Der Kabarettist & Das Kabarett

Henning Venske - Der Kabarettist

Mythologisch gesehen handelt es sich beim Kabarett um ein alternatives Danaiden-Fass mit doppeltem Boden. Darin steht der Kabarettist als Brettl-Tantalus bis zum Hals in der Jauche, aber soviel er auch schöpft: Der Jauchespiegel sinkt nicht. Wachsende Umweltzerstörung, wachsende Staatsmacht, wachsende Ohnmacht des Einzelnen, wachsende Kriegsgefahr und die erkennbaren Grenzen des Wirtschaftswachstums: Alles wächst allen über den Kopf.

Aber der Kabarettist guckt oben raus. Zwar ist auch seine Energie fast schon paralysiert, aber da ist noch ein bisschen Sehnsucht: Die greint und quengelt. Da ist noch ein Quäntchen Wut: Die nagt und quält. Und da ist noch ein Rest Hass: Der lacht und räsoniert sich so durch.

Sehnsucht, Wut, Hass: Läuft der Kabarettist mit Leichenbittermiene von Auftritt zu Auftritt?

Selbstverständlich: Die bewirkt ja seine Komik.

Der Kabarettist weiß, dass diese Welt nur mit Brachialgewalt zu ändern ist, aber seine Arme hängen ziemlich schlaff herab. Der Kabarettist ist also eine echte Führungspersönlichkeit in einer orientierungslosen Gesellschaft. In seiner Freizeit ist der Kabarettist ein begeisterungsfähiger Mitläufer, und heimlich bettelt er um eine Autorität, die ihn zwecks Aktivierung mal kräftig in den Arsch tritt. Er will Utopia, und er will es jetzt. Aber möglichst geschenkt.

Wohin flüchtet der Kabarettist bei Bedarf?

Zu den Wundern der Irrationalität. Das kühlt die schmerzhaften Depressionen und bringt ein Stückchen sonnige Kindheit zurück. Jeder Flüchtling sein eigener Pastor.

Der Kabarettist hat die begrenzte freie Auswahl an Fluchtwegen:

Ab ins Heroisch-Mystische, ran an die untergegangenen Kulturen. Zu den Indianern zum Beispiel. Die Indianer haben vorgemacht, wie man mit Folklore die Technologie stoppt. Die Indianer liefern Anhaltspunkte, wie man mit Würde den Löffel abgibt, wenn der Widerstand gebrochen ist. Oder ab zu den eloquenten Abstaubern mit den flotten Holzperlenketten, um sich an eine als unveränderbar erkannte Welt optimal anzupassen.

Oder ab zu den angstschlotternden Kirchentagen. Durch inbrünstiges Gebet ist möglicherweise schon so manche Rakete vom programmierten Kurs abgewichen. Und so mancher GAU mag durch rechtzeitig abgehaltene Jugendgottesdienste schon verhindert worden sein. Leider ist dem Kabarettisten diese Beweislage nicht schlüssig genug: Er hält es für denkbar, dass eine Rakete durch heftiges Beten auch zur Einhaltung des programmierten Kurses veranlasst werden kann. Also ab nach Phantasia, ins Reich des Okkulten, wo feiste Mythen schaurig-schöne Weisen singen. Da lässt sich am leichtesten nach dem Sinn des Kabaretts forschen. Und der Kabarettist lernt: Es ist der Sinn des gesunden Menschenverstandes, verrückt zu werden.
Sein Spott beginnt da, wo sein Verständnis aufhört, oder umgekehrt. Der Kabarettist ist erfahren in politischen Auseinandersetzungen jeder Art und, da er stets Recht behält, entsprechend übellaunig.

Obwohl gelernter Misanthrop, ist er doch engagiert im Einsatz, allerdings ohne nennenswerte Ergebnisse. Sein Rüstzeug ist eine solide, jedoch völlig perspektivlose Halbbildung. Sein revolutionäres Potential entfaltet sich mit Vorliebe an der Theke. Dort verbittet er sich mit Nachdruck und ein für alle Mal jede weitere Nachfrage, inwiefern Kabarett etwas verändern könne. Auch bestreitet er entschieden jede Verantwortung für die Bildungslücken sowohl des Publikums wie auch seiner Kritiker.
Schlussbemerkung: Nicht alles, was der Kabarettist macht, ist Kabarett. Aber um ernsthafte Schwierigkeiten zu vermeiden, muss er die Leute hin und wieder glauben machen, es handle sich um Kabarett.

Um schließlich eine immer wieder gestellte Frage zu beantworten:

Der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy ist zu vergleichen mit dem Unterschied zwischen Genrebildern von George Grosz und dem röhrenden Hirsch an der Wand eines Kaufhauses.

Für den Kabarettisten sollte gelten:
Weltbetrachtung – ja.
Weltanschauung – nein.
Toleranz Null.

Toleranz ist nur eine bequeme Ausrede für Leute, die sich nicht zwischen ja und nein entscheiden können.


(c) 2016 Henning Venske