– Besprechungen

FAZ, 12.04.2019
Von Christoph Schütte

Vielleicht ist es jetzt einfach Zeit. Nicht, dass Henning Venske zahm geworden wäre, nur noch Schach spielte und auf der Terrasse Kreuzworträtsel löste. Doch schon als er den Ehrenpreis zum Hessischen Kleinkunstpreis erhielt, verwahrte sich der Kabarettist dagegen, fürderhin als „großer alter Mann von irgendwas“zu gelten. Das ist mittlerweile gut und gerne 15 Jahre her, so manche Auszeichnung wie — gemeinsam mit Jochen Busse — der Ehrenpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis dazugekommen und Venske seit ein paar Tagen tatsächlich 80 Jahre alt. Und hat nun die Kleinkunstbühne ein für alle Mal verlassen. „Alle Witze über Regierende und Regierte wurden gemacht und entsprechend belacht.“ Und deshalb, so Venske, sei jetzt Schluss. Das klingt verbittert und auch ein wenig resigniert. Indes, altersmilde, so sollte sich bei seiner Lesung in der Frankfurter Brotfabrik rasch zeigen, ist er offensichtlich nicht geworden. „Summa Summarum“ (Westend Verlag), das ist, nach seiner Autobiographie vor fünf Jahren, eine Art „Best of“ der vergangenen 50 Jahre. Fünf Jahrzehnte, in denen er sich als Schauspieler ebenso einen Namen gemacht hat wie als Moderator, in der „Sesamstraße“, wie als Autor für „konkret“ und „Spiegel“, in der Lach- und Schießgesellschaft, wie als kabarettistischer Solist. Und in denen er gleich mehrfach hochkant aus diversen Rundfunkanstalten geflogen ist. Venske hat sich noch nie den Mund verbieten lassen, und entsprechend unerbittlich fällt sein Blick auf Nachkriegsdeutschland aus. „Es war eine scheußliche Zeit.“ Und heute, scheint es, ist es auch nicht besser. Von „Bärrrlin* nach München und zum Karneval nach Köln, von den „Clausnitzer Specknacken“ zu Schillers „Räubern“ und zur Deutschen Bank, Venskes „ultimative, satirische Abrechnungen“, wie es im Untertitel heißt, „gemein aber nicht unhöflich“, kennen kein Pardon. Und sind je pointierter, desto besser, gelegentlich ein wenig arg polemisch, stets aber erfrischend unversöhnlich. Die Bühne also hat er nun verlassen, und doch ist die letzte der Satiren, Kolumnen und Miszellen mit „Hoffnung“ überschrieben, denn: „Resignation kommt nicht in Frage.“ Und als Autor, Schauspieler und Regisseur wird er seinem Publikum wohl ohnehin erhalten bleiben.

 

 

Junge Welt, Ausgabe vom 03.04.2019
Von Otto Köhler

Etwas Besseres ist immer möglich: Zum Beispiel Henning Venske

Der Philosoph Heidegger verkündete am 6. Juni 1950 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste: »Der Krug west als Ding. Der Krug ist ein Krug als ein Ding. Wie aber west das Ding? Das Ding dingt …« Elf Jahre war er alt, als er das hörte, schrieb Henning Venske 2018. Und er dachte sofort: »Mein lieber Mann, da kommt aber was auf dich zu.« Jetzt – er wird heute achtzig – ist es soweit. Am Sonntag zog der ukrainische Kabarettist Wolodimir Selenskij in die für ihn ziemlich sichere Stichwahl um das Amt des Präsidenten. Damit kommt auf Henning Venske tatsächlich etwas zu. Nicht die Präsidentenwürde. Die ist nichts für ihn.

Aber das Kanzleramt, es ist so labil wie schon lange nicht. Bedrängt von Populisten, er ist das Gegenteil.
Er hat das »saudumme Genöle meiner fremdenfeindlichen Landsleute satt« (und wohl auch einer linken Landsmännin), ebendieses: »Wir können nicht alle aufnehmen«. Er fragt: »Wer verlangt das?« Und wenn doch – er kennt die richtige Antwort: »Organisation ist ein Meister aus Deutschland«: »Im ›Dritten Reich‹ haben wir Millionen Menschen mit unserer Eisenbahn an ihre Bestimmungsorte gebracht und Millionen Zwangsarbeiter auf Industrie und Landwirtschaft verteilt«. Dann, 1945, wurden Millionen Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern angesiedelt, in den 50er Jahren kamen, um unseren Wohlstand zu mehren, Zigtausende von Gastarbeitern dazu, ja und so Venske weiter: »1989 haben wir Millionen Arbeiter und Bauern aus der DDR in die D-Mark integriert, hauptsächlich übrigens Wirtschaftsflüchtlinge und gleich anschließend haben wir Millionen Spätaussiedler mit Wohnraum versorgt.« Und jetzt, wo Deutschland dringend neue Zwangsarbeiter braucht, sollen wir an der »Belastungsgrenze« sein? Nein, Venske hat das Genöle satt.

Hennig Venske, im April 1939 geboren, also gerade noch Friedensqualität, brach nach dem Krieg ein Germanistikstudium ab zugunsten einer Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin. 1961 ging er ans Theater am Kurfürstendamm, ans Schillertheater, wurde Regieassistent bei Kortner, Barlog, beim Brecht-Schüler Egon Monk arbeitete er erstmals fürs Fernsehen. Und dann, 1968, begann seine große Karriere beim Rundfunk und auch beim Fernsehen.

Was ihn für ein Regierungsamt besonders befähigt, sind seine oft erfolgreichen Auseinandersetzungen mit der Bürokratie der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Und

mit den allmächtigen und doch tölpelhaften Intendanten und Programmdirektoren. Die Haus- und Sendeverbote, mit denen er ausgezeichnet wurde: »Er hat den Freiraum für Satire immer wieder erheblich überschritten«, bestätigte ihm der Hessische Rundfunk. Venske befindet sich »weit außerhalb des demokratischen Spektrums!« ortete der unter seinem seligen Intendanten Räuker besonders sachkundige NDR. Zutritt gab es für den jahrelangen Mitarbeiter nur noch unter intensiver Bewachung auf allen seinen Wegen durch das Hamburger Funkhaus.

Aber er drang tief in die ARD ein. Mit Dieter Hildebrandt und der »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« errang er immer wieder 90minütige Sendeplätze. Ohne Zensur. Live! Vergangene Zeiten. Heute gibt es innerhalb des dümmlichen Spektrums im Ersten nuhr noch Nuhr. Und das ist zuviel.

Für das wichtigste Staatsamt qualifizieren Venske seine eingehenden Studien ebendesselben, die sich in kundigen Sachbüchern über unsere weltweit anerkannte Wirtschaftskriminalität niederschlugen: »Dreckiger Sumpf«, 1983; »Feine Gesellschaft«, 1984 und »Klüngel, Filz & Korruption«, 1993. Zuletzt schrieb er 2014 seine Autobiographie »Es war mir ein Vergnügen«. Und 2018 seine Bilanz »Summa Summarum. Ultimative satirische Abrechnungen, gemein, aber nicht unhöflich«.

Am 25. November 2018 beendete Henning Venske sein Polit-Kabarett-Tourneeleben mit den Worten: »Resignation kommt nicht in Frage. Etwas Neues und Besseres ist immer möglich.« Ja, Henning, morgen ist ein neuer Tag. Da steht das Kanzleramt sperrangelweit offen. Scholz und Kramp sind keine Alternative, so wenig wie Poroschenko und Timoschenko. Greif zu!

 

Frankfurter Rundschau, 03. April 2019
Von Ilja Richter


In 80 Jahren um die Welt

Dieser Mann hat mit seinen bissigen Bemerkungen über meine Stadt, die (Zitat) „von einem Damenfriseur und einem Herrenschneider, die in Berlin als Leuchttürme des Geistes durchgehen“, eines garantiert nicht: Einen Koffer in Bärrrlin; eher Atteste über noch ganz andere Städte, die erkrankt sind. Der Karneval in Köln zum Beispiel mache „einen Aufenthalt zu einer schweren Strafe“ wegen „nazinahem Stammtischgelaber bei sogenannten Prunksitzungen“. Und Mainz? Da könne man, schreibt Venske, dank des ZDF und der Liveübertagung der „Fassenacht“ mit ansehen, „was der Katholizismus aus ganz normalen Alkoholikern macht: Die totale Totalität schunkelt einen nieder“. Selbst der westfälische Karneval im Münsterland unterscheide sich „nur wenig von den Fronleichnamszügen“. Der Norden kommt etwas besser davon. „Die Kirche liefert in Hamburg keine Motivation in die Kirche einzutreten, in München aber tausend Gründe auszutreten.“ […]

Venskes Buch könnte aber auch als Schulbuch für Geschichte eingesetzt werden und lässt erahnen, was aus dem spröden Kabarettisten für ein beherzter Pädagoge hätte werden können. Wenn er, fern der alten Pauker, die Pauke der Albernheit bedient: „Friedrich Barbarossa hatte, um Kaiser zu werden, erst mal den eigentlichen Thronfolger ausgetrickst, danach gelangen ihm einige Strukturreformen, er führte Reichssteuern ein und schuf eine Berufsarmee, um überall auf der Welt schnell intervenieren zu können. Eines Tages war ihm heiß. Er badete in einem See und ertrank, vermutlich, weil er vergessen hatte, vor dem Baden seine Rüstung auszuziehen.“ Über diese Pointe hätte auch Heinz Erhardt gelacht. Der war ein Fan von Venskes Radioshows und schrieb ihm: „Bleiben Sie so, wie Sie sind, und ärgern Sie sich nicht darüber, dass man Ihnen, so wie mir, immer Kalauer vorwirft.“

Meine Lieblingspassage ist der tanzende Kanzler Kohl auf dem Bonner Presseball: „Auf platten Füßen schlurfte er rücksichtslos durch den Saal, immer wieder andere Paare anrempelnd, und führte dabei eine zierliche Asiatin im Genick. Slowfox. Das war also die Evolution, das war aus den germanischen Kriegstänzen geworden, so mussten Gavotte und Menuett enden, hier fanden Polka und Galopp ihre Endstation. Ein Tänzchen mit dem Kanzler kann monatelange intensive politische Bemühungen ruckzuck zunichtemachen.“

Als Geschichtslehrer hätte sich Venske sicher mit seinem Rektor angelegt, wenn er schreibt: „Die Geschichte ist ein eher zweifelhaftes Geschenk deutscher Philosophen an die Menschheit. Ich behaupte: Geschichte ist die Sinngebung des Sinnlosen im Nachhinein.“ Wenn Fantasie – laut Einstein – wichtiger als Wissen ist, bietet Venske ein fantasievolles Buch über grenzenloses Nichtwissen unseres Landes, das vom Adler nicht loskommt. „Ein Dackel oder ein ausgestopfter Wellensittich namens Hansi hätte es doch auch getan.“

Kohl verpasst er im Traum eine Bauchbinde: „Ich bin zwei Deutsche.“ „Und das in aller Ernsthaftigkeit“, wie es „der Architekt der Deutschen Einheit“ formulierte, wenn er mal wieder Mist gebaut hatte. Und ganz im Hier und Jetzt, bekennt Venske über die jungen angepassten Studenten, sie trotzdem zu mögen. „Ich mag sie, weil sie nicht so radikal rebellisch sind wie Rentner.“ Dieser 80-Jährige ist einfach zu wenig von gestern für diese Leute von heute.

 

Interview Frankfurter Neue Presse
„Wer denkt, pfeift auf Bio-Ernährung“
Von Sabine Kinner

Herr Venske, im ersten Kapitel Ihres neuen Buchs „summa summarum“ schreiben Sie auszugsweise: „Wer denkt, pfeift auf Bio-Ernährung, weigert sich, ein Handy zu benutzen, und geht nicht zur Wahl“. Wie ernst ist das gemeint?
Es handelt sich um Satire. Dabei bleibt es jeder(m) selbst überlassen, den Grad der Ernsthaftigkeit zu bestimmen.

Das Denken tritt ja heute hinter das Fühlen zurück. Ist das für Sie als Angehöriger der 68er Generation, die nach kritischer Aufklärung strebt, eine Ernüchterung?
Ich weiß nicht, ob ein 68er Ernüchterung fühlt, wenn das Denken zurücktritt. Ich tu’s nicht.

Sind die Dinge zu kompliziert geworden, um sie noch zu durchdenken? Fühlen geht schließlich schneller.
Eine gewisse Schnelligkeit des Durchdenkens bewirkt oft auch in komplizierteren Gefühlslagen er- staunliche Dinge.

Jedenfalls gibt es einen riesigen Markt der Meinungen. Überall kann man seine Meinung äußern, ohne sich vorher Gedanken gemacht zu haben.
Das stimmt. Die völlig informationsfreie Meinung hat Hochkonjunktur.

Wer weniger denkt, hat aber weniger Angst und leidet seltener an Schwermut. Könnte das von Nutzen sein?
Wenig denken macht das Leben angenehm? Dann müssten die Anhänger der AfD aber sehr viel getrösteter aussehen.

Sie haben sich mal als „gelernten Misanthropen“ bezeichnet. Wenn man wie Sie die 80 erreicht hat und auf die Welt von heute schaut: Wo findet man dann noch Anlässe zu Menschenfreundlichkeit?
Charles Chaplin sagte: „Ein echter Satiriker kann nur ein Mensch sein, der im Herzensgrund die Menschen liebt“. Satiriker werden geleitet von der Empörung über das Leid anderer. Nicht Zorn und Ekel, sondern Empathie und Mitleid mit den Schwachen, den Hungernden, den Ausgebeuteten und Unterdrückten sind die Antriebskräfte des Satirikers – und dann die Wut auf jene, die das Elend verursachen, denn die sind die wahren Misanthropen.

Als Satiriker sind Sie von Berufs wegen immer auch Sozialkritiker. Zerfällt die Gesellschaft? Setzt sich das Einzelinteresse gegen das Gemeinwohl durch?
Das ist die traditionell-idiotische Versuchsanordnung der rücksichtslosen, macht- und habgierigen Egoisten in der menschlichen Gesellschaft. Es sieht nicht so aus, als ob sich daran demnächst etwas ändert.

Sie sind immer ein Gegner von Autoritäten gewesen, weltlichen, staatlichen oder aber kirchlichen. Nun ist der Respekt vor Staat, Justiz und Kirche mittlerweile deutlich gesunken, dafür gehen die Leute aufeinander los. Ist es vielleicht Zeit für neue Autoritäten?
Die Macht des Kapitals ist ausgeprägter denn je. Diese Macht zu brechen, wird man mit autoritärem Gehabe nicht schaffen.

Da Sie zu den Kritikern des Kapitalismus gehören: Welche andere Wirtschaftsordnung empfehlen Sie?
Ich empfehle eine Wirtschaftsordnung, die jedem Menschen auf unserer Erde genügend Nahrungsmittel, Wasser, Wohnung, Kleidung und ärztliche Versorgung garantiert. Das ließe sich mit ein bisschen Nachdenken über eine gerechte Verteilung der Ressourcen unseres Planeten ja wohl schaffen.

Sollte ein Satiriker den Anspruch haben, die Welt zu verbessern, oder sich nur über ihren Zustand äußern und die Schlussfolgerungen seinem Publikum überlassen?
Die Welt kann und muss nicht verbessert werden. Der Satiriker will seine Zeitgenossen nur anregen, den Zustand der Welt nicht immer weiter zu verschlechtern.


(c) 2019 Henning Venske