Als Angehöriger der drittletzten Generation…

… mit 83 Jahren möchte ich der letzten Generation sagen: Lasst Euch nicht beirren! Angesichts des Desasters, in das unser Lebensstil führt, sind Eure Wut, Energie und Mut notwendig und eine Sache von Moral und Verantwortungsbewusstsein. Es geht darum, den Alltag zu stören, um massiven Druck auf die Regierungen auszuüben. Jede Demonstration, jede Aktion des zivilen Ungehorsams, ist Notwehr, und ohne Lautstärke geht’s nicht, wenn man mediale Aufmerksamkeit erreichen will. Und deswegen: Glückwunsch! Die Bildzeitung hat schon Schaum vor der großen Schnauze…
Ihr von der Letzten Generation könnt ganz sicher sein: Ihr stört zu Recht.
Hört nicht auf Leute, die erzählen, Eure Aktionen lenken vom eigentlichen Problem ab.
Hört auch nicht auf Gottesfrauen wie Margot Käßmann, die jungen Leuten „eine furchtbar traurige Verzagtheit“ unterstellt.
Hört nicht auf diejenigen, die behaupten, Ihr tötet den durchaus vorhandenen guten Willen vieler Bürger. Das ist Quatsch – wer guten Willens ist, kann Eure Aktionen nur begrüßen.
Hört nicht auf Automobilfetischisten und Geschwindigkeitsanbeter, die Euch Erpressung vorwerfen, wenn Ihr „Tempo 100“ auf der Autobahn durchsetzen wollt.
Hört nicht auf grüne Politiker*innen, die meinen, Ihr schadet dem Anliegen mehr, als es nützt, und Eure Ultimaten hätten mit Demokratie nicht viel zu tun. Das Ultimatum stellt die Natur, und die aktuell praktizierte Demokratie ist offenkundig für den bevorstehenden Luftmangel der Erdbewohner kein adäquates Beatmungsgerät.
Hört nicht auf das wie immer substanzlose Gerede von FDP-Häuptlingen, die Euch als „Klima-Kriminelle“ bezeichnen und die „volle Härte des Rechtsstaates“ anmahnen.
Hört auch nicht auf die wie so oft angepassten Stimmen aus der SPD, die klagen, Eure „Aktionen zerstören wichtige gesellschaftliche Akzeptanz für den Kampf gegen den Klimawandel“. Die Partei hat, wenn sie sich auf eure Seite stellt, Angst um ihr Wahlergebnis.
Hört nicht auf reaktionäre CDU-Granden, die verlangen, „von den Chaoten der ‚letzten Generation‘ darf sich der Rechtsstaat nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen“, und die vom Staat „klare Kante und entschiedenes Vorgehen gegen diese Unruhestifter“ fordern. 
Hört nicht auf rechtsradikale Führer aus der AfD, die Euch „apokalyptische und wohlstandsverwahrloste Klima-Extremisten“ nennen, und hört vor allem nicht auf die Vollidioten, die vor Euch als einer Klima-RAF warnen. Diesen Law&Order-Figuren geht es nur darum, ihre grundsätzlich restriktiven Handlungen zu legitimieren.
Hört nicht auf das aufgeregte Geschnatter der „Freie Fahrt für freie Bürger“ – Anhänger anlässlich Eurer Straßenblockaden, das Geschrei kommt von denselben Leuten, die meistens zu blöde oder zu egoistisch sind, auf den Autobahnen eine Rettungsgasse zu bilden.
Hört nicht auf das Geschimpfe der Flugpassagiere, wenn Ihr eine Landebahn blockiert – das sind die, von denen man immer wieder hört „ich fliege ganz ganz wenig, aber ein Mal im Jahr in den Urlaub, das muss sein“.
Und hört auch nicht auf die, die sich echauffieren über Kartoffelbrei auf den Ohren von Van Gogh – am lautesten protestieren Leute, die nie ins Museum gehen. (Aber vielleicht könnt Ihr Kunstwerke wirklich unbeschadet lassen – Künstler stehen doch schon auf Eurer Seite! Und es ist doch auch schade um das gute Püree)
Hört bitte auch nicht auf die bayerische Regierung: In Bayern können Bürgerinnen und Bürgern schon bis zu zwei Monate eingesperrt werden, angeblich, um zu verhindern, dass sie „eine schwere Ordnungswidrigkeit oder eine Straftat“ begehen. Offenbar glaubt man dort, mit heißer juristischer Luft das Klima beeinflussen zu können.
Hört schließlich keinesfalls auf die unerträglich bigotten Spießbürger in unserem Land, die sich rasend empören über das Vorgehen des iranischen Staates gegen demonstrierende und protestierende Bürgerinnen und Bürger im Iran, und die jetzt unsere Demokratie kaputt machen, indem sie „Konsequente Strafen“ verlangen für Menschen, die ihr Recht zu demonstrieren wahrnehmen und durch die Androhung von „Vorbeugehaft, Aufenthaltsverboten und Bußgeldern“ eingeschüchtert werden sollen.
Wie meistens – die Pointe kommt am Schluss:
Ausgerechnet der deutsche Verfassungsschutz-Präsident gab zum Thema „Letzte Generation“ zu Protokoll, Extremismus sei, wenn der Staat, die Gesellschaft, die freiheitlich demokratische Grundordnung infrage gestellt werde – „und genau das tun die Leute ja eigentlich nicht“. Er verwies darauf, dass die Klima-Aktivisten der Gruppe ein Handeln der Regierung fordern. „Also anders kann man eigentlich gar nicht ausdrücken, wie sehr man dieses System eigentlich respektiert, wenn man eben die Funktionsträger zum Handeln auffordert.“
Touché !


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