturelle Pflicht christlicher Demokraten. Und um die großartigen Leistungen der deutschen Wehrmacht bei der Bekämpfung des Untermenschentums zu würdigen, fordert The Republic die tägliche Übertragung eines Fackelzuges mit anschließendem Zapfenstreich im TV. Sondereinsatzkommandos der Polizei sollen die Anwesenheit aller Fernseh-Zuschauer vor dem Schirm kontrollieren.
Denen, die das Impfen als Angriff auf ihre Freiheitsrechte verstehen, versichert The Republic:
Wir werden uns stets für ein Verbot der Gurtpflicht im Auto und die Abschaffung aller Ampelanlagen einsetzen, dafür aber das Rauchen im ÖPV wieder gestatten.
The Republic wird bei Bedarf die Hacken aneinander schlagen und den Arm heben.
The Republic ist der letzte Dinosaurier im Widerstand gegen Meteoriten.
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bevor wir gezwungen sind, es uns holen.

(Erstveröffentlichung in Melodie & Rhythmus 1/2022)

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OLYMPIA PEKING

Was Milliarden Chinesen tieftraurig stimmt:
Die USA wollen die Olympischen Spiele in Peking diplomatisch boykottieren, wegen Verletzung der Menschenrechte.
Du fragst, ob und wie…?
Nein, nein! Wenn in den USA weiße Polizisten schwarze Menschen erschießen, verletzen sie doch nicht deren Menschenrechte. Sie verkürzen sie nur. Aber mit Respekt.

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Spaltung der Gesellschaft – Ja bitte!

Beliebt und nahezu allgegenwärtig ist der konsequente Missbrauch des Freiheitsbegriffes.
Dabei ist nach Immanuel Kant Freiheit nur durch Vernunft möglich. Da kommen wir also nicht weiter: Seit AfD, Pegida und Querdenker (ein unangemessener Ausdruck – treffender wäre Intelligenz-Allergiker) mit ihren Verschwörungsgespenstern hausieren gehen, müssen wir einen bizarren Aufschwung von Dummheit ertragen. Impfgegner merken gar nicht, wie absurd es ist, wenn sie von Nazi-Methoden sprechen und sich obszönerweise sogar zu Nazi-Opfern erklären, jammernd und anklagend, ohne dass ihnen auch nur annähernd Vergleichbares geschehen ist.
Es hat sich herausgestellt, dass es zwecklos ist, mit Impfgegnern über „Freiheit“ in einer vom Markt beherrschten Gesellschaft zu diskutieren. Das Thema überfordert deren Denkmittel: Ungeimpfte bestehen darauf, erst mutwillig und skrupellos den Virus im Land zu verbreiten, anschließend lassen sie sich von überlastetem Pflegepersonal bestens versorgen, blockieren auf Intensivstationen, aus dem letzten Beatmungsschlauch pfeifend, die adäquate medizinische Versorgung von Schlaganfall -, Herzinfarkt- und Krebspatienten, und am Ende nehmen sie sich die Freiheit, elend zu verrecken.
Diese Karriere bewältigen mittlerweile jede Woche einige Hundert dieser asozialen Ignoranten. (Die alles betrifft selbstverständlich nicht die Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen!)
Aber nun stelle man sich mal vor, dieses kriminelle Verhalten der Ungeimpften könnten wir den bei uns lebenden Menschen mit Migrationshintergrund anlasten – da kommt aber gewaltig Stimmung auf im Land: Applaus für brennende Flüchtlingsunterkünfte, Abschiebungs-Orgien, Racial-Profiling an jeder Ecke. Notorisch fremdenfeindliche Politiker fordern Konzentrationslager, den verfluchten ausländischen Coronaleugnern werden die Menschenrechte aus dem Leib geprügelt, und die Medien diskutieren eine finale Lösung, den Schießbefehl auf die so genannten „Integrationsverweigerer“.
Zum Glück sind die Corona-Leugner keine Ausländer, sondern anständige Bürgerinnen und Bürger unseres Rechtsstaates, die verantwortungsbewusst angeschnallt in ihren Autos sitzen und bei Rot anhalten, also wahlberechtigte Deutsche, ausgestattet mit einem medizinischen Grundwissen, wie man es nur auf den Universitäten von facebook, twitter oder telegram erwerben kann. Na gut, sie krakeelen manchmal ein bisschen, necken Polizisten oder gehen bei Gelegenheit auf den Stufen des Reichstages spazieren. Aber sonst sind sie astreine Deutsche und echte Demokraten, die zu Recht von der Politik und in Talkshow-Diskussionen wichtiger genommen werden als jede medizinische Forschung oder die Analysen von Pandemie-Experten. Wie sonst ist zu erklären, dass für das Pflege- und das Reinigungspersonal in Senioren-und Behindertenheimen immer noch keine Impfpflicht angeordnet wurde? Das heißt doch: Angestellte, die dafür bezahlt werden, der Gesundheit ihrer Schützlinge zu dienen, tragen den Virus durch die Gänge und von Zimmer zu Zimmer. Ich denke, Politiker, die da nicht einschreiten, machen sich zumindest der unterlassenen Hilfeleistung schuldig, vielleicht sogar der Anstiftung zum Totschlag. Übrigens – erstaunlich ist, wie viele Politiker sich moralisch aufplustern, wenn es darum geht, unheilbar Kranken den Tod auf Verlangen zu verweigern…
Aber bitte – wenn Herr und Frau Mustermann*frau die Corona- Impfung partout verweigern wollen, ok, dann müssen wir eben daraus die Konsequenz ziehen und unsere Gesellschaft gründlich und handwerklich sauber spalten.
1.) Wir lassen alle Veranstaltungen zwei Mal statt finden – ein Mal für Geimpfte, ein Mal für Ungeimpfte: Sport, Theater, Konzerte, Restaurants, Clubs usw. einerseits mit Maske, andererseits in totaler „Freiheit“. Supermärkte und Behörden stehen an zwei Tagen in der Woche nur für Ungeimpfte zu Diensten, in den Betrieben wird in streng voneinander isoliertem Schichtbetrieb gearbeitet, und auch eigene Fahrradwege, Kinderspielplätze, Autobahnen und sogar Kirchen stellen wir den Ungeimpften zur Verfügung.
Spannend ist dabei nur, welche Künstler sich entschließen können, vor einem ungebremst ansteckenden Publikum aufzutreten, welche Mannschaften für diese Leute kicken wollen, und wer ihnen in Ämtern und Kneipen die benötigten Auskünfte oder das Bier besorgt. Wer mag sich für die an die Supermarktkasse setzen? Gibt es Arbeitgeber, die sich mit Ungeimpften umgeben wollen? Oder Geistliche, die mit Vergnügen Ungeimpfte segnen? Es ist doch sehr fraglich, ob man das alles mit Geld regeln kann, auch wenn es für Veranstalter noch so einträglich ist… Oder –
2.) Die Unvernünftigen, also die Ungeimpften, werden dorthin umgesiedelt, wo die meisten Wohnungen und Häuser schon von Coronaopfern Richtung Friedhof verlassen wurden: in den Erzgebirgskreis und in die Sächsische Schweiz, ins Elbe-Elster-Land oder den Thüringer Saale-Orla-Kreis, also in Gegenden, wo der liebe Gott den Sack zugenäht hat. Ungeimpfte AfD-Gefolgsleute erhalten sogar einen Freifahrtschein nach Sibirien, um dort die landesübliche Freiheit, also eine Komplett-Quarantäne, zu genießen.
Vorher jedoch werden die wenigen vernünftigen Bewohner dieser Landstriche, also die Geimpften, ausgesiedelt – nach Mallorca oder Gran Canaria und meinetwegen auch nach Dresden. Da wartet man schon lange auf einen Zuzug von Vernunft. Irgendwie werden wir diese Seuche doch in den Griff kriegen…

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SOVIEL ZUM KANDIDATEN MERZ

Ach Friedrich! Aus dir wird nix.
Du kannst machen, was du willst: Aus dir wird nix.
Deine Führungs-Ambitionen reichen weit hinaus,
Du stehst an den bedeutungsvollsten Rednerpulten,
Du bekleidest zahlreiche respektheischende Ämter,
Viele Stammtischrunden folgen dir ergeben,
dein Bierdeckel ist Programm für’s Volk. Aber: Aus dir wird nix.
Pflege nur weiter Beziehungen, schwinge Reden, biedere dich an, stelle Forderungen, übe Druck aus, mach Versprechungen, äußere Befürchtungen, intrigiere, zahle Schmiergelder:
Aus dir wird nix…
Du bist von dir überzeugt. Du bist tätig jeden Tag,
verwaltest das Leben und bildest emsig Vermögen.
Trotzalledem: Aus dir wird nix.
Du hast keine Geldsorgen, du brauchst das tägliche Brot nicht zu verdienen. Sogar deine Zeit gehört dir. Du brauchst nur zu wollen, doch es fehlt dir an Können. Das heißt: Aus dir wird nix.
Ach Friedrich, du bist nur eine Volksvertreter-Attrappe. Kämpfe nur immer weiter, rolle deinen Felsen vor dir her den Berg hinauf…
Aus dir wird nix. Ach Friedrich!

Vor einiger Zeit erklärte der EX-Vespa-Rocker Friedrich Merz: „Ich hätte auch längst im Deutschen Bundestag einen Vizepräsidenten der AfD gewählt.“ Heute nun saß der Kaplan von Brilon, wie der Nebenverdienstraffke aus dem Sauerland auch genannt wird, in einer Berliner Bierstube und beschriftete einen Bierdeckel mit seiner großen Vision, wie er den Wirtschaftsstandort Deutschland aus der Versklavung durch seine Einwohner und diese Einwohner von der Unterdrückung durch Überfremdung befreien kann. Sein von Herrn Gauland inspirierter Koalitionsvertragsentwurf von CDU und AfD trägt die Überschrift: „Vogelscheiße für alle.“  Darin ist enthalten ein entscheidendes Vorhaben –  nämlich: Besondere Verantwortung aktiv gestalten. Dazu, Herr Merz, eine Frage: Was veranlasst Sie eigentlich, anzunehmen, dass Sie das, was Sie jetzt tun wollen, auch können? Man würde Sie doch in in einer Rosamunde – Pilcher-Verfilmung nicht mal als Olivenspieß besetzen…                         

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RANDNOTIZ (aus den Verhandlungsprotokollen)

Wie kann es in einer Zeit von Produktion und Überproduktion wie der unseren vorkommen, dass es noch arme Leute gibt? Ist es für anständige Bürger und Bürgerinnen nachvollziehbar, wenn sie in einer Epoche, in der jedermann in Samt und Seide gekleidet sein könnte, auf der Straße Elendsgestalten begegnen, die, in unvorteilhafteste Baumwoll-Lumpen gekleidet und übel riechend durch den Tag schlurfen…? Ist es für unsere Wählerinnen und Wähler zumutbar, dass menschliche Kreaturen an Hunger, Kälte, Dürre und Krankheiten krepieren, während sich Lebensmittel jeglicher Art in Hülle &Fülle auf sämtlichen Märkten unseres Globus stapeln, die Pharmakonzerne unermesslich viele Gesundheitsmittel anbieten und Klima-Anlagen alle Schikanen der Natur weltweit aufs Angenehmste ausgleichen?
Wir müssen der Menschheit eine stichhaltige Erklärung dafür liefern, warum inmitten unserer ungenutzten Reichtümer Leute existieren, die stur, steif und verbissen darauf bestehen, arm zu bleiben. Dass es sich dabei um Kriminelle handelt, die in Justizvollzugsanstalten am besten aufgehoben wären, sollten wir aus Kostengründen ausschließen. Wir sollten uns vielmehr darauf verständigen:
Armut ist nicht das Ergebnis eines mangelhaften und ungerechten Zustandes der Gesellschaft, sondern eine individuelle Degeneration physiologischer Art. Das heißt, menschliches Elend ist bedingt durch gestörte Funktionen und Abläufe im Organismus eines Individuums… Armut ist eine Neurose, und die Armen sind Geistesgestörte, Degenerierte, Abartige! Also letztendlich Kranke.
Die Bekämpfung dieses Wahnsinns ist in erster Linie eine Familienangelegenheit und keinesfalls Aufgabe der Politik, und schon gar nicht Gegenstand dieser Koalitionsverhandlungen.

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JEFF BEZOS ist ok. Er bekennt:

Meine Burger bestehen ganz&gar aus biologisch kontrolliertem und gestempeltem Blattgold. Ich war immer der Überzeugung, das Schmecken, Kauen und Schlucken von Gold sei der Gipfel des Reichtums, das Optimum guten Geschmacks. Und was musste ich feststellen? Es gibt nichts, gar nichts, was ähnlich schlecht schmeckt. Ungenießbar. Absolut ungenießbar. Aber irgendwie kann ich nicht genug davon kriegen…

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Olaf ist die neue Angela

Seine Aufgabe ist es, das Merkel-Erbe zu verwalten. 

Norbert (Röttgen) wird der neue Heiko, Markus (Söder) wird der neue Horst.

Und Friedrich (Merz) wird der neue Olaf. Der war ja auch mal Vizekanzler.

Den Rest erledigen sozialdemokratische Frauen.

Das sollte dem Volk als Wechsel zum Neuanfang genügen, denn wir haben eingesehen: 

Der Gegensatz der „Volksparteien“, CDU/CSU und SPD,  ist verbraucht: Es sind zwei Flügel derselben Partei. „Deutschland gemeinsam machen“ stand ja schon auf den CDU-Wahl-Plakaten. Offenbar ist Deutschland noch nicht fertig. Es muss fertig gemacht werden. Und nicht mal dafür kann man Christian (Lindner) gebrauchen. Er soll oppositionell verdorren. Aber Anna-Lena kaufen wir:  Sie erhält den einflussreichen Posten der Leuchtturm-Wärterin von Westerhever. 

Die Klimaveränderung werden wir verlangsamen, bis  die Bevölkerung sich ausreichend mit angemessener Regenkleidung, Gummistiefeln und Schwimmwesten bevorratet hat.

Mit der Digitalisierung werden wir chinesische Investoren beauftragen.

Wir halten daran fest, dass Nachhaltigkeit sich lohnen muss. Deswegen werden wir auch den Müll in den Meeren, das Gift in den Böden, die Monokulturen und das Artensterben sowie  das Umdenken im Verkehr und beim Wohnen den Marktmechanismen überlassen. 

Um die Di­versität der Gesellschaft voran zu treiben, und um aus der Vielfalt Kreativität zu schöpfen, begrüßen wir es, wenn auch in Zukunft  die reichsten Menschen eher ins All fliegen, als den weltweiten Hunger zu beenden. 

Schwerpunkte unserer neuen Politik bleiben weiterhin Aktienoptionen, Aufsichtsratsposten, Briefkastenfirmen, Steuerhinterziehung, Waffenhandel, Lobbyismus sowie  Schweineschnitzel und Erdöl für jedermann.

Um die „Westliche Wertegemeinschaft“ zu exekutieren, werden wir weiterhin gegen unbotmäßige Länder Sanktionen verhängen oder unsere Friedenstruppen entsenden. 

Also: „Gemeinsam für ein modernes Deutschland.“ Aber ohne den katholischen Fundamentalisten Laschet. Denn Armin wird der neue Frank-Walter (Steinmeier).

Und nicht vergessen: Angela heißt jetzt Olaf. Keine Experimente!


ALTES ERHALTEN – NEUES GESTALTEN: NSFDP

Seit Jahrzehnten widmen wir uns der Ausrottung von Flora und Fauna. Selbst so possierliche Tiere wie den Roten Stummelaffen rotten wir aus. Das Artensterben ist uns anscheinend ein Bedürfnis. Nur den ordinären Nazi lassen wir unbehelligt. Hegend und Pflegend tritt dabei vor allem die FDP in Erscheinung. In dieser Partei sammelten sich nach dem Desaster des 1000jährigen Reiches die Getreuen der Hitlerei.
Zentrale Figur war Dr. Ernst Achenbach, ein Nazi-Diplomat, der in Paris an der Deportation der französischen Juden beteiligt war. Er empfahl: „Um den Nationalsozialisten einen Einfluss auf das politische Geschehen zu ermöglichen, sollten sie in die FDP eintreten, sie unterwandern und die Führung in die Hand nehmen“. Für sein parlamentarisches Wirken erhielt er 1971 das Große Bundesverdienstkreuz.
Zahlreiche Nazi-Funktionäre rotteten sich im Naumann-Kreis der FDP zusammen: Diese Herrschaften waren Feinde einer auf Aussöhnung bedachten Ostpolitik. Besonders lautstark ein mit allen Abwassern gewaschener, vielseitig ungebildeter und geltungssüchtiger Mikrokephalos, der SS-Obersturmführer Siegfried Zoglmann. Diese „Freidemokraten“ forderten eine Generalamnestie für alle Nazis und stimmten im Bundestag gegen das Entnazifizierungsverfahren. Verlangten stattdessen die Freilassung aller „so genannten Kriegsverbrecher“ und begrüßten die Gründung des Verbands deutscher Soldaten aus ehemaligen Wehrmachts- und SS-Angehörigen, um die Integration der nationalistischen Kräfte in die Demokratie voranzubringen.
Das gelang am besten beim Bundestagsfraktionsvositzenden Erich Mende, einer im Volksmund „Brillantine-Erich“ genannten Herrenattrappe, der zwar kein Nazi, aber erst recht kein Widerstandskämpfer war: Die Nazis zeichneten ihn aus mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse, der Nahkampfspange in Bronze, dem Deutschen Kreuz in Gold und dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm obendrein ihr Großkreuz des Verdienstordens.
Diese Bande von Ehrenmännern wurde angeführt von Theodor Heuss, der 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte. Als es nun darum ging, der Adolf-Hitler-Allee und dem Hermann-Göring-Platz wieder anständige Namen zu geben, sprach sich Herr Heuss dagegen aus, Straßen nach antifaschistischen Schriftstellern zu benennen, die von den Nazis umgebracht wurden, zum Beispiel Carl von Ossietzky oder Erich Mühsam. Die Texte dieser Männer liest man heute noch. Die von Herrn Heuss nicht…
1971 schließlich konnten Wählerinnen und Wähler glauben, die FDP sei ein Stück weit zur Vernunft gekommen: Ihre Freiburger Thesen schrieben fest, Liberalismus solle sich auch sozial engagieren, und „Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen.“ Da war der stets gut gelaunte Liberallala-Sangesbruder Walter Scheel Außenminister, später dann Bundespräsident. Dass ein ehemaliges NSDAP-Mitglied dieses Amt bekleidete, störte nicht einmal die SPD.ü
1977 wurden die Freiburger von den Kieler Thesen abgelöst. Das war die Wende der FDP zum Neoliberalismus, Angebot&Nachfrage über alles. Schlichte Gemüter denken seitdem: Liberal – klar, die wollen die Freiheit, die wähle ich. Sie bedenken nicht: Freiheit ohne soziale Sicherheit kann es nicht geben.
Lassen wir mal das bisherige Führungspersonal dieses unappetitlichen Vereins Revue passieren:
Jürgen Möllemann: Fachmann für antisemitische Sprüche, Waffenhandel und Nepotismus. Mit dem offiziellen Briefkopf seines Wirtschaftsministeriums empfahl Möllemann mehreren Handelsketten einen Chip, der als Pfandmünze bei Einkaufswagen zum Einsatz kommen sollte. Hersteller war sein Vetter.
Hausmann, Rexrodt & Kinkel: der personifizierte deutsche Fachkräftemangel.
Bangemann: Die Personalunion von Rollbraten und schwarzem Loch. Der clevere Lobbyist galt in Brüssel als einflussreicher Typ, weil er immer seinen Teller leer aß.
Otto Graf Lambsdorff: Ein verurteilter Steuerhinterzieher.
Hans Friderichs: Noch ein Steuerhinterzieher. Drahtzieher der Flick-Affäre.
Hans-Dietrich Genscher: Buhmann aller progressiven Kräfte wegen Bruchs der sozialliberalen Koalition. Initiator des Jugoslawien-Krieges.
Guido Westerwelle: Zog 2002 mit einer „18“ auf den Schuhsohlen in den Wahlkampf. Die „18“ stand für die zu erreichenden Prozentpunkte. Angeblich wusste er nicht, dass die „1“ und die „8“ in allen Neonazi-Organisationen für den ersten und den achten Buchstaben des Alphabets stehen, also für die Initialen von Adolf Hitler. Den Gipfel politischer Blödheit erklomm Herr Westerwelle mit der Behauptung: „Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet. Alles andere ist Sozialismus!” Ihm war entgangen, dass die Gesellschaftsform, in der man ohne eigene Arbeit das größte Vermögen anhäufen kann, nicht Sozialismus heißt, sondern Kapitalismus.
Philipp Rösler: Er manipulierte den Armutsbericht der Bundesregierung, indem er entscheidende Textpassagen zur Einkommensschere umschreiben bzw. löschen ließ.
Dirk Niebel: Ließ sich einen Teppich aus Afghanistan einfliegen und vergaß, ihn zu verzollen.
Wolfgang Kubicki: Ein windiger Typ. Vermögen und Unvermögen, Liechtensteiner Gelddepots, fragwürdige Finanztransfers und milliardenschwere Schadensersatzverfahren säumen seinen Weg. Herausragend: Die Pleite des Mobilfunkanbieters Mobilcom und die unsauberen Geschäfte bei der Mülldeponie Schönberg.
Christian Lindner: Ließ es „Aus Liebe zur Freiheit“ zu, dass sich ein FDP-Mann von Faschisten zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Denkbar scheint es demnach, dass die FDP unter Lindners Führung eines Tages zwecks Arterhaltung der Spezies Nazi auch den AfD-Gauleiter von Thüringen, einen Herrn Höcke, in ein hohes Staatsamt wählt. Den qualifiziert unter anderem, dass er die deutsche Erinnerungskultur für „dämliche Bewältigungspolitik“ hält…

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(zuerst veröffentlicht in „Melodie&Rhythmus)


FS – REGIONALPROGRAMM

Filmaufnahmen, Plakat NDR


DER SCHRECKLICHE HERR W.

„Ich unterstütze grundsätzlich jeden Streik! Aber wenn er mich beim Reisen stört, hört der Spaß auf… Und eins wollen wir doch mal festhalten: Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen, und die wiederum sind die Arbeitsplätze von übermorgen. Lohnsenkungen führen zum Aufschwung, Gehaltverzicht sichert Arbeitsplätze, Arbeitszeitverlängerung bewirkt den Abbau von Arbeitslosigkeit. Am besten, man würde zwei Drittel der Bevölkerung entlassen.”
Das glaubt jeder neoliberale Welterklärer, und warum das in den vergangenen Jahrzehnten nicht wirklich funktioniert hat, das ist eins der großen Wunder unserer Zeit.
Im Fernsehen spricht eine Moderatorin über den „wahnwitzigen Lokführer-Streik“, in Zeitungsberichten wird der Streik als „Erpressungsversuch“ kriminalisiert, und es gibt Journalisten, die sehen sich des Grundrechts auf Mobilität beraubt. Offensichtlich wissen sie nicht: Im Grundgesetz ist von Mobilität nicht die Rede, vom Streik dagegen schon. Aber in den Medien kommen vorzugsweise wutschnaubende Leute zu Wort, zum Beispiel eine Frau, die keifte, sie arbeite in der Pflege und verdiene viel weniger als die Lokführer. Wie blöde ist das denn? Dann sollten sie und ihre Kollegen und Kolleginnen sich mal schleunigst ein Beispiel an den Lokführern nehmen, denn für den beklagenswerten Zustand unserer Klinik-Konzerne wie Asklepios u.a. gilt dasselbe wie für den erbarmungswürdigen Zustand des Transportkonzerns DB. Hier Bettenmangel und Pflegenotstand, da Unpünktlichkeit, Stilllegung von Strecken, mieser Service und jede Menge lächerlicher Pannen, und all das verdanken Patienten und Reisende auch den windelweichen so genannten Gewerkschaften.
Werfen wir einen Blick auf die Eisenbahn: Weder die GdED, noch TRANSNET noch GDBA (Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten und Anwärter) noch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) – oder wie sich der Klüngel sonst noch so nannte und nennt – setzte der Entlassung von -zigtausend Mitarbeitern einen entschlossenen Widerstand geschweige denn einen wirkungsvollen Streik entgegen. Im Gegenteil:
Man unterstützte einen kapitalfreundlichen Kurs, man befürwortete also die Bahnprivatisierung und fand den Börsengang der Bahn durchaus vertretbar.
Da war keine eigenständige Gewerkschaft mehr am Werk, da kuschelte der verlängerte Arm der Deutschen Bahn AG mit servilen Marktanbetern wie Mehdorn, Grube und Pofalla.
Denen gilt Claus Weselsky, der Anführer der kleinen Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), natürlich als rabiater Machtmensch, doch wie genervt man von ihm auch sein mag: Der Mann ist im Gegensatz zu anderen, die sich Gewerkschafter nennen, nicht käuflich, und sein Hinweis, dass es sich bei diesem GdL-Streik um Privatisierungsfolgen handelt, ist völlig richtig. Und alle Arbeitnehmer, die sich über Unbequemlichkeiten als Folge des Streiks aufregen, sollten bedenken, dass es ihnen besser ginge, wenn auch sie von einer Gewerkschaft vertreten würden, die das Wort Arbeitskampf tatsächlich mit Leben erfüllt.



IDEOLOGIE DER BANANE

Die Mitte – das ist der mythische Ort der deutschen Politik. Erfolg hat man nur in der Mitte. Mitte ist, wenn man mittendrin steckt, und alle anderen sind um einen rum.
Mitte ist Zusammengehörigkeitsgefühl und Nestwärme, und alle lachen über dieselben Witze. Mitte ist irre gemütlich, und überall, wo es ein Delikt ist, sich nicht anzupassen, da ist Mitte. Mittenmang zwischen „Bares für Rares“ und Hundescheiße auf dem Bürgersteig – das ist ein Wohlfühl-Hotspot.
Vor einigen Jahren haben die Sozialdemokraten mal behauptet, sie seien die „Neue Mitte“.
Das löste Erleichterung aus: Schön, dass die alte Mitte endlich wegkommt. Aber dann fragte man sich: Um welche neue Mitte handelt es sich? Geht es um eine neue rechte Mitte oder um eine neue linke Mitte oder um die neue Mitte des linken Flügels der rechten neuen Mitte oder die neue Mitte des neuen rechten Flügels der linken Mitte, hat die neue Mitte denn überhaupt Flügel, und wer ist denn dieser dunkle Punkt in der Mitte der neuen Mitte? Ist er das Maß aller Dinge, also das Mittelmaß? Dann ist das wohl der Kandidat…
Mittlerweile bezeichnen sich die Sozialdemokraten nur noch als Mitte und nicht etwa als „alte neue Mitte“, weil das den Christdemokraten die Chance bieten würde, sich „neue alte Mitte“ zu nennen.
Entscheidend ist aber die radikale Mitte. In dieser radikalen Mitte – man kann sie auch zentrale Mitte nennen – wird die Macht ausgeübt, von einer Oberschicht aus Industrie, Finanzen und Verwaltung, Verbandsfunktionären und zahllosen Lobbyisten. Diese sog. „Mitte der Gesellschaft“ treibt der Demokratie das Leben aus, die Demokratie verreckt in dieser Mitte. Diese Mitte hat Schuld, dass die Vielfalt politischer Programme schrumpft, und dass sich der politische Horizont vieler Menschen immer mehr verengt. Logisch, dass Politiker, die sich der Mitte zurechnen, gern behaupten, die Mitte sei eine Richtung, und „die Mitte ist vorn!“ Die einzige, die die Mitte bislang philosophisch korrekt verortet hat, ist eine Physikerin namens Dr. Merkel. Die hat festgestellt: Die Mitte ist rechts von links. Genau – das ist das einzige, was man mit Gewissheit von der Mitte sagen kann, außer, dass sie auch links von rechts ist.
Zum Glück kann man einen so schwammigen Begriff wie „die Mitte“ ohne weiteres durch jedes andere Wort ersetzen. Vermutlich würde es auch niemandem auffallen, wenn die Politik nicht „die Mitte“ ins Zentrum ihrer Überlegungen rückte, sondern das Alpenveilchen. Oder die Spreewald-Gurke. Oder die Banane.
Ersetzen wir also mal das Wort „Mitte“ in einem x-beliebigen Politiker-Zitat durch das Wort „Banane“ – dann hat er Folgendes gesagt: „Die politische Banane entstand in Deutschland, und ich bin Vorsitzender einer Partei, die für Maß und Banane steht. Wir wollen die entscheidende Kraft der Banane sein.“
Das habe ich mir gedacht – die Ideologie der Mitte ist Banane.


SIEG AM HINDUKUSCH

Als die „kriegsähnlichen Zustände“ Ende 2001 begannen, diente der Bundeswehreinsatz in Afghanistan der Vernichtung von Al Quaida. Als das daneben ging, kämpfte die Truppe für den Schutz der Menschenrechte, also Frauen nicht hauen und so, und das mit durchschlagendem Erfolg: Heute dürfen Frauen nicht nur unverschleiert studieren, sondern sogar betrunken Auto fahren. Und erfreulich ist auch, dass unsere Soldaten bei den eingeborenen Frauen wahnsinnig beliebt sind, weil deren Männer ja meistens in der Moschee sind oder bei einer Steinigung.
Ziel der deutschen Politik war es von Anfang an, „stabile Verhältnisse“ zu schaffen, und heute können wir feststellen: An den Steilhängen des Himalaya ist die optimale Stabilität total stabil !
Um diese Stabilität zu erreichen, bildeten die deutschen Friedensstifter erstmal einen Großteil aller Afghanen zu Polizisten aus, die in Finanzämtern, bei der Straßenreinigung, auf U-Bahnsteigen und bei der Verfolgung von Drogenhändlern für geordnete Verhältnisse sorgen sollten. Unsere Jungs kümmerten sich um die Ansiedlung von Deichmann-Filialen in der Fußgängerzone von Kabul, und als Altenpfleger fütterten sie in Seniorenresidenzen afghanische Greise. Sie überredeten die Bauern, ihre Mohnplantagen aufzugeben und stattdessen Grünkohl anzubauen. Heute gibt es in Afghanistan mehrere Weinköniginnen und Karnevalsprinzen, und RTL erwägt sogar, Afghanen demnächst im Dschungelcamp auftreten zu lassen. In etlichen ländlichen Regionen sind die Taliban-Bürgermeister in die CSU eingetreten und züchten Ammerländer Sattelschweine, und schon bald werden im ganzen Land Schweinske-Filialen aus dem Boden schießen. Ohne Frage wird auch die Korruption sehr bald westliches Niveau erreicht haben…
Längst vergeben und vergessen ist folglich jener Vorfall 2009, als afghanische Kriminelle das Benzin von zwei deutschen Tanklastwagen abzapfen wollten, woraufhin ein deutscher Offizier entschied, das ginge zu weit, was dazu führte, dass kaum noch Human-Material von 142 afghanischen Männern, Frauen und Kindern am Kundus-Fluss aufzufinden war. Der deutsche Verteidigungsminister äußerte subjektiv volles Verständnis für seinen Oberst, der zwar objektiv unangemessen gehandelt habe, aber subjektiv von der objektiven Richtigkeit seines subjektiv richtigen Handelns überzeugt gewesen sei.
Das haben dann auch die Afghanen schnell einzusehen gelernt.
Als andererseits zwei deutsche Soldaten in Afghanistan ums Leben kamen, konnte man im Fernsehen ihre Aufbahrung auf dem Kölner Flughafen sehen. Dazu erklang „Ich hatt’ ein’ Kameraden,” und per Laufschrift wurden am unteren Bildrand die aktuellen Aktienkurse eingeblendet. Das war eine schöne Bestätigung für die Notwendigkeit des militärischen Eingreifens am Hindukusch. Zum Glück muss dort nun nicht mehr unsere deutsche Freiheit verteidigt werden – das machen wir jetzt im Alpenvorland von Mali…


Hinterbänklers Standard-Wahlkampf-Rede

Die existenziellen Probleme in unserer Demokratie, um die es uns geht, meine Damen und Herren, liebe Freunde, und die notwendigen Entscheidungen, das sage ich Ihnen ganz ehrlich, sind doch im Grunde. Das bestreiten zu wollen, gefährdet jeglichen Rückhalt in unserer Bevölkerung. Und das lernen wir doch aus der Geschichte, nicht wahr, gerade in Anbetracht der angespannten Situation inmitten einer Schicksalsfrage! Ich betone das in vollem Ernst, weil erstens einfache Lösungen und zweitens auch nichts anderes. Der deutsche Wald darf auch nicht als Einbahnstraße abgehakt werden wie Schnee von gestern, bloß weil wir uns gesicherte Erkenntnisse ohne Gestaltung der Zukunft nicht länger leisten können. Denn ohne solide Absicherung ins Uferlose sind verantwortungslose Experimente zum Scheitern verurteilt: Wir dürfen nicht länger in dieser Gretchenfrage unserer Nation alle Menetekel in den Wind schreiben, als hätten wir schon und könnten uns mal, nur weil einige extreme Weltverbesserer ihr sozialistisches Süppchen planlos vor die Wand fahren! Wer stürzt denn dann ins Bodenlose bis im Hinblick? Das geht uns doch alle an! Hier nähren die Vorgänge doch die Vermutung! Und es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass die gemachten Vorschläge in Anbetracht nicht reichen, weder hinten noch vorne. Gewiss in Anbetracht! Und wenn Sie mich fragen, wo genau das liegt: Ich weiß es nicht, aber ich gehe davon aus, Anbetracht liegt im Vorfeld, und darin liegt ja auch das Schicksalhafte.

Nun aber frage ich mal zurück: Wo sind sie denn, unsere Alles in Allem? 

Worauf es bei dieser Wahl ankommt, das ist doch die Signalwirkung gerade der Menschen draußen im Lande. Das hat sich hinlänglich erwiesen, vor allem im Einklang hinsichtlich der Auswirkungen für die Zukunft.  Und gerade, wenn möglichst viele Wählerinnen und Wähler in den Städten und Gemeinden in ihren Lebensabschnitten verharren, ist es von großer Bedeutung für alle Teile der Gesellschaft ohne eine einzige eigene Meinung. 

Und nun denken Sie mal ein Stück weiter, meine Damen und Herren, denn das ist  von immenser Wichtigkeit nicht nur im Augenblick, sondern auch mit Blick aufs Klima  – was ich persönlich gern unterstütze, ohne es verhindern zu müssen. Und um den Gestaltungsprozess der Situation entsprechend voranzutreiben, setze ich mich entschieden dafür ein, dass unser aller Zukunft auf der Straße liegt. Reformstau und  eindimensionale Haushaltsplanung müssen wir auch weiterhin mit dem Anspruch verbinden, dass die nachfolgenden Generationen diesbezüglich im luftleeren Raume stehen werden. 

Wir alle dürfen hier auch mal ein Opfer unter dem Strich bringen, meine Damen und Herren, und zwar mit Augenmaß auf Augenhöhe! Es ist ein Grundrecht des deutschen Volkes, vor den Rahmenbedingungen aller Eckdaten nicht die Augen zu verschließen. Und das ist volkswirtschaftlich keine Hinhaltetaktik, auch keine blauäugige Alternative, sondern ein schlichtes Privileg, und zwar für alle Schichten unseres Volkes. 

Und ich verspreche Ihnen: Wir werden dafür kompromisslos einknicken! 

Liebe Freunde, auch wenn ich hier heute vor Ihnen stehe ohne Programm, ohne Konzept, ohne jedes Argument und gegen jede Vernunft zum Wohle für unseren gemeinsamen  Weg – wählen Sie meine Partei, unterstützen Sie mich, vor allem finanziell, und glauben Sie mir: Sie mich auch!


Transparenz & Offenheit

Kaum zu glauben, aber es gab ein Leben vor Annalena – ein Gegenmilieu zu den Parteien, eine links-alternative, kapitalismuskritische Szene: Anti-AKW- und Friedensbewegung, Antifa, Umwelt- und Kinder-Initiativen, Dritte-Welt-Gruppen, Frauen-Aktivistinnen, Hausbesetzer*innen usw. Klar, dass da Mitte der 1970er die Idee aufkam, eine Anti-Parteien-Partei zu gründen: Befürworter waren der Ansicht, es wäre sinnvoll, dieses Protestpotential im Parlament zu bündeln, Gegner sprachen vom Ausverkauf der bunten Wehrt-Euch-Ideen. Einig war man sich darin, dass Berufspolitiker und Berufspolitikerinnen den Menschen mehr schaden als nützen und nur Übelkeit verursachen.
Auf dem Gründungsparteitag, 11 Monate vor Annalenas Geburt, mahnte ein misstrauischer Delegierter: „Sägt euch doch nicht das linke Bein ab – ihr wisst doch gar nicht, wie die Krücken aussehen, mit denen ihr uns davon humpeln wollt“. Das Krücken-Argument zog nicht, die sogenannten Ökopaxe gründeten ihre Partei – ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei, aber mit einem Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Kommunisten. Das war die erste Krücke.
Die zweite Krücke hieß „Anpassung“. Dafür schaffte man die Rotation der Abgeordneten ab, die ein grünes Berufspolitikertum verhindern sollte. Damit die Grünen in die Gemeinschaft der etablierten Parteien aufgenommen wurden, mussten nur noch die an den außerparlamentarischen Bewegungen orientierten Ökosozialisten, „Fundis“ genannt, eliminiert werden. Das gelang mittels der üblichen Intrigen, interner Abstimmungsmanipulationen und dem Druck der bürgerlichen Medien. Die Erinnerung an die Fundis ist mittlerweile entsorgt.
Die auf Regierungsbeteiligung fixierten „Realos“ aber humpelten mit Hilfe der Krücken „Ideologie Nein Danke“ und „Beziehungen knüpfen“ weiter Richtung allgemeiner Akzeptanz. Konsens war: Lange Haare ja, aber gepflegt müssen sie sein.
Grüner Gestaltungswille personifizierte sich in einem gewaltbereiten und machtbewussten Ex-Sponti, der es fertig brachte, Auschwitz für den von ihm mitverantworteten Jugoslawien-Krieg zu instrumentalisieren. Seitdem stehen auch ehemalige grüne Pazifisten keinem Waffenhandel mehr im Weg und stimmen, gestützt auf die Krücken „Macht“ und „Kontrolle“, Bundeswehreinsätzen in Kriegsgebieten zu.
Zügig kanalisierten die Grünen jeden bunten Widerstand in parlamentarisch-etablierte Bahnen, bis es so weit kam, dass eine Ex-Bundessprecherin der Grünen im Management der Gelsenwasser AG anheuerte. Die Krücken hießen nun „Professionalisierung“ und „Fernseh-Präsenz“. Stromlinienförmig hielt der bedeutendste Dosenpfandminister aller Zeiten die Castor-Atommüll-Transporte für rechtlich unabwendbar und Protestaktionen dagegen für falsch. Die einst angestrebte Umverteilung von Oben nach Unten holte der Wachtelkönig, und Widerstand gegen Hartz 4 und die Agenda 2010 wurde im nächsten Feuchtbiotop verklappt. Die Krücken „Sozialabbau“ und „Profitstreben“ waren fortan unverzichtbar, und damit Deutschland im Globalisierungswettlauf wirtschaftlich nicht abgehängt wird, ersetzten die Grünen Kapitalismus-Kritik durch neoliberales Marktwirtschaftsgezeter: Massentierhaltung und Fleisch- Industrie durften weiterwursteln, Kohlekraftwerke waren in Ordnung, wenn sie zur Regierungsbeteiligung führten, Industriebetriebe wurden subventioniert, auch wenn sie einerseits Kurzarbeit verfügten, aber andererseits den Aktionären obszöne Dividende zuschoben, und ein bundesweiter Mietendeckel kommt vielleicht eher lieber doch nicht bestimmt. Grüne Funktionäre wissen, der Regierung wie auch der Opposition anzugehören, erhöht die Glaubwürdigkeit, man humpelt immer dynamischer, und die Krücken dafür heißen „Populismus“ und „Fortschrittsgläubigkeit“. Im Fernseh-Talkshow-Karussell wird deutlich: Voller Einsatz für Nawalny, kein Einsatz für Assange oder Snowden, geschweige denn Sanktionen gegen die USA. Gespannt wartet das Volk, dass die grüne Parteiführung einen Russlandfeldzug proklamiert, klimaneutral mit Solarpanzern.
Die Grünen haben alle ehemals rebellischen Gedanken gecancelt. Sie sagen nichts mehr, was man hinterher nicht richtig stellen kann, und Annalena erklärte den 1. Mai-Demonstranten per Bildzeitung:
„Barrikaden anzuzünden und gewaltsam auf Polizistinnen und Polizisten loszugehen, ist kriminell und in keinster Weise akzeptabel“. Dafür wäre sie vor ihrer Zeit aus der Frauengruppe rausgemobbt worden.
Sie ist eine typische Berufspolitikerin: opportunistisch bis auf die Knochen und im Hinblick auf existenzielle Fragen der Menschheit absolut belanglos. Zum Glück besteht ihre Wählerschaft aus Besserverdienenden, die sich vor allem gegen No-Go-Wörter und für Gendersternchen einsetzen. Für diese Klientel hat Annalena schon die passenden Krücken gefunden: „Versprechen“ und „Vergessen“.

(zuerst veröffentlicht in „Melodie&Rhythmus)


Zeitgeist

Immanuel Kants Grundfragen zu Metaphysik und Erkenntnistheorie
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?

gerichtet an Facebook-People, Influencer, Instagramheroes und alle Follower,
beantwortete

die Modetante:
1. Schreibt man Mohde eigentlich mit einem oder zwei O?
2. Soll ich etwa auf Schweinebraten und Kartoffelknödel verzichten?
3. In meinem neuen Hosenanzug sehe ich nur noch halb so fett aus.

die Wetterfee:
1. Sollte ich sicherheitshalber einen Schirm mitnehmen?
2. Ist es sinnvoll, heute noch den Garten zu wässern?
3. Vielleicht lässt man mich in Zukunft ja die Börsenkurse vorhersagen.

Reinhold Messner :
1. Muss ich hier etwa auch wieder runter?
2. Soll ich noch ein letztes Mal jodeln?
3. Mal sehen, ob die Kinder das Seil ordentlich zusammengeknotet haben.

Schumacher jr. :
1. Hat diese Karre denn kein Navi?
2. Darf ich hier etwa nur im Kreis rumfahren?
3. Dieses Mal werde ich die Kurve ja wohl kriegen.

der Terrorismus-Experte:
1. Bin ich der einzige Allwissende hier?
2. Muss ich den Mund halten, um niemanden zu verunsichern?
3. Gottseidank gibt es Dinge, die nur ich weiß.

die Friseurin von Boris Johnson:
1. Sind Perücken nicht doch die bessere Lösung?
2. Wäre es nicht ästhetischer, den Leuten die Köpfe abzuschneiden?
3. Ich bin nicht verantwortlich für jedes Haar in der Suppe.

der Zahnarzt von Jürgen Klopp:
1. Habe ich etwa auch so einen mörderischen Mundgeruch?
2. Eins in die Fresse, mein Herzblatt?
3. Heute wird mir mal kein Finger abgebissen.

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Besser, wir sind mal ganz still

Sie waren vermutlich Zwangsarbeiter beim Bau der Pyramiden in Ägypten, sie waren Jahrzehnte in babylonischer Gefangenschaft, die Römer haben ihren Tempel zerstört, die Gläubigen totgeschlagen und den Rest in alle Welt zerstreut. Ihre Unterdrückung wurde mit dem Aufstieg des Christentums zum Dauerzustand in der Geschichte. Höhepunkt waren die organisierten Pogrome während der Reconquista und die Vertreibung von der iberischen Halbinsel durch die katholischen Majestäten. Zur Zeit der Kreuzzüge stellte man sie vor die Wahl „Taufe oder Tod“. Tausende, die nicht konvertieren wollten, wurden erschlagen.
Besonders schlimm erging es ihnen dann in den sogenannten „Pestpogromen“ zwischen 1348 und 1353.
Warum? Abgesehen von mangelnder Aufklärung gab es religiöse, politische und finanzielle Ursachen, initiiert durch Weltverschwörungstheorien und die Unterstellung von Ritualmorden sowie durch Gerüchte über Brunnenvergiftungen und Hostienschändungen.
Bis ins 19. und 20. Jahrhundert mussten sie grausame regionale Verfolgungen ertragen – in Deutschland, Polen, Russland und anderen Teilen der Welt. Immerhin – bis 1920 wurde ihnen im Osmanischen Reich die freie Glaubensauslebung gegen eine Kopfsteuer gewährt, aber zu keiner Zeit waren sie den Muslimen gleichgestellt: Aussagen von Muslimen galten vor Gericht als wesentlich gewichtiger als die von „Ungläubigen“. Schließlich kulminierte der Hass auf sie im Holocaust, einem beispiellosen Verbrechen mit Millionen Opfern. Nichts ist erschütternder als ein Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem…
Die Juden – sie sind zumindest ein einzigartiges Volk. Und jetzt, nach 3000 Jahren Verfolgung, endlich wieder in ihrem Land, sind sie von Staaten umzingelt, die drohen, sie ins Meer zu werfen. Angesichts dieser Geschichte: Wer wagt es, sie zu schmähen, wenn sie ihren selbstständigen Nationalstaat verteidigen und eine Stärkung und Vergrößerung des Staates Israel zu erreichen suchen?
Als ich vor einigen Jahrzehnten mit einem Freund in Israel war, wusste ich selbstverständlich alles über israelischen Imperialismus und das unterdrückte palästinensische Volk. Wir saßen in Netanja im Straßencafé und unterhielten uns. Eine sehr alte Dame kam an unseren Tisch und sagte, ich höre, Sie reden deutsch, kommen Sie doch rüber zu mir und meinem Mann, dann können wir ein wenig plaudern, wir haben es 1939 gerade noch geschafft, aus Berlin rauszukommen. Sind Sie zum ersten Mal in Israel? Wie gefällt es Ihnen denn? Ich antwortete, es sei mir zu viel Militär unterwegs. Im Bus, auf dem Hotelflur, im Kino, in jedem Restaurant – überall Militär, hochbewaffnet. Ja, sagte die alte Dame, das sind unsere jungen Leute, die beschützen uns, bei denen fühlen wir uns sicher. Das ist sehr gut…
Und weil das so ist, und weil die Worte der alten Dame jedem Außenstehenden das Maul stopfen sollten, möchte ich all denen, die Transparente hochhalten mit Aufschriften wie „Juden sind die neuen Nazis“ oder „Stoppt den israelischen Holocaust in Palästina“ oder „Wir wollen keine Judenschweine“, empfehlen, nicht länger ihre profund antisemitische Einstellung als angeblich gutgemeinte Kritik am Staat Israel zu verhökern, sondern in aller Demut zur Kenntnis zu nehmen: Als der Staat Israel gegründet wurde, geschah das nur aus einem einzigen Grund: Um jüdisches Leben zu schützen. Das war sein einziger und ganzer Zweck. Beschämend ist es, wie vielen Leuten in unserem Lande das schon wieder nicht mehr passt.
Und weil uns die Aufrechnung der Konfliktgeschichte des Nahen Ostens erwiesenermaßen nicht weiter hilft, sollten wir uns auf zwei Lehren aus der Vergangenheit besinnen: Auschwitz fordert meine Solidarität mit Israel, und: Ich soll nie wieder wegsehen, wenn Unrecht geschieht – und das betrifft selbstverständlich auch das palästinensische Volk. Wir sind aufgerufen, beiden Seiten mit aller Kraft zu helfen – aber nicht mit Rüstungsgütern, Geld für Terror-Organisationen und Propagandageschrei. Und erst recht nicht mit gelehrten Experten oder besserwisserischen Diskussionsrunden, die sich, als Nachkommen der Nazigeneration, für berechtigt halten, dem Staat der Juden Verhaltensvorschriften zu machen.
Wir Deutschen haben für das Thema keine Prokura.


Koinzidenz

Von den knapp 20 000 Schauspielern in Deutschland haben rund 50 Serien-Promis in einem Anfall von Größenwahn gemeint, jetzt sei es an der Zeit, mal per Video mit selbst geschriebenen Texten zum Thema „Corona“ an die Öffentlichkeit zu treten. Warum haben sie nicht Leute, die professionell mit Ironie, Sarkasmus, Zynismus, also mit Satire umgehen, um Rat und Hilfe gebeten? Sind sie wirklich so dumm, wie man es angesichts zahlreicher Fernsehproduktionen vermuten musste? Immerhin durfte die Darsteller-Elite daraus lernen, wie es sich anfühlt, von der falschen Seite rauschenden Beifall zu kassieren. Das ist in dieser einkommensschwachen Zeit ja auch nicht zu verachten…
Dazu fällt mir ein: Im Briefwechsel von Goethe und Schiller gibt es eine aktuelle Passage: Da äußert sich Friedrich Schiller über die Weimarer Theater-Schauspieler, und er erklärt, die einzig sinnvolle Art des Umgangs mit diesen Leuten sei „der kurze Imperativ“. Also die Befehlsform. Vermutlich dachte er da an „Halt’s Maul!“ Hätte Schiller den folgenden Brief von Veli (Mitte 40), geschrieben auf der Intensivstation des Klinikzentrums Nord in Dortmund, gekannt, Schiller hätte den VIdeo-Künstlern und -Künstlerinnen wohl befohlen: „Lest!“

20.04.21
Liebe Familie und Freunde !Ich wollte euch eine sehr wichtige Information geben. Alle die mich kennen sollen sich 5 min Zeit nehmen. Das lesen und die Fotos,Videos von mir anschauen.
Eigentlich wollte ich es geheim halten dass ich seit 2 Wochen Krank bin und seit 1 Woche in der Intensivstation.
Wer weiß was passiert, deswegen wollte ich die mich mögen und kennen wissen sollten und euch bitten sehr aufzupassen. Da auch viele mich telefonisch nicht erreichen konnten wollte Ich Info geben.
DAS LEBEN KANN KURZ SEIN PLÖTZLICH !
KEINER HAT SICHERHEIT UND GARANTIE.
SEIT GOTT DANKBAR GENIEßT ES
Wollte Euch zeigen dass von heute auf morgen alles im Leben passieren
Ich passe sehr gut auf andere und auf mich auf jetzt seit 1 Jahr Corona noch mehr bin auch immer Zuhause gewesen aber man braucht ja Lebensmittel.
Ich habe vor ca 3 Wochen Test gemacht war alles ok NEGATIV
Vor 2 Wochen war ich Einkaufen und kurz vorher Imbiss. Beim bestellen vor dem Fenster waren um mich auf einmal so voll und ausser ich und noch jemand ohne Masken und beim Supermarkt in der Schlange auch nicht so Abstand und voll.Irgendwo von den beiden Stellen hat mich irgendeiner angesteckt.
Der Scheiß Laden Besitzer denkt eher an Umsatz statt an Abstand und Hygiene der Kunden.
Zuhause Nach 2 Tagen dachte ich das ist wäre eine Erkältung aber mein Kopf platze und Fieber starke Halsschmerzen.
Um sicher zu gehen habe ich mich beim Arzt kontrollieren lassen. Ich war leider Positiv. Ich war Geschockt.
Vor 1 Woche bekam ich Atemnot keine Luft mehr.Die Ambulanz kam.
Müsste mich 1 Stunde mit Sauerstoff vollpumpen.
Normalerweise ist die Sauerstoffsättigung 95-99 % bei mir war es nur 80 %
Wäre ich eingeschlafen wäre ich vielleicht Gestorben.
Zum Glück hatte mein Großer Bruder der Arzt ist mich angerufen.
Er sagte dein Gesicht ist weiß wie eine Leiche und du hast keine Stimme.
Ruf direkt RTW .
Im Krankenhaus hatte ich auch außer Atemnot
Blutzucker auf 480
hatte ein Zuckerschock fast am linken Auge erblindet sagte der Arzt also von beiden Seiten Lebensrisiko fast gestorben
Gott hat mich geschützt
Der Arzt sagte weil ich nie geraucht habe und nie Alkohol getrunken habe wäre ich im Vorteil. Das macht viel aus sonst wäre ich direkt ins Koma gekommen
Im Krankenhaus sagten sie nach 6 Stunden Untersuchung Blutentnahme und Computertomographie. Das Covid Virus hat meinen Körper und meine Lungen angegriffen. Eine dicke Lungenentzündung.
Ich bin direkt in die Intensivstation gekommen .
Die haben mich 1 Woche mit harten Medikamenten, Infusionen, Serum High Level Power Sauerstoff voll gepumpt um mich zu retten
Wie ihr ja auf den Bildern, Videos sieht.
Die haben mich durchlöchert und 2 Aterien mit Draht zusammen gemacht.
Die Venen geplatzt. Schaut wie Blau angelaufen mein rechter Arm ist.
Hoffentlich wenn Gott will überstehe ich es.
Ich habe Angst und bin aufgeregt.
Mein Bruder hat mich medizinisch sehr viel unterstützt. Mit den Oberärzten hier telefoniert. Meine Familie hat mir seelisch Kraft gegeben Gott soll den Segen geben.
Mein Fieber war 39.
Bluthochdruck und Zucker auch hoch.
Das wichtigste im Leben ist Gesundheit das habe ich jetzt so mit Schmerzen festgestellt.
Bitte oasst ihr auch auf. Abstand halten und wo keine Maske ist weggehen.
Dann Dauerstress Arbeit und Privat all die Jahre wie ich es hatte vermeiden können.
Die Krankheit der Tod guckt nicht auf das Alter oder was du bist was du hast
Gott soll mich bald Gesund machen und das ich euch und mein normales Leben wieder habe Inşallah
Betet für mich das ist wichtig.
Notiz: Telefonieren geht nicht ist verboten in der Intensivstation aber ihr könnt mir schreiben wenn ich dann Therapiepausen habe versuche ich zurück zu antworten.Bin mal gespannt wer mich mag und alles liest Gruß euer Veli


Hier spricht der Fußball-Fan

Herr Löw beendet seine Existenz als Fußball-Bundestrainer. Gut so: Ein Mann, der mit Anfang 60 in der Öffentlichkeit immer noch Jogi genannt wird, hat zweifellos Probleme, ernstgenommen zu werden. Jetzt kriegen wir Hansi. Hansi – wie jeder x-beliebige Wellensittich. Hansi will mit seiner Mannschaft nach Katar., vor allem, weil das Land außer über ausreichend Sand auch über unerschöpfliche Geldreserven verfügt. Außerdem mag er das Klima – er hat gehört, dass dort im Sommer, also zur Anstoßzeit, häufig bis zu 45 Grad Celsius herrschen. Das findet er angenehm mollig. Die Korruption in der FIFA stört ihn nicht weiter, vielleicht wird er ja schon bald angemessen daran beteiligt, es ist aber nicht auszuschließen, dass ihn der Gedanke an die vielen Toten beim Stadionbau stört. Natürlich hat Hansi ein bisschen Angst, die Herrscher der Wüste nicht korrekt ansprechen zu können und dann in Ungnade zu fallen. Deswegen trainiert er jetzt schon emsig Stammbaum und einen tiefen Diener – so, wie Politiker, wenn sie in den arabischen Ländern Waffen verkaufen und Öl oder Gas einkaufen wollen. Und wenn man nach Katar fährt, muss man wissen: In Katar regiert das Haus von Al Thani, denn der Gründer der Dynastie ist der Emir Mohammed bin Thani. Das Sagen hat zur Zeit Hamad bin Khalifa Al Thani. Der hat 1995 seinen Vater Emir Khalifa bin Hamad Al Thani abgesetzt. Hamad bin Khalifa Al Thani hat drei Ehefrauen und vermutlich 27 Kinder, auch den 1980 geborenen Thronfolger Tamīm bin Hamad Al Thānī. Dessen Urgroßvater war der legendäre Ahmad bin Ali Al Thani, und dann geht es immer so weiter bis zu Sheikh Abdullah bin Nasser bin Abdullah Al Ahmed Al Thani, Urenkel von Sheikh Ahmed bin Mohammed Al Thani und Ururenkel von Sheikh Mohammed bin Jassim bin Mohammed Al Thani, dem siebten Sohn und dritten Nachfolger des Gründers des modernen Katar, Sheikh Jassim bin Mohammed Al Thani, der ein Vetter zweiten Grades von Hamad bin Chalifa bin Hamad bin Abdullah bin Jassim bin Muhammed Al Thani war, dem derzeitigen Herrscher von Katar.
Ohne Zweifel wird Bundestrainer Hansi diesen Stammbaum in die Laufwege seiner Mannschaft integrieren, offensiv und defensiv. Die kann jetzt schon im Chor fehlerfrei aufsagen:
Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Das war der, der seinerzeit behauptet hatte: PROFI-FUßBALL IST EIN GLÄNZENDES FURUNKEL AM ARSCH DES KAPITALISMUS.


Die schaffen das

Nach Ansicht des Bundespräsidenten Johannes Rau (heimgegangen im Januar 2006) war die Politikverdrossenheit der Bevölkerung vor allem auf die unverständliche Sprache von Politikern und verkürzte Wiedergabe in den Medien zurückzuführen. Immer weniger Menschen verstünden, worum es bei vielen politischen Entscheidungen gehe, meinte er. Und wörtlich:  „Besonders desaströs ist der Eindruck, wenn die Vorgänge im Zusammenhang stehen oder in die Nähe gebracht werden mit Korruption und unzulässiger Einflussnahme wie Bestechung oder Vorteilsannahme.“ Als ob er’s geahnt hätte: 

Was christdemokratische Hinterbänkler sich beim unanständigen Handel mit Atemschutzmasken in die Taschen gestopft haben, erregte in Betrügerkreisen allgemein Anerkennung, und die Bürger fragten sich bewundernd, wie ertragreich wohl der illegale Handel mit abgezweigten Impfstoffen war. Niemand weiß bislang, wem es Millionen eingebracht hat, dass es im Land an Impfstoff mangelte. Und in dieser Legislaturperiode wird das wohl auch nicht mehr geklärt werden. Aber dann…

Zum/zur Kanzler*in wird nicht gewählt, den/die alle für den/die Geeignetste*n halten, sondern der/die, auf den/die sich die meisten einigen können. Der/die Kanzler*in ist also auch immer der/die kleinste gemeinsame Nenner*in.

Söder?  Der lächelt immer so hinterhältig, dass es sogar in einer harmonischen Runde von Geistesgestörten unangenehm auffallen würde. Söder forderte: Vorsicht mit Vernunft! Diese Formulierung kennzeichnet seine Haltung zur Intelligenz.

Laschet hingegen hat ein eher bedrohliches Lächeln, wenn er völlig gedankenfreie, aber wie in Gelee gemeißelte Sätze formuliert. Laschet konterte mit  „Brücken-Lockdown!“  Ist Brücken-Lockdown dasselbe wie Ausgangssperre?

Göring-Eckart keifte :„Wir brauchen jetzt einen radikalen Wellenbrecher.“ Wen meinte sie – Söder? Oder den großen Denker Christian Linder? Der verfügt über ein breit gefächertes Spektrum an Inhalten, um die Aufgaben der Ziele in den Griff zu bekommen und um über ein effektives Programm zu den drängenden Fragen der Zeit klare Antworten zu geben, damit die berechtigten Interessen Deutschlands zukunftsfähig werden im Sinne einer freiheitlichen Gestaltung, auch und gerade für junge Leute.

Dieser Christian Lindner, an dessen Gesicht der Blick des Betrachters einfach abrutscht, behauptet, eine Ausgangssperre sei „unverhältnismäßig“. Das kann aber eigentlich nicht sein, denn das einzige, was wirklich unverhältnismäßig ist, ist die Redezeit, die das Fernsehen diesem Dödel einräumt.

In dieser für uns alle schwierigen Zeit formulierten die Medien eine Fülle einfallsreicher Thesen. Zum Beispiel: Die Politik muss jetzt sofort handeln, d. h., sie darf nicht untätig sein. Oder: Es bringt nichts, mit Horrorgemälden im Trüben zu fischen. Aber niemand kommt auf die Idee, mal die Wahrheit zu sagen: Es werden nur noch Reden gehalten, die nicht der Rede wert sind. 

Vielleicht sollte man mal ein Tier als Kanzler*in ausprobieren, am besten ein weibliches Tier, eine 16-karätige Goldhamsterin zum Beispiel. Das wäre dann mal eine Kanzlerin zum Anfassen.


Kein Grund zur Nostalgie

100 Jahre ist es jetzt her, da tagte im Fernsehen „Die letzte Instanz“, ein nationaler deutscher Sachverständigenrat: Einige Magerquarkdenker der WDR-Meinungsmacherei palaverten mit Frau Kunze, einer schrill schnatternden Bauchrednerpuppe, ferner mit  Milski, einem offenkundig fehlerhaft geklonten Schlager-Replikanten, und mit dem Pfauengockel Gottschalk, der als Blackfacing-Spezialist das Gefühlsleben der Schwarzen angeblich gut nachempfinden kann. Das Thema war „Rassismus in der Sprache“. Die weißen Herrschaften, eitel und inkompetent, ignorierten alles, was zu diesem Thema schon x-mal in Talkshows ausdiskutiert worden war. Angesichts von so viel dummer Arroganz schämten sich zahlreiche Zuschauer, denn sie kapierten: Mit ihnen, den Weißen, ging es steil bergab. 

Sie hatten in ihrem Überlegenheitsdünkel im Lauf der Zeit zu viel falsch gemacht: Menschen nach ihrer Hautfarbe eingeteilt, das Deutschsein über das ‚Weißsein‘ definiert, und sie hatten geglaubt, sich zu ihrer Bequemlichkeit Menschen 2. Klasse halten zu können. Die Herrenrasse hatte es versäumt, statt biologischer Kategorien eine gerechte und menschenwürdige soziale Klassifizierung einzurichten. Deswegen steckte in fast allen Absagen für Bewerbungen auf Jobs und Wohnungen ein struktureller Rassismus. In der Verwaltung signalisierte der Staat den Menschen mit den „anderen Namen“, sie hätten als lästige Bittsteller hier nichts zu suchen. 40% der Kinder in den Klassenzimmern hatten einen Migrationshintergrund, wurden aber unterrichtet von einem Lehrkörper, der zu 90% aus Alteingesessenen bestand. Auf dem Arbeitsmarkt kam „erst Horst, dann vielleicht Amadou“. Menschen mit dunklem Teint, dunklen Augen und dunklem Haar waren im Niedriglohnsektor deutlich überrepräsentiert, aber keine 2 Prozent arbeiteten im Journalismus. Bösartiger Antiziganismus verjagte Sinti und Roma von deutschen Campingplätzen, Afrodeutsche wurden bei Racial-Profiling-Kontrollen von weißen Ordnungshütern genussvoll zusammengeschlagen, und Hetze, brutale körperliche Gewalt, brennende Unterkünfte und mörderische Attentate sorgten für die Gewissheit ständiger Bedrohung. Das Braune im Weißen war allgegenwärtig, und die Parteien stimmten darin überein: Konzepte des Empowerments und der Emanzipation lassen sich angesichts der politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland nicht durchsetzen, denn die Unantastbarkeit der Menschenwürde ist im deutschen Wirtschaftssystem eine kleinbürgerliche Illusion, weil die Gesellschaft nicht auf Moral zielt, sondern auf Profit. Der  Slogan „Ausländer bereichern die deutsche Wirtschaft“ sprach sich global als äußerst zweideutige Wahrheit herum, und weil mögliche Interessenten es extrem reizlos fanden, deutschen Aktionären die Taschen zu füllen und dafür dann als minderwertig angesehen zu werden, wollten sie mit der Einwanderung nach Deutschland lieber warten, bis die Eingeborenen verschwunden seien. 

Endlich, nur wenige Jahrzehnte nach jener Sitzung der „Letzten Instanz“, packten alle, die einst mit großen Hoffnungen gekommen waren, ihre Koffer und wanderten wieder aus. Viele kluge weiße Frauen, die das Diskriminierungsmuster nur zu gut kannten, warfen die Gleichberechtigungs-Quote resigniert in den Müll und schlossen sich ihnen an. Die Zurückgebliebenen, in erster Linie einsame weiße Männer, erinnerten sich an einen Satz des Philosophen Nietzsche: „Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen“.  

In einem letzten Ausbruch von so genanntem gesunden Menschenverstand, vulgo Schwarmintelligenz,  kamen sie zu der Einsicht, wertvoller könnten sie ja nun nicht mehr werden, und es sei wohl am deutschesten, sich auf dem Höhepunkt der Evolution vom Acker zu machen. Letztlich mussten sie einsehen:  Leben ist ein postnatales Problem, das zu meistern sie nicht in der Lage waren. Also beschlossen sie, auszusterben. Bis heute vermisst sie niemand…


Perspektivlos

Zur Zeit werden wir mit populistischem Unrat überhäuft, und es ist kaum zu glauben, auf welch primitivem Niveau die öffentliche Diskussion abläuft. Seit am 2. Weihnachtsfeiertag 2020 eine 101 Jahre alte Dame zu besichtigen war, der im Fernsehen als erster eine Spritze gegen Corona in den Oberarm gepiekt wurde, quälen uns in jeder, wirklich in jeder Nachrichtensendung Großaufnahmen von Spritzen, die in mehr oder minder welkes Fleisch eindringen. In den rund 70 Tagen seit jenem ersten Impf-Event in Halberstadt präsentierte man zig-tausend Wiederholungen: Spritze spritzt in Oberarm – da kann man Kameraleute und Redakteure nur zu ihrem informativen Einfallsreichtum beglückwünschen.

Zudem belästigen uns die Medien mit ständigen Politiker-Hinweisen auf dringlichst benötigte Perspektiven. Nur Olaf Scholz, das Feldherren-Imitat der SPD, nach seiner Perspektive für die Menschen befragt, spricht generalstabsmäßig von „Strategie“. Immerhin hat er sich für eine Perspektive zur Öffnung des Kulturbereichs ausgesprochen. Das ihm treu ergebene „Hamburger Abendblatt“ stimmt zu : Die Menschen in Hamburg brauchen eine Perspektive. Der nicht minder konservative Weser-Kurier geht noch ein Stück weiter mit der hochintelligenten Frage: Wie viel Perspektive ist möglich? Niemand konnte diese Frage bislang schlüssig beantworten. Nicht mal der Schwadroneur Christian Lindner.

In einem Interview mit dem Fernsehsender der Tageszeitung „Die Welt“, das die Moderatorin einleitete mit dem erstaunlichen Versprechen „Wir wollen das Thema ein bisschen vertiefen – Herr Lindner…“ sagte der FDP-Vordenker: Die Menschen im Land brauchen eine Perspektive. Im nächsten Interview sagte Herr Lindner: Unser Land braucht eine Perspektive auf Öffnung. Mehrmals forderte er zudem eine rasche Öffnungs-Perspektive. Man konnte ihn aber auch schimpfen hören: Öffnungs-Perspektive? Das ist eine Fata Morgana! Und dann, klagend: Die Ministerpräsidentenkonferenz hat überhaupt gar keinen Stufenplan vorgelegt. Das zeigt: Die Bundesregierung hat gar kein Interesse an einer solchen Perspektive! Schließlich stellte Herr Lindner tadelnd fest: Es fehlt eine Perspektive, wie’s denn weitergehen soll. Na, mit den richtungsweisenden Forderungen sogenannter freier Demokraten natürlich:

Sebastian Körber, Mitglied des bayerischen Landtages: Die Menschen brauchen wieder eine echte Perspektive. Das stimmt. Gefälschte Perspektiven braucht kein Mensch… Hans-Ulrich Rülke aus Baden-Württemberg: Die Menschen brauchen eine Perspektive für die Freiheit. Dummes Zeug, brauchen sie nicht… Und Thomas L.Kemmerich, der Beinahe-MP von Thüringen: Die Menschen brauchen eine Perspektive…Wir müssen uns dem Virus nicht unterordnen, sondern mit ihm leben. Der Mann spricht aus Erfahrung: Mit dem Virus AfD wollte er sich auch schon mal ins Bett legen… Da sah er wohl eine Perspektive.
Nicht weit weg von diesen todesmutigen Vaterlandsverteidigern bewegt sich der Chefredakteur des Münchner Merkur, Georg Anastasiadis. Er schreibt: Wichtig ist, dass die erschöpften Bürger endlich eine Ausstiegs-Perspektive erkennen… Eine Null-Covid-Strategie hält unsere Gesellschaft nicht aus. Sie wäre unbezahlbar… Soviel Macht über unser Leben dürfen wir dem Virus nicht geben.
Klar, lieber ein paar Leute mehr verrecken lassen, als weiterhin den Baumarkt zu schließen…

Robert Wüst, Präsident des Handwerkskammertags Brandenburg, spricht für das Friseur- und Kosmetikerhandwerk: Echte Perspektiven sind das, was diese Unternehmer so dringend brauchen. Planungssicherheit und eine verlässliche Öffnungs-Perspektive wünscht sich Sarna Röser, Vorsitzende der Jungen Unternehmer. Die IG Gastro in Köln veranstaltete eine Mahnwache unter dem Motto: Ohne Perspektiven geben wir den Löffel ab! Zum Trost verkündete der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet: Nach vier Monaten des Lockdowns brauchen die Menschen, brauchen die Unternehmen Perspektiven…Und ich bin sicher, dass es uns gelingen wird, den so besonders von den Einschränkungen betroffenen Branchen wieder eine Perspektive aufzuzeigen. Bundeswirtschaftsminister Altmaier bestätigte das in der ihm eigenen Originalität. Er sagte: Insgesamt ist jetzt das vorrangige Ziel, für viele Bereiche der Wirtschaft eine Öffnungs-Perspektive zu entwickeln.

Eine ganz und gar ungewöhnliche Perspektive spricht Marcus Weinberg an, der seniorenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: Ältere Menschen und ihre Familien brauchen jetzt eine Perspektive, wie ihr familiäres und soziales Leben unter Einhaltung des Infektionsschutzes in Zukunft stattfinden kann. Ja gut, aber die endliche Perspektivlosigkeit alter Menschen bleibt doch wohl bestehen, oder?
Bundesgesundheitsminister Spahn äußert sich wie immer ein wenig nebulös: Laien-Selbsttests könnten perspektivisch dazu dienen, wieder Besuche von Theatern oder anderen Veranstaltungen zu ermöglichen. Das ist die Perspektive, sagt er. Aber ganz im Sinne der Abonnenten und gewohnt luzide äußert sich „Die Zeit“: Die Menschen brauchen eine Zeit-Perspektive. Witzig, wer kommt denn schon auf sowas…

Die Perspektiven-Beschwörung nimmt kein Ende. Offenbar ist Perspektive ein Begriff, der Wichtigkeit signalisiert. Der Verdacht liegt nahe: Perspektive ist letztlich nur ein anderes Wort für „Eigenkapital“, „sicheres Einkommen“ oder „Liquidität“, für „Umsatz“, „Profit“ und „Kreditwürdigkeit“. In wissenschaftlichen Statements ist von Perspektiven ja eher selten die Rede, die medizinische Wissenschaft stellt vielmehr Prognosen, sie hat’s nicht so mit den Vorhersagen und den Versprechungen. Es sind die politischen Interessenvertreter, die glauben, mit Eloquenz ihre eigene Perspektivlosigkeit verschweigen und dem niederen Volk einreden zu können, als Volksvertreter wisse man, wo’s langgeht. Mit dem Gerede über Perspektiven bauen sie Kompetenz-Attrappen auf, um der Allgemeinheit vorzugaukeln, sie würden Volkes Willen vollstrecken, und es würde sich lohnen, sie zu wählen. Das alles ist Populismus der übelsten Art. Und die SPD? Immer mittenmang dieser Kulissenschieberei.

Der Bundestagsabgeordnete Mützenich: Die Menschen brauchen klare Perspektiven. Ein unbekannter, aber umso aufgeregterer SPD-Abgeordneter im Landtag von Baden-Würtemberg: Es gilt darauf hinarbeiten zu können, dass die Menschen eine Perspektive haben… hier braucht es verlässliche Planungs-Perspektiven. Die Vorsitzende der hessischen SPD: Die Menschen in Hessen und darüber hinaus brauchen eine langfristige Perspektive, wie es in der Corona-Krise weitergeht. Diese Perspektive hätte gern auch Frau Renate Scheichelbauer-Schuster, die österreichischen Gewerbe-Obfrau: Es braucht natürlich Planbarkeit … genauso wie die Menschen eine Perspektive brauchen in Richtung Ende der Pandemie. Und SPÖ-Chef Martin Staudinger verlangt rigoros: Die Menschen brauchen Unterstützung und Perspektiven – und das JETZT! Jawoll, kein Problem:

Perspektive hat viel mit dem Standpunkt des Betrachters zu tun. Von welchem Standpunkt aus man eine perspektivische Sichtweise (wörtlich: Durchblick) offeriert, ob man eine fundamentale Doppel-Perspektive postuliert oder den philosophischen Perspektivismus bevorzugt – Menschen entwerfen je nach Perspektive unterschiedliche Bilder der Wirklichkeit, denn Perspektivismus ist eine erkenntnistheoretische Grundhaltung. Das Problem ist nur: Wenn man sich damit nicht auskennt, ist man schnell ziemlich perspektivlos.

Am besten, Deutschland hält sich an das perspektivische Denken von Altkanzler Gerhard Schröder. Der fasste 2004 seine Eindrücke von einer Afrika-Reise und seine Haltung zur Afrika-Politik so zusammen: Die Menschen brauchen eine positive Perspektive.
Genau – kein Mensch braucht eine negative Perspektive.


Grüß Gott, wir sind die Chaoten

(Vor 40 Jahren Demo in Brokdorf. Aus „konkret“ 1981)

Blümchen für die Bullen? Quatsch. Damit verhindern wir kein Atomkraftwerk. Ich ziehe mich warm an. Darüber wasserdicht. Schwimmerbrille, hilfreich gegen Tränengas. Das Tuch, das – mit Zitronensaft besprüht – die Atmung ermöglicht, ohne die ein „vermummter Chaot“ nicht auskommt. Schokolade und Zigaretten in den Taschen. Pinkeln wird schwierig werden – zu viele Hosen… Trockenes Wechselzeug bleibt im Bus. Ein zweifelnder Blick zu den Jungs, die dem Hannoveraner Pkw entsteigen: Helme, Gummiknüppel, beste Polizeiqualität, Schaumgummipolsterung und Schutzbrett am linken Unterarm, Kneifzange in der Gesäßtasche. Dass ich das alles nicht habe, wird mir noch leid tun. Es ist Sonnabend, der 28. Februar ’81. Wir gehen, Ordnung zu schaffen in Brokdorf.


Die IG-Stacheldraht aus Kiel hatte geladen, und alle, alle kamen. Nachts um 1 Uhr, bei eiskaltem Wind, versammelten sie sich da, wo die Hamburger sonst Karussell und Geisterbahn fahren, neben dem Bunker, ruhig und wach, freundlich und entschlossen; alle wußten: zu gleicher Zeit machen sich die anderen auf den Weg, aus allen Teilen des Landes. Erste Nachrichten treffen ein von Auseinandersetzungen mit der bewaffneten Beamtenschaft auf den Autobahnen. Wir werden, wenn sie uns anhalten, den Bus auf keinen Fall durchsuchen lassen.


Der Innenminister von Schleswig-Holstein, der Doppeldoktor Uwe Barschel, Jahrgang 44, schläft um diese Zeit. Vielleicht träumt er von jenen ruhmreichen Tagen im Jahre 1963, da er – Schulsprecher in Geesthacht und Funktionär der Jungen Union – den Naziadmiral Dönitz zur „Aktualisierung des Geschichtsunterrichts“ in der vollbesetzten Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums auftreten ließ. In wenigen Stunden wird Barschel – statt Rühmliches aus der deutschen Geschichte zu hören, Unsinniges über die deutsche Jugend sagen und die Medien in ein Labyrinth von Manipulation, Lügen und Spekulationen treiben. Für die Falschmeldung, Demonstranten hätten einen Polizisten als Geisel genommen, hat sich der Norddeutsche Rundfunk bis heute nicht entschuldigt.


Den wenigen, aber hartleibigen „Welt“-Lesern wird um diese Stunde ein Interview mit Stoltenberg, der höchsten Erhebung Schleswig-Holsteins, angeliefert, in dem er sagt: „Man muß nach den geistigen Vätern der jungen Gewalttäter fragen.“ Richtig, Schnulli: wer hat denn fast alles, was die Menschen 1945 aus diesem Land machen wollten, ins Gegenteil verkehrt? Wer hat sich denn, gerüstet mit einem aus dem Nazismus tradierten Verhältnis zur kritischen Intelligenz, zum Landesvater stilisiert, mit dem keine Unterhaltung mehr lohnt? Wer hat denn diese dynamisch-aktiven Verwalter staatlich organisierter Missstände wie diesen Penner Barschel, der ungeniert als Dönitz-Fan einer umweltbewußten Generation demokratische Spielregeln beibringen will, wer hat die denn gezüchtet? Nein, ganz recht, Schnulli, Sie waren’s nicht allein… Haken Sie meinetwegen Herrn Atomkanzler Schmidt kreuzweise unter.


Der Konvoi kommt allmählich in Gang. Es ist halb vier, im Bus schläft niemand. Klaus, hinter mir, stellt fest, dass seine Schuhsohle durchgebrochen ist. Sie kriegt einen Verband aus Isolierband. Gehalten hat’s dann nicht. Ich habe vergessen, mir die Telefonnummer eines Anwalts auf dem Handgelenk zu notieren und hole das mit Krakelzahlen nach. „Lass uns mal einen Apfel essen, die sind sowieso zu schade zum Schmeißen.“ – „Mir haben sie mal eine Tüte Äppel beschlagnahmt, gegen Quittung!“ – „Das ist noch gar nix, mir hat so’n Bulle mal ’ne Schachtel Tampons geklaut, weil man damit werfen kann, und ich habe gesagt, aber nur, wenn sie benutzt sind, und der hat gesagt, das ist ihm ganz egal.“ Und dann gibt’s Nachrichten und anschließend den Verkehrsfunk, der uns die wichtigsten Straßensperren der Polizei mitteilt. Das ist sehr freundlich, unsere Route ist frei, sie lassen uns kommen.


Kellinghusen. Hier hat die Bundeswehr ein Atomwaffenlager. Deutsche und amerikanische Soldaten liegen in Stellung mit pro Mann 100 Schuss Munition, falls wir anhalten und dem Platz einen Besuch abstatten wollen.
O-Ton Nato-Offizier in „Die Welt“: „Dann wird gezielt geschossen, aber nicht nach Polizeivorschriften, um einen Rechtsbrecher außer Gefecht zu setzen. Man wird schießen, um zu töten, damit die Atomwaffen geschützt werden. Fragen werden hinterher beantwortet…“ Wir fahren daran vorbei. Diesmal.


Schlafen bis zur Abzweigung nach Wilster. Motorradfahrer erkunden: das Städtchen ist eine Falle, total verstopft. Und etwas weiter, bei Dammfleth, ist völlig Schluß, da steht der Joseph Leinen, Stratege und Demonstrationschef des BBU, vor einer Polizeisperre und versucht, einen mit Sand gefüllten Container mit einer ehemaligen Kaffeebüchse leer zu schaufeln. Er fordert die AKW-Gegner auf, sich einzeln à la Flughafen durchsuchen zu lassen. „Das ist unsere einzige Chance, zum Bauplatz zu kommen“, ruft er aus. Das Fernsehen hat die entwürdigende Prozedur ausgiebig gewürdigt. Es gibt Leute, die haben eben nichts gegen grapschende Polizistenfinger in Achselhöhlen und an ihren Beinkleidern…


Wir fahren weiter. Wir wollen unkontrolliert zum Bauzaun. Wir sind eben richtige Kriminelle. „Wer nach Brokdorf geht, ist ein Rechtsbrecher“, sagte Hamburgs Innensenator Knallfons Pawelczyk. Und um die Mittagsstunde steht fest: der politisch aktive, der umweltbewußte, der fortschrittliche Teil der bundesdeutschen Jugend macht sich bewusst strafbar. Ein paar sinistren Gestalten in Karlsruhe passt das ins Kalkül. Aber uns ist das (legal, illegal-)scheißegal. Wir haben die demokratischen Grundrechte auf unserer Seite.

Der Hamburger Zug ist 25 Kilometer lang. Er rollt er auf St. Margarethen zu. Im Polizeifunk kann man um diese Zeit die Frage eines zweifellos besonders qualifizierten Beamten hören: „Wo kommen denn die vielen Autos her? Da muß doch irgendwo ein Loch sein…“ Die Straße ist frei. Laut „Bildzeitung“ sind wir unterwegs, den Bauern um Brokdorf mit unseren Molotow-Cocktails Haus und Hof abzufackeln. Wo, zum Teufel, stecken denn bloß die uniformierten Staatsdiener, die auch durch meine Steuern existieren, um die total verängstigten Dorfbewohner vor mir zu schützen? Sollten sie mich nicht weiträumig abfangen? Wirksam kontrollieren und aufsplittern?


Anhalten, aussteigen, fertigmachen zum Marsch auf den Zaun. Kein Helm, wie gesagt, kein Knüppel.Man kann mir die Friedfertigkeit nicht absprechen. Andere sind schlauer, sie haben Konsequenzen gezogen aus dem, was sie gesehen und erlebt haben: wie die mobilen Einsatzkommandos 1977 -Tücher vorm Gesicht, Schusswaffen in den Händen – heimfahrende Menschen aus den Autos zerrten, ihnen die Hände auf den Rücken fesselten und sie bäuchlings auf die Straßen der Wilster Marsch warfen; wie die verbeamteten Schlägerkolonnen in Kalkar wüteten; auch, wie scharf dressierte Greiftrupps Straßenzüge von Demoteilnehmern auf dem Heimweg säuberten. Und für die sogenannten Ordnungskräfte gilt: ob bewaffnet oder nicht – nur ein niedergeschlagener Demonstrant ist ein guter Demonstrant. Die Trennung zwischen „friedlichen“ und „gewalttätigen“ Demonstranten findet ein Ende beim Kommando „Knüppel frei“. Nicht vor dem Gesetz, sondern vor der Polizeigewalt sind alle Menschen gleich.


Wir gehen los Richtung Konfrontation. Die Menge der Menschen ist unübersehbar. Es wäre interessant zu erfahren, wie viele wirklich hier sind. Keine Frage – die Zahl wird offiziell wieder heruntergelogen werden. Ein paar hundert Meter weiter steht unser Lautsprecherwagen. Wir erfahren, dass die beiden Straßen zum Bauplatz gesperrt sind. „Wer dafür ist, dass wir zum Bauplatz gehen, soll über den Graben auf die Wiese springen. Wer dagegen ist, soll pfeifen und hierbleiben.“ Keiner pfeift, alle springen. Die schmalen Gräben sind zugefroren, die breiten nicht. Mancher holt sich eiskalte Schlammfüße. Jemand soll sich ein Bein gebrochen haben. Beim Laufen wird uns warm. Die Sperren interessieren nicht. Der nicht endende Zug läßt einfach die eine links, die andere rechts liegen. Am Horizont ist er zu erkennen – der Platz, der wieder Wiese werden muss.


Was wäre wohl, hätte der herrschende Apparat diese Demonstration nicht verboten und hätten die Medien vorurteilslos, ja vielleicht sogar überwiegend positiv darüber berichtet? Nur noch viel mehr Mensch? Nein, ein anderer Staat… Denn „unser“ Staat macht zu seinen vielen Fehlern auch noch den der Unterschätzung und der Arroganz. Demonstrationsteilnehmer kurz und bündig als „Rechtsbrecher“ zu bezeichnen, mag kurzfristig dazu führen, dass einige potentielle Demonstranten zu Haus bleiben. Aber es geraten auch immer mehr Menschen in immer deutlicher erkennbaren Gegensatz zur Staatsgewalt. Und immer mehr geraten ins Nachdenken über den Satz „Alle Gewalt geht vom Volke aus“.


Ich habe noch keinen Polizisten zu Gesicht bekommen und bin doch schon einige Kilometer gewandert. Gelegentlich ein einsamer Hubschrauber. Darüber, Mindesthöhe 450 Meter (darunter Sperrbezirk), die kleinen Flugzeuge mit den Fotografen. Gute Sicht. Das muß imponierende Bilder geben…


Die Rechtsbrecher nähern sich dem Zaun. Hierzulande muß man Recht brechen, wenn man gegen Atomkraftwerke oder Atomraketen ist. Mehrheiten, Minderheiten – seien sie „relevant“ oder radikal – alle diese Spielregeln der sog. freiheitlich-demokratischen Grundordnung sollen sich die Herrschaften gefaltet in den Hintern stecken: Es gibt Fehlentwicklungen, die zum Verbrechen führen, und da darf eine Minderheit, die das erkennt, nicht mehr mitspielen. Von energischem Protestgemurmel allein fällt dieser Bauzaun nicht um. Da steht er.


Seine Gegner strömen von allen Seiten herbei. Das Monstrum ist umzingelt. Die aus Wilster sind auch angekommen. Als sie das Schaufeln mit der Kaffeedose nicht mehr mit ansehen konnten, haben sie die Sandcontainer mit Seilen zur Seite gezogen, haben sich untergehakt und sind an den Ordnungshütern einfach vorbeigewandert. Der Schock der Spaltung zwischen den Brokdorfgegnern, am deutlichsten sichtbar 1977, als die einen glaubten, fernab in Itzehoe etwas erreichen zu können, während die anderen vor Ort auf längere Reden verzichteten und sich ans Schleifen machten, ist überwunden. Was sich in Kalkar abzeichnete, der Wille zum Widerstand, hat die Leute hier an der Staatsgrenze Brokdorf wieder zusammengeführt. Trotz unterschiedlicher Ansichten ist es nicht gelungen, sie auseinander zu dividieren. Und es sind viel mehr, als sich die zwischen Statement und Interview hin- und herbarschelnden Politiker haben träumen lassen. Hatten sie nicht eindringlich gewarnt und ernstlich abgeraten, hierher zu kommen? Vielleicht sind deswegen ja tatsächlich zweihundert Leute zu Hause geblieben… Und nun stehen wir Unbotmäßigen da, sind dreimal so viele wie 1977, stehen da und gucken, und ich denke: Hier wird es irgendwann mal Tote geben.


Eben noch standen nur wenige Polizisten, hochgerüstet, hinter ihrem Zaun und wehrten mit den Plastikschildern lässig ein paar tieffliegende Kartoffeln oder Steine ab; eben noch machten die fest installierten Wasserkanonen einen tiefgefrorenen Eindruck, aber plötzlich zeigt der Staat, was er drauf hat: Überraschungsangriff, Blitzkrieg, Wasser marsch, hau den Lukas, alles Gute kommt von oben: Kranich und Elster, die beiden Hubschrauber, üben Formationsflug, nur wenige Meter über unseren Köpfen. Das macht wirklich Angst.

Die Bullen sind ordentlich heißgemacht. Aber auch das Sportive kommt nicht zu kurz: Hat ein Schütze Arsch vom Dienst eine Tränengasgranate besonders treffend in eine Demonstrantengruppe geschossen, klopfen die Kollegen anerkennend mit den Stöcken auf den Schilden Beifall. Wir alle haben dicke Augen. Diese Granaten springen unkontrolliert wie Silvesterschwärmer durch die Gegend und sind immer für eine schlimme Verletzung gut. Tapfere Leute mit dicken Handschuhen schmeißen die Dinger zurück. Hustende, weinende Polizisten – was für ein hoffnungsvoller Anblick…


Ein deutscher Uniformträger, fern der Heimat, wird nicht schlaff – auch wenn er die Nacht in einem kalten Zugabteil auf dem Lüneburger Rangierbahnhof verbracht hat. Er ist wütend über die Überstunden und das versaute Wochenende, er hat einen Diensteid geschworen, und er hat Angst. Ihm gegenüber, das hat er gelernt, stehen nicht Staatsbürger, die ihre Rechte wahrnehmen; ihm gegenüber stehen Verfassungsfeinde, Chaoten, Studenten, die in die höhere Laufbahn wollen, Flintenweiber, kurz: Mongolen und Tataren. Er muß das Vaterland und Frau und Kinder verteidigen. Ich denke, wenn jetzt der Befehl kommt „Feuer frei“, werden sich nur wenige weigern, zu schießen. Sie werden ihre Pistolen rausholen, sorgfältig zielen und abdrücken. In meine Richtung. Ich fühle mich nicht sicher in der Gegenwart dieser Leute. Bin froh, dass es kräftige, gut ausgerüstete Demonstranten gibt, die einen vor Übergriffen dieser Büttel schützen können, einen zur Not sogar raushauen. Die nicht weglaufen, sondern dagegenhalten. „Endlich erwische ich dich!“ schreit einer dieser Standhaften triumphierend, bleibt stehen, gibt ordentlich Saures, zieht sich dann gemessenen Schrittes unbehelligt zurück. In seiner Gegenwart kann man sich schon eher sicher fühlen. Solange nicht geschossen wird. Und dann? Ich weiß nicht.

Die Schlacht hat drei Stunden gedauert. Die gut organisierte Truppe aus Göttingen ordnet den Rückmarsch. Ganz ruhig, Zehnerreihen, untergehakt. Warten, dass keiner allein zurückbleibt. Alle wissen, was die Staatsmacht für Einzelgänger und kleinere Gruppen vorsieht: Hasenjagd, den Sport für wohltrainierte Beamte, die immer noch Lust haben, auf Schwächere loszugehen. Fakt ist: Kein Hamburger Innensenator kann den Schutz der Demonstranten vor der Polizei garantieren…


Langsam Richtung Omnibus zurückziehen. Nochmal 10 Kilometer Fußmarsch. Alle sind kaputt, müde und hungrig. Die meisten sind seit 36 Stunden wach, haben eine strapaziöse Anreise hinter sich. Sie haben für ihre Verhältnisse sehr viel Geld ausgegeben und sich dafür die Klamotten versaut. Aber sie haben nicht nachgegeben, sondern ihr Recht durchgesetzt, gegen eine Horde größenwahnsinniger Hierarchen zu demonstrieren. Für heute ist es genug.

Und dann plötzlich dieser hinterhältige Angriff: Hubschrauber im Tiefflug, dass einen der Wind der Rotoren zu Boden reißt, sausende Knüppel der Hundertschaften, Materialschlacht der Wasserwerfer. Der abrückende Zug soll von hinten aufgerollt werden. Warum? Niemanden hier verwundert dieser irrationale Ausbruch von Staatsterrorismus. Meine Freundin und ich rennen um unser Leben quer über die Wiese. Ein einzelner Bulle, offenbar im Blutrausch, keucht hinter uns her. Er ist schneller als wir, das wird bedrohlich. Es tut mir leid, dass ich keinen Helm aufhabe und nichts in der Hand. Jetzt wäre es Zeit, sich umzudrehen und das Recht auf Notwehr in Anspruch zu nehmen… Plötzlich taucht Freund Ernst auf, mit Motorradhelm und solidem Eichenknüppel, stellt sich zwischen uns und den Bullen. Der bleibt stehen, grinst unschlüssig, dreht sich dann um und stapft zurück. Warum nicht gleich so…?


Einfache Fragen

Alexei Anatoljewitsch Nawalny hat darauf hingewiesen, dass Menschen aus dem Kaukasus Kakerlaken sind, die „wie Vieh zu leben“ wünschten, dass Arbeitsmigranten das brisanteste Problem Russlands sind, dass man alle Georgier deportieren und „das Hauptquartier dieser Nagetiere“ mit Marschflugkörpern zerstören müsse. Das ist gewiss kein Grund, ihn zu ermorden, aber, Herr Robert Habeck von Grünzeug: Wer zu Nawalnys Sprüchen schweigt und stattdessen nur die gegen Lukaschenko demonstrierenden Frauen von Weißrussland anfeuert – ist das ein wählbarer Politiker?

Der nahezu allmächtige russische Präsident muss sich fragen lassen: Wenn er seinen gefährlichsten Feind, den Herrn Nawalny, unbedingt umbringen lassen will, warum hat er’s dann nicht längst getan? Wenn er ihn aber nicht umbringen lassen will – wer treibt da eigentlich warum ständig diese Propaganda-Enten durch unser Dorf?

Vom deutschen Außenminister Heiko Maas erfuhr die Welt, dass Deutschland „eine wertebasierte Außenpolitik betreibt“. Die Wertebasiertheit von Heiko Maas basiert auf der wertvollen Erkenntnis, dass wertebasierte Werte in der marktkonformen Werte-Gesellschaft auf der „Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte“ beruhen. Also – ökonomische Werte spielen da gottseidank keine Rolle. Wäre er sonst auch permanent im Einsatz, um soviel Flüchtlinge wie möglich aus den Flüchtlingscamps auf dem Balkan oder vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten?

Seit anderthalb Jahren ist der WikiLeaks-Gründer Julian Assange in Londons Hochsicherheitsgefängnis eingekerkert, weil er interne Unterlagen des US-Militärs an die Öffentlichkeit brachte und so amerikanische Kriegsverbrechen aufgedeckt hat. Dazu hat Außenminister Maas erklärt, nicht, wer Kriegsverbrechen enthüllt, gehört ins Gefängnis, sondern wer sie anordnet und begeht. Deswegen werde er veranlassen, den Friedensnobelpreisträger in spe demnächst nach Hamburg ausfliegen zu lassen. Assange werde dann im Universitätskrankenhaus behandelt, anschließend erhielte er einen Kuraufenthalt in Bad Pyrmont, und danach werde Deutschland ihn ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen. Zeitgleich bedankte sich Herr Maas per Einschreiben bei Herrn Putin für die Edward Snowden gewährte Gastfreundschaft und stellte sich und der deutschen Bundesregierung die Frage: wem schadet es eigentlich, wenn wir dem Snowden Asyl und eine Ehrenrente geben und ihm die Villa von Schalk-Golodkowsky am Starnberger See zur Verfügung stellen?

Auf all diesen globalen Fragen lastet schwer wie eine meterdicke Filzdecke der Coronavirus, woraus sich eine weitere Frage ergibt: Warum werden der AfD-Flügel und die mit ihm sympathisierenden Coronaleugner nicht endlich aktiv? Sie wissen doch ganz genau: Die Opfer von Corona sind Drückeberger, Simulanten, arbeitsscheues Gesindel und Hypochonder, also vaterlandsloses Gesindel, das sich durch Flucht in eine vorgetäuschte Krankheit allen gesellschaftlichen Verpflichtungen entzieht. Warum fordern unsere völkischen Patrioten nicht endlich, dass zur Rettung der Nation alle Virologen, Ärzte, das Pflegepersonal, die Bettlägerigen auf den Intensivstationen und zur Abschreckung auch alle Covid-19-Toten vor den Volksgerichtshof gestellt und standrechtlich erschossen werden?

Und noch eine letzte Frage: Wenn das Erdklima sich eines Tages von uns Menschen erholt hat: Lebt dann noch jemand, um es zu genießen…?


Vertrauen?

Parteichefin Karrenbauer präsentierte der Öffentlichkeit als ihren Nachfolger einen Laschet. Was ist ein Laschet? Wir wissen es nicht. Offenbar ist ein Laschet das, was übrig bleibt, wenn ein Merz verschwunden ist.

Immerhin wissen wir:
Laschet hat gesagt, sein Vater hat gesagt, „sag den Leuten, sie können Dir vertrauen“. Folglich sagte der Laschet nach der Wahl artig, „danke zunächst für das große Vertrauen, ich bin mir der Verantwortung bewusst.“ Das klang überzeugend.

„Es muss ja Leute geben“, höre ich die Nachdenklichen sagen, „die die Verantwortung für alles tragen, auch vor der Nachwelt“. Muss es? Ich kenne keinen Menschen, der persönlich vor die Nachwelt hingetreten ist und verkündet hat, ich trage die Verantwortung. Bestenfalls hat mal einer gesagt, „die Leute sind doch selbst Schuld, wenn sie so blöd sind, mir zu vertrauen.“ (Still! Mir war, als hörte ich gerade die Gebeine von Konrad Adenauer leise kichern…)

Vor einiger Zeit bat der Bundespräsident, die Bürger sollten Vertrauen haben zu denen, „die in unserem Lande Verantwortung tragen“. Wenig später forderte der Innenminister einen Vertrauensvorschuss, als ob er den jemals zurückzahlen könnte. Dann erklärte ein Ministerpräsident, sie vertraue den Kräften der Wirtschaft, und ein Hinterbänkler rief dazwischen, die Menschen müssten verlorenes Vertrauen in die Zukunft zurück gewinnen. Ausgerechnet der Verkehrsminister wollte Vertrauen geschenkt haben, und eine Dame aus der Opposition beklagte den immensen Vertrauensverlust. Aus tiefster Überzeugung behauptete ein Sozialdemokrat, Vertrauen sei eine wesentliche Grundlage rechtsstaatlicher Demokratie, während die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung bei den Angehörigen von Opfern des Nazi-Terrors „um Vertrauen werben wollte“.

Ein Regierungssprecher gab zu, die Krise im Euro-Raum sei „vor allem eine Vertrauenskrise.“ In der Presse hieß es daraufhin, die Politik habe „jedes Vertrauen verspielt“ – als ob zwischen ihr und mir jemals ein Vertrauensverhältnis bestanden hätte. Der Präsident des Bundestages redete seinen üblichen Klartext: „Demokratie braucht Vertrauen, sie gründet auch und vor allem auf dem Vertrauen in ihre Repräsentanten. Ein auf Dauer gesetztes Misstrauen zerstört nicht nur jede persönliche Beziehung, sondern macht auch die Wahrnehmung öffentlicher Ämter unmöglich.“ Dabei ließ er außer Acht: Ein „auf Dauer gesetztes Misstrauen“ gehört zu den Notwendigkeiten einer Demokratie und nicht zu ihren Problemen, denn Demokratie bedarf der ständigen Überprüfung, ob die führenden Demokraten auch vertrauenswürdig sind.

Die Idee vom intakten Vertrauensverhältnis zwischen Berufspolitikern und Bürgern hat der Wirklichkeit in der Bundesrepublik noch nie entsprochen. (Vertrauen wird dadurch erschöpft, dass es in Anspruch genommen wird – sagte Bertolt Brecht.) Ich vertraue keinem dieser Leute.
Das politische Personal benutzt den Begriff „Vertrauen“, als handle es sich um recycelbares Klopapier, das man zum Trocknen auf die Leine hängen kann… Also: Misstrauen ist die erste Bürgerpflicht! Als Fußgänger sollte man ja auch keinesfalls darauf vertrauen, dass auf jedem Gully in der Straße ein Deckel liegt…



2020

An Silvester ist es sinnvoll, sich Fragen zu stellen, auf die man keine Antwort weiß:

Wer hat angeordnet, dass Solidarität keine Einbahnstraße ist?
Warum kann ich mir ein leeres Universum nur begrenzt vorstellen?
Warum wird Gegenwind nicht verboten?
Geht man beim Einschlafen durch eine Wand?
Warum ist alles immer nur halb so schlimm?
Gibt es die Welt auch ohne mich?
Erledigt sich alles von selbst?
Wäre ich wohl auch ein guter Japaner?
Sollte ich mich überwachen lassen?
Kann man sich alles denken?
Ab wann ist die Polizei dümmer, als die Polizei erlaubt?
Kann man die Dinge überhaupt nüchtern betrachten?

Ich würde meine Zeit auf Erden gerne nutzbringend vergeuden. Doch jedes Mal, wenn ich damit beginne, merke ich: Ich habe mir nichts Neues mitzuteilen. Dann habe ich natürlich auch keine Lust mehr, mir zuzuhören, und schließlich fällt mir auf, wie sehr ich mich in meiner Gegenwart langweile…

Soll ich mich jetzt etwa in meine eigene Lage versetzen?

* * *

Dezember: Das ist lustig

In Ernst Lubitschs Film von 1942 „Sein oder nicht sein“ sagt der Darsteller des Shylock, der wunderbare Felix Bressart: „Einen guten Lacher sollte man nicht verachten“. Ganz recht – einen guten Lacher.

Die große Comedy-Fangemeinde aber lacht nicht, sondern johlt und kreischt und stößt vor Begeisterung jaulende, spitze Schreie aus – bei kompletter Abwesenheit von witziger Raffinesse und am liebsten, wenn der sogenannte Künstler ein weit verbreitetes Vorurteil bestätigt.

Wissend, was einen erwartet, guckt man sich im 1. einen humoristischen Jahresrückblick an und wird nicht enttäuscht. Der im zuschauerfreien Saal auftretende Zeitgeistrepräsentant hat seine eigene TV-GmbH, und produziert seine Sendung im Auftrag des RBB. Ein Redakteur namens Jürgen Stark ist laut Abspann auch beteiligt. Aber der schwänzt wohl einen anderen Beruf. Angestrebt ist demnach ein Niveau, das es Zuschauern schwer macht, eine FS-Gebührenerhöhung zu verteidigen. Folgerichtig lautet ein Kommentar auf der ARD-Internet-Seite:

Ulla Tittenfick am 20.12.2020 um 9:22 Uhr: Eigenurin: Habe mich selbst eingeschissen und mir dabei versehentlich selbst ins eigene Fötzchen gekotet. Es ist herrlich.

Das kommt also dabei heraus, wenn die ARD versucht, dem auf dem Feld der Satire weit enteilten ZDF hinterher zu hecheln und Sendezeit füllt mit einem white old man, der dem white trash in den Hintern kriecht… Dieser als Humorist getarnte ARD-Magerquark-Verkäufer bedient seine Follower seit Jahren, indem er über Political Correctness und so genannte Gutmenschen herzieht. Er liefert antisemitische, nationalistische, schwulen- und islamfeindliche Vorurteile, und er geigt mit Denunziationen und Hohn den Schwachen der Gesellschaft ordentlich die Meinung. Er nimmt für sich die Deutungshoheit beim rituellen Beschimpfen alter Leute in Anspruch, und am liebsten beleidigt er Politiker, die nicht einflussreich genug sind, um ihm schaden zu können. Dass er bei Themen wie Bisexualität oder Transgender besonders eklig aufblüht, versteht sich von selbst – Solidarität ist nicht sein Ding. Selbstgefällig, arrogant, satt und arriviert, aber nur mit einer höchst mittelmäßigen Bühnenpräsenz ausgerüstet, trippelt er mit kleinen Schritten auf der Bühne hin und her und serviert mit verschwörerisch gesenkter Flüsterstimme eine Aneinanderreihung von schlecht recherchierten Anfeindungen gegen engagierte Linke, oberflächliche Verhöhnungen leidenschaftlicher Weltverbesserer, miese Bloßstellungen unbeholfener Ausländer und Feindseligkeiten gegen unangepasste Außenseiter. Bei seinen Strafpredigten gegen das Zeitgeschehen und das Versagen aller Verantwortlichen grimassiert er so komödiantisch, als sei er der Schmerzensmann vom Obersalzberg, der seine eigenen hinkenden Nazi-Vergleiche zurücknehmen muss. Zerebral fühlt er sich wahrscheinlich dem kapitalistischen System verbunden, seine Interviews werden in der AfD-Presse abgedruckt, und er geniert sich auch nicht, ein 16-jähriges Mädchen, das sich höchst erfolgreich und überzeugend für den Klimawandel einsetzt, mit seiner Häme zu überschütten. Er ist der permanente Friedhofsprediger der Fridays-for-Future-Bewegung. Eitel inszeniert er sich als Experte, der der Jugend an Alter und Weisheit hoch überlegen ist. Dabei ist sein Bild der Jugend nicht entstanden durch ernsthafte Betrachtung, sondern klischeehaft und mit altersmatt-bitterem Lächeln lackiert. Sein Lieblingsthema ist die Heuchelei. Dabei kommt er dann ins große Raunen: Greta Thunberg ist mit dem Auto vom Hotel zum UN-Gebäude gefahren – ganz schlimme Heuchelei!

Er verurteilt alle und alles außer der eigenen Passivität und Mittelmäßigkeit, denn bei aller unerbittlichen Härte seines Auftretens ist er dünnhäutig und schnell gekränkt. Ihn auf seiner eigenen Wertskala zu beurteilen, das hält er für extrem unfair. Stößt er auf Ablehnung, reklamiert er seine Meinungsfreiheit: Er „will ja nur sagen, was er denkt!“, doch leider „darf man in diesem Land schon lange nicht mehr alles sagen.“ Und leider muss er, der mutige Possenreißer, sogar feststellen: „Es ist das erste Mal seit 1945 so, dass man befürchten muss, dass man umgebracht wird, weil man was Falsches sagt.“ Nun, einstweilen hat es niemand der Mühe für Wert befunden, diesen Grützbeutel der Unterhaltungsindustrie zum Schweigen zu bringen. Und auch sein diesjähriger Jahresrückblick bietet dafür mal wieder keinen Anlass…

Vielmehr wird am Ende seines Auftritts die ARD den Erfolg nach folgendem Schlüssel ermitteln: Medienpräsenz mal Witzdichte geteilt durch die Anzahl der Lacher plus Einflussnahme von Außen minus politische Haltung im Quadrat zur Menge der Zweideutigkeiten multipliziert mit dem Marktwert des Künstlers, das ergibt den Quotensieger.

* * *

Spannende Story 2

Nawalny hält sich im Gespräch – die deutschen Medien (ARD, ZDF, Spiegel usw.) überschlagen sich vor lauter Reporterglück. Dabei werden die Wörter „anscheinend“, „offenbar“, „vermutlich“ u.ä., wie es bei uns Sitte und Brauch ist, nur hin und wieder, wenn der Inhalt allzu unglaubwürdig ausfällt, verwendet. Wenn sie aber verwendet werden, fragt man sich: Was hat denn diese Meldung in seriösen Nachrichten zu suchen?

Acht Agenten also sollen Herrn Nawalny bei seinen zahlreichen Reisen beschattet haben. (Naja, das ist bei radikalen Regimegegnern auch im Westen wohl nichts Besonderes.) Mit einem dieser Agenten will Herr Nawalny telefoniert haben, und der soll ihm den Giftanschlag gestanden haben. Am Telefon. Laut „Spiegel“-Bericht sind dieser Agent sowie der mutmaßliche Koordinator der Operation zur Vergiftung Nawalnys vor dem Anschlag in die russische Küstenstadt Sotschi geflogen, und Handy-Daten belegen nun angeblich, dass sie sich dort in der Nähe der Residenz von Russlands Präsident Wladimir Putin aufgehalten haben. Oha.

Daraus folgt ja wohl: Sie haben sich mit Putin im Garten getroffen, und Putin hat seinen Agenten zu einer rektalen Vergiftung geraten, woraufhin die Agenten dem Herrn Nawalny das Nervengift in die Unterhose geschmiert haben. (In Russland gibt’s sowas Elegantes wie Zäpfchen ja noch nicht.) Moment mal: Unterhosen? Nawalnys Giftration war im Juni doch noch in einer Mineralwasser-Flasche…! Auf einem Tisch in einem Hotel, ich erinnere mich genau! Erstaunlich, mit was für einem unglaubwürdigen Scheißdreck unsere Medien glauben, die Russophobia ihrer Kundschaft düngen zu müssen. Es könnte allerdings auch sein, der Putin unterhält im Krem eine geheime Bespaßungs-Abteilung, um unser aller Unterhaltungsbedürfnis zu beglücken…

* * *

Basta La Musica

Als die Seuche immer mehr Opfer forderte, war politisches Handeln geboten. Also wurden alle Bühnen, Restaurants und Clubs dichtgemacht. Gesundheitsbewusste Menschen verstanden den Sinn dieser Maßnahme: Man musste die Mobilität des Publikums verringern, die Leute sollten zu Hause bleiben. Sie sollten einsehen: Der Weg zu den Vergnügungsstätten war gefährlich, der Virus lauerte überall, und am Ende des Weges fand sowieso nix statt.

Leute mit fortgeschrittener Synapsenverödung konnten diesem Gedankengang nicht folgen:

Sich unverwundbar dünkende Seuchenleugner und Desinfektionsignoranten füllten die Gassen, rücksichtslos hustende Maskenverweigerer besetzten alle Parkbänke, pubertäre Eckensteher veranstalteten das, was sie feiern oder cornern nannten, trostlos dämliche Reichsbannerträger rotteten sich zusammen, autoritäre kleine Trumps, Höcke-Apostel, imbezile Verschwörungstheoretiker, intellektuell verschlissene Querdenker und viele vernagelte Mitläufer sorgten auf den Partymeilen für eine rasante Ausbreitung der Seuche, und mit Vorliebe proklamierten sie bei ihren voluminösen Hochzeits- und Geburtstagsfesten ein Menschenrecht auf Ansteckung.

Neben diesen unterbelichteten Asozialen mit ihrem Protest-Gelalle füllten tüchtige Gewerbetreibende ununterbrochen mit ihren Hilfeschreien die Nachrichten. Gastronomen, Taxifahrer, Reisebüros, Boutiquenchefinnen, Puffbesitzer und andere wichtige Leistungsträger mussten sich entscheiden, was ihnen wichtiger war: Auskömmliche Umsatzzahlen oder die steigenden Todesmeldungen aus den Krankenhäusern. Ja, da war unermessliches Leid im deutschen Einzelhandel.

Ganz schlimm aber traf es die ihrer Auftrittsmöglichkeiten beraubten Künstler und das dazu gehörende Backstage-Personal. Die standen vor der Frage: Wovon soll ich meine Miete bezahlen? Die Kinder füttern? Mein Auto betanken? Raten abstottern? In Urlaub fahren? Die Krankenkasse bezahlen?

Tausende wussten nicht mehr weiter… Einst starteten sie als junge Menschen ihre hoffnungsvollen Karrieren, weil sie „ein freies Künstlerleben“ führen wollten, weil sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten ausrechneten, weil sie auf keinen Fall als spießige Staatsbedienstete oder Angestellte enden wollten. (Oder vielleicht auch, weil sie ihr Talent und ihre Durchsetzungskraft für ein freies Künstlerleben überschätzten?) Und nun dieses Flehen aus tiefster Not: „Rettet die Kultur! Hilfe, die Kultur bricht zusammen!“

Aber kaum jemand fleht ehrlicherweise: „Hilfe, ich bin pleite, rettet meinen Lebensstandard!“

Allenthalben erhob man Forderungen gegen den Staat, er müsse die Kultur retten, indem er dem Künstlervolk einen Einkommensausgleich bot. Manche Kleinkünstler wollten am liebsten sofort zu Kleinkunstbeamten befördert werden, Musiker zu Instrumentalangestellten, Sänger zu Vokalexperten mit Beratervertrag. Und als der Trompeter Till Brönner einmal nicht trompetete, sondern mit seinen Gedanken an die Öffentlichkeit trat, erfuhr man aus seinem Munde: „Wenn ein ganzer Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutz der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass diese Menschen auch nach Corona noch da sind. Oder was habe ich übersehen? Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld 2 anbieten?“ Till Brönner hat so ziemlich alles übersehen, und leider hat es die Fernsehmoderatorin Dunja Hayali im Interview unterlassen, mal kritisch nachzufragen…

Wäre ich der deutsche Finanzminister, würde ich dem Trompeter Folgendes in die Partitur schreiben: „Was spricht eigentlich dagegen, auch der Veranstaltungsbranche den vom Staat vorgesehenen Notgroschen anzubieten? In Deutschland leben rund 4 Millionen Menschen von Hartz IV. Sind Sie, Herr Brönner, was Besseres? Unser Staat liebt die Kultur, keine Frage, vor allem die Hochkultur – er finanziert sogar Opernhäuser von den Lohnsteuern derer, die gar nicht in die Oper gehen, und er subventioniert auch Jazzfestivals oder die Tragödie des Schwarzafrikaners Othello im Staatstheater – das ist eben unser demokratisches System: Demokratie mit menschlichem Antlitz! Doch unsere Kultur besteht nicht nur aus Spiel, Musik und Tanz, Malerei, und Speis’ und Trank. Kultur ist die gesamte Lebensweise eines Volkes. Die klassischen Kulturen in Ägypten, Griechenland und Rom sind mitsamt ihren bewundernswerten Kulturdenkmälern entstanden aus Kriegswirtschaft, einer mörderischen Sklavenwirtschaft und einer ausbeuterischen Bauwirtschaft. Unser moderner Kulturstaat hingegen sieht seine vornehmste Aufgabe darin, Industrie und Konzerne, Landwirtschaft und Banken zu pflegen. Unsere Kulturdenkmäler bestehen aus Stahl, Beton und Plastik…Und sind vermutlich noch dauerhafter als die Akropolis“.

(Was sonst noch zu dieser unserer modernen Kultur gehört, unterschlägt der Finanzminister gewissenhaft: Wir sind von barbarischer Fremdenfeindlichkeit, wir lassen ungerührt Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, wir pferchen nachts acht Leute, die wir tagsüber mit der Herstellung minderwertigen Fleisches ausbeuten, in einem miesen kleinen Zimmer ein, wir lösen unsere gesellschaftlichen Probleme vorzugsweise mit Gewalt, wir sind rassistisch oder antisemitisch, und wir bedrohen wegen einer Polizei-Satire missliebige Journalistinnen mit der Strafjustiz. Wir fördern die Rüstung, wir beliefern Terroristen mit Waffen, wir führen Kriege und singen dazu „Ich bete an die Macht der Liebe“. Es ist eine Schlachthof-Kultur, gesponsert von Schweinebaronen…)

Weiter schreibt der Finanzminister:

„Unser demokratisches System hat erwiesenermaßen auch die eher alternative Kultur im Blick – also Pantomimen, Witzeerzähler, Liedermacher, Alphornbläser, Zauberkünstler, a-capella-Gruppen, DJs, Puppenspieler, Folkbands und sogar Kabarettisten, selbst, wenn sie in der Vergangenheit noch so oppositionell auftraten. Kulturzentren und andere Veranstaltungsräume werden am Leben erhalten, gelegentlich gibt’s sogar Produktionszuschüsse, die Künstler haben ihre ZBF, GEMA und GVL im Rücken, und die gesetzliche Sozialhilfe steht ihnen zur Verfügung. Das alles ist großartig und beweist den Primat des Humanismus in unserer Politik.

Wir leben nicht mehr im Mittelalter, wo ein Hofpoet oder Musikus oder Gaukler oder Hofnarr, der bei seinem Fürsten in Ungnade fiel, sofort vom Hungertod bedroht war. Die Branche hat seit Til Eulenspiegel-Zeiten erhebliche Fortschritte gemacht. Für das Kunstgewerbe der Gaukler, Musikanten, Mimen und Possenreißer ist ein Überlebens-Minimum gesichert. Aber eben nur das Minimum. Und dieses Minimum entspricht dem Stellenwert der Kunst in unserem Staat: Kunst hat eine dienende Funktion, sie dient dem Wohlbefinden, Kunst ist Girlande, hält die Untertanen bei Laune, Kunst ist meinetwegen auch Seelenbalsam, aber vor allem ist sie ein lukrativer Werbeträger. Kunst lohnt Investitionen, so lange sie sich als profitabel erweist. Ist sie das nicht, wird sie von Sponsoren und anderen Kulturträgern selbstverständlich als finanzielle Einbuße betrachtet und nicht als geistiger Mehrwert. Künstler müssen also wissen: Ihre Ideale von Kultur und ihr demokratisches Selbstverständnis entsprechen keineswegs immer den Bedürfnissen des wirtschaftlichen Aufschwunges und der Konjunktur. Insofern ist es durchaus zutreffend, wenn zwei junge Damen in einer ZDF-Kabarett-Sendung immer wieder singen „Wir sind nicht systemrelevant“: Sie sind es wirklich nicht.

Als Finanzminister sage ich Ihnen, der Lebensstandard der Kunstschaffenden ist abhängig von unserer gesamtwirtschaftlichen Situation, und sie sollen mal dankbar sein, dass sie sich in den Jahren vor dieser Corona-Seuche in ihrem ganz privaten, von staatlicher, gewerkschaftlicher, umweltschützerischer Einmischung befreiten, völlig eigenverantwortlichen Bereicherungssystem häuslich einrichten konnten. Es tut mir leid, wenn Künstlerinnen und Künstler nun bitterlich enttäuscht sind von unserer Demokratie. Ich verstehe das, denn sie haben natürlich nicht erwartet, dass unser Staat sie absolut demokratisch gleich behandelt wie andere aus dem sozialen Netz Gefallene auch – Obdachlose, Langzeitarbeitslose, chronisch Kranke oder die arbeitslosen alleinerziehenden Mütter…

Und wenn ich nun aus Künstlerkreisen daran erinnert werde, dass auch die Veranstaltungsbranche Steuern bezahlt und deswegen gerechterweise vom Staat alimentiert werden muss, genauso wie die Lufthansa oder die wegen der Abschaltung ihrer Betriebe notleidenden Betreiber von Atomkraftwerken, entgegne ich ihnen: Haben Sie immer noch nicht begriffen, in was für einer „marktkonformen Demokratie“ (Merkel) Sie leben? Nie was von Ich-AGs gehört? Nix mitgekriegt von der sich stetig weiter öffnenden sozialen Schere, und wie das bei uns gehandhabt wird mit der Verteilung des Reichtums? Wer hier Anspruch auf Steuersenkungen hat und wer nicht? Und nun erwarten Sie, der Staat soll Ihnen wenigstens teilweise Ihr Steuer-Geld wiedergeben, das er dringend für Landwirtschaft, Straßenbau, Gesundheitssystem, Rüstung und andere Investitionen benötigt? Sie kommen diesem Staat also mit einem moralischen Ansinnen: Gerechtigkeit! Genauso erfolgversprechend könnten Sie einen Karnickelbock auf’s Zölibat verpflichten. Tja.

Ich will Ihnen mal ganz ehrlich was sagen: Eine allseits akzeptable Demokratie ist in einem kapitalistischen System nicht möglich… Und wenn Sie nun nicht wissen, wie es weitergeht, kann ich ihnen jetzt schon verraten: Wir sozialdemokratischen Finanzpolitiker werden der Allgemeinheit bei den nächsten Haushaltsberatungen auf Druck der Christenunion vorrechnen, dass die Kürzung aller Kulturetats unumgänglich ist und die Gelder für kulturelle Einrichtungen drastisch zusammengestrichen werden müssen. Daraufhin wird sich unsere bürgerliche Demokratie zähneknirschend, aber bereitwillig, großer Teile ihrer als überflüssig erachteten Kultureinrichtungen entledigen, um wirklich wichtige Kapitalanlagen zu retten.

Zur Aufmunterung unserer Kulturschaffenden sei aber auch gesagt: Letztendlich wird das Publikum für sie sorgen. Nach 1945, mitten im schlimmsten gesellschaftlichen Zusammenbruch, brachten kunsthungrige Menschen ihren Künstlern als Eintritt beispielsweise zwei Kartoffeln oder ein Brikett an die Bühne, weil sie ihren Lessing kannten, der schrieb: Die Kunst geht nach Brot…

Herzliche Grüße und alles Gute!
Ihr Freund Olaf, der Finanzminister.“

Summa summarum: Jeder soziale Ausgleich stört die Reichen beim Reicherwerden.

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November: Gedenken ohne sich zu erinnern

Vor 82 Jahren brannten Synagogen und Bücher, wurden Menschen auf den Straßen geschlagen und ermordet oder kamen ins KZ. Deutscher Pöbel wütete gegen deutsche Kultur. Wir heute leben mitten in einer Pandemie. Wieder sterben Menschen. Deswegen sagt die Stadt Leipzig ihre offizielle Veranstaltung zum Gedenken an die Nazi-Opfer ab. Aber dieselbe Stadt gestattet es den Nachfahren der Nazimörder, die sich Pegida nennen, durch Leipzig zu marschieren und Hetzreden zu halten sowie Hakenkreuze und Reichskriegsflaggen durch die Straßen zu tragen…

In Karlsruhe stand auf der Rednerbühne der querdenkenden Corona-Leugner eine Elfjährige und schilderte ihr schweres Schicksal: Staatliche Zwangsmaßnahmen würden verhindern, dass ihre Familienmitglieder gleichzeitig zu ihrem Geburtstag zusammenkommen könnten. So war sie gezwungen, fünfmal zu feiern – das sei „anstrengend“ gewesen, „aber auch sehr schön“. Doch sie habe sich „wie Anne Frank gefühlt“, wegen der Nachbarn, die sie hätten verpetzen können. Ja, das verstehen wohl nur Querdenker: Fünf Mal Kuchen essen und fünf Mal Geschenke erhalten, das ist wie jahrelang in einem engen Kabuff versteckt sein und anschließend mit 15 Jahren im Konzentrationslager sterben… Auf was für eine Schule geht diese blöde Göre, und warum zieht man die Eltern nicht wegen Kindesmisshandlung aus dem Verkehr?

In Hannover verglich sich wenig später eine junge Erwachsene auf der Rednerbühne der Corona-Leugner mit Sophie Scholl. Sie sei seit geraumer Zeit „im aktiven Widerstand“, unter anderem melde sie Demos an. (Eine Demo anzumelden ist ein ganz ziviler Vorgang, bei dem man ein Formular ausfüllt, und niemand hindert einen am friedlichen Weiterleben.) Sophie Scholl, die unter Einsatz ihres Lebens mit Flugblättern gegen den Nationalsozialismus kämpfte, wurde mit dem Fallbeil der Kopf abgeschlagen.

Was für bodenlose Unverschämtheit dieser querdenkenden Dummköpfe, ihr bisschen Rebellion gegen Flüchtlinge oder den Mund-Nasen-Schutz zu vergleichen mit dem Widerstand der Weißen Rose.

Und das geht schon eine ganze Weile so: Als 2018 ein von Rechtsextremen organisierter Schweigemarsch für einen vermutlich von einem Flüchtling erstochenen Deutschen durch Chemnitz zog, trugen die führenden AfD-Häuptlinge weiße Rosen mit sich. Die Medien nahmen das mehr oder minder missbilligend zur Kenntnis, und durch das Medienecho fühlten sich die Neonazis nicht geohrfeigt, sondern eher wie tollkühne Widerständler in einem Folterstaat. Doch in Wahrheit konnten sie ungehindert ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen, eine Landeszentrale für politische Bildung servierte Schnittchen, und bei Sandra Maischberger durften sie auch noch rumsitzen und die Luft verpesten…

Also, AfD-Wähler, Pegida, Reichsbürger, Querdenker – auch wenn man euch (einstweilen noch) nicht zur Rechenschaft zieht, ob ihr es glaubt oder nicht: Ihr seid nicht das Volk, sondern nur ein anachronistisches Überbleibsel des NS-Volkssturms. Ihr seid Helfer der Despoten, die Krieg zur Durchsetzung ihrer Machtinteressen als legitim erachten. Ihr seid Handlager derer, die Unfrieden, Elend und Verwüstung anstreben. Ihr seid gegen alles, was es der Mehrheit der Menschen ermöglicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Ihr seid die Hampelmänner und -frauen eines asozialen Systems. Ihr pöbelt und hetzt, ihr fördert das Schlechteste im Menschen zutage. Den Klimawandel nehmt Ihr nicht zur Kenntnis, weil Eure reichen Arbeitgeber sich vor einer Umrüstung von Industrie und Wirtschaft fürchten. Ihr seid gegen gute Bildung, denn kluge BürgerInnen sind eine Gefahr für neoliberale Kapitalisten. Ihr seid gegen ein gutes Gesundheitswesen, weil ihr glaubt, wer kein Geld hat, gehört nicht zur Elite und sollte am besten ganz schnell aussterben. Das Einzige, was Ihr habt, ist Angst: Angst, dass man Euch nach euren Plänen fragt. Pläne habt Ihr nämlich nicht. Ihr habt nicht einen einzigen Plan, wie man unsere Welt zu einer besseren Welt machen kann. Aber zum Glück ist die Gefahr, die von euch ausgeht, berechenbar, denn alle verstandesbegabten, friedliebenden und sozial denkenden Menschen sind gegen euch.

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Wer hätte das gedacht…

Es ist ja leider nicht nur die Seuche, die einen einschränkt und missgelaunt stimmt. Vielmehr sind es der rechte Pöbel, das Pegida-„Volk“ und die strunzdummen Quer-„Denker“, die einen täglich immer lauter krakeelend belästigen. Aber auch die vielen Interviews mit medizinisch mehr oder minder gebildeten Seuchenexperten tragen wenig zur Erheiterung bei – die rechthaberischen und vor Selbstgerechtigkeit triefenden Tiraden „Diese Maßnahmen kommen viel zu spät, das hätte man damals schon machen müssen, da wäre schon viel früher eine langfristige Strategie nötig gewesen“ nerven gewaltig… Als hätten diese Alleswisser zum fraglichen Zeitpunkt schon irgendwelche praktikablen Maßnahmen anzubieten gehabt… Tja… Und nun?

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich mich eines Tages an Angela Merkels Seite positionieren werde… Zuerst war ich einverstanden, wie sie gegen den erbitterten Widerspruch der Wirtschaft den Ausstieg aus der Atomkraft anging. Dann gefiel mir, wie sie mit ihrem „Wir schaffen das!“ den Flüchtlingen die Tore öffnete und Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch in ihrem eigenen Verein widerstand. Beim Thema Antisemitismus bezog sie dankenswerterweise ebenfalls eindeutig Stellung, und gelassen blockte sie Trumps ständiges Drängen auf Erhöhung der Militärausgaben ab. Und jetzt, bei der Bekämpfung von Corona, freut mich ihre klare Linie gegen die Interessen der Ministerpräsidenten: Offenkundig versucht Angela Merkel mittlerweile nur noch durchzusetzen, was sie selbst für richtig hält. Sie hat ja nichts zu verlieren. Die MPs hingegen wollen durchsetzen, was ihnen möglicherweise Wählerstimmen bringen könnte. Sie haben ja ihre lukrativen Ämter zu verlieren.

Also, Angela Merkel, deren Kompetenz und Charakter wir immer wieder angezweifelt haben, über die wir jahrelang unflätig hergezogen sind, und die für die übelsten und auch frauenfeindlichsten Witze herhalten musste – für Kanzlerin Merkel ist eine Alternative nirgends in Sicht. Respekt, Madame!

Leider müssen wir demnächst versuchen, ohne Sie, aber mit Laschet, Merz & Rüttgers oder mit Söder, Scholz, den grünen Opportunisten oder den neoliberalen Schwätzern die Zukunft gewinnen zu können. Gut, dass unumstößlich feststeht: Mit den Nazis haben wir schon in der Vergangenheit nur verloren.

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Oktober: Depression am Wochenende

Besonders bemitleidenswert und jammervoll war der Anblick junger Leute mit ihren  Depressionen am Wochenende  – da bejammerten sie den Verlust ihrer „Normalität“ – eines Zustandes, in dem sie die Richtlinien der Vernunft, wenn sie diese überhaupt je zur Kenntnis genommen haben, zumeist auch als Fessel empfanden. Sie schlichen mit gebeugten Rücken durchs Land, sie warfen misstrauische Blicke um sich, ob fremde Eroberer oder der Staat ihnen an der nächsten Ecke die Butter vom Brot nehmen wollte, und sie grunzten deutschnational, weil sie sich einreden ließen, sie seien die Opfer einer schrecklichen Nazidiktatur… „Ach, ich bin 18, was kann das Leben mir schon noch bieten“, stöhnte so mancher Halbstarke, und dann ging er bei Schweinske ein Steak essen, das nach Schwein, das nach geschreddertem Hammel, der nach Huhn, das nach Fisch, der nach Schweröl geschmeckt hat…

Den herzerweichenden Klagen nachgehend sprach ich an einer Bushaltestelle einen jungen Menschen an: Entschuldigung – ich hätte da mal eine Frage: „Du lebst seit Jahren irgendwo im Weltall in einer Balkenspiralgalaxie, im Zeitalter des Kapitalismus, bei schlechtem Wetter nicht weit von den Russen, in einer Dürreperiode, in einer Klimakrise, im Schoß der Christenheit, angesichts der chinesischen Bedrohung, im Schatten kriegerischer Konflikte, am Rande des moralischen Verfalls, nicht weit von Hungergebieten, in Reichweite von Millionen Flüchtlingen, unter dem Druck sozialer Ungerechtigkeit und umgeben von Holocaustleugnern, Klimaleugnern, Pandemieleugnern, Rassismusleugnern und anderen Verschwörungs-Idioten – da mittendrin lebst du, und damit damit wirst du seit Jahren einigermaßen fertig. Aber jetzt, diese Corona, die das alles überlagert, die ruiniert dich…? Echt?  Und du willst jetzt endlich zurück zur „Normalität“?  Also, zurück zur Gewohnheit, das heißt, weiter mit der brutalen Marktwirtschaft ohne soziales Gewissen, zurück zur Flüchtlingspolitik, die keine Politik ist, sondern ein Desaster, zurück zur Überproduktion von Waren, die zur Armut auf dem afrikanischen Kontinent führt, zurück zu den Betrügereien einer Auto-Industrie, die bei ihren Geschäften von der Allgemeinheit finanziell ausgehalten wird, zurück zu einem Unterhaltungs-Betrieb unter dem denkbar niedrigsten Plafond – wirklich? Zurück zum Irrsinn?“  – „Ja“.  – „Aha.Vielen Dank!“ – „Gerne“. Man nennt es Regression. Fast hätte ich ihm einen Therapeuten empfohlen…

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Putzlappen

Tucholsky sagte: „Soldaten sind Mörder.“

Wolfgang Borchert schrieb: „Ich bin der Mörder? Wer schützt uns davor, dass wir nicht Mörder werden?“

Erich Kästner äußerte sich zum 1. Weltkrieg: „Vier Jahre Mord und dann ein schön Geläute.“

Der desertierte Dichter Georg Herwegh stöhnte: „Du bist im ruhmgekrönten Morden das erste Land der Welt geworden. Germania, mir graut vor dir.“

Heinrich Heine maulte: „Wir brauchen aus wechselseitigem Mißtrauen keine stehenden Heere von vielen hunderttausend Mördern zu füttern.“

Christoffel von Grimmelshausen schließlich fasste das allgemeine Schlachten so zusammen: „Im Treffen suchte ein jeder seinen Tod mit Niedermachung des Nächsten, der ihm aufstieß, zuvorzukommen.“

Und nun sehen wir Frau Karrenbauer, das führende Flintenweib der Christenunion, bei der Arbeit: Sie will wieder mal den Rüstungs-Etat erhöhen, mehr Subventionen an die Nato zahlen, Hubschrauber kaufen und Atombomber anschaffen. (Der Quatsch mit dem Flugzeugträger ist ja wohl vom Tisch…) Weiß denn diese Frau Karrenbauer nicht: Bei der Bundeswehr steht zunächst mal eine Putzlappenreform an, weil der Bundesrechnungshof schon vor Jahren angemahnt hat, die Bundeswehr solle die bei ihr verwendeten Einwegputzlappen auf Mehrwegputzlappen umstellen. Ein Putzlappenbeauftragter des Bundesverteidigungsministeriums sagte dazu, die Umstellung von Einweg- auf Mehrwegputzlappen sei gar nicht so einfach. Und dass diese Umstellung Geld kostet, ist sowieso klar: Am Anfang stand ein Pilotversuch, der ergab, dass tatsächlich rund 60% der Einwegputzlappen durch Mehrwegputzlappen zu ersetzen wären. Daraufhin erfolgte ein Erlass, auf Mehrwegputzlappen umzustellen, an den sich zeitaufwendige Vorbereitungen und Prüfungen anschlossen. Es mussten, wie der Putzlappenbeauftragte mitteilte, die Belange der verschiedenen militärischen Bedarfsträger berücksichtigt, die Bestände an Einweg- und Mehrwegputzlappen ermittelt und ein Mustervertrag für einen Miet- und Reinigungsservice von Mehrwegputzlappen erarbeitet werden. Trotzdem sollen sie nun kommen, die Mehrwegputzlappen, allerdings erst, wenn die umfangreichen Depotbestände an Einwegputzlappen aufgebraucht sind, und die haben, wie der militärisch gehaltenen Mitteilung des Putzlappenbeauftragten zu entnehmen ist, eine logistische Reichweite von mehreren Jahren.

Im Generalstab der Bundeswehr herrscht zur Zeit die Meinung vor, wenn unsere Streitkräfte auf neue bewaffnete Drohnen verzichten und den Russen und den Chinesen stattdessen mit ihren Putzlappenrichtlinien bombardieren, ergeben die sich sofort. Dann können wir sie in Ruhe mit nassen Putzlappen erschlagen…

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November: Europa

Ich bezweifle, dass die mehrsprachig nichts-sagende Ursula von der Leyen in Brüssel zu irgendetwas nütze ist. Besser gefällt mir da schon die EU-Kommissarin Vera Jourova. Von der konnte man Klartext hören: Die Rechtsstaatlichkeit – also Gewaltenteilung, Medienvielfalt, Unabhängigkeit der Justiz usw. – müsse von allen EU-Ländern vollständig eingehalten werden. Alles andere sei krank. Sie sagte das, um zu erreichen, dass die EU ihre Subventionszahlungen von der Respektierung der Grundrechte abhängig macht. Ob Frau Jourova sich damit durchsetzt, ist allerdings fraglich, denn es gibt europäische Regierungen, die meinen, ihr Umgang mit den Menschenrechten ginge niemanden etwas an, und die Prinzipien der Mitgliedschaft in einem Club wie der EU bestimme jedes Clubmitglied selbst. Der rassistische, antisemitische, faschistische Diktator Ungarns, Viktor Orbán, praktiziert also mitten in unserem demokratischen Club seine eigene und recht individuelle Rechtsstaatlichkeit, und hinter diesem Führer sammeln sich andere Länder der EU: Polen, Tschechien und die Slowakei verweigern ebenfalls allen, in deren Herkunftsländern Gefahr für Leib und Leben besteht, das Anrecht auf Asyl. Sie verhindern die Verteilung von Asylbewerbern proportional über alle Mitgliedstaaten, und man kann getrost behaupten: Das Feuer im Flüchtlingslager auf Lesbos haben die Regierungen dieser Länder angezündet…

Die Europäische Union ist ein Staatenverbund aus 27 europäischen Ländern mit etwa 450 Millionen Einwohnern, also ein ziemlich großer Club. Da provozieren Austritte oder Rauswürfe einzelner Mitglieder weltweites Krisengerede und Aktienabstürze. Aber Subventionen erhalten die Mitgliedschaft. Doch in wessen Taschen die fließen, bestimmen die Herrschenden ganz allein. Eine Zweckentfremdung der Subventionen kann zwar erfasst, aber nicht sanktioniert werden. (Ich empfehle dringend eine Steuerprüfung aller Regierungsmitglieder und ihrer Familienbetriebe.) Und in dem Zusammenhang sei noch darauf hingewiesen: Subventions-Milliarden europäischer Steuerzahler haben traditionell nichts mit der europäischen Idee zu tun.

Ein schöner Anfang für die Gesundung der EU wäre es, Viktor Orban und seine Spießgesellen von Subventionen jeglicher Art auszuschließen und ihnen das Stimmrecht im Europarat abzuerkennen. Sonst hat es in Zukunft wenig Sinn, sich an Europawahlen zu beteiligen.

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September: Moria

Eine Woche ist der Brand von Moria nun her und die Reaktionen machen sprachlos. Wenn deutsche Ferienreisende nicht pünktlich die Heimreise antreten können, wird binnen Stunden Hilfe organisiert und mit der Evakuierung begonnen. Wenn aber Flüchtlinge nicht mehr wissen, wohin, zeigt Europa ihnen den Stinkefinger. „Pro Asyl“ berichtet, die Schutzsuchenden von Moria leben auf der Straße, viele haben tagelang nichts zu essen, sogar das Wasser ist bei vielen Familien knapp. Diese Menschen müssen sofort evakuiert werden – in andere EU-Staaten, denn auf dem griechischen Festland ist die Situation mittlerweile ähnlich katastrophal wie auf Lesbos. Doch Deutschland schlägt bislang nur peinliche Minimallösungen vor. Aber es kann doch eigentlich nicht sein, dass europäische Politik nur den Richtlinien einer engstirnigen bayerischen Regionalpolitik folgt. Europäisch denkende Menschen bringen kein Verständnis dafür auf, dass die EU-Behörden den Tod von Flüchtlingen in einem Flüchtlingslager oder ihren Tod auf einer Fahrt mit einem maroden Kahn billigend in Kauf nehmen, weil sie unfähig sind, diesen Flüchtlingen ein menschenwürdiges Überleben zu sichern. Denn das oberste Sittengesetz Europas lautet nicht: Absaufen lassen – ja, Reinkommen lassen – nein. Also: Protest und Widerstand bei jeder Gelegenheit!

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August: Spannende Story

Der so genannte Kremlkritiker Alexej Nawalny ist nach Darstellung seines Teams nachweislich in Russland vergiftet worden, und zwar in einem Hotel in der sibirischen Stadt Tomsk. Das Gift soll ihm demnach in einer Flasche mit Mineralwasser in seinem Zimmer verabreicht worden sein. Nawalnys Team zeigte ein Video von den Flaschen der Marke „Swjatoj Istotschnik“ („Heilige Quelle“). Die Berichterstattung in den deutschen Medien ließ nur wenig Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Räuberpistole. Aber: Kann schon sein, dass Nawalny sowas Ähnliches ist wie der Höcke von Russland. Kann auch sein, dass Putin ihn für wahnsinnig gefährlich hält. Möglich auch, dass Putin ihn am liebsten final entsorgen möchte.

Aber da ergeben sich einige Fragen: Wenn Putin seinen Oppositionellen Nawalny umbringen wollte, warum gestattete er dann, ihn zwecks medizinischer Rettung nach Deutschland auszufliegen? Seit wann liefern Täter der Polizei die Beweise? Was beweist eine Ausreise auf Drängen der Familie? Haben Oppositionelle neuerdings mehr Einfluss als der Kreml? Warum melden die Medien, Nawalny sei ins Koma gefallen und warum nicht, dass die russischen Ärzte ihn in ein künstliches Koma versetzt haben, um lebensrettende Maßnahmen vornehmen zu können? Hätten Putins Moskauer Ärzte nicht militärisch knapp einen systemischen Kollaps diagnostizieren können, um ihn dann – spurlos – einäschern zu lassen? Warum hat Putin das Nervengift Nowitschok verwendet, das für unsere schlichten Medien das bequemste Navi zum Kreml ist? Warum kann man einen dubiosen Anschlag auf Nawalny nur mit zwei unaufgeklärten Anschlägen – Anna Politkowskaja (2006) und Skripal (2018) – beweisen? (Im Fall Skripal wurde als Täter ein russischer Militärarzt mit dem von Dostojewski gestohlenen Namen Mischkin identifiziert. Dieser Vollprofi infizierte nicht das Opfer, sondern den Türknauf. Wollte Putin damals alle Briefträger und Milchmänner vergiften?) Weiß der dumme Putin nicht, dass ein so primitiver Nowitschok-Anschlag auf einen Oppositionellen das internationale Projekt der Erdgaslieferung gefährdet? Leitet Putin im Kreml ein Sonderdezernat für die eigene Rufschädigung?

Und warum kommt eigentlich niemand auf den Gedanken, hier könne die einschlägig vorbelastete Mörderbande CIA im Spiel sein? Kämpfen die USA nicht mit harten Sanktionen gegen unser Erdgasgeschäft mit Russland, weil sie ihr Flüssiggas an die EU verkaufen wollen? Wird nicht immer wieder versucht, von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land abzulenken, indem man auf andere zeigt? Das sind eine Menge Fragen, die wir alle gern beantwortet hätten, um nicht auf unsere Vorurteile angewiesen zu sein. Ich gebe sie zur Beantwortung weiter an unsere Spitzenpolitiker Norbert Röttgen, Heiko Josef Maas und JürgenTrittin, die sich in der Beurteilung des Falles Nawalny und ihrer Russophobia von niemandem an Borniertheit übertreffen lassen…

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Nichts gelernt und noch mehr vergessen

Die regierenden Herrschaften der Bundesrepublik Deutschland sind, wie sie uns wissen lassen, „empört“ oder „erschreckt“ oder „bestürzt“ oder sogar „beschämt“. Die Zusammenrottung der Reichsbürger auf der Treppe vor dem Reichstag hat sie ganz fassungslos gemacht. Warum eigentlich?

Hinter uns liegen 75 Jahre politischen Versagens von CDU/CSU, SPD und FDP. 75 Jahre, in denen die regierenden Parteien es versäumt haben, das Weltbild und die Verbrechen der Nazis so anzuprangern, zu verurteilen und bestrafen zu lassen, dass man noch in vielen Generationen einen Riesenbogen um das Gesindel machen wird. (Die Grünen können meinetwegen „die Gnade der späten Geburt“ in Anspruch nehmen.)

Nazis saßen schon im ersten Bundestag, Nazis bauten den Verfassungsschutz mit auf, Nazis kommandierten in der Bundeswehr, Nazi-Juristen und Nazi-Mediziner wurden nicht vor Gericht gestellt, Nazi-Beamte wurden locker entnazifiziert, Nazi-Verbrechen verjährten ungesühnt, Nazis kamen in höchste Staatsämter, Nazis saßen in etlichen Landesparlamenten, Nazi-Massaker in Griechenland, Italien usw. wurden bagatellisiert und Nazis schrieben in Zeitschriften Leitartikel.

Als die ersten Asylantenheime brannten, leugnete man „einen politischen Hintergrund“, die Attentate vom Münchner Oktoberfest über den NSU bis zur Ermordung Walter Lübckes und den Anschlägen in Halle oder Hanau schob man immer wieder Einzeltätern in die Schuhe. Die Existenz rechtsradikaler Netzwerke wurde abgestritten, entsprechende Fahndungen unterblieben. Bis heute werden das Zeigen von Nazisymbolen, antisemitische Äußerungen oder rassistische Gewalttaten verharmlost, und rechtsradikales Verhalten in der Polizei oder auch im Justizapparat wird kaum bestraft.

Seit 75 Jahren wurde und wird in der Bildungspolitik, im Geschichts- und im gesellschaftspolitischen Unterricht viel zu wenig getan, um junge Menschen gegen den Faschismus zu immunisieren. Im Gegenteil: Als die sogenannte 68er Generation sich daran machte, die Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration aufzuarbeiten, verweigerten die Regierungsparteien ihre Unterstützung und beriefen sich auf die Staatsraison. Faschisten waren als beamtete Geschichtslehrer tätig, antifaschistische Lokführer oder Friedhofsgärtner bekamen Berufsverbot.

Nazis haben bis heute keine Angst, von unserer Gesellschaft verfolgt oder gar zur Rechenschaft gezogen zu werden, und so verwundert es nicht, dass der bildungsferne und von keinerlei Geschichtsbewusstsein geprägte Teil der Bevölkerung keine Berührungsängste hat und den Nazi-Agitatoren nachläuft. (Es gibt auch bildungsferne Zeitgenossen mit Hochschulabschluss!)

Der randalierende Pöbel ist die Quittung für 75 Jahre Kuscheln mit Nazis. Insofern ist es erfreulich, wenn unsere regierenden Herrschaften nun „empört“ oder „erschreckt“ oder „bestürzt“ oder sogar „beschämt“ sind. Schön wär’s, wenn ihnen in Zukunft ein verordneter Antifaschismus doch lieber wäre als ein erlaubter Faschismus…

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Juli: Hömma

Der Kognitionswissenschaftler Kai Magnus Sting lebt in Duisburg, einem bezaubernden Ruhrgebiets-Städtchen zwischen Duissern und Neuenkamp. Dort lehrt er an der Volkshochschule Ruhrpöttisch. Seine wissenschaftliche These lautet, die Fähigkeit des Ruhrgebietlers, ruhrpöttisch sprechen zu können, beruhe auf anatomischen und feinmotorischen Fähigkeiten, die andere Primaten außerhalb des Ruhrgebiets nicht aufweisen, zum Beispiel den abgesenkten Kehlkopf, der die Voraussetzung sei für die Verwendung einer komplexen Sprache. Ruhrpöttisch sei eine flektierende Sprache, bei der die grammatische Form das Wort vollständig überprägt und ihm so eine stärkere Individualität, hohen ästhetischen Reiz und größere Ausdruckskraft verleiht. Insofern habe Ruhrpöttisch eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Sanskrit. Prof. Sting sagt: „Wenn die außerhalb des Ruhrgebiets lebenden Primaten die angeblich mangelnde Weltgewandtheit der Ruhrgebietsbewohner zum Markenzeichen der Ruhrgebietskultur emporzustilisieren trachten, dann beweist das nur deren immer noch unterentwickeltes Humorverständnis.“

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Holt den Bismarck vom Sockel

Dem eisernen Kanzler, dem Reichsgründer, dem ehrlichen Makler, einer 15 Meter hohen Statue auf einem 20 Meter hohen Sockel mit Blick über den Hamburger Hafen Richtung Erzfeind Frankreich, soll für mehrere Millionen Renovierungskosten die Taubenscheiße von der Glatze gekratzt werden. Er soll weiterhin ein imposantes Denkmal sein. Durchaus auch für deutschen Rassismus und deutschen Kolonialismus.

Allerdings: Bismarck war gar kein Freund des deutschen Kolonialismus. Er hatte zwar einflussreiche antisemitische Freunde, aber als Rassismus-Propagandist trat er kaum in Erscheinung. Wenn man ihn also demontieren will, dann doch bitte mit den richtigen Argumenten, zum Beispiel: Bismarck war ein Freund des Krieges. Er erklärte 1850, dass der „staatliche Egoismus“ einen Krieg rechtfertige. 1862 prägte er den Satz, dass die grossen Fragen der Zeit durch „Eisen und Blut“ entschieden würden. 1863 sprach er sich für eine „waffenmässige Grossmachtpolitik“ aus. Bismarck schuf die Voraussetzungen für die Kriege gegen Dänemark 1864 (10000 Tote), gegen Österreich 1866 (7700 Tote) und gegen Frankreich 1870 (183 500 Tote).

Im Ausland betrieb Bismarck eine gezielte Destabilisierungspolitik. 1866 versuchte er ungarische, tschechische, serbische und rumänische Revolutionäre im Habsburgerreich zu Aufständen zu bewegen. Entsprechende politische Tendenzen in Deutschland unterdrückte er mit aller Macht: Die Sozialversicherung führte er nicht aus Menschenliebe ein, sondern um einer Revolution von unten durch eine Revolution von oben zuvorzukommen.

Zur Rechtsstaatlichkeit hatte Bismarck ein recht gestörtes Verhältnis – er verantwortete etliche Verfassungsbrüche, umging das Parlament in Budgetfragen, schränkte die Pressefreiheit ein und sicherte sich selbst Straffreiheit zu. Bismarck war ein Großmachtpolitiker par excellence. Sein innen- wie aussenpolitischer Weg ist mit Leichen gepflastert, und gerade Sozialdemokraten hätten gute Gründe, ihn zum Teufel zu wünschen.

Eine besondere Zuneigung zu Bismarck hegen die Politiker der AfD. Auf Wahlplakaten ist Bismarck ein beliebtes Sujet, das mit Slogans wie „Sein Vorbild ist uns Verpflichtung“ untermalt wird. Das allein ist schon ein guter Grund, diesem Denkmal einen Strick um den Hals zu legen und es vom Sockel zu stürzen.

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Juni: Black lives matter

Am 25. Mai 2020 wurde George Perry Floyd in Minneapolis von US-amerikanischen Polizisten ermordet. Die Videoaufnahme der Tat erregte weltweites Aufsehen, denn der schwarze George Floyd ist weder das erste noch vermutlich das letzte Opfer weißer Polizeigewalt. Es ist zu bedenken: Schwarze sind nicht freiwillig ins „Land der Freien“ gekommen wie etwa Trumps Opa, der vor dem bayerischen Wehrdienst nach Amerika desertierte. Die Afrikaner musste man holen. Auch nach dem Ende der Sklaverei hatten sie in den USA keine faire Chance. Folglich sollten die Unruhen in den USA als sozialer Aufruhr verstanden werden: Was wir sehen, ist der kontinuierliche Krieg Reich gegen Arm, und die mordenden Polizisten gehören zur unteren Mittelschicht, die, weit entfernt von der Erfüllung ihres amerikanischen Traumes, die Schmutzarbeit der oberen Zehntausend erledigen – sie sind genauso uninformiert und kurzsichtig wie jene Schwarzen, die einst im amerikanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Südstaaten für den Erhalt der Sklaverei kämpften. Die Reichen in den USA haben bei Gott ihre Gründe, kein Geld in Bildung zu investieren…

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April: Ununterbrochenes Geschwafel

Der Eingangssatz der ZDF-Fernsehsendung „Lanz“ lautete: „Die große Frage dieser Tage ist, ist es unethisch, sozusagen, Wirtschaft gegen Menschenleben abzuwägen“. Das ist keine große, sondern eine unmenschliche Frage.

Die Ethik kann allgemeine Prinzipien und Normen guten oder bösen Handelns begründen. Für eine situationsspezifische Anwendung dieser Prinzipien auf neue Lebenslagen taugt sie nicht. Da ist der Mensch nämlich angewiesen auf seine Vernunft, Urteilskraft und sein Gewissen. Der sogenannte Moderator verpasst seiner Show einen moralphilosophisch verbrämten Überbau namens „unethisch“, um zu verdecken, dass es letztlich mal wieder nur um Geld geht: „Wollen wir weltweit Milliarden Menschen ins Existenzelend stürzen, um vielleicht Todkranke zu retten“ – das ist keine ethische Frage. Das ist auch keine Frage, die die Dezisions-Ethik beschäftigen könnte. Das ist nur eine rechnerische Frage und eine Frage des Kalküls, das ist – in Frageform – nur das Produkt neoliberaler Agitation, und die ist von jeher bei Herrn Lanz zu Hause. Diese Leute wollen immer mit großen Zahlen beeindrucken und die kleinen Zahlen abwerten. Wenn man an dieser Stelle einen Vergleich braucht: Auschwitz steht nicht für eine Zahl, Auschwitz steht für Auschwitz. Mit so ungeklärten Begriffen wie „weltweit“, „Existenzelend“, „vielleicht“ und „Todkranke“ kann man keine philosophische Debatte anstoßen. Wer ernsthaft „Die große Frage dieser Tage“ stellt, ist von Ethik ziemlich weit entfernt. Er sollte besser keine weiteren Versuche unternehmen, das Thema zu simplifizieren…

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Unsere liebe Frau

Ein Jahr nach dem Brand im April 2019 hat Corona vernünftigerweise den Wiederaufbau von Notre-Dame gestoppt. Ich denke, der französische Staat, dem Notre Dame gehört, sollte das ruinierte Bauwerk so belassen, wie es sich jetzt präsentiert: Ein Mahnmal, das für Bereicherung im Kolonialismus steht, für Inquisition und Frauenfeindlichkeit, für Antisemitismus, Schwulenverfolgung, für Kindesmissbrauch und letztlich für den Niedergang der katholischen Kirche… Die bisher eingegangenen Spenden können in in der 3. Welt verwendet werden. Das wäre dann mal eine sinnvolle Form von Ablassbriefen.

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Ab in den Keller

Auf seinem Weg vom Alter zum Tod kam der alte Schamane in seiner Höhle immer wieder an einer ausgetretenen steinernen Treppe vorbei. Sie führte abwärts ins Finstere, und er wagte es nie, auch nur die oberste Stufe zu betreten. Zwar lockte das Abenteuer, aber der Abgrund war allzu abschreckend. Erst, als er so alt war, dass er keine Angst mehr verspürte, vor nichts und niemandem, stieg er die Kellertreppe hinab, eine Stufe nach der anderen, geleitet von einem schmiedeeisernen Handlauf. Immer tiefer. Manchmal blieb er stehen und betete um ein gnädiges Ende. Aber da war immer noch eine Stufe, und dann noch eine, und dann unzählige weitere Stufen. Der alte Schamane stieg immer tiefer hinab in die unergründliche Tiefe, und er fragte sich: Was kommt wohl nach der Zukunft? Nie war ein Mensch tiefer gestiegen als er. Stufe um Stufe. Der alte Schamane wollte nicht aufgeben, er wollte die Tiefe ergründen. Sein Glaube an sich selbst reichte tiefer als diese Treppe, also stieg er immer tiefer hinab. Jahr um Jahr, jahrelang. Und dann, eines nachts, als er mal wieder kurz daran dachte, umzukehren und all die vielen Stufen wieder hinaufzusteigen, wurde dem alten Schamanen sein himmlischer Lohn zuteil: Ein alter Maulwurf zeigte ihm einen geheimen Gang ins Licht… Australien!

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Der Hochrisiko-Opa

Aus jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit dem Gesundheitswesen weiß ich: Die vordringlichste Aufgabe des Gesundheitsministers ist es, die Leichen der Patienten so wirtschaftsfreundlich wie möglich zu präsentieren, während die pharmazeutische Industrie alles tut, um die Lieferbedingungen für den Reparaturbetrieb Mensch marktkonform zu gestalten. Seit 1975, der ersten großen Gesundheitsreform, steht die moderne Gesundheitspolitik im Spannungsfeld des Christentums: Einerseits Fürsorge und Barmherzigkeit mit den Siechen und Hinfälligen, andererseits das berechtigte Streben nach Dividende und Einsparungen. Deswegen heißt das Krankenhaus im modernen Sprachgebrauch „Finalservice“. Um den Staat finanziell zu entlasten (die Rüstung, alle möglichen Subventionen, Sozialausgaben – was das kostet…!) erfanden die Gesundheitspolitiker die „Kostendämpfung“. Damit erlaubten sie sich, die Krankenhäuser an Privat zu verkaufen, obwohl sie ganz genau wussten: Aktiengesellschaften wollen vor allem reich werden, und die Shareholder hoffen natürlich, sich auf Kosten der Kranken finanziell gesundzustoßen. Nun ist offenkundig: Ausreichend Ärztinnen und Ärzte, genügend Pflegepersonal und die notwendige Anzahl von Betten wurden nicht bereit gehalten, es wurde nicht rechtzeitig in die Forschung investiert, es wurde keine entsprechende Reserve an Medikamenten bereit gehalten. Die privaten Klinikbetreiber sind für eine Pandemie nur unzureichend gerüstet.

Fazit: Man sollte die privaten Klinikbetreiber schleunigst enteignen. Aber der aktuelle Gesundheitsminister irrlichtert durch die Gegend ohne jede medizinische Kompetenz – er kann nicht eine einzige Lungenmaschine in Betrieb setzen oder ein einziges Bett belegen. Er hat keine Ressourcen, die er einsetzen kann. Deshalb fordere ich die zuständigen Anklagebehörden auf, gegen die Mitarbeiter in sämtlichen Gesundheitsministerien vom Abteilungsleiter aufwärts bis zum/r Minister/in (Senator/in), die seit Mitte der 1970er Jahre und bei allen folgenden Gesundheitsreformen leitend im Bereich „Kostendämpfung“ mitgearbeitet haben, juristisch vorzugehen und wegen schwerer Dienstvergehen in Regress zu nehmen. Die Delikte lauten Diebstahl und Hehlerei (Verschleuderung öffentlichen Eigentums), gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung und Störung des öffentlichen Lebens. Das Strafmaß sollte sich aber sehr deutlich unterscheiden von dem, was eine obdachlose alte Frau für ihren dritten Ladendiebstahl kassiert…

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März: Alarm

Die täglichen Warnungen des deutschen Außenministers muss man ernst nehmen:

Maas warnt: „Deutschland hat ein Problem mit rechtem Terror“,
Maas warnt vor „neuen Spielräumen“ für den IS im Irak ,
Maas warnt vor „Krise der internationalen Solidarität“,
Maas warnt USA vor Sanktionen gegen den Irak,
Maas warnt vor Rassismus wegen neuem Virus,
Maas warnt Iran im Atomstreit,
Maas warnt Großbritannien vor einem Unterlaufen von EU-Standards.
Und die neueste Warnung:
Maas warnt vor Destabilisierung.

Und morgen: Maas warnt vor zu engen Schuhen.

Und hoffentlich bald: Maas warnt vor Bundesaußenminister Heiko Maas.

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Lechts und Rinks auseinanderhalten

Auch nationalkonservative Journalisten und Journalistinnen, Verfassungsschutzangestellte, mehrfach gewendete Sachsen, Pegida-Sympathisantinnen und Xavier-Naidoo-Gläubige können mit ein bisschen gutem Willen verstehen: Es macht einen deutlichen Unterschied, ob zum Totschlag entschlossene Rassisten eine Nazi-Diktatur anstreben, oder ob sozial engagierte Leute für die Enteignung der Banken und eine gerechtere Verteilung irdischer Reichtümer demonstrieren, und es ist auch nicht dasselbe, ob Nazi-Glatzen nachts Obdachlose totschlagen oder Punks mit bunten Haaren leer stehende Häuser besetzen. Eine Trense ist nämlich noch lange kein Hufeisen!

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Angemessene Umgangsformen

Die Menschen, die derzeit behaupten, sie wären Konservative, sind keine Konservativen – sie sind radikale Reaktionäre. Die Position des Reaktionären ist nicht die des Handelnden, sondern die des Opfers. Der Reaktionär tendiert immer in Richtung Paranoia, er betrachtet sich selbst als das obsessiv verfolgte Objekt unermesslich feindseliger Mächte und Kräfte. So ein Typ sieht überall Feinde, in jedem, den er nicht versteht und nicht beherrschen kann, in jedem Fremden, in seiner eigenen Regierung. Das ist auch der Grund dafür, dass ihre Partei , die AfD, keine positive Agenda vorzuweisen hat.

Es empfiehlt sich daher, folgende Umgangsformen mit diesen Leuten einzuhalten:

Wer mit AfD-Politikern eine Koalition eingeht, ist ein Nazi-Kollaborateur.
Wer diese Leute als „Kolleginnen und Kollegen“ anspricht, ist ein Nazi-Unterstützer.
Wer diesen Leuten die Hand gibt, ist ein Nazi-Sympathisant.
Wer ihnen einen guten Tag wünscht, ist ein Nazi-Freund..
Wer sie zu einer Talkshow einlädt, ist ein Nazi-Propagandist.
Wer auf ihre Argumente eingeht, ist ein Nazi-Versteher.
Wer ihnen vertraut, ist ein Idiot,
und wer ihnen auch nur die geringste Freundlichkeit erweist, ist mitverantwortlich für die Folgen faschistischer Politik.

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Februar: Die Umweltsau

Der Russe hat Schuld. An allem. Das weiß man. Der Russe ist verantwortlich für den Tod Jesu, den Dreißigjährigen Krieg, die Pest und die Deutsche Bahn. Der Russe hat die Völkerwanderung und den Untergang von Atlantis verursacht, er hat das World Trade Center in New York nachhaltig destabilisiert, den Iran gegründet, er hat sich in Leipzig-Connewitz eingenistet, Adolf Hitler überfallen und das Hamburger Polizeigesetz entworfen. Der Russe steckt auch hinter der deutschen Diesel-Affäre. Denn solche abscheulichen Betrügereien, ausgerechnet in der deutschen Auto-Industrie, nein, das macht der Deutsche nicht… Das weiß jede(r). Natürlich hatte die deutsche Industrie schon immer ein besonderes Verhältnis zum Gas, aber der Russe hat Schuld, wenn jetzt die ganze Welt glaubt, die Deutschen betrügen sie auch noch mit den Abgaswerten…

Zu allem Überfluss hat der Russe vor 200 Jahren auch die Satire erfunden – federführend war ein gewisser Никола́й Васи́льевич Го́голь. Seit den Aufzeichnungen dieses Wahnsinnigen weiß man: Satire analysiert und interpretiert, Satire vermutet und kombiniert. Satire will wichtige Inhalte thematisieren und sich an gesellschaftlichen Problemen mit Phantasie und Witz abarbeiten. Satire gibt die Realität der Lächerlichkeit preis. Satire, die sich nicht der Aufklärung verpflichtet fühlt, ist keine. Satire, sei sie geschrieben, gezeichnet oder komponiert, ist eine Kunstform. Schlechte Satire gibt es nicht, denn: Schlechte Satire ist keine. Satire sagt immer die Wahrheit. Diese Definition der Satire ist der Grund, warum es in Deutschland so wenige Satiriker gibt, aber so viele Satire-Sachverständige. Die traten kürzlich in Aktion, als im Rundfunk die -zigste Variation des alten Gassenhauers „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ erklang – sofort bellte der aufklärungsresistente Ministerpräsident von NRW seine Missbilligung, dann säuselte der Obrigkeits-beflissene Intendant des WDR seine Reue, und viel zu viele faschistisch grundierte Spießbürger rotteten sich zusammen wie die Wildschweine, dokumentierten mit Gebrüll ihre Ahnungslosigkeit und nahmen so ihr Grundrecht auf Blamage wahr.

All den national-erregten Saustall-Experten sei versichert: Es ist eine erstklassige Satire, wenn ein Kinderchor singt „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. Für einen Großteil aller modernen Omas trifft dieser Satz nämlich zu, und singend lernen die kleinen Ferkel die ironische Betrachtung der Wahrheit am besten. („Unsere Landwirtschaftsministerin ist ’ne doofe Glyphosatsau“ hätte auch gepasst, aber leider nicht ins Versmaß.) Noch präziser trifft natürlich die Textzeile „Mein Opa ist ein dummes Nazischwein“ ins Braune, und die deutschen Hungerleider, die 1945 von Ost nach West flüchteten, würden gewiss aggressiv jubeln, könnten sie im Radio mal den Choral hören „Die Bauern sind eine gottverdammte Schweinebande“.

Satire-Kundige wissen: Diese Sätze sind eine Fortschreibung der satirischen Dichtung „Farm der Tiere“. Darin charakterisierte George Orwell die autoritären Politschweine, die den Menschen immer ähnlicher werden: sie wälzen sich in der Suhle der herrschenden Realsatire – einem trost-, hirn- und kunstlosen Morast aus Profitstreben, Machtgeilheit, Eitelkeit und Lust an der Manipulation der kleinen Schweinchen von der Straße. Aber an dieser deutschen Realsatire hat der Russe nun wirklich keine Schuld, es ist nur immer wieder eine Freude, sie ihm zu geben und schon mal für den Ernstfall gegen ihn aufzurüsten.

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Heimat

Wenn intelligente Migranten sehen, wie rassistische Nationalisten bei ihren Demonstrationen die Reichskriegsflagge schwenken, und wenn sie hören, wie der nationalistische Pöbel, der alles Fremde ausgrenzen und im Mittelmeer ersaufen lassen will, heimatverbunden singt „Kein schöner Land in dieser Zeit“ – dann wird es schwierig mit der Integration.

Ich weiß nicht, ob unser Innenminister schon mal bei einer kurdischen Familie mit vier Kindern zum Abendbrot eingeladen war, und ob die Vorsitzende der deutschen Christdemokraten schon mal mit einer Frau aus Kobane zusammen Bolani zubereitet hat – aber aus ihrer Politik schließe ich: diese leitenden Angestellten der Bundesrepublik haben keine Ahnung, mit was für intelligenten, begabten und fleißigen Menschen wir es zu tun haben, sie wissen nichts von ihren Gewohnheiten, von ihren Umgangsformen, von ihrer Sauberkeit, von ihrer Ernährung, und schon gar nichts von den Bildern, die sich ihnen auf der Flucht eingeprägt haben, von ihren Träumen oder ihren Ängsten, und sie wissen auch nicht, welche Schwierigkeiten Geflüchtete überwinden müssen, um sich im fremden Land zurecht zu finden. Sie wissen es nicht – und aus dieser Ignoranz wächst ihre Inkompetenz.

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Januar: Notwendige Korrekturen

Dem Grundgesetz muss eine neue, zeitgemäße Präambel vorangestellt werden:

In der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland geht es ausschließlich um Geld.

Es geht nicht um irgendeinen idealistisch verbrämten Überbau wie Kultur, Kirche, Olympia oder irgendwelche karitativen Netzwerke, sondern nur um Geld. Sinn und Ziel der Gesellschaft ist die Bewahrung und Vermehrung des Geldes, und wo es um Geld geht, da hat die Demokratie nichts zu suchen.

Artikel 1und 2 GG werden der Realität angepasst: Die Würde des Menschen ist antastbar. Der Grad der Würde ist standardisierbar. Die Würde des Menschen ist abzulesen an seinem Lebensstandard. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit steht in Relation zum Lebensstandard des Menschen. Unantastbar ist lediglich die Würde aller Haus- und Grundbesitzer. Sie haben das Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit, denn die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit ist deckungsgleich mit ihren Mieteinnahmen.

Artikel 14 GG wird entsprechend präzisiert: Die Sozialbindung des Eigentums bezieht sich nur auf Verwandte und gute Bekannte des Eigentümers.

Artikel 22 GG muss zur Zeit nicht geändert werden, weil die aktuelle Bundesflagge mit ihrer Farbkombination Schwarz-Rot-Gold den Zustand Deutschlands optimal symbolisiert: Eine verkohlte Bratwurst an Ketchup mit einem Häufchen Senf.

Bei entsprechenden Mehrheitsverhältnissen werden allerdings die Präambel und die Artikel 1, 2 und 14 möglichst bald gestrichen. Artikel 22 lautet dann: Jeder Mensch hat seine eigene Fahne.

Abgeschafft wird auch die „Mitwirkung“ der Parteien „bei der politischen Willensbildung des Volkes“. Der Missbrauch dieser Erlaubnis führte dazu, dass die Parteien nicht nur das Parlament und die Regierung gestellt, sondern auch die Justiz, die Rechnungshöfe, die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehanstalten, sowie den öffentlichen Dienst kontrolliert haben und zudem das Sagen hatten in Schulen und Universitäten.

Artikel 21 GG lautet deshalb in Zukunft: Die Mitgliedschaft in einer Partei führt auf Grund der damit verbundenen Koalitionen und Kompromisse zu einem Leben in moralischem Elend. Politische Parteien sind verboten. Ferner werden alle Ergänzungen, Verweise, Klauseln und monströsen Schachtelsätze, mit denen um ihre Wiederwahl besorgte Politikerinnen und Politiker das Grundrecht auf Asyl abgeschafft haben, gestrichen.

Artikel 16 GG lautet in Zukunft unmissverständlich: „Politisch Verfolgte genießen Asyl. Kriegsflüchtlinge werden als Gäste behandelt“.

Artikel 26 (2) GG wird folgendermaßen korrigiert: Zur Kriegführung bestimmte Waffen dürfen auch mit Genehmigung der Bundesregierung nicht hergestellt, befördert und in Verkehr gebracht werden. Handfeuerwaffen dürfen nur benutzt werden zum Umrühren einer Suppe und um sich auf dem Rücken zu kratzen.

Artikel 87 GG regelt den Schusswaffengebrauch: Der Einsatz der Bundeswehr im Inneren ist nur gestattet, wenn es darum geht, auf militaristische, korrupte, asoziale, rassistische und auch noch renitente Politiker, die das GG nicht achten, zu schießen. Eine Forderung der französischen Revolution lautete, Machthaber ohne „öffentliche Tugend“ dürften weder die Sicherheit, die Freiheit, die Existenz noch das Eigentum unserer Mitmenschen beeinträchtigen. Genau das aber geschieht, wenn eine Regierung der Teuerung nicht entgegenwirkt, die „Mittel zum Leben“, also Wohnung, Nahrung, Energie, Wasser, Krankenversorgung, Bildung und öffentliche Verkehrsmittel nicht sicherstellt und sogar die Luftverpestung fördert.

Artikel 7 GG, betreffend Schulwesen und Erziehungsrecht, fordert deshalb: In jeder Stadt und jeder Gemeinde muss mindestens eine Schule den Namen „La Bastille“ tragen. Robespierres Rede „Über die Grundsätze der politischen Moral“ wird in in den Lehrplan aufgenommen.

Alle Kommentare zum GG, vor allem die Forderung an die Parteien: „Eine ausreichende Gewähr für Ernsthaftigkeit muss gegeben sein“, entfallen. Das können diese Leute gar nicht leisten…

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Meine Meinung – Deine Deinung

Kaum ein Mensch fordert noch Gedankenfreiheit. Muss ja auch nicht sein – in Deutschland herrscht schließlich Meinungsfreiheit. Die ist von allen Freiheiten die beliebteste Freiheit. Folglich hat jeder deutsche Mensch zu allen Fragen des Lebens eine eigene Meinung. Eine eigene Meinung kann man aber nur haben auf Grund von Wissen. Also sind Informationen die Grundlage jeder Meinung. Eine Meinungsbildung findet statt, wenn sich die Informationen, denen wir ausgesetzt sind, in unseren Köpfen zu Meinungen zusammenfügen. Da aber jede Information einen bestimmten Zweck verfolgt, ist sie entsprechend manipuliert. Demzufolge haben alle Informationen, die uns erreichen, einen zweifelhaften Wahrheitsgehalt. Und wie viele Informationen uns tagtäglich vorenthalten werden, wissen wir nicht einmal. In Ermangelung einer Alternative gilt die Einschätzung des Soziologen Niklas Luhmann, dass wir das, was wir über die Welt wissen, aus den Medien erfahren, also auch aus den Echokammern der sozialen Netzwerke.

Dass die Medien sich in ihrer Auswahl immer mehr an der Nachfrage der Nutzer orientieren, muss kein Nachteil sein: Die Algorithmen steuern den Informationsprozess so, dass wir einigermaßen entspannt und glücklich existieren können – im festen Glauben, wir seien gut informiert, weil alle Leute um uns herum, die die gleichen Zeitungen lesen, die gleichen Nachrichten hören, dieselben Fernsehsendungen sehen und die gleichen sozialen Medien nutzen, auch keine anderen Informationen haben. Die Leute mit anderer Meinung sind selbstverständlich gefährlich oder doof oder beides, denn sie ziehen aus den gleichen Informationen ständig die falschen Schlüsse. Das Kommunikationsaufkommem der Gesellschaft – hochdeutsch: Community – enthält also vor allem Public Trash und Meinungs-Schrott, ein zänkisches oder sogar explosives Gemisch von dummen und angstgesteuerten Glaubensbekundungen.

Die Gedankenfreiheit, die der Marquis von Posa in Schillers „Don Carlos“ vom spanischen König fordert, setzt voraus, dass es Menschen mit unabhängigen Gedanken gibt. Unsere Meinungsfreiheit kann er also wohl kaum gemeint haben – schließlich heißt es im Volkslied ja auch „Die Gedanken sind frei“, und sogar permanent besoffene Burschenschafter singen beim Kommers nicht „Die Meinungen sind frei“…

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War’s das? Das war’s!


(c) 2022 Henning Venske