Bitte etwas unmenschlicher

Ich habe nicht gedacht, dass ich in meinem Leben nach dem Irrsinn des 2. Weltkriegs nochmal mit soviel menschlichem Elend konfrontiert werde. Ich komme immer mehr dahinter: Krieg, Massenmord und Massensterben, Verstümmelungen, Flucht, Hunger und Obdachlosigkeit – das alles ist nichts Unmenschliches, sondern etwas ganz normal Menschliches…
Ursächlich für die aktuelle Kriegssituation scheint mir auch zu sein, dass keine/r der Verantwortlichen in meinem Alter ist, dass keine/r Krieg am eigenen Leib erfahren hat. Die Herrschaften können sich doch gar nicht vorstellen, wie Krieg sich anfühlt und was er vor allem mit Kindern macht. Unsere Erde wird beherrscht von einer Politiker-Generation, die man nur als ahnungslos, infantil und indolent bezeichnen kann.
Für diese Politiker/innen ist Krieg offenkundig etwas Abstraktes, womit sie persönlich nie in Berührung kommen – Namen wie My Lay, Katar, Grozny, Belgrad, Bagdad, Kiew und Mariupol sind für das politische Personal zwar Synonyme für Kriegsverbrechen der Gegenseite, aber nicht tief eingeprägte Erinnerungen für Erlebtes und Erlittenes.
Ganz und gar menschlich ist offenbar auch die feindselige Propaganda beider Seiten: Da ist kaum jemand, der zur Vernunft mahnt, der Vorschläge zur Deeskalation macht, der die verbindende Kraft von Sport oder Kultur beschwört, der von Versöhnung spricht, oder der ganz einfach sagte: Nun kommt mal wieder runter, kriegt euch in den Griff, unsere hysterischen Anfälle bringen uns nicht weiter… Mäßigt mal euern Ton… Die Leute wollen doch eines Tages wieder miteinander auskommen, sich über Grenzen hinweg besuchen, Geschäfte miteinander machen, oder? Ich begreife es nicht…. Die einzige einigermaßen ernstzunehmende Stimme in diesem ganzen Gekreisch und Bohei ist die vom Hamburger Exbürgermeister von Dohnanyi, aber der ist ja auch schon über 90… Es wäre aber kaum überraschend, wenn sich diese scheinbar unversöhnlichen Regierungsmitglieder schon sehr bald lächelnd wieder die Hände schütteln und gemeinsam in die Kameras grinsen. Unter leitenden Angestellten des Kapitals lässt sich schließlich alles finanziell regeln, und ihre Gehilfen aus den Medien werden Beifall klatschen. Aber dann wird man sich alsbald neu aufstellen, um die nächste Meinungsverschiedenheit mit dem nächsten menschlichen Massaker auszuräumen…
Die Politik hat mal wieder auf ganzer Linie versagt – Politiker/innen könnten doch eigentlich längst wissen, dass sie, um ihre Ziele zu erreichen, mit Manipulation, Täuschung, Erpressung, Lügen, Bestechung, Drohungen und den anderen Methoden, auf die sie gewöhnlich zurückgreifen, viel erfolgreicher agieren, als mit Bomben und Raketen…
Ich komme zu dem Schluss: Politische Führer machen nie einen guten Job. Wenn man in einer Position der Macht ist, gibt’s dafür ja auch keine Notwendigkeit. Und Frieden ist ein Privileg für diejenigen, die es sich leisten können, in den Kriegen, für die sie selbst die Verantwortung tragen, nicht kämpfen zu müssen.


(c) 2022 Henning Venske